Eintopf

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Lamb Stew, Linseneintopf mit Lammfleisch

Als Eintopf werden allgemein sättigende Suppen oft bäuerlichen Ursprungs bezeichnet, die als vollständige Mahlzeit dienen. Typische Hauptzutaten sind Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen oder Linsen, Gemüse wie Kohl, Steckrüben, Möhren oder Kartoffeln, auch Getreideprodukte wie Graupen, Brot oder Nudeln, in Wasser oder Brühe gegart. Hinzu kommen je nach Rezept und Möglichkeit zum Beispiel Lauch, Sellerie und Zwiebeln, Fleisch, Wurst oder Speck (diese häufig gepökelt oder geräuchert). Die unterschiedliche Garzeit der verschiedenen Zutaten wird bei der Zubereitung berücksichtigt.

Gerichte, die in einem Topf zubereitet werden, sind schon sehr alt und weltweit verbreitet. Im deutschen Sprachgebrauch werden aber nur solche Gerichte als Eintopf bezeichnet, die einen hohen Flüssigkeitsanteil haben, also keine reinen Schmorgerichte. Bekannte Eintopfgerichte sind zum Beispiel Erbsensuppe, Linseneintopf, Pichelsteiner, Gaisburger Marsch, Steckrübeneintopf, Kesselgulasch, Tscholent.

Internationale Bezeichnungen für Eintopfgerichte sind stew pot, Chowder, casserole, Olla podrida, Irish Stew, husepot, hotpot, Pot-au-feu, Cassoulet, puchero und Cocido.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Die Kochtechnik, eine komplette Mahlzeit aus verschiedenen Zutaten in einem einzigen Topf zuzubereiten, war früher vor allem in Norddeutschland bis hin nach Ostpreußen verbreitet, bedingt durch die Tatsache, dass das dort übliche niederdeutsche Hallenhaus lange Zeit eine offene Feuerstelle besaß und keinen geschlossenen Herd. Über das offene Feuer konnte nur ein Kochkessel gehängt werden. Gerichte aus gemeinsam gekochtem Gemüse, Kartoffeln und Fleisch wurde früher regional auch als „Durcheinander“ bezeichnet, da es noch keinen anderen Ausdruck dafür gab.[1] „Obwohl also bis weit ins 19. und 20. Jahrhundert das Zusammengekochte zum Ernährungsalltag auf dem Lande und in der Stadt gehörte, so fehlt der zusammenfassende Begriff Eintopf.“[2]

Die Erfindung der Erbswurst als Verpflegung für die deutsche Armee im Deutsch-französischen Krieg war de facto die Einführung des Eintopfs beim Militär. Die so genannte Gulaschkanone ersetzte seit 1910 und im Ersten Weltkrieg bei der deutschen Armee die vorher üblichen größeren Feldküchen. Doch während einschlägige Wörterbücher zur Soldatensprache dieser Zeit den Ausdruck Gulaschkanone und ein Synonym Erbsendroschke aufführen, kommt das Wort Eintopf darin noch nicht vor. Auch bei der Rumfordsuppe handelte es sich de facto um ein Eintopfgericht, sie wurde aber nicht als solches bezeichnet.[1]

In den 1920er Jahren wurde in der Jugendbewegung agrar-romantisches Gedankengut populär. „Auch in Literatur und der bürgerlichen Heimatkunstbewegung wird das Essen aus einer Schüssel zum Gemeinschaftstopos. […] Die Individualisierung, die sich im eigenen Teller für jeden kulturell objektiviert, wird damit zum Sündenfall des Zivilisationsprozesses. Durch den einen Topf, in dem für alle das gleiche gekocht wird, soll mit dem Symptom die Sache revidiert werden.“[3]

Das deutsche Wort Eintopf für in einem Topf zubereitete, als Hauptmahlzeit dienende Suppen wurde den Quellen zufolge erst im frühen 20. Jahrhundert geprägt. Ältere Kochbücher kennen den Begriff nicht.[1] Im Duden ist der erste Eintrag für Eintopfgericht in der Ausgabe von 1934 enthalten, in älteren Ausgaben kommt er noch nicht vor.[4] [1] Die Verwendung ist aber vereinzelt schon für die Zeit vor 1933 belegt.[5] [6]

Öffentliches Eintopfessen zu Gunsten des Winterhilfswerks, 1938

Der Begriff Eintopf wurde von den Nationalsozialisten popularisiert und ideologisch besetzt.[1] Die Nationalsozialisten verliehen dem Alltagsgericht eine symbolisch-überhöhte Bedeutung und brachten es in Zusammenhang mit dem Begriff der Volksgemeinschaft. 1933 wurde der Eintopfsonntag eingeführt. Alle Bürger waren aufgefordert, an einem Sonntag pro Monat das übliche Fleischgericht durch einen Eintopf zu ersetzen und das so eingesparte Geld dem Winterhilfswerk (WHW) zur Verfügung zu stellen.

