Ein-Kind-Politik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Parole im ländlichen Sichuan, mit der daran erinnert werden soll, dass es verboten ist, weibliche Babys zu misshandeln oder auszusetzen.

Die Ein-Kind-Politik ist eine Politik zur Kontrolle des Bevölkerungswachstums in der Volksrepublik China, nach der eine Familie nur ein Kind haben darf, wobei es zu dieser Regel zahlreiche Ausnahmen gibt. So dürfen beispielsweise Ehepaare, bei denen ein Partner Einzelkind ist, zwei Kinder bekommen (Neuerung seit Dezember 2013),[1] ebenso Paare ethnischer Minderheiten und Paare in ländlichen Gegenden. Derzeit (2012) beträgt die Geburtenziffer im Durchschnitt 1,55 Kinder pro Frau, damit steht die VR China weltweit an 181. Stelle.[2]

Mitte November 2013 wurde bekannt, dass weitere Lockerungen geplant sind.[3]

Vorgeschichte

Bevölkerungsentwicklung der VR China 1950–2007. Der Einfluss der Hungersnot infolge des Großen Sprungs nach vorn im Jahre 1960 und der Ein-Kind-Politik sind deutlich sichtbar.

Hungersnöte, Naturkatastrophen und Kriege hielten jahrhundertelang die Zunahme der chinesischen Bevölkerung in Grenzen. Erst nach 1949 begann ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum. Um dem entgegenzuwirken, wurde 1979/1980 die Ein-Kind-Politik eingeführt, um Hungersnöte zu verhindern und einen wirtschaftlichen Fortschritt zu ermöglichen, nachdem schon vorher versucht worden war, die Zahl der Geburten auf zwei pro Familie zu begrenzen. Eheleuten, die sich nicht daran hielten, drohte eine Geldstrafe, Augenzeugen berichten außerdem von staatlich erzwungenen Schwangerschaftsabbrüchen und Zwangssterilisationen.

In der Praxis zeigte sich allerdings, dass die Ein-Kind-Politik nur in den Städten weitgehend durchgesetzt werden konnte, während sie in den ländlichen Regionen schon von Anfang an nur bedingt erfolgreich war. So gab es Ausnahmeregelungen, dass Bauernfamilien ein zweites Kind haben dürfen, wenn das Erstgeborene ein Mädchen war. Die nationalen Minderheiten waren gänzlich von den Einschränkungen der Bevölkerungspolitik ausgenommen. Die umstrittene Regelung hat nach Angaben der chinesischen Regierung in den Jahren von 1994 bis 2004 die Zahl der Geburten um 300 Millionen verringert. Das Ziel, die Bevölkerungszahl Chinas auf maximal 1,2 Mrd. Menschen zu begrenzen, wurde dennoch um etwa 70 Mio. überschritten. Bis zum Jahre 2010 stieg dieser Wert sogar auf über 130 Mio. Menschen.

Im April 2004 wurde die Regelung erneut gelockert: In Shanghai dürfen seitdem Geschiedene und wiederverheiratete Partner Nachwuchs bekommen, auch wenn sie schon ein Kind aus einer früheren Ehe haben. Auch Paare, die selbst Einzelkinder sind, dürfen seitdem ein zweites Kind haben. Weitere Lockerungen der Ein-Kind-Politik werden seit dem Jahr 2010 erwogen, da sich vermehrt in der Wirtschaft der Mangel an Nachwuchs niederschlägt.[4]

Soziale Folgen

Die Ein-Kind-Politik hat außer den Spannungen durch die Zwangsausführung auch andere soziale Probleme erzeugt. Das bekannteste Problem ist - vor allem in den Städten - die Entstehung einer Generation von Einzelkindern (die „kleinen Kaiser“), die besonders von ihren Eltern und Großeltern verwöhnt werden und so wenig Sozialkompetenz entwickeln können. Das zweite Problem ist die Überalterung der Gesellschaft. Zusammen mit dem Umbruch, den die wirtschaftliche Dynamik erzeugt hat und der die sozialen Beziehungen der Menschen (Auflösung der Großfamilie) stark verändert hat, wird das in der Zukunft zu großen Problemen (zum Beispiel bei der Rente oder in der Gesundheitsversorgung) führen. Der demographische Wachstumsbonus durch wenige Kinder kehrt sich dann in das Gegenteil um. Allerdings gilt das in erster Linie für die Stadtbevölkerung. Die Bevölkerung der ländlichen Regionen setzt die Ein-Kind-Politik nicht annähernd so strikt um, so dass die Bevölkerungsstruktur dort weniger schnell überaltern wird.

Die Ein-Kind-Politik in Verbindung mit der konfuzianischen Tradition, die männliche Erblinie zu erhalten, hat zu einem Ungleichgewicht zwischen den Geburtenzahlen von Jungen und Mädchen geführt: Kamen 1982 bereits 108,5 geborene Jungen auf 100 geborene Mädchen, ist dieses Verhältnis 2009 auf gut 120 zu 100 gestiegen, weil häufig Schwangerschaften mit weiblichen Embryonen und Föten abgebrochen werden. Zeitweilig kamen auf 100 Lebendgeborene 30-50 Abtreibungen.[5] Oft werden auch Mädchen in Waisenhäuser gegeben (in schlimmeren Fällen sind auch Tötungen durch die Eltern vorgekommen). In den 1990er Jahren wurde bekannt, dass die Kinder dort vernachlässigt werden und es dadurch zu zahlreichen Todesfällen kommt.[6] Daraus resultiert ein Mädchenmangel, der auf lange Sicht zu dem Problem führen wird, dass viele Männer keine Frau finden werden.[7] Die chinesische Regierung hat mit einem Verbot reagiert, welches untersagt, das Geschlecht des Ungeborenen zu bestimmen. So müssen Ärzte und auch Eltern mit hohen Geldstrafen in Höhe eines Jahresgehalts (bis zu 30.000 Yuan), manchmal auch mit Gefängnisstrafen rechnen, wenn sie das Geschlecht des Kindes per Ultraschall untersuchen.[8]

Regeln

Die nachfolgenden Regeln sind seit Oktober 2003 teilweise aufgehoben. Eine Heirat ist weitgehend möglich.

