Einheitsplurallinie

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Pluralendungen im Indikativ Präsens in deutschen Dialekten

Als Einheitsplurallinie, auch als Rhein–IJssel–Linie bekannt, bezeichnet die Germanistik eine Isoglosse, die das Niederfränkische vom Niedersächsischen trennt. Sie ist auch als mähet/mähe(n)-Linie bekannt und verdankt ihren Namen der Tatsache, dass die Präsens-Pluralformen regelmäßiger Verben (etwa „mähen“) auf den beiden Seiten der Linie anders gebildet werden (siehe unten). An dieser Linie treffen u.a. auf dem Gebiet von Nordrhein-Westfalen das Niederrheinische und das Westfälische aufeinander. Deshalb ist diese Isoglosse auch als „Westfälische Linie“ bekannt und setzt sich abschwächend in das niederländische Sprachgebiet fort.

Verlauf[Bearbeiten]

Im 9. Jahrhundert gehörte das betroffene Gebiet in den heutigen Niederlanden zum Herrschaftsbereich der Franken und der Friesen. Nach der Abwanderung der Franken folgten die Sachsen nach und nahmen das von den Franken verlassene Gebiet in Besitz.

Um 1378 verlief die Isoglosse an der IJssel entlang und fiel fast vollständig mit der damaligen politischen Grenze des Herzogtums Geldern und des Bistums Utrecht zusammen. Doch im Laufe der Zeit verlagerte sich die Isoglosse immer mehr nach Süden, so dass sie heute südlich von Harderwijk beginnt und von dort aus ziemlich geradlinig in Richtung Zutphen verläuft. Südlich dieser Stadt überschreitet die Isoglosse die IJssel und läuft nun, der Oude IJssel folgend, auf die niederländisch-deutschen Grenze zu. Bei Anholt wird diese überschritten und nun folgt die Isoglosse der Linie IsselburgReesDorstenEssenLangenbergBarmenRadevormwaldHückeswagenMeinerzhagen. Bei Hilchenbach stößt die Einheitsplurallinie auf die Benrather Linie, der sie nun eine Zeit lang im Großen und Ganzen folgt.

Bei Sachsa trennt sich die Isoglosse wieder von der Benrather Linie und folgt nun der Linie WernigerodeDerenburgHalberstadtGröningenSeehausenCalvördeOebisfeldeDannenbergLüneburgRatzeburg. Bei Lübeck endet diese Einheitsplurallinie an der Ostsee. Westlich davon, in Westfalen, dem Westmünsterland und in Holstein sowie in den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck herrscht der „niedersächsische“ Einheitsplural auf -(e)t vor, während im sogenannten „Elbostfälischen“ (bei Magdeburg), dem Märkischen und dem Mecklenburgisch-Vorpommerschen sowie in den ehemaligen Kolonialdialekten Mittelpommersch, Niederpreußisch (Danzig, West- und Ostpreußen) und Baltendeutsch (in den baltischen Staaten) der Einheitsplural auf -en gebildet wurde.

Sprachliche Kennzeichen[Bearbeiten]

Das Rheinische und Niederrheinische haben, wie das Standarddeutsche, zwei verschiedene Pluralformen der Verben im Präsens:

  • im Niederrheinischen Dialekt und historisch auch im Niederländischen: wij maken, jij maakt, zij maken. (Deutsch: wir machen, ihr macht, sie machen, im modernen Niederländischen wird anstelle von jij maakt allerdings jullie maken verwendet, wodurch das Niederländische ebenfalls einen Einheitsplural besitzt)

Das Westfälische zeichnet sich durch seinen Einheitsplural im Präsens der Verbformen aus, das heißt, dass die erste, zweite und dritte Person im Plural mit derselben Verbform stehen, die im Indikativ auf -t und im Konjunktiv auf -en endet.

  • auf Westfälisch: wi maket, gi maket, se maket

Die Einheitsplurallinie in anderen Sprachgebieten[Bearbeiten]

Außer in dem beschriebenen Beispiel gibt es mehrere Gebiete im westgermanischen Dialektkontinuum, die dieselben Kennzeichen aufweisen. So gibt es zum Beispiel die sogenannte „Eiderlinie“, die die Dialekte Schleswigs (Schleswigsch) von denen in Holstein (Holsteinisch) trennt. Das heißt, dass die nördlichen Dialekte Schleswig-Holsteins einen Einheitsplural auf -en besitzen, die südlichen jedoch einen auf -t.

Das Nordniedersächsische wird vom Ostfriesischen Platt ebenfalls durch eine Einheitsplurallinie geschieden, da letzteres den Einheitsplural auf -en besitzt.

Aber dieses Phänomen ist nicht allein auf den sprachlichen Norden beschränkt, sondern setzt sich auch in den süddeutschen Dialektgebieten fort. So wird beispielsweise die Dialektgrenze zwischen Schwäbisch und dem Südrheinfränkischen bzw. dem Mainfränkischen durch die Einheitsplurallinie gebildet. In den fränkischen Dialekten herrscht mähe und in den schwäbischen das Wort mähet vor.

So verläuft in Nord-Süd-Richtung durch die Schweiz eine Einheitsplurallinie in Richtung Deutschland. Diese Einheitsplurallinie überschreitet auf Schweizer Gebiet die „trinkche/trīche“-Linie und die Dialektgrenze zwischen Walserdeutsch und dem Höchstalemannischen. Ferner wird auch die „Kind/Chind“-Linie überschritten und zwischen der Donau- und Neckarquelle stößt diese Linie auf die „Hus/Haus“-Linie, die das Schwäbische vom Niederalemannischen trennt. Dieser Linie folgt die Einheitsplurallinie im Großen und Ganzen am Ost- und Nordrand des Schwarzwaldes entlang bis zur Stadt Wissembourg, wo sie auf die Speyerer Linie trifft und dieser bis zu deren Ende in den Vogesen folgt. In den Gebieten östlich dieser Linie wird in den Dialekten mähet und in den Gebieten westlich davon mähe verwendet.

Quellen[Bearbeiten]

  • Elard Hugo Meyer: Volkskunde. Geschichte der deutschen Lebensweise und Kultur, Verlag Karl I. Trübner, Straßburg 1898
  • Werner König: dtv-Atlas zur deutschen Sprache, 14. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag 1978, ISBN 978-3-423-03025-0
  • Hallwag AG, Bern: Atlas, Lingen Verlag 1975, ohne ISBN
  • Digitaler Wort-Atlas: Karte „mähe“ (Wenker-Satz 38)

Siehe auch[Bearbeiten]