Elisabeth Langgässer

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Elisabeth Langgässer (* 23. Februar 1899 in Alzey; † 25. Juli 1950 in Karlsruhe) war eine deutsche Schriftstellerin. Elisabeth Langgässer gehörte zu den christlich orientierten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Eines ihrer Hauptthemen war der Konflikt zwischen dem satanischen triebhaften Leben und dem Göttlichen. Sie stand damit in der Tradition der christlichen Mystikerinnen. Bekannt wurde Langgässer vor allem durch ihre Lyrik und ihre Erzählungen und Kurzgeschichten.

Leben[Bearbeiten]

Elisabeth Langgässer war die Tochter des katholischen Baurats jüdischer Herkunft Eduard Langgässer und dessen Ehefrau Eugenie, geb. Dienst. Von 1919 bis 1928 arbeitete sie als Volksschullehrerin in Seligenstadt und Griesheim. 1924 erschien ihr erster Gedichtband Der Wendekreis des Lammes. Am 1. Januar 1929 gebar sie als ledige Mutter ihre Tochter Cordelia, deren Vater der Staatsrechtler Hermann Heller war. Im Frühjahr übersiedelte sie nach Berlin, wo sie erneut im Lehrberuf tätig wurde.

Ab 1931 arbeitete Langgässer als freie Schriftstellerin und schrieb unter anderem Hörspiele für die Funk-Stunde Berlin.[1] Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wählte sie bei der letzten freien Wahl im März 1933 Adolf Hitler.[1] Im selben Jahr war sie zusammen mit Ina Seidel Herausgeberin von Frauengedichten der Gegenwart. 1935 konnte sie noch ihre Tierkreisgedichte publizieren, ebenso wie 1936 ihren Roman Der Gang durch das Ried. Im Juli 1935 heiratete sie den Redakteur Wilhelm Hoffmann, der kurz darauf wegen seiner Heirat mit einer nach den rassistischen Nürnberger Gesetzen als „Halbjüdin“ eingestuften Frau seine Stellung verlor.[1]

1936 wurde Elisabeth Langgässer als „Halbjüdin“ aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Damit unterlag sie einem Publikationsverbot, an das sie sich jedoch nicht hielt. 1938 brachte der Salzburger Verleger Otto Müller kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich Langgässers Rettung am Rhein heraus. Anschließend begann sie heimlich mit der Arbeit an ihrem bekanntesten Werk, dem Roman Das unauslöschliche Siegel.

Im Zweiten Weltkrieg musste sie ab 1942 Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik leisten. In diesem Jahr zeigten sich erste Anzeichen von Multipler Sklerose. Ihre Tochter Cordelia, die nach den Nürnberger Gesetzen als „Volljüdin“ galt, erhielt zwar 1943 durch Adoption die spanische Staatsbürgerschaft, durfte aber nicht ausreisen, sondern wurde 1944 nach Theresienstadt und anschließend in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.[2] Cordelia überlebte und wurde 1945 mit einem „Weißen Bus“ nach Schweden gebracht.

1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte Elisabeth Langgässer den Roman Das unauslöschliche Siegel abschließen. Im selben Jahr zeigten sich erneut Anzeichen ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung. 1946 erhielt sie erstmals Nachrichten ihrer Tochter Cordelia Edvardson, die den Holocaust überlebt hatte, aus Schweden. 1947 sprach sie auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress. 1948 übersiedelte Elisabeth Langgässer nach Rheinzabern und publizierte ihre Kurzgeschichtensammlung Der Torso. Im März 1950 wurde sie in die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur aufgenommen. Seit Ende Juni von einem neuen Schub der Multiplen Sklerose ans Bett gefesselt, starb sie schließlich am 25. Juli 1950 nach zehntägigem Koma im Karlsruher St. Vinzenz-Krankenhaus.[3] Sie wurde nur 51 Jahre alt. Sie wurde auf dem Alten Friedhof (Darmstadt) begraben.

Ihr letzter Roman Märkische Argonautenfahrt erschien erst einige Monate nach ihrem Tod.

Nach 1945 galt Langgässer als typische Vertreterin der deutschen Nachkriegsliteratur. Als Verfolgte des Nationalsozialismus schrieb sie in einem (je nach Betrachtung) Pessimismus oder Realismus, der die Shoa immer im Hintergrund, oft auch als Thema hatte. Dabei sparte sie nicht an Kritik an den Schriftstellern der sogenannten Inneren Emigration und ihrer eigenen Haltung während der NS-Zeit, die sie als „Tändeln mit Blumen und Blümchen über dem scheußlichen, weit geöffneten, aber eben mit diesen Blümchen überdeckten Abgrund der Massengräber“ bezeichnete.[4]

Ehrungen[Bearbeiten]

Langgässer-Bank in Alzey

In ihrem Todesjahr 1950 wurde ihr postum der Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen, die sie im Jahr zuvor (zusammen mit 48 anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, darunter Adolf Grimme, Erich Kästner und Marie Luise Kaschnitz) mitbegründet hatte.[5] Der nach ihr benannte Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis wird seit 1988 alle drei Jahre von der Stadt Alzey vergeben. Seit 1991 trägt auch das Gymnasium an der Frankenstraße in Alzey ihren Namen.[6]

Zur Erinnerung an Elisabeth Langgässer wurde in Alzey eine Bank aufgestellt, die ihr Konterfei in drei Lebensphasen zeigt.

