Elektrosensibilität

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Als elektrosensibel werden Menschen bezeichnet, die angeben, elektrische, magnetische oder elektromagnetische Felder (EMF) wahrnehmen zu können, welche von elektrotechnischen Anlagen ausgehen und sich als Elektrosmog ausbreiten. Elektromagnetische Felder im Allgemeinen, zu denen beispielsweise auch Gamma-, Röntgen- und Wärmestrahlung oder das sichtbare Licht zählen, sind darin nicht enthalten. Diese primär technisch genutzten EMF werden unter anderem durch Mobilfunk, Rundfunksender, DECT-Telefone, WLAN, Mikrowellenherde oder Bluetooth verursacht. Die Elektrosensibilität von Menschen ist nicht allgemein anerkannt (siehe Studienlage unten), und wird daher in den Bereich der Hypochondrie eingeordnet. Die Deutsche Strahlenschutzkommission (SSK) kommt in ihrer Stellungnahme vom 13. Mai 2008 zum Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramm zu dem Schluss, Zitat:[1]

"[...] kann in der Zusammenschau mit der internationalen Literatur der Schluss gezogen werden, dass „Elektrosensibilität“ mit großer Wahrscheinlichkeit nicht existiert. Weitere Forschung sollte daher in einem Themenkreis außerhalb der EMF-Forschung erfolgen."

Zu unterscheiden sind die elektromagnetische Sensibilität, also die Fähigkeit eines Lebewesens EMF körperlich wahrzunehmen, und die elektromagnetische Hypersensitivität, die sich in der Entwicklung von Krankheitssymptomen als Folge der Einwirkung elektrischer bzw. elektromagnetischer Felder zeigt.[2]

Studienlage zur Elektrosensibilität[Bearbeiten]

Aus Studien über die Elektrosensibilität beim Menschen resultieren verschiedene und oft widersprüchliche Ergebnisse. Bei älteren Studien bis zum Jahre 2003, die sich mit der Frage nach der Erkennung hochfrequenter Felder durch Elektrosensible beschäftigten, fand sich keine Bestätigung für die Hypothese, dass Elektrosensible angeben konnten, ob ein entsprechendes Feld anwesend war.[3][4][5][6][7][8]

Bei weiteren wissenschaftlichen Studien zur Frage nach möglichen subjektiven Symptomen bei Anwesenheit von hochfrequenten Feldern fand sich bei Elektrosensiblen in einigen Studien ein Zusammenhang.[9] Dabei war jedoch auch festzustellen, dass entsprechende Symptome paradoxerweise bei Abwesenheit von elektromagnetischen Feldern auftraten und nicht bei deren Anwesenheit.

Eine durch nicht unabhängige Fachkollegen begutachtete Peer-Review-Studie aus den Niederlanden, der TNO-FEL-Report, untersuchte im Jahre 2003 eine mögliche unterschiedliche Auswirkung auf, sich selbst als elektrosensibel bezeichnende, Personen bei zwei unterschiedlichen Mobilfunksystemen.[10][11] Hier zeigte sich ein schwach signifikantes Ergebnis bei dem Mobilfunksystem Universal Mobile Telecommunications System (UMTS), jedoch nicht bei dem System Global System for Mobile Communications (GSM).[12]

Ein Teil der TNO-Studie zur Elektrosensibilität wurde 2005 von einer Forschergruppe an der ETH Zürich in einer doppelt verblindeten Cross-over-Studie wiederholt und veröffentlicht. Die Ergebnisse widerlegen dabei die Ergebnisse der TNO-Studie.[13]

Eine Untersuchung von Gerlinde Kaul von der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigte, dass 48 Personen, die sich selbst als elektrosensibel bezeichneten, unter wissenschaftlichen Bedingungen nicht auf hochfrequente Felder und magnetische Wechselfelder reagierten und nicht angeben konnten, wann diese Felder anwesend waren. Die Kontrollgruppe bestand aus 96 Personen.[14][15]

Die stochastischen athermischen Effekte sind von thermischen Wirkungen von EMF zu unterscheiden. Deren Schädigungspotenzial auf alle Lebewesen ab einem bestimmten Schwellenwert ist seit Jahrzehnten zweifelsfrei belegt.[16] Umstritten, da bislang nicht eindeutig belegt, sind hingegen die oben angesprochenen athermischen Wirkungen.

