Elfmeterschießen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Erster Strafstoß im Elfmeterschießen des Champions-League-Finales 2012. Im Hintergrund versammeln sich die restlichen Feldspieler im Mittelkreis.

Das Elfmeterschießen ist eine der Vorgehensweisen zur Ermittlung eines Siegers beim Fußball, wobei die Mannschaft gewinnt, die mehr Tore bei den Schüssen von der Strafstoßmarke erzielen kann.

Anwendung[Bearbeiten]

Das Regelwerk sieht neben der Verlängerung und der unterschiedlichen Wertung auswärts erzielter Tore im Abschnitt „Vorgehensweisen zur Ermittlung eines Siegers“ auch das Elfmeterschießen vor, dies wird gelegentlich auch als „Schüsse von der Strafstoßmarke zur Ermittlung eines Siegers“ bezeichnet.

Die meisten Fußballspiele bedürfen keiner derartigen Entscheidung. Freundschaftsspiele bedürfen nie einer Entscheidung, bei Punktspielen führt ein Unentschieden zur Punkteteilung. Spiele, die nach dem K.-o.-System ausgetragen werden, wie beispielsweise Pokalspiele oder Fußballturniere im Anschluss an die Gruppenphase, erfordern aber zwingend einen Sieger, ebenso wie Spielpaare im K.-o.-System, die trotz Hin- und Rückspiels nach dem Reglement am Ende des Rückspiels unentschieden sind, beispielsweise in der Ausscheidungsphase der UEFA Champions League. Endet die reguläre Spielzeit unentschieden und erbringt eine in den Wettbewerbsbestimmungen vorgesehene Methode für Ermittlung eines Siegers (Verlängerung oder Auswärtstoreregelung) keine Entscheidung, so ist heute ein Elfmeterschießen durchzuführen; gleichwohl können die Wettbewerbsbestimmungen auch unmittelbar ein Elfmeterschießen vorsehen, ohne dass es einer Verlängerung und/oder der Anwendung der Auswärtstoreregelung bedarf.

Ablauf[Bearbeiten]

Die Schützen beider Mannschaften schießen auf dasselbe Tor. Dadurch wird ausgeschlossen, dass zum Beispiel durch einen tiefen Stand der Sonne ungleiche Bedingungen herrschen. Auf welches Tor geschossen wird, legt der Schiedsrichter fest, soweit es sachliche Gründe für die Auswahl eines Tors gibt, ansonsten entscheidet der Schiedsrichter per Münzwurf.

Teilnahmeberechtigt sind alle Spieler, die beim Abpfiff noch am Spiel teilnehmen. Auswechslungen sind nur für den Torwart gestattet, wenn sich dieser verletzt und das Wechselkontingent noch nicht erschöpft ist. Unterscheidet sich am Ende der Verlängerung die Anzahl der Spieler (wegen Ausschlüssen/Verletzungen), muss die zahlenmäßig stärkere Mannschaft so viele Spieler nach eigener Auswahl entfernen, bis beide Mannschaften über gleich viele Schützen verfügen. Der Hintergrund für diese Regelung erschließt sich aus folgendem Beispiel: Tritt eine Mannschaft mit nur noch zehn Spielern gegen einen vollzähligen Gegner an, müsste beim elften Pärchen der vermeintlich schwächste Schütze der kompletten Mannschaft gegen einen frei wählbaren, also wahrscheinlich den besten Spieler der reduzierten Mannschaft antreten. So wäre eine Mannschaft, die einen Feldverweis hinnehmen musste, sogar im Vorteil. Dies widerspräche dem Fairplay-Gedanken. Kommt es jedoch während des Verlaufs des Elfmeterschießen zu einer Reduzierung einer Mannschaft, findet keine erneute Reduzierung statt.

Die Spielführer benennen für ihre Mannschaft aus den noch zur Verfügung stehenden Spielern jeweils fünf Schützen. Diese werden dem Schiedsrichter mitgeteilt. Alle Spieler, mit Ausnahme des jeweiligen Schützen und beider Torwarte, müssen sich während des Elfmeterschießens im Mittelkreis aufhalten. Der Torwart der Mannschaft des Schützen muss sich außerhalb des Strafraumes aufhalten und soll dabei einen der Eckpunkte des Strafraumes mit der Torlinie aufsuchen.

Der Schiedsrichter lost mit beiden Spielführern durch Münzwurf aus, wer den ersten Schuss ausführt. Der Gewinner der Auslosung darf festlegen, ob seine Mannschaft zuerst schießen wird. Abwechselnd schießt je ein Spieler beider Mannschaften einen Strafstoß. Im Gegensatz zum üblichen Strafstoß ist allerdings kein Nachschuss erlaubt.

