Eisenbahnunfall von Tangiwai

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Mount Ruapehu
Unfallstelle unterhalb des Ruapehu: Kreuzung der North Island Main Trunk Railway über den Whangaehu River
Whangaehu River nahe der Ortschaft Tangiwai mit den Ablagerungen eines Lahars aus dem Jahr 2007
Nummernschild der Lokomotive des verunglückten Zuges (Auckland War Memorial Museum)

Der Eisenbahnunfall von Tangiwai (englisch Tangiwai disaster) am 24. Dezember 1953 ist mit 151 Todesopfern das schwerste Eisenbahnunglück in der Geschichte Neuseelands.

Ausgangslage[Bearbeiten]

Die North Island Main Trunk Railway verbindet auf der Nordinsel von Neuseeland die größte Stadt des Landes mit der Hauptstadt, Auckland mit Wellington. Sie überquert auf einer etwa 60 Meter langen Brücke am Fuße des Vulkans Ruapehu den Whangaehu River. Zur Sicherung der Brücke waren rund um deren Stützen mehrere Tonnen schwere Betonblöcke platziert, der Raum zwischen den Betonblöcken und den Pfeilern war mit Bruchsteinen gefüllt.

Der Krater des Ruapehu birgt einen Kratersee, dessen Inhalt bei einem Ausbruch als Lahar (Schlammlawine) ins Tal abgehen kann. Der See wurde durch einen Damm aus vulkanischer Asche zurückgehalten. Amateurgeologen hatten die instabile Lage des Damms erkannt und sich an die Behörden gewandt, ihre Warnungen waren dort aber nicht ernst genommen worden.

Am Abend des 24. Dezember 1953 brach der Ruapehu aus. Dadurch gab der Damm nach und das Wasser des Kratersees, vermischt mit Asche und Geröll, schoss in einer großen Welle entlang des Verlaufes des Whangaehu River ins Tal.

Unfallhergang[Bearbeiten]

Die Tangiwai-Eisenbahnbrücke war wenige Minuten, bevor der Zug sie erreichte, durch den Lahar schwer beschädigt worden. Der Gewalt des Lahars hielt die Sicherung durch Betonblöcke und Bruchsteine nicht stand. Die Untersuchung des Unfalls stellte später fest, dass die Stabilität der Brücke (speziell des mittleren Pfeilers) schon durch eine frühere Flutwelle (vermutlich 1925) vorgeschädigt war.

Gegen 22:21 Uhr fuhr der Nachtexpress von Wellington nach Auckland auf die Tangiwai-Eisenbahnbrücke zu. Ein Autofahrer aus Taihape musste seinen Wagen anhalten, weil er die überflutete Straßenbrücke über den Fluss nicht passieren konnte. Er lief mit einer Taschenlampe dem Zug entgegen, um den Lokführer zu warnen. Dieser leitete etwa 200 Meter vor der Brücke noch eine Notbremsung ein. Der Zug erreichte die Brücke dennoch fahrend, die unter der Last der Dampflokomotive nachgab. Die Lok stürzte in den Whangaehu River und riss den Schlepptender sowie die fünf Personenwagen der zweiten Klasse mit in die Tiefe, wo sie mit dem Lahar flussabwärts trieben (einer mehr als zwei Kilometer weit). Aus diesen Wagen konnten sich nur wenige Menschen retten.

Die vier Wagen der ersten Klasse, der Dienstwagen und ein Postwagen verblieben im Gleis. Der vorderste Personenwagen befand sich jedoch auf der Kippe an der Abbruchkante. Der Autofahrer und der Schaffner aus dem Begleitwagen eilten den Menschen in diesem Wagen zu Hilfe. Obwohl der Wagen kurz darauf ebenfalls in die Tiefe stürzte und ein Stück flussabwärts trieb, gelang es den beiden, fast alle Passagiere durch die zerborstenen Fenster zu befreien. Nur ein eingeklemmtes Mädchen ertrank.

Folgen[Bearbeiten]

Von den 285 Reisenden überlebten 134 die Katastrophe, 151 starben. Unter den Opfern befanden sich 148 Passagiere der zweiten Klasse (nur 28 von insgesamt 176 überlebten), das Mädchen aus der ersten Klasse, der Lokführer und der Heizer. Die meisten Todesopfer waren ertrunken. Der Eisenbahnunfall von Tangiwai übertraf damit den Eisenbahnunfall in Hyde vom 4. Juni 1943, der 21 Menschenleben forderte und der bis dahin folgenreichste in Neuseeland war.

Einige Leichen wurden erst Tage später in größerer Entfernung entlang des Flusses entdeckt, 20 Personen blieben trotz intensiver Suche in den Trümmern des Zuges und im Schlamm des Lahars unauffindbar. Es wird angenommen, dass die Leichen bis zur Mündung des Whangaehu etwa 120 Kilometer weiter südlich und von da in die Tasmansee getragen wurden. Die Identifizierung der Toten gestaltete sich schwierig und blieb in mehreren Fällen erfolglos.

Viele der Reisenden waren auf dem Weg zu Weihnachtsbesuchen. Die Bergungsmannschaften fanden im Schlamm des Lahars noch tagelang Geschenke, Teddybären und Spielzeug.

Zum Zeitpunkt des Unglücks besuchten Königin Elisabeth II. und Prinz Philip Neuseeland. In ihrer Weihnachtsansprache, die aus Auckland gesendet wurde, erwähnte die Königin das Unglück und sprach dem neuseeländischen Volk ihr Mitgefühl aus. Prinz Philip nahm an dem Staatsbegräbnis für die 151 Opfer teil.

Wenn der Zug Wellington-Auckland heutzutage am Heiligen Abend die neue Brücke quert, verlangsamt er seine Fahrt und ein Blumenstrauß für die Opfer wird in den Fluss geworfen.

Als Konsequenz wurde durch das New Zealand Railways Department ein Lahar-Warnsystem zur Überwachung der Wasserstände der Flüsse installiert. Auch das Signalsystem wurde angepasst: Bricht ein Gleis, stellen sich alle Signale, die den entsprechenden Abschnitt der Bahnstrecke sichern, sofort auf „Halt“.

Literatur[Bearbeiten]

  • Geoff Conly u. Graham Stewart: Tragedy on the Track: Tangiwai and other New Zealand Railway Accidents. Wellington 1986. ISBN 978-1-86934-008-7

Weblinks und Quellen[Bearbeiten]

-39.464166666667175.57666666667Koordinaten: 39° 27′ 51″ S, 175° 34′ 36″ O