Effizienzlohn

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Unter einem Effizienzlohn versteht man in der Volkswirtschaftslehre einen Lohn, der oberhalb des Gleichgewichtsniveaus liegt und den ein Arbeitgeber freiwillig bezahlt, um die Arbeitsproduktivität zu erhöhen oder die Fluktuationskosten zu senken.

Differenziert nach neoklassischen, soziologischen und psychologischen Modellen zeigt der Artikel die Motivation für das Zahlen von Effizienzlöhnen auf. In den neoklassischen Bereich fallen der so genannte shirking-Ansatz, das Fluktuationskostenargument sowie die Theorie der adversen Selektion. Bei den sozialen Effizienzlohntheorien wird den sozialen Normen und der Interaktion zwischen Personen ein entscheidender Einfluss auf das menschliche Verhalten beigemessen. Inwiefern dieser Einfluss bei Gestaltung von Effizienzlöhnen berücksichtigt werden muss, wird in dem Fair-wage/Effort-Modell und dem Gift-Exchange-Ansatz beschrieben. Die Equity-Theorie beleuchtet das Thema Effizienzlohn aus psychologischer Sicht.

Neoklassik[Bearbeiten]

No-Shirking[Bearbeiten]

Dem "No-Shirking"-Modell von C. Shapiro und J. Stiglitz (1984)[1] liegt die Annahme zugrunde, dass Beschäftigte zur Drückebergerei neigen. Um eine hohe Produktivität zu erzielen, bedürfe es einer ausreichend hohen Strafe dafür, im Höchstfall die fristlose Kündigung. Eine Überwachung der Beschäftigten ist indessen nicht ohne zusätzliche Kosten durchzuführen (Monitoring). Des Weiteren wirkt Kündigung nur dann abschreckend, wenn sie mit einem hohen Einkommensverlust einhergeht. Kann der Arbeitnehmer jedoch auf einem Arbeitsmarkt, wo Angebot und Nachfrage sich im Gleichgewicht befinden, schnell eine weitere Stelle finden, die gleich gut bezahlt wird, so ist dieses Sanktionsmittel wenig wirkungsvoll.

Hieraus ergibt sich ein Anreiz für den Arbeitgeber, einen höheren Lohn als den Marktlohn zu zahlen. In diesem einfachen Modell verfolgen alle Unternehmen das Ziel, ihre Mitarbeiter von Drückebergerei abzuhalten. Somit werden alle Unternehmen ihre Löhne anheben, und sie werden sich dann oberhalb des markträumenden Niveaus treffen. Durch diese höheren Personalausgaben sehen die Unternehmen sich evtl. veranlasst, die Belegschaftsstärke zu reduzieren.

Fluktuationskostenargument[Bearbeiten]

Ein weiterer Erklärungsansatz im Effizienzlohnbereich beschäftigt sich vor allem mit der Bedeutung der Kosten nach Kündigung und Neueinstellung. Zugrunde liegt die Annahme, dass Mitarbeiter kündigen, um sich auf dem Arbeitsmarkt nach besseren Angeboten umzusehen. Die Fluktuationskosten entstehen direkt und indirekt. Auf direkte Weise durch Bewerbungsgespräche oder Kosten durch Einarbeitung; indirekt werden Kosten beispielsweise durch eine geringere Produktivität während der Einarbeitung anfallen. Diese Ausgaben sind für die Unternehmen unabwendbar, da jeder Neueingestellte, ersetzt er den scheidenden Mitarbeiter auch noch so schnell, eine niedrigere Effizienz aufweist und er das Unternehmen somit mehr kostet als ein erfahrener Mitarbeiter.

Adverse Selektion[Bearbeiten]

Der Theorie der adversen Selektion liegt die Annahme zugrunde, dass Arbeiter sich selbst am besten kennen und somit sich ihres Wertes bewusst sind und einen höheren Lohn für ihre qualifiziertere Arbeit fordern. Die Unternehmungen können die Produktivität von Arbeitnehmern nicht einschätzen, es herrscht Informationsasymmetrie.