Es gewinnt diejenige Mannschaft, die von ihren fünf Strafstößen mehr verwandelt als die andere Mannschaft. Vergibt ein Spieler einen Strafstoß (wird vom Torwart abgewehrt, neben bzw. über das Tor geschossen oder alleiniger Verstoß des Schützen gegen die Regeln, wenn der Ball nicht in das Tor geht) und gerät seine Mannschaft dadurch in Rückstand, so hat sie noch nicht verloren, sofern noch genügend Strafstöße verbleiben, um den Rückstand wieder aufzuholen (beispielsweise bei einem Stand von 2:3 nach je drei Strafstößen). Das Elfmeterschießen wird vorzeitig beendet, wenn eine der beiden Mannschaften schon vorzeitig als Gewinner feststeht, weil der Rückstand nicht mehr aufholbar ist. Das ist beispielsweise der Fall beim Stand von 4:2 nach jeweils vier Strafstößen.

Besteht nach jeweils fünf geschossenen Strafstößen Gleichstand, wird die Prozedur so lange um jeweils einen Strafstoß für jede Mannschaft fortgesetzt, bis ein Sieger ermittelt ist. Dabei müssen zunächst alle Spieler einschließlich der Torhüter einer Mannschaft einen Strafstoß schießen.

Kamen alle Spieler an die Reihe und besteht noch immer Gleichstand, so schießt wieder abwechselnd erneut jeweils ein Spieler beider Mannschaften. Die Reihenfolge der Schützen innerhalb der Mannschaft ist jedoch vom ersten Durchgang unabhängig, das heißt der ursprünglich siebte Schütze darf beispielsweise den ersten Strafstoß des zweiten Durchgangs schießen. Kein Spieler darf jedoch ein drittes Mal schießen, bevor nicht alle Mannschaftskameraden auch mindestens zweimal angetreten sind. Dies gilt entsprechend für alle weiteren eventuell erforderlichen Durchgänge.

Geschichte[Bearbeiten]

Varianten des modernen Elfmeterschießens wurden bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren in verschiedenen nationalen Wettbewerben und in kleineren Turnieren verwendet. Beispiele für nationale Wettbewerbe beinhalten den Jugoslawischen Fußballpokal 1952,[1] die Copa México 1954,[2] die Coppa Italia 1958/59[3] und den Schweizer Jugend Cup 1959/60.[4] Internationale Beispiele beinhalten den Uhrencup 1962[5] (auf Vorschlag von dessen Gründer Kurt Weissbrodt),[6] den Final der Trofeo Ramón de Carranza 1962[7] (auf Vorschlag des Journalisten Rafael Ballester),[8] und ein Silbermedaillen-Playoffspiel zwischen Amateurmannschaften aus Venezuela und Bolivien bei den Bolivianischen Spielen 1965.[9] Einige dieser Varianten wichen jedoch von der heutigen Form ab. Beim Coppa Italia 1960 wurde etwa nach einem ausgeglichenen Elfmeterschießen erneut das Los herangezogen, anstatt mit jeweils einem Elfmeter weiterzufahren.[10] Beim Jugend Cup 1966/67 wurde das Elfmeterschießen nach einem Gleichstand wiederholt mit fünf weiteren Elfmetern[11] und beim Uhrencup musste in den Anfangsjahren jeweils ein Schütze alle fünf Elfmeter ausführen[6] und bei mehrmaligem ausgeglichenen Ergebnis wurde erneut auf den Losentscheid zurückgegriffen.[12] Bei der Copa México 1954 traten hingegen anstatt der heute üblichen fünf Schützen nur drei pro Mannschaft an.[2]

Karl Wald (2006)

Wer zuerst die moderne Variante erfunden hat, ist umstritten. Der Schiedsrichter Karl Wald aus Frankfurt am Main beansprucht die Idee für sich.[13] Er fand im Mai 1970 auf dem bayerischen Schiedsrichter-Verbandstag in München für die von ihm akribisch ausgearbeitete, heute international geltende Regel eine Mehrheit bei den Delegierten gegen den Widerstand der Verbandsführung. Wenig später übernahm auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Regel aus Bayern.

Unabhängig von Wald entwickelte auch der Israeli Yosef Dagan eine Variante des modernen Entscheidungsschießens,[14] nachdem er sah, wie die Israelische Nationalmannschaft das Olympische Viertelfinalspiel 1968 durch Münzwurf verlor. Michael Almog, der später Präsident des Israelischen Fußballverbandes wurde, beschreibt Dagans Vorschlag in einem Brief, der im August 1969 in den FIFA News veröffentlicht wurde.[15] Dieser Vorschlag wurde von der FIFA übernommen und am 20. Februar 1970 durch eine Arbeitsgruppe des International Football Association Boards (IFAB) diskutiert. Die Arbeitsgruppe empfahl den Vorschlag zur Annahme, obwohl sie „nicht vollständig zufrieden“ damit war.[16] Die Regeländerung zugunsten des Entscheidungsschießens wurde auf der IFAB-Jahresversammlung am 27. Juni 1970 mit den von Wald vorgeschlagenen Regeln angenommen.[17]

