Einsiedler

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Einsiedler (Begriffsklärung) aufgeführt.

Einsiedler (Mhd. einsidelære, einsam siedeln) ist der Sammelbegriff für Menschen, die mit ihrem Gedankengut oder ihrer Lebensweise sich selbstgewählt einsam etablieren, sei es geographisch, gesellschaftlich oder mental.

Begriff und Geschichte[Bearbeiten]

Einsiedler, Holzschnitt von Wolf Traut, 1513

Das Wort Einsiedler ist eine Weiterbildung des althochdeutschen sëdal mit Bedeutung „Sitz“ zu dem spätmittelhochdeutschen einsidelære, welches sich als „alleine, einsam siedeln“ respektive wohnen übersetzen lässt. Allerdings war zur damaligen Zeit der Ausdruck eremitae gebräuchlich, abgeleitet vom altgriechischen erēmítēs, was „Wüste“ aber auch „leer“ und „unbewohnt“ bedeutet.[1]

Die ersten Eremiten waren die im 3. Jahrhundert lebenden Wüstenväter. Sie verstanden sich als radikale Nachfolger Christi und suchten gleichsam aus Protest gegen die in ihren Augen allmähliche Verweltlichung der Staatskirche Zuflucht in der Einsamkeit der Wüsten Ägyptens, Palästinas und Syriens. Das Eremitenleben wurde asketisch, in Armut und Bescheidenheit, geführt. Ablenkungen und Reize wurden radikal ferngehalten, um nur in Dialog mit Gott zu sein. Die zentralen Aktionen waren das Beten, Meditieren und Büßen.

Das Eremitentum als ursprüngliche christliche Lebensform wurde bis ins 15. Jahrhundert praktiziert und war hoch angesehen. Im Spätmittelalter verunmöglichten vor allem die Kriege eine eremitische Daseinsweise. Im 20. Jahrhundert erlebte die bis anhin als rückständig geltende Lebensform in Europa eine Wiedergeburt dank Berichten über Eremiten in der Sahara. Mit Canon 603 wurde 1983 in der bis heute gültigen Fassung des Rechtsbuches der römisch-katholischen Kirche, des Codex Iuris Canonici, die eremitische Lebensform als geweihtes Leben kirchenrechtlich anerkannt.[2]

Heutige Bedeutung[Bearbeiten]

Der Ausdruck Einsiedler schließt nicht nur den religiösen Eremiten ein, sondern ist auf alle Menschen übertragbar, die sich geographisch, mental oder gesellschaftlich von der Norm distanzieren. Die Norm festzulegen und somit eine klare Abgrenzung der Einsiedler zu definieren, ist indes schwierig. Sie ist eine wandelbare und dem Zeitgeist unterworfene Konvention. In jeder Gesellschaft gibt es ein historisch gewachsenes System offiziell festgesetzter sowie stillschweigend akzeptierter Regeln der Lebensgestaltung. Sie reichen von allgemeinen Verhaltensregeln über Rollenvorschriften bis zu mentalem Einvernehmen. Einsiedler leben trotz Kenntnis dieser Normen bewusst nach eigenen Werten und nehmen das dadurch bedingte Alleinsein an.

Geographische Einsiedler sorgen für einen räumlichen Abstand zwischen sich und der Zivilisation. Es kann ein bewusst gewähltes Leben sein, um sich in der Einsamkeit der Umwelt mit ihren Ablenkungen zu entziehen und sich ganz seiner eigentlichen Aufgabe zu widmen, oder auch eine durch den Beruf implizierte Begebenheit, wie beim Hirten.

Der gesellschaftliche Einsiedler zieht das Alleinsein der Gemeinschaft vor. Gründe dafür sind:

  • ihre individuellen Merkmale (wie Introversion, Langsamkeit), durch die sie nicht dem Zeitgeist und den Anforderungen ihrer Umwelt entsprechen; sie finden kein passendes Gegenüber für einen befriedigenden zwischenmenschlichen Austausch;
  • ihre Kritik an den geltenden Normen, welche zu einem Bruch mit der Gesellschaft, zu einem äußeren Ausstieg führt. Um sich von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, gibt der Äußere Aussteiger meist alles auf, was vorher sein Leben bestimmte, wie Beruf und Freunde.

Der mentale Einsiedler weicht mit seinen Vorstellungen, Ansichten und Ideen von der Norm ab. Sein geistiges Reich unterscheidet sich zwar von der Norm, doch er sucht nicht den Bruch mit der Gesellschaft und respektiert auferlegte Regeln. Das mentale Einsiedlertum ist ein innerer, geistiger Prozess. Es gibt zwei unterschiedliche Typen:

  • Ein Mensch ist seiner Zeit oder seinem Umfeld einen Schritt voraus, oder er begeht allein einen gesellschaftlich nicht vorgebahnten Weg.
  • Der Innere Aussteiger (vgl. Innere Emigration) lebt in einem Wertesystem, mit dem er sich nicht identifizieren kann. Innerlich hat er mit der Außenwelt gebrochen. Er offenbart seine eigenen Werte jedoch nicht und führt oberflächlich ein geregeltes Leben weiter.

Literatur[Bearbeiten]

  • Nora Wattek: Einsiedler. Inklusen, Eremiten, Klausner und Waldbrüder im Salzburgerischen. Bildteil von Reinhard Rinnerthaler, Verlag St. Peter, Salzburg 1972, ISBN 3-900173-13-3.
  • Anne Bamberg: Kirchlich anerkannte Eremiten/innen. Canon 603 des Codex des kanonischen Rechtes und die Verantwortung des Diözesanbischofs. In: Ordenskorrespondenz, 45, 2004, S. 425–433.
  • Anne Bamberg: Eremiten und geweihtes Leben. Zur kanonischen Typologie. In: Geist und Leben, 78, 2005, S. 313–318.
  • Maria Anna Leenen: Einsam und allein? Eremiten in Deutschland, Aschendorff Verlag, Münster 2006, ISBN 3402002353
  • Maria Anna Leenen: Sich Gott aussetzen und standhalten. Eremitische Spiritualität heute!, Aschendorff Verlag, Münster 2009, ISBN 9783402128114
  • Maria Anna Leenen: Eine alte Lebensform in neuem Gewand. Der Canon 603 Codex Iuris Canonici. Aufsätze und Vorträge. Eine Arbeitshilfe. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2012, ISBN 9783883096964

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Von Kluge Etymologisches Wörterbuch, Walter de Gruyter & Co
  2. Maria Anna Leenen: „Einsam und allein? Eremiten in Deutschland; Teil 2, S. 85-97 und S. 131-133