Elektromagnetische Hypersensitivität[Bearbeiten]

Noch 1998 hieß es in einem EU-Report zur elektromagnetischen Hypersensitivität, dass "es bislang keine diagnostischen Kriterien und keine nachgewiesenen Wirkungsmechanismen" gäbe.[17][18]

Zu einem anderen Schluss bezüglich der Diagnostik kommt die österreichische Ärztekammer. Sie gibt nach Sichtung aktueller Studien und Fachliteratur am 3. März 2012 eine erste Leitlinie für österreichische Ärzte zur Diagnose und Therapie des "EMF-Syndroms" heraus. Es wird darin "die Verwendung der Schlüsselnummer Z58.4 "Exposition gegenüber Strahlung" gemäß der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10)" empfohlen. Ebendort wird eine Expositionsreduktion, Lebensstilberatung und ganzheitliche Therapieansätze sowie eine symptomatische Therapie als Therapieempfehlung ausgesprochen.[19]

Symptomatik[Bearbeiten]

Von Betroffenen werden Symptome von Unwohlsein, Kopfschmerzen, schweren Schlafstörungen bis hin zu kognitiven Ausfallerscheinungen angegeben.

In der Literatur werden u. a. ebenfalls Bluthochdruck oder Blutdruckschwankungen, Schwindel, Tinnitus, Wortfindungsschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen, Sehstörungen, Hautkrankheit und Schädigungen auf Zellebene beschrieben.

Abgrenzungen[Bearbeiten]

Wenn es allgemein um die Auswirkung der ausgestrahlten Felder auf die Umwelt (inklusive Mensch) geht, so spricht man von der Elektromagnetischen Umweltverträglichkeit (EMVU). Geht es um die Auswirkung auf andere technische Geräte, so spricht man von der Elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stellungnahme der Deutsche Strahlenschutzkommission (SSK) vom 13. Mai 2008 zu dem Thema Elektrosensibilität
  2. J. Schröttner, N. Leitgeb, L. Hillert: Investigation of electric current perception thresholds of different EHS groups. In: Bioelectromagnetics. Band 28, Nummer 3, April 2007, S. 208–213, ISSN 0197-8462. doi:10.1002/bem.20294. PMID 17080457.
  3. Lonne-Rahm et al. 2000, Provocation with stress and electricity of patients with "sensitivity to electricity", J Occup Environ Med. Mai 2000;42(5):512-6
  4. Braune S., Influence of a radiofrequency electromagnetic field on cardiovascular and hormonal parameters of the autonomic nervous system in healthy individuals, Radiat Res. 2002 Sep;158(3):352-6
  5. Barth A., Pseudostenocardia due to exposure to "electrosmog", in: Dtsch Med Wochenschr. 2000 Jul 7;125(27):830-2
  6. Flodin U, Provocation of electric hypersensitivity under everyday conditions,Scand J Work Environ Health. 2000 Apr;26(2):93
  7. Andersson B., A cognitive-behavioral treatment of patients suffering from "electric hypersensitivity". Subjective effects and reactions in a double-blind provocation study, J Occup Environ Med. 1996 Aug;38(8):752-8
  8. http://www.aehf.com/articles/em_sensitive.html
  9. Hietanen 2002, Barth 2000
  10. TNO-FEL report: FEL -03-C148, 2003. Effects of Global Communication system radio-frequency fields on Well Being and Cognitive Functions of human subjects with and without subjective complaints
  11. http://www.milieuziektes.nl/Rapporten/TNO-FEL%20REPORT_03148%20(Definitief).pdf
  12. http://www.milieuziektes.nl/Rapporten/TNOkritiek.pdf
  13. S. J. Regel, S. Negovetic, M. Röösli, V. Berdiñas, J. Schuderer, A. Huss, U. Lott, N. Kuster, P. Achermann: UMTS base station-like exposure, well-being, and cognitive performance. In: Environmental health perspectives. Band 114, Nummer 8, August 2006, S. 1270–1275, ISSN 0091-6765. PMID 16882538. PMC 1552030 (freier Volltext).
  14. http://www.baua.de/nn_49914/de/Themen-von-A-Z/Elektromagnetische-Felder/pdf/Vortrag-05.pdf
  15. Kaul G.: „Elektrosensibilität“. Hält die Wahrnehmung der Realität stand? In: Symposium medical 17 (2006), Heft 6, S. 12ff
  16. ICNIRP: Guidelines for Limiting Exposure to Time-Varying Electric, Magnetic, and Electromagnetic Fields (up to 300GHz), Health Physics 74 (4): p494-522, 1998
  17. EU-Report über "elektromagnetische Hypersensibilität", bei aerzteblatt.de, Dtsch Arztebl 1998; 95(4): A-130 / B-112 / C-108
  18. Gerlinde Kaul: Was verursacht „elektromagnetische Hypersensibilität“? (PDF; 1,5 MB) Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2009.
  19. Leitlinie der ÖÄK zur Abklärung und Therapie EMF bezogener Beschwerden und Krankheiten (EMF-Syndrom), Österreichische Ärztekammer, Wien, 2012
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