Werke[Bearbeiten]

  • Der Wendekreis des Lammes (Lyrik), 1924.
  • Proserpina (Erzählung), 1932.[7]
  • Die Tierkreisgedichte (Lyrik), 1935.
  • Der Gang durch das Ried (Roman), 1936.[8]
  • Rettung am Rhein. Drei Schicksalsläufe, 1938.
  • Das unauslöschliche Siegel (Roman), Claassen Verlag, Düsseldorf 1946 und 1987, ISBN 3-546-45902-4. (Hier thematisiert sie das Schicksal ihres jüdischen Vaters, der sich taufen ließ.)
  • Der Laubmann und die Rose (Lyrik), 1947.
  • Der Torso (Kurzgeschichten), 1947.
  • Das Labyrinth (Kurzgeschichten), 1949.
  • Märkische Argonautenfahrt (Roman), 1950.
  • Gesammelte Werke (5 Bände), postum 1959–64
  • Ausgewählte Erzählungen, postum 1984, Claassen, ISBN 3-546-45837-0.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ursula El-Akramy: Wotans Rabe: die Schriftstellerin Elisabeth Langgässer, ihre Tochter Cordelia und die Feuer von Auschwitz. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-8015-0307-0.
  • Rüdiger Frommholz: Langgässer, Elisabeth. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 13, Duncker & Humblot, Berlin 1982, ISBN 3-428-00194-X, S. 596–599 (Digitalisat).
  • Carsten Dutt: Elisabeth Langgässer. In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Band 7: Kräm-Marp. De Gruyter, Berlin 2010, ISBN 978-3-11-022049-0, S. 223–227.
  • Carsten Dutt: Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. (1946). In: Elena Aggazzi, Eckart Schütz (Hrsg.): Handbuch Nachkriegskultur. Literatur, Sachbuch und Film in Deutschland (1945–1962). De Gruyter, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-022140-4, S. 445–448.
  • Carsten Dutt: Elisabeth Langgässers Modernitätsanspruch. In: Wilhelm Kühlmann, Roman Luckscheiter (Hrsg.): Moderne und Antimoderne – Der Renouveau catholique und die deutsche Literatur. Rombach Verlag, Freiburg i. Br. 2008, ISBN 978-3-7930-9546-0, S. 475–488.
  • Carsten Dutt: Elisabeth Langgässers Supranaturalismus. In: Friederike Reents (Hrsg.): Surrealismus in der deutschsprachigen Literatur. De Gruyter, Berlin 2009, S. 151–162.
  • Carsten Dutt: Elisabeth Langgässers Exposition der Schuldfrage. In: Carsten Dutt (Hrsg.): Die Schuldfrage. Untersuchungen zur geistigen Situation der Nachkriegszeit. Manutius Verlag, Heidelberg 2010, ISBN 978-3-934877-44-3, S. 65–87.
  • Daniel Hoffmann: Ariadnefaden und Auschwitznummer. Cordelia Edvardsons Errettung aus Elisabeth Langgässers Mythenkosmos. In: arcadia. Zeitschrift für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, Heft 1/2003, S. 39–54.
  • Daniel Hoffmann: „Die Welt war heil...“ Profanität und Sakralisierung der Welt in Elisabeth Langgässers Das unauslöschliche Siegel. In: Annette Deschner, Oliver Krüger, Refika Sariönder (Hrsg.): Mythen der Kreativität. Das Schöpferische zwischen Innovation und Hybris. Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2003, S. 77–91.
  • Daniel Hoffmann: „Wie ein kristallenes Bad.“ Elisabeth Langgässers Claudel-Lektüren. In: Wilhelm Kühlmann, Roman Luckscheiter (Hrsg.): Moderne und Antimoderne – Der Renouveau catholique und die deutsche Literatur. Rombach Verlag, Freiburg i. Br. 2008, ISBN 978-3-7930-9546-0, S. 447–474.
  • Sonja Hilzinger: Elisabeth Langgässer – Eine Biografie. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2009, ISBN 978-3-86650-250-5.
  • Daniel Hoffmann: Elisabeth Langgässer. An den Grenzen des aufgeklärten Selbstbewußtseins. In: Hans-Rüdiger Schwab (Hrsg.): Eigensinn und Bindung. Katholische deutsche Intellektuelle im 20. Jahrhundert. Butzon & Bercker Verlag, Kevelaer 2009, ISBN 978-3-7666-1315-8, S. 285–297.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 353.
  2. Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Gesamtausgabe. dtv, München 2008, S. 901 f., 1035.
  3. Vgl. Hilzinger 2009, S. 441.
  4. Zitat aus dem Jahr 1947, abgedruckt bei Ernst Klee: Kulturlexikon. S. 353.
  5. Michael Assmann, Herbert Heckmann (Hrsg.): Zwischen Kritik und Zuversicht. 50 Jahre Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Wallstein, Göttingen 1999, S. 22.
  6. Elisabeth-Langgässer-Gymnasium
  7. Neuauflage: Kranichsteiner Literaturverlag, Darmstadt 2014
  8. Neuauflage: Kranichsteiner Literaturverlag, Darmstadt 2002