Die Popularisierung des Begriffs in der NS-Zeit baute laut dem Volkskundler Konrad Köstlin jedoch auf bestimmten bürgerlichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts auf, die den Begriff Hausmannskost als Gegensatz zur angeblich überfeinerten Französischen Küche ansah und diese einfache Kost in einen positiven Zusammenhang mit dem deutschen „Volkscharakter“ brachte.[1] „In der durchaus demokratischen Volksfesttheorie des beginnenden 19. Jahrhunderts wird mehrfach die Vorstellung von einem gemeinsamen und gleichen Essen formuliert, durch das soziale Unterschiede zugunsten der nationalen Gemeinsamkeit aufgehoben werden sollen.“[7]

Kulturgeschichte[Bearbeiten]

Das gemeinsame Kochen verschiedener Zutaten und die Kombination von Fleisch und Gemüse in einem Topf gehört vermutlich zu den ältesten bekannten Kochtechniken und ist somit jahrtausendealt. Diese Kochtechnik ist in allen Kulturen bekannt. Außerhalb Deutschlands spielt die Konsistenz für die begriffliche Einordnung als „Eintopf“ (one-pot-dish) keine Rolle, im Deutschen bezeichnet man diese Gerichte teilweise anders.

Beispiele für historische Eintopfgerichte sind der Getreidebrei der römischen Gladiatoren, der außer Gerstenschleim noch dicke Bohnen enthielt, ein Mischgericht aus Getreide, Gemüse und Fleisch der Germanen und das Hominy nordamerikanischer Indianer und später der frühen Siedler, das aus zerstoßenem Mais, Bohnen und Fleisch oder Fisch bestand.[8]

Ein spezieller Topf für das Kochen ohne Kessel über offenem Feuer ist der dreibeinige Dutch oven. Solche Töpfe sind in verschiedenen Kulturen bekannt. Im arabischen Raum bestand früher teilweise die gesamte Küchenausstattung nur aus einer Feuerstelle mit einem dreibeinigen Kochgefäß darüber, die sich im Haus oder auch im Hof befand. Ähnliches traf auf die Küchen der unteren Schichten im antiken Rom und in Griechenland zu.[8] Weitere Beispiele sind die nordafrikanische Tajine oder in einigen Balkanländern der Sač.

Eine Abwandlung des Kochens in einem Kochgefäß ist die Entwicklung mehrstöckiger Töpfe mit Einsätzen wie sie in der Arabischen Küche und in der Chinesischen Küche häufig verwendet werden. Im unteren Teil des Topfes wird Gemüse geschmort, während im durchlöcherten Aufsatz darüber Reis oder Couscous durch den Dampf zeitgleich gegart wird. In China wird der so hergestellte Eintopf als Keng bezeichnet.[8] Die Japanische Küche hat den Oberbegriff Nabemono für Gerichte, die komplett in einem Topf oder einer Pfanne zubereitet werden. Einer der populärsten Eintöpfe dieser Art ist Shabu shabu.[9] Die typischen Currygerichte der indischen Küche kann man ebenfalls als Eintopfgerichte oder auch als Ragout beschreiben. Auch Pilaw ist ein eintopfartiges Gericht.

Eintopf gehörte früher zu den klassischen Arten der Resteverwertung von Lebensmitteln, für die inzwischen Umweltwissenschaftler und Zivilisationskritiker angesichts der heutigen Überflussgesellschaft – nach Schätzungen landet bis zu einem Viertel der Lebensmittel im Müll – wieder eine höhere Geltung fordern.[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Herings Lexikon der Küche. Fachbuchverlag Pfannenberg, Haan-Gruiten, 23. Auflage 2001, ISBN 3-8057-0470-4
  • Duden, Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter. Bibliographisches Institut, Leipzig, 11. Auflage 1934
  • Konrad Köstlin: Der Eintopf der Deutschen. Das Zusammengekochte als Kult-Essen, in: Utz Jeggle (Hrsg.): Tübinger Beiträge zur Volkskultur. (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen; Bd. 69). Tübinger Vereinigung für Volkskunde, Tübingen 1986, ISBN 3-925340-51-3, S. 220-241

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Eintopf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Eintopf – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Konrad Köstlin: Der Eintopf der Deutschen. Das Zusammengekochte als Kult-Essen, in: Utz Jeggle (Hrsg.): Tübinger Beiträge zur Volkskultur, Tübingen 1986, S. 220-241
  2. Konrad Köstlin a.a.O. S. 223
  3. Konrad Köstlin a.a.O. S. 229 f.
  4. Offizielle Auskunft der Duden-Redaktion im März 2009
  5. Handwörterbuch der Wohlfahrtspflege, 1929
  6. Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit, 1927
  7. Konrad Köstlin a.a.O. S. 224
  8. a b c Gert von Paczensky/Anna Dünnebier, Volle Töpfe, leere Töpfe. Die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, München 1994, S. 35 ff.
  9. Alan Davidson, The Oxford Companion to Food, New York 1999, Artikel One-pot-cookery
  10. Vgl. Tanja Busse: Die Ernährungsdiktatur. Warum wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt. Blessing, München 2010, ISBN 978-3-89667-420-3 (eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche).