Elfmeterschießen

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Erster Elfmeter im Elfmeterschießen des Champions-League-Finales 2012. Im Hintergrund versammeln sich die restlichen Feldspieler im Mittelkreis.

Das Elfmeterschießen ist eine der im Regelwerk vorgesehenen Vorgehensweisen zur Ermittlung eines Siegers beim Fußball. Es wird seit den 1970er-Jahren angewendet, wenn ein Fußballspiel zwingend einen Sieger benötigt, ein solcher aber zum Ende der Spielzeit nicht feststeht. Die Bestimmungen des jeweiligen Wettbewerbs regeln, ob zunächst andere Vorgehensweisen zur Ermittlung eines Siegers anzuwenden sind, was häufig der Fall ist. Sofern das Elfmeterschießen vorgesehen ist, kommt danach keine weitere Möglichkeit zur Ermittlung eines Siegers mehr in Betracht, da das Elfmeterschießen immer einen Gewinner hat.

Beim Elfmeterschießen führen wechselweise zunächst bis zu fünf Spieler jeder Mannschaft einen Torschuss von der Strafstoßmarke aus. Es wird danach bei weiter unentschiedenem Stand um einen Schützen je Mannschaft verlängert. Der Vorgang wird hingegen vorzeitig beendet, wenn eine Mannschaft einen nicht mehr einholbaren Vorsprung erzielt hat.

Anwendung[Bearbeiten]

Das Regelwerk sieht neben der Verlängerung und der unterschiedlichen Wertung auswärts erzielter Tore im Abschnitt „Vorgehensweisen zur Ermittlung eines Siegers“ auch das Elfmeterschießen vor, welches einige Jahre lang offiziell als „Schüsse von der Strafstoßmarke zur Spielentscheidung“ bezeichnet wurde. Im deutschen Regelbuch trifft man dabei auf die Besonderheit, dass im entsprechenden Abschnitt immer vom „Elfmeter“ gesprochen wird, der als solcher aber nicht weiter definiert ist. Es handelt sich dabei zweifelsfrei um Schüsse von der Strafstoßmarke nach den Regularien eines Strafstoßes, wobei ein Nachschuss nicht zugelassen ist und die Abstandsbestimmung durch den Umstand, dass klar definiert ist, wo sich die übrigen Spieler und der momentan unbeteiligte Torwart aufzuhalten haben, gegenstandslos ist. Allerdings ist immer die „Wirkung“ abzuwarten, was bedeutet, dass beispielsweise ein Schuss, der vom Torwart gegen die Latte gelenkt wurde und bei dem der Ball zunächst wieder in das Feld, dann aber dem Torwart in den Rücken springt und anschließend in das Tor geht, sehr wohl als Tor zu zählen ist.

Die meisten Fußballspiele bedürfen keiner derartigen Entscheidung. Freundschaftsspiele bedürfen nie einer Entscheidung, bei Punktspielen führt ein Unentschieden zur Punkteteilung. Spiele, die nach dem K.-o.-System ausgetragen werden, wie beispielsweise Pokalspiele oder Fußballturniere im Anschluss an die Gruppenphase, erfordern aber zwingend einen Sieger, ebenso wie Spielpaare im K.-o.-System, die trotz Hin- und Rückspiels nach dem Reglement am Ende des Rückspiels unentschieden sind, beispielsweise in der Ausscheidungsphase der UEFA Champions League. Endet die reguläre Spielzeit unentschieden und erbringt eine in den Wettbewerbsbestimmungen vorgesehene Methode für Ermittlung eines Siegers (Verlängerung, Auswärtstoreregelung oder eine sonstige Festlegung wie z.B. klassentieferer Verein) keine Entscheidung, so ist heute ein Elfmeterschießen durchzuführen; gleichwohl können die Wettbewerbsbestimmungen auch unmittelbar ein Elfmeterschießen vorsehen, ohne dass es einer Verlängerung und/oder der Anwendung der Auswärtstoreregelung bedarf.

Ablauf[Bearbeiten]

Die Schützen beider Mannschaften schießen auf dasselbe Tor. Dadurch wird ausgeschlossen, dass zum Beispiel durch einen tiefen Stand der Sonne ungleiche Bedingungen herrschen. Auf welches Tor geschossen wird, legt der Schiedsrichter fest, soweit es sachliche Gründe für die Auswahl eines Tors gibt, ansonsten wird per Münzwurf durch den Schiedsrichters ausgelost.

