Eisenbahnunfall von Dahlerau

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Gedenkkreuz und Gräber für die Opfer auf dem Kommunalfriedhof in Radevormwald im Oktober 2004

Bei dem Eisenbahnunfall von Dahlerau kollidierten am 27. Mai 1971 auf der Wuppertalbahn zwei Züge bei Dahlerau, einem Ortsteil von Radevormwald. Dabei starben 46 Menschen, davon 41 Schüler der Radevormwalder Geschwister-Scholl-Schule. Es war der Eisenbahnunfall mit den meisten Todesopfern der Deutschen Bundesbahn.

Ausgangslage[Bearbeiten]

Baureihe 795 – „Schienenbus“ ähnlich dem verunglückten Triebwagen
Unfallstelle im Jahr 2009

Am Abend des 27. Mai 1971 befuhr kurz nach 21 Uhr ein Sonderzug mit der Zugnummer Eto 42227 die eingleisige Eisenbahnstrecke WuppertalOberbarmenRadevormwald (Wuppertalbahn). Er bestand aus dem Uerdinger Schienenbus mit der Nummer 795 375-5[1] und einem Beiwagen mit der Nummer 995 325-8.[2] In dem Zug befanden sich insgesamt 71 Fahrgäste. Die meisten gehörten zu einer Jahrgangsstufe der Radevormwalder Hauptschule auf einer Schulabschlussfahrt oder waren Lehr- und Begleitpersonen. Der Sonderzug hatte zum Unfallzeitpunkt etwa 30 Minuten Verspätung.[3] Die Zugkreuzung wurde nach fernmündlicher Absprache der Fahrdienstleiter von Beyenburg und Dahlerau für Dahlerau vorgesehen.

In der Gegenrichtung befuhr der Güterzug Ng 16856, der hier regelmäßig verkehrte, die Strecke. Er wurde von einer Lok der DB-Baureihe 212 gezogen und durfte, wenn das Einfahrsignal des Bahnhofs Dahlerau "Freie Fahrt" (Hp 1) zeigte, bis zu dem am Bahnsteig aufgestellten Halte-Signal (Ne5, "H-Tafel")[4] fahren und hatte dort zu halten. Der Güterzug fuhr auch gemäß der Vorschrift langsam in den Bahnhof ein.[5] Dieser Ablauf war zwingend erforderlich, da die Bahnhöfe dieser Nebenstrecke damals nicht über Ausfahrsignale verfügten. Im Buchfahrplan war der betriebliche Ablauf in diesem Fall zusätzlich durch ein "H" in der Ankunftsspalte markiert.[6] Der Fahrdienstleiter konnte diesen Zwangshalt jedoch aufheben, indem er dem herannahenden Zug den Abfahrbefehl (Zp9[7]) signalisierte. Diese Vorgehensweise war bei dem fahrplanmäßigen Güterzug üblich, da um diese Zeit fahrplanmäßig Zugkreuzungen nicht vorgesehen waren.[8] Das Lokpersonal des Güterzuges Ng 16856 war über die außerplanmäßige Zugkreuzung in Dahlerau nicht informiert.

Beide Züge waren nicht mit Sprechfunk ausgerüstet, die Kommunikation zwischen Strecken- und Lokpersonal daher nur durch Signale möglich.

Unfallgeschehen[Bearbeiten]

Was nun geschah, konnte nie sicher aufgeklärt werden: Triebfahrzeugführer und Beimann gaben später zu Protokoll, dass ihnen auch an diesem Abend der Abfahrbefehl (Zp9) gezeigt wurde. Der Fahrdienstleiter gab dagegen zu Protokoll, dass er extra mit einer rot abgeblendeten Handleuchte ein zusätzliches, im Betriebsablauf jedoch nicht übliches, Haltesignal gegeben habe.

Der Fahrdienstleiter, der laut eigener Aussage noch vergeblich versucht hatte, die Lok zu Fuß zu erreichen, rief im fünf Kilometer entfernten Beyenburg an, um den Sonderzug dort aufhalten zu lassen. Der Schienenbus war jedoch schon in Richtung Dahlerau weitergefahren. Beide Züge befanden sich nun auf dem gleichen Gleis und fuhren aufeinander zu, ohne dass sich zwischen ihnen noch Signale befanden, mit denen sie hätten aufgehalten werden können. Da es keine Möglichkeit gab, das Lokpersonal über Funk zu erreichen, konnte der Unfall nicht mehr verhindert werden. Etwa 800 Meter hinter dem Bahnhof Dahlerau stießen die beiden Züge hinter einer Kurve zusammen. Allein die Güterzuglokomotive war fünf Mal schwerer und etwa 20 Zentimeter höher als der zweiteilige Schienenbus. Der wurde 100 Meter weit zurückgeschoben, der Motorwagen dabei auf etwa 1/3 seiner Länge zusammengepresst.