Das erste große Turnier,[18] das durch ein Elfmeterschießen entschieden wurde, war die Fußball-Europameisterschaft 1976, als im Finale Deutschland und die Tschechoslowakei aufeinander trafen. Uli Hoeneß schoss den Ball statt ins Tor in den nächtlichen Himmel von Belgrad, während Antonín Panenka seinen Strafstoß mit einem leichten Lupfer in die Tormitte verwandelte und die ČSSR zum Europameister machte. Erstmals bei Weltmeisterschaften wurde das Halbfinale bei der WM 1982 Deutschland gegen Frankreich in Spanien mit einem Elfmeterschießen entschieden, wobei Deutschland sich durchsetzte.

Als mittlerweile sprichwörtlich erfolglose Mannschaft im Elfmeterschießen gilt die englische Nationalmannschaft. Sie musste von 1990 bis 2012 bei Welt- und Europameisterschaften insgesamt siebenmal zum Elfmeterschießen antreten und verlor dabei sechsmal (1990, 1996-Halbfinale, 1998, 2004, 2006 und 2012). Der einzige Sieg im Elfmeterschießen gelang 1996 im Viertelfinale.

Auswirkung auf das offizielle Spielergebnis[Bearbeiten]

Die offizielle Spielzeit eines Fußballspiels endet nach 120 Minuten, wenn eine Verlängerung erforderlich wurde. Der Spielstand zu diesem Zeitpunkt wird als offizielles Spielergebnis gewertet. Das anschließende Elfmeterschießen dient lediglich der „Ermittlung eines Siegers“.[19] Für die Punktevergabe, beispielsweise für die FIFA-Weltrangliste, gilt nach FIFA-Regeln, dass der Verlierer des Elfmeterschießens einen Punkt von drei möglichen erhält (für das erreichte Unentschieden) und der „Sieger“ des Spiels lediglich zwei Punkte.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Elfmeterschießen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Dinant Abbink: Cup of Yugoslavia 1952. RSSSF. 6. Juni 2008. Abgerufen am 15. Juli 2008.
  2. a b Neue Fußballwoche, Nr. 24/1954, 15.06., S. 14
  3. Erik Garin: Coppa Italia 1958/59. RSSSF. 28. März 2007. Abgerufen am 15. Juli 2008.
  4. Dinant Abbink: Switzerland – Youth Cup 1959/60. RSSSF. 8. Juni 2000. Abgerufen am 15. Juli 2008.
  5. Erik Garin: Coupe Horlogère - Uhren Cup (Switzerland) 1962–2009: 1962. RSSSF. 6. November 2009. Abgerufen am 14. Juli 2011.
  6. a b Marco Sansoni: Der Beweis für die deutsche Frechheit. Grenchner Tagblatt. 13. Juli 2011. Abgerufen am 14. Juli 2011.
  7. Raúl Torre: Trofeo Ramón de Carranza (Cádiz-Spain) 1955–2007: 1962. RSSSF. 16. Mai 2008. Abgerufen am 11. Juni 2008.
  8. Alfredo Relaño: A don Rafael Ballester, innovador (Spanisch) AS.com. 18. August 2006. Abgerufen am 16. Juli 2008.
  9. José Luis Pierrend, Alfonzo Cornejo: Bolivarian Games: Soccer Tournaments. RSSSF. 3. September 2005. Abgerufen am 11. Juni 2008.
  10. rsssf.com: Coppa Italia 1960. Zugriff am 14. Juli 2011.
  11. rsssf.com: Switzerland - Youth Cup 1966/67. Zugriff am 14. Juli 2011.
  12. A.W.: Sieger durch Losentscheid. In: Solothurner Zeitung, 8. August 1969.
  13. Erfinder des Elfmeterschiessens
  14. Israeli Behind the Goal (Hebräisch und Englisch, Adobe Flash) infolive.tv. Abgerufen am 19. Juni 2008.
  15. Clark Miller: He Always Puts It To The Right: A History Of The Penalty Kick. Orion, 1996, ISBN 0-7528-2728-6.
  16. IFAB: Minutes of the Working Party (PDF; 5,6 MB) Soccer South Bay Referee Association. 20. Februar 1970. Abgerufen am 29. November 2009.
  17. IFAB: Minutes of the AGM (PDF; 7,5 MB) Soccer South Bay Referee Association. 27. Juni 1970. Abgerufen am 29. November 2009.
  18. Bereits 1974 wurde die ost- und mittelafrikanische Meisterschaft durch ein Elfmeterschießen entschieden
  19. Spielregeln der FIFA