Else Frenkel-Brunswik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Else Frenkel-Brunswik (* 18. August 1908 in Lemberg; † 31. März 1958 in Berkeley, Kalifornien) war eine Psychoanalytikerin und Psychologin.

Leben[Bearbeiten]

Sie wurde als zweite von drei Töchtern des jüdischen Warenhausbesitzers Abraham Frenkel und dessen Ehefrau Helene Frenkel geboren. Wegen eines Pogroms flüchtete die Familie 1914 nach Wien. Nach der Matura 1926 studierte sie Mathematik und Physik, anschließend Psychologie an der Universität Wien und ließ sich zur Psychoanalytikerin ausbilden. Nach der Promotion zum Dr. phil. 1930 („Das Associationsprinzip in der Psychologie“) war sie von 1931 bis 1938 Mitarbeiterin von Karl und Charlotte Bühler am Psychologischen Institut der Universität Wien (Abteilung für biografische Studien) und Lehrbeauftragte. Wegen des Anschlusses Österreichs an Deutschland 1938 musste Else Frenkel erneut fliehen; sie emigrierte in die USA. Im gleichen Jahr heiratete sie den Psychologen Egon Brunswik.

Else Frenkel-Brunswik erhielt 1938 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Von 1939 bis 1958 war sie Research Associate am Institute of Child Welfare, Department of Psychology der University of California in Berkeley, von 1944 an Lecturer, außerdem von 1944 bis 1947 Senior Staff Member der von dem Sozialpsychologen R. Nevitt Sanford und dem Psychiater und Psychologen Daniel J. Levinson geleiteten Berkeley Public Opinion Study (University of California) mit dem Hauptthema Antisemitismus. In dem gemeinsam mit dem emigrierten Frankfurter Institut für Sozialforschung begonnen Untersuchungen über Vorurteile (Studies in Prejudice) wurde Sanford 1944 zusammen mit Theodor W. Adorno Forschungsdirektor. Else Frenkel-Brunswik war maßgeblich beteiligt, insbesondere bei der Konstruktion und Auswertung der Interviews. Insgesamt hatte sie einen wesentlichen Anteil an der Forschung über die autoritäre Persönlichkeit, die als eine der großen Pionierstudien moderner Sozialforschung gilt.

Von 1947 an war Frenkel-Brunswik in verschiedenen Positionen, u.a. Research Psychologist and Psychotherapist am Cowell Memorial Hospital der University of California, Associate Research Psychologist am Institute of Industrial Relations der University of California (siehe Stichwort: Industrial relations). Mitwirkung bei zahlreichen Forschungsprojekten, u.a. auch am Institute for Social Research in Oslo. Nach dem Tod ihres Mannes Egon Brunswik (1955) verstärkten sich gesundheitliche Schwierigkeiten, die 1958 zum Suizid führten.

Im Jahr 2012 wurde in Wien Donaustadt (22. Bezirk) die Frenkel-Brunswik-Gasse nach ihr benannt.

Werk[Bearbeiten]

In ihren sozialpsychologischen Studien hat Frenkel-Brunswik eine typische Eigenschaft hervorgehoben: die Intoleranz der Ambiguität (Ambiguitätstoleranz). Damit ist das Nicht-Ertragen-Können von Mehrdeutigkeit gemeint. Einige Menschen können mehrdeutige und gegensätzliche Sachverhalte nicht ertragen und sie sind unfähig, sich in die Sichtweise anderer Menschen im Sinne eines Perspektivenwechsels hineinzuversetzen. Es herrscht dann eine starre, unflexible, zwanghafte Haltung vor; Zwischentöne und komplexe Sachverhalte irritieren und werden abgelehnt. Diese Abwehrtendenz ist eng verwandt mit der negativen Einstellung gegenüber "Andersartigem", mit Autoritarismus und Ethnozentrismus, d.h. der Ablehnung des Fremden und fremder Kulturen.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Else Frenkel, Edith Weisskopf: Wunsch und Pflicht im Aufbau des menschlichen Lebens. Gerold & Co., Wien 1937 (Psychologische Forschungen über den Lebenslauf. Herausgegeben von Charlotte Bühler und Else Frenkel. Band 1).
  • Else Frenkel-Brunswik: Motivation and behavior. Genetic Psychology Monographs. Vol. 26, 1942, S. 121-265.
  • Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson, R. Nevitt Sanford: The Authoritarian Personality. New Harper und Brothers, New York 1950.
  • Else Frenkel-Brunswik: Selected papers. Herausgegeben von Nanette Heiman und Joan Grant. International Universities Press, New York 1974.
  • Else Frenkel-Brunswik: Studien zur autoritären Persönlichkeit. Ausgewählte Schriften (herausgegeben und eingeleitet von Dietmar Paier). Bibliothek sozialwissenschaftlicher Emigranten. Bd. 3. Nausner und Nausner , Wien 1996. ISBN 3-901402-04-7
  • Else Frenkel-Brunswik, R. Nevitt Sanford: Die antisemitische Persönlichkeit. Ein Forschungsbericht. In: Erich Simmel (Hrsg.): Antisemitismus. Fischer, Frankfurt a.M. 1993, S, 119-147. (Eine frühere Fassung im Journal of Psychology, Vol. 20, 