Eintänzer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ein Eintänzer war in der Zwischenkriegszeit ein Angestellter von Tanzschulen, der bei Tanzveranstaltungen weibliche Gäste zum Tanz aufzufordern hatte. Der Beruf kam nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auf. Seine damalige Popularität hängt mit dem endgültigen Machtverlust der Aristokratie zusammen (vgl. Standesgrenzen). In Österreich bezeichnet man heutzutage mit „Eintänzer“ (meist in der Mehrzahl gebraucht) jugendliche Tanzschulbesucher, die als Mitglieder einer Tanzformation die zahlreichen Ballveranstaltungen in der Faschingszeit eröffnen.

Historische Bedeutung[Bearbeiten]

Die Blütezeit der Eintänzer waren die Jahre nach 1918, als sich viele aus der Armee entlassene Offiziere auf diese Art ihren Lebensunterhalt verdienen mussten. Da sie sich ausgezeichnet zu benehmen wussten und elegante Kleidung tragen konnten, waren sie bei den Lokalbetreibern wie bei den Damen geschätzt. Nach dem Ersten Weltkrieg war in allen Gesellschaftsschichten ein eklatanter Männermangel bzw. Frauenüberschuss zu verzeichnen, der sich natürlich auch auf die Auswahl an Männern in Tanzkursen auswirkte.

In die Musikgeschichte ist diese Situation durch den Schlager Schöner Gigolo, armer Gigolo (Text: Julius Brammer, Musik: Leonello Casucci, 1929) eingegangen.

Schöner Gigolo, armer Gigolo,
denke nicht mehr an die Zeiten,
wo du als Husar,
goldverschnürt sogar,
konntest durch die Straßen reiten.
Uniform passée, Mädchen sagt Adieu,
schöne Welt, du gingst in Fransen.
Wenn das Herz dir auch bricht,
mach ein lachendes Gesicht!
Man zahlt, und du mußt tanzen.

Dann gibt es noch den Schlager Lieber kleiner Eintänzer (Willy Rosen / Robert Gilbert), gespielt von Julian Fuhs und seinem Orchester; Gesang: Leo Monosson; aufgenommen auf Ultraphon A 687 (mx. 15478) in Berlin, 22. Oktober 1930. Es gibt davon auch eine Aufnahme vom Orchester Marek Weber.

Manche verarmte Aristokraten betätigten sich als Eintänzer, wie es der österreichische Film Seine Hoheit, der Eintänzer (1927) mit Anny Ondra zum Drehbuch von Walter Reisch nachempfindet. Die Macht über einen Mann, der als Offizier oder Aristokrat früher eine für sie quasi unerreichbare Autorität gewesen war, war es, was die Kundinnen reizte. Umgekehrt konnten in dieser Funktion bürgerliche Männer mit Aristokraten in Konkurrenz treten oder sich, was häufig geschah (zumal die Identität der Eintänzer zumeist ein wohlbehütetes Geheimnis blieb und nur gerüchteweise verbreitet wurde), als solche ausgeben.

Auch der Filmregisseur Billy Wilder betätigte sich zeitweilig als Eintänzer.

Aktuelle Formen[Bearbeiten]

Heute gibt es diese Beschäftigung noch auf Kreuzfahrten an Bord von Luxuslinern, wo alleinstehende ältere Damen ihre Zeit verbringen. Als Gentleman Hosts oder Distinguished Gents werden dort Herren bezeichnet, die im Auftrag der Reederei diese Damen zum Tanz auffordern bzw. auch anderweitig unterhalten, z. B. durch musikalische Darbietungen oder Spaziergänge. Das typische Alter eines Gentleman Hosts liegt dabei, der Zielgruppe angemessen, zwischen 45 und 72 Jahren. Als Entlohnung für ihre Tätigkeit erhalten die Gentleman Hosts in der Regel die Kreuzfahrt kostenlos oder zu einem sehr niedrigen Fahrpreis.

Gentleman Hosts müssen vertraglich festgelegte Regeln befolgen und dürfen z. B. nur dreimal an jedem Abend mit derselben Passagierin tanzen. Rauchen ist unerwünscht, Trinken nur sehr zurückhaltend, Glücksspiele mit finanziellem Hintergrund und intime Beziehungen zu den weiblichen Gästen sind ebenso ein Kündigungsgrund wie verheimlichter Ehestand, da Gentleman Hosts prinzipiell ledig zu sein haben.

Walter Matthau und Jack Lemmon spielten in dem Film Tango gefällig? zwei Eintänzer. Harald Schmidt stellte in einer Gastrolle in der Ende 2007 ausgestrahlten ZDF-„Traumschiff“-Folge Rio de Janeiro einen Gentleman Host dar, dessen verheimlichte Ehefrau unversehens vor ihm steht und die Reise mitmacht.

Gigolo[Bearbeiten]

Im Deutschen hatte das Wort Gigolo (von Französisch gigoter, „herumzappeln; tanzen“[1]) im Laufe der Zeit wechselnde Bedeutungen. In den 1920er Jahren war es eine weniger abwertende, eher mitleidige Bezeichnung für einen Eintänzer. Später nannte man Gigolo einen Mann, der sich übertrieben modisch kleidete und verhielt.

Im Englischen wird heute (2007) gigolo unabhängig von einer konkreten Dienstleistung ein Mann bezeichnet, der sich von Geliebten aushalten lässt (siehe auch Männliche Prostitution). Ein solcher Gigolo ist etwa John O'Haras mehrmals dramatisierter und verfilmter Romanheld Pal Joey (1939), wogegen sich der von Richard Gere gespielte American Gigolo aus dem Jahr 1980 schlicht prostituiert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Leo Dictionnaire: gigoter