Teilnahmeberechtigt sind alle Spieler, die beim Abpfiff noch am Spiel teilnehmen. Auswechslungen sind nur für den Torwart gestattet, wenn sich dieser verletzt und das Wechselkontingent noch nicht erschöpft ist. Unterscheidet sich am Ende der Verlängerung die Anzahl der Spieler (wegen Ausschlüssen/Verletzungen), muss die zahlenmäßig stärkere Mannschaft so viele Spieler nach eigener Auswahl entfernen, bis beide Mannschaften über gleich viele Schützen verfügen. Der Hintergrund für diese Regelung erschließt sich aus folgendem Beispiel: Tritt eine Mannschaft mit nur noch zehn Spielern gegen einen vollzähligen Gegner an, müsste beim elften Pärchen der vermeintlich schwächste Schütze der kompletten Mannschaft gegen einen frei wählbaren, also wahrscheinlich den besten Spieler der reduzierten Mannschaft antreten. So wäre eine Mannschaft, die einen Feldverweis hinnehmen musste, sogar im Vorteil. Dies widerspräche dem Fairplay-Gedanken. Kommt es jedoch während des Verlaufs des Elfmeterschießens zu einer Reduzierung einer Mannschaft, findet keine erneute Reduzierung statt.

Die Spielführer benennen für ihre Mannschaft aus den noch zur Verfügung stehenden Spielern jeweils fünf Schützen. Diese werden dem Schiedsrichter mitgeteilt. Alle Spieler, mit Ausnahme des jeweiligen Schützen und beider Torwarte, müssen sich während des Elfmeterschießens im Mittelkreis aufhalten. Der Torwart der Mannschaft des Schützen muss sich außerhalb des Strafraums aufhalten und soll dabei einen der Eckpunkte des Strafraums mit der Torlinie aufsuchen.

Der Schiedsrichter lost mit beiden Spielführern durch Münzwurf aus, wer den ersten Schuss ausführt. Der Gewinner der Auslosung darf festlegen, ob seine Mannschaft zuerst schießen wird. Abwechselnd schießt je ein Spieler beider Mannschaften einen Elfmeter (siehe oben).

Es gewinnt diejenige Mannschaft, die von ihren fünf Elfmetern mehr verwandelt als die andere Mannschaft. Vergibt ein Spieler seinen Elfmeter (wird vom Torwart abgewehrt, neben bzw. über das Tor geschossen oder alleiniger Verstoß des Schützen gegen die Regeln, wenn der Ball nicht in das Tor geht) und gerät seine Mannschaft dadurch in Rückstand, so hat sie noch nicht verloren, sofern noch genügend noch auszuführende Elfmeter verbleiben, um den Rückstand wieder aufholen zu können (beispielsweise bei einem Stand von 2:3 nach je drei Elfmetern). Das Elfmeterschießen wird vorzeitig beendet, wenn eine der beiden Mannschaften vorzeitig als Gewinner feststeht, weil der Rückstand nicht mehr aufholbar ist. Das ist beispielsweise der Fall beim Stand von 4:2 nach jeweils vier Elfmetern.

Besteht nach jeweils fünf geschossenen Elfmetern Gleichstand, wird die Prozedur so lange um jeweils einen Elfmeter für jede Mannschaft fortgesetzt, bis ein Sieger ermittelt ist. Dabei müssen zunächst alle Spieler einschließlich der Torhüter einer Mannschaft einen Elfmeter schießen.

Kamen alle Spieler an die Reihe und besteht noch immer Gleichstand, so schießt wieder abwechselnd erneut jeweils ein Spieler beider Mannschaften. Die Reihenfolge der Schützen innerhalb der Mannschaft ist jedoch vom ersten Durchgang unabhängig, das heißt, der ursprünglich siebte Schütze darf beispielsweise den ersten Strafstoß des zweiten Durchgangs schießen. Kein Spieler darf jedoch ein drittes Mal schießen, solange nicht alle Mannschaftskameraden auch mindestens zweimal angetreten sind. Dies gilt entsprechend für alle weiteren eventuell erforderlichen Durchgänge.