Unternehmen bieten auch hier Arbeitsentgelte an, die über dem markträumenden Lohn liegen. Zeigt sich bei dem Einstellungsgespräch ein Kandidat bereit, auch für weniger Geld für das Unternehmen tätig zu werden, so wird dieser abgelehnt.

Soziologische Theorien[Bearbeiten]

Der Gift-Exchange-Ansatz[Bearbeiten]

Bei dem Gift-Exchange-Ansatz handelt es sich wie bei dem Fair-wage/Effort-Modell um eine soziologische Effizienzlohntheorie. Kern dieser Theorie ist, dass das Arbeitsverhältnis als Austausch von Geschenken betrachtet wird. Der Arbeitgeber „schenkt“ dem Arbeitnehmer einen Stundenlohn, der höher ist als der marktübliche. Als Gegenleistung strengt der Arbeitnehmer sich mehr an, als er es bei dem normalen Lohnsatz tun würde, und „schenkt“ dem Arbeitgeber somit eine höhere Arbeitsleistung.

Das Fair-wage/Effort-Modell[Bearbeiten]

In diesem Modell wird davon ausgegangen, dass die Leistung eines Arbeitnehmers davon abhängt, ob er seinen Lohn als gerecht empfindet. Als Kriterien für eine faire Entlohnung gelten: der gleiche Lohn für die gleiche Leistung, die wahrgenommene Arbeitsleistung muss dem wahrgenommen Lohn entsprechen und die Kosten der Beschäftigung (Ausbildungskosten und Opportunitätskosten) müssen erstattet werden. Weiterhin ist wichtig, dass ein Arbeitnehmer sich mit Kollegen vergleicht, um zu ermitteln, ob der Lohn fair ist. Wichtig ist, dass eine Unterbezahlung zwar dazu führt, dass die Arbeitsanstrengung verringert wird, eine Überbezahlung aber nicht zu einer weiteren Leistungssteigerung des Arbeitnehmers führt.

Psychologischer Ansatz[Bearbeiten]

Equity-Theorie[Bearbeiten]

Neben den soziologischen Erklärungsansätzen lässt sich durch die Equity-Theorie ein ähnlicher Zusammenhang zwischen Lohn und Leistung aus psychologischer Perspektive erklären. Diese Theorie geht auf Leon Festinger zurück und nimmt insbesondere Bezug auf die Theorie der kognitiven Dissonanz. Kognitive Dissonanz entsteht, wenn das Austauschverhältnis von Arbeitsanstrengung und Lohn von zwei Personen als unterschiedlich wahrgenommen wird. Auch hier wird das Bedürfnis geweckt, auf das ungerechte Austauschverhältnis derart einzuwirken, dass Gerechtigkeit erreicht wird. Die Ungerechtigkeit hat aber nicht nur auf unterbezahlte Personen Auswirkungen, sondern auch auf überbezahlte, wie sich in einem Experiment von Pritchard/Dunnette/Jorgenson zeigte.

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Shapiro, C. and Stiglitz, J.: Equilibrium unemployment as a worker discipline device, American Economic Review, Juni 1984.

Literatur[Bearbeiten]

  • Akerlof, George A.: Labor Contracts as Partial Gift Exchange, in: Quarterly Journal of Economics, Vol. 97, S. 543 - 569
  • Akerlof, George A. / Yellen Janet L.: The Fair Wage/Effort Hypothesis and Unemployment, Mimeo, Berkeley, 1987
  • Kubon-Gilke, Gisela: Motivation und Beschäftigung, Verlag: Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York, 1990
  • Salop, S. C. 1979, A Model of the Natural Rate of Unemployment. In: American Economic Review, 69, S. 117–125
  • Schwimmer, Florian: Firmengröße und Entlohnung: eine Neuinterpretation auf Basis arbeitsteiliger Prozesse. München, Univ., Diss., 2007.
  • Shapiro, C. und J.  E. Stiglitz (1984): Equilibrium Unemployment as a Worker Disciplin Device, American Economic Review, Band 74, S. 433-444.
  • Solow, R. M. 1979, Another Possible Source of Wage Stickiness. In: Journal of Macroeconomics, 1, S. 79–82.