  1. Für die Heirat benötigt ein Paar eine Heiratserlaubnis. Die Frau muss außerdem einen Nachweis erbringen, dass sie mit Maßnahmen der Empfängnisverhütung vertraut ist.
  2. Das Mindest-Heiratsalter wurde für Frauen auf 20 Jahre, für Männer auf 22 Jahre festgesetzt.[9]
  3. Es gibt ein eigenes Amt für Bevölkerungskontrolle.[10] Wer ein Kind haben will, muss dies vorher beantragen.
  4. Betriebe, teilweise auch Wohngebiete, bekommen Geburtenquoten zugeteilt. Dabei haftet nicht nur der Einzelne, sondern der gesamte Betrieb für deren Einhaltung.

Bevölkerungsentwicklung in China 1680 bis 2005

Jahr Mio. Einw.
1680 100
1760 200
1800 270
1850 400
1900 425
1930 421
1950 563 (explosionsartiges Bevölkerungswachstum)
1960 650
1970 820
1980 985
1990 1148
2000 1269
2005 1306

Zum Vergleich: 2005 lebten 82,4 Mio. Einw. in Deutschland.

Vergünstigungen und Sanktionen

Vergünstigungen für Ein-Kind-Familien Sanktionen bei mehr als einem Kind
kostenloser Kindergartenplatz Benachteiligung bei Kindergarten- und Schulplätzen
kostenlose Arztbesuche kein Zuschuss zu Arztkosten
Wohnungszuteilung eventuell Räumung der Wohnung
Zuschläge zur Rente keine Zuschüsse, evtl. Rückzahlung alter Zuschläge
Gratisausbildung bis zum 14. Lebensjahr doppelte Kosten
Arbeitsplatzgarantie
mehr Urlaub kein Urlaub
mehr Land für Bauern weniger Land für Bauern
Kindergeld kein Kindergeld

Folgen der Überbevölkerung Chinas

Durch die nicht substanziell untermauerte Überbevölkerung in China brachen bis zur Öffnungspolitik 1979 immer wieder Hungersnöte und Wirtschaftskrisen aus. Hierbei ist anzumerken, dass die Bevölkerungsdichte Chinas kleiner ist als die vieler europäischer Staaten, dass sich die Bevölkerung in China aber auf einzelne Gebiete konzentriert.[11]

Folgen der Ein-Kind-Politik

Traditionell war es immer so vorgesehen, dass die Kinder einer Familie später die älteren Familienmitglieder finanziell unterstützen, da es kein Rentensystem gab. Dabei gingen Töchter mit der Heirat in die Familie ihres Mannes und unterstützten dessen Eltern (statt der eigenen). Aussteuer/Mitgift bei der Heirat der Tochter stellten also eine Belastung der Familie dar, für die es andererseits keine Hilfe bei der Altersvorsorge gab. Dies ist die rationale Ursache für das Bevorzugen von Söhnen vor Töchtern. Wenn das einzige erlaubte Kind ein Mädchen war, war dies auch zugleich eine finanzielle Katastrophe für die Eltern.

Da nun pro Familie immer nur noch ein Kind vorhanden ist, das später neben der eigenen auch die Familie des Partners versorgen muss, lastet auf diesen Kindern erheblicher Druck. Eine weitere Folge der Ein-Kind-Politik ist die zunehmende Verwöhnung der Kinder durch die Eltern, die ihr einziges Kind bestmöglich fördern und umsorgen wollen.

Der Männerüberschuss wird auch zu einem immer größeren Problem in China. Knapp ein Fünftel der Männer werden in späteren Jahren keine Partnerin finden. Dazu kommt, dass der Mädchenhandel und die Prostitution weit gefördert werden.

Literatur

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatBerliner Zeitung, dpa: China lockert formell die Ein-Kind-Politik. Berliner Verlag GmbH, 28. Dezember 2013, abgerufen am 23. Januar 2014.
  2. Aktueller Stand 2012 laut CIA World Factbook
  3. spiegel.de 15. November 2013: Reformpolitik: Chinas KP kündigt Abschaffung von Umerziehungslagern an
  4. http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-09/china-wirtschaft-wachstum
  5. Thomas Scharping: Bevölkerungspolitik und demographische Entwicklung in China Presse- und Informationsstelle der Universität zu Köln, 7. Januar 1997
  6. Der Spiegel 37/1995: Der Kinder-Gulag von Harbin
  7. http://www.goethe.de/ins/cn/lp/kul/mag/dis/dem/de4792988.htm Führt die Zwei-Kind-Politik ein – und zwar schnell!, Interview mit dem Präsidenten der Volksuniversität Peking, Ji Baocheng, Goethe-Institut China, Juli 2010
  8. http://www.nzz.ch/2007/02/02/al/articleEVRNP.html
  9. Religionen und Sitten - Sitten und Gebräuche
  10. http://www.bevex.ch/bevexplosion/chinbev.htm
  11. CIA fact book
  12. Dem Volk war damit nicht gedient in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 2.Juni 2013, Seite 59.