Geschichte[Bearbeiten]

Varianten des modernen Elfmeterschießens wurden bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren in verschiedenen nationalen Wettbewerben und in kleineren Turnieren verwendet. Beispiele für nationale Wettbewerbe beinhalten den jugoslawischen Fußballpokal 1952,[1] die Copa México 1954,[2] die Coppa Italia 1958/59[3] und den Schweizer Jugend-Cup 1959/60.[4] Internationale Beispiele beinhalten den Uhrencup 1962[5] (auf Vorschlag von dessen Gründer Kurt Weissbrodt),[6] den Final der Trofeo Ramón de Carranza 1962[7] (auf Vorschlag des Journalisten Rafael Ballester),[8] und ein Silbermedaillen-Playoffspiel zwischen Amateurmannschaften aus Venezuela und Bolivien bei den Bolivianischen Spielen 1965.[9] Einige dieser Varianten wichen jedoch von der heutigen Form ab. Beim Coppa Italia 1960 wurde etwa nach einem ausgeglichenen Elfmeterschießen erneut das Los herangezogen, anstatt mit jeweils einem Elfmeter weiterzufahren.[10] Beim Jugend-Cup 1966/67 wurde das Elfmeterschießen nach einem Gleichstand wiederholt mit fünf weiteren Elfmetern[11] und beim Uhrencup musste in den Anfangsjahren jeweils ein Schütze alle fünf Elfmeter ausführen[6] und bei mehrmaligem ausgeglichenen Ergebnis wurde erneut auf den Losentscheid zurückgegriffen.[12] Bei der Copa México 1954 traten hingegen anstatt der heute üblichen fünf Schützen nur drei pro Mannschaft an.[2]

Karl Wald (2006)

Wer zuerst die moderne Variante erfunden hat, ist umstritten. Der Schiedsrichter Karl Wald aus Frankfurt am Main beansprucht die Idee für sich.[13] Er fand im Mai 1970 auf dem bayerischen Schiedsrichter-Verbandstag in München für die von ihm akribisch ausgearbeitete, heute international geltende Regel eine Mehrheit bei den Delegierten gegen den Widerstand der Verbandsführung. Wenig später übernahm auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Regel aus Bayern.[14]

Unabhängig von Wald entwickelte auch der Israeli Yosef Dagan eine Variante des modernen Entscheidungsschießens,[15] nachdem er gesehen hatte, wie die israelische Nationalmannschaft das Olympische Viertelfinalspiel 1968 durch Münzwurf verloren hatte. Michael Almog, der später Präsident des israelischen Fußballverbandes wurde, beschreibt Dagans Vorschlag in einem Brief, der im August 1969 in den FIFA News veröffentlicht wurde.[16] Dieser Vorschlag wurde von der FIFA übernommen und am 20. Februar 1970 durch eine Arbeitsgruppe des International Football Association Boards (IFAB) diskutiert. Die Arbeitsgruppe empfahl den Vorschlag zur Annahme, obwohl sie „nicht vollständig zufrieden“ damit war.[17] Die Regeländerung zugunsten des Entscheidungsschießens wurde auf der IFAB-Jahresversammlung am 27. Juni 1970 mit den von Wald vorgeschlagenen Regeln angenommen.[18]

Das erste große Turnier,[19] das durch ein Elfmeterschießen entschieden wurde, war die Fußball-Europameisterschaft 1976, als im Finale Deutschland und die Tschechoslowakei aufeinander trafen. Uli Hoeneß schoss übers Tor, während Antonín Panenka seinen Elfmeter mit einem leichten Lupfer in die Tormitte verwandelte und die ČSSR zum Europameister machte. Erstmals bei Weltmeisterschaften wurde das Halbfinale bei der WM 1982 Deutschland gegen Frankreich in Spanien mit einem Elfmeterschießen entschieden, wobei Deutschland sich durchsetzte.

Als mittlerweile sprichwörtlich erfolglose Mannschaft im Elfmeterschießen gilt die englische Nationalmannschaft. Sie musste von 1990 bis 2012 bei Welt- und Europameisterschaften insgesamt siebenmal zum Elfmeterschießen antreten und verlor dabei sechsmal (WM-Halbfinale 1990 und EM-Halbfinale 1996 jeweils gegen Deutschland, WM-Achtelfinale 1998 gegen Argentinien, EM-Viertelfinale 2004 und WM-Viertelfinale 2006 jeweils gegen Portugal und EM-Viertelfinale 2012 gegen Italien). Der einzige Sieg im Elfmeterschießen gelang ihr bei im Viertelfinale der Europameisterschaft 1996 gegen Spanien im eigenen Land.