Folgen[Bearbeiten]

41 Schüler, zwei Lehrer, eine Mutter sowie zwei Bahnbeamte starben. Lediglich ein Schüler überstand den Unfall unverletzt.

Der Fahrdienstleiter von Dahlerau hatte, nachdem er den Zusammenstoß nicht mehr verhindern konnte, die Rettungsleitstelle alarmiert, noch bevor es zum Zusammenstoß kam. Aus dem Radevormwalder Stadtzentrum sowie aus den Städten Wuppertal, Remscheid und Solingen kamen Rettungsfahrzeuge, Feuerwehr und Polizei sehr schnell zur Unfallstelle. Die Rettungsarbeiten wurden durch unwegsames Gelände, eine relativ schwer begehbare Hanglage zwischen Straße und dem Fluss Wupper, erschwert. Hinzu kamen Eltern, die am Bahnhof Radevormwald wartend von dem Unfall erfahren hatten und nun ihre Kinder suchten und unzählige Schaulustige, die durch die Signalhörner der Einsatzfahrzeuge angelockt worden waren. Die Retter konnten vielen Verletzten die nötige Hilfe rechtzeitig leisten, dadurch überlebten 25 Menschen trotz schwerer Verletzungen. Die Toten wurden zur Identifizierung in die Turnhalle Bredderstraße gebracht. Nach Abschluss der Spurensicherung am Unfallort wurden am 1. September die Wrackteile des Schienenbusses zur Verschrottung freigegeben. Da die Lokomotive des Güterzuges keine größeren Schäden aufwies, wurde sie repariert. Sie blieb bis 2002 im Bestand der DB und war anschließend bis 2010 bei ALSTOM im Einsatz.[9]

Die Ermittlungen zur Unfallursache dauerten länger als ein Jahr. Der Hergang ließ sich jedoch nicht hinreichend rekonstruieren, denn der Fahrdienstleiter des Bahnhofs starb kurze Zeit nach dem Ereignis bei einem nachgewiesenermaßen nicht selbst verschuldeten Autounfall.

Als eine Konsequenz aus dem Unfall wurde verboten, die roten Blenden der Befehlsstäbe weiterhin zu nutzen, um Verwechselungen zu vermeiden. Eine weitere Konsequenz war, dass Züge, die laut Fahrplan einen Bahnhof ohne Ausfahrsignale durchfahren sollen, nun bereits vor dem Einfahrsignal angehalten wurden, wenn außerplanmäßig ein Halt im Bahnhof nötig ist. Auch die Ausrüstung mit Funk wurde nun bei der Deutschen Bundesbahn vorangetrieben.

Beerdigung[Bearbeiten]

Die Mehrzahl der getöteten Schüler wurde auf dem Kommunalfriedhof in Radevormwald auf einem gemeinsamen Gräberfeld beigesetzt. Zur Beerdigung am 2. Juni kamen etwa 10.000 Menschen, unter ihnen auch der damalige Bundeskanzler Willy Brandt, der Bundesverkehrsminister Georg Leber und der Bundesratspräsident Hans Koschnick. In Radevormwald blieben die Geschäfte geschlossen und in vielen Schaufenstern lagen Beileidsbekundungen aus. Geplante Veranstaltungen wurden abgesagt, Taxis hatten Trauerflor, die Feuerwehr stand Ehrenwache. Beileidsbekundungen und Trauerkränze kamen nicht nur von der Bundesbahn und umliegenden Städten, sondern auch aus Frankreich und England. Auf der nahe gelegenen Bahnstrecke wurde der Zugverkehr in der Zeit der Beerdigung ausgesetzt. Ein Onkel eines verstorbenen Kindes brach bei den hohen Temperaturen auf dem Friedhof zusammen und starb an einem Herzinfarkt.

Ein steinernes Denkmal mit der Inschrift: „Komme Geist von den vier Winden herbei und hauche diese Toten an, damit sie lebendig werden“ (Vision des Ezechiel, Ez. 37,9) wurde neben den Gräberreihen aufgestellt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 795 375-5 Detailseite.
  2. 995 325-8 Detailseite.
  3. Kräwinkel-Radevormwald-Halver zum Thema des EisenbahnUnfalles.
  4. Signal Ne5 "H-Tafel"
  5. Artikel in "Die Zeit", abgerufen am 9. Januar 2012.
  6. Buchfahrplanbeispiel und weitere Informationen zur Strecke.
  7. Zp9 Abfahrbefehl
  8. Ausführliche Darstellung der Betriebsabläufe in Dahlerau und zum Zugunfall.
  9. 212 030-1 Detailseite


51.2266666666677.3225Koordinaten: 51° 13′ 36″ N, 7° 19′ 21″ O