Auswirkung auf das offizielle Spielergebnis[Bearbeiten]

Die offizielle Spielzeit eines Fußballspiels endet 90 Minuten, soweit eine Verlängerung vorgesehen ist und erforderlich war nach 120 Minuten. Der Spielstand zu diesem Zeitpunkt wird als offizielles Spielergebnis gewertet. Das anschließende Elfmeterschießen dient lediglich der „Ermittlung eines Siegers“.[20] Für die Punktevergabe, beispielsweise für die FIFA-Weltrangliste, gilt nach FIFA-Regeln, dass der Verlierer des Elfmeterschießens einen Punkt von drei möglichen erhält (für das erreichte Unentschieden) und der „Sieger“ des Spiels lediglich zwei Punkte.

Rekorde[Bearbeiten]

  • Die meisten Elfmeterschießen: 26 durch Sambia, davon 13 gewonnen.
  • Die meisten Elfmeterschießen bei Weltmeisterschaften: 5 durch Argentinien, davon 4 gewonnen.
  • Das längste Elfmeterschießen im Profifußball: 48 Elfmeter bei KK-Palace gegen Civics (Ergebnis: 17:16) im namibischen Pokal am 23. Januar 2005.[21]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Elfmeterschießen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dinant Abbink: Cup of Yugoslavia 1952. RSSSF. 6. Juni 2008. Abgerufen am 15. Juli 2008.
  2. a b Neue Fußballwoche, Nr. 24/1954, 15.06., S. 14
  3. Erik Garin: Coppa Italia 1958/59. RSSSF. 28. März 2007. Abgerufen am 15. Juli 2008.
  4. Dinant Abbink: Switzerland – Youth Cup 1959/60. RSSSF. 8. Juni 2000. Abgerufen am 15. Juli 2008.
  5. Erik Garin: Coupe Horlogère - Uhren Cup (Switzerland) 1962–2009: 1962. RSSSF. 6. November 2009. Abgerufen am 14. Juli 2011.
  6. a b Marco Sansoni: Der Beweis für die deutsche Frechheit. Grenchner Tagblatt. 13. Juli 2011. Abgerufen am 14. Juli 2011.
  7. Raúl Torre: Trofeo Ramón de Carranza (Cádiz-Spain) 1955–2007: 1962. RSSSF. 16. Mai 2008. Abgerufen am 11. Juni 2008.
  8. Alfredo Relaño: A don Rafael Ballester, innovador (Spanisch) AS.com. 18. August 2006. Abgerufen am 16. Juli 2008.
  9. José Luis Pierrend, Alfonzo Cornejo: Bolivarian Games: Soccer Tournaments. RSSSF. 3. September 2005. Abgerufen am 11. Juni 2008.
  10. rsssf.com: Coppa Italia 1960. Zugriff am 14. Juli 2011.
  11. rsssf.com: Switzerland - Youth Cup 1966/67. Zugriff am 14. Juli 2011.
  12. A.W.: Sieger durch Losentscheid. In: Solothurner Zeitung, 8. August 1969.
  13. Erfinder des Elfmeterschiessens
  14. Thomas Kernert: Das Elfmeterschießen. Bayerischer Rundfunk, 15. Juni 2014, abgerufen am 15. Juni 2014.
  15. Israeli Behind the Goal (Hebräisch und Englisch, Adobe Flash) infolive.tv. Abgerufen am 19. Juni 2008.
  16. Clark Miller: He Always Puts It To The Right: A History Of The Penalty Kick. Orion, 1996, ISBN 0-7528-2728-6.
  17. IFAB: Minutes of the Working Party (PDF; 5,6 MB) Soccer South Bay Referee Association. 20. Februar 1970. Abgerufen am 29. November 2009.
  18. IFAB: Minutes of the AGM (PDF; 7,5 MB) Soccer South Bay Referee Association. 27. Juni 1970. Abgerufen am 29. November 2009.
  19. Bereits 1974 wurde die ost- und mittelafrikanische Meisterschaft durch ein Elfmeterschießen entschieden
  20. Spielregeln der FIFA
  21. Kuriose Elfmeterschießen: Dramen, Mythen und Skandale. In: Spiegel Online vom 24. September 2014 (abgerufen am 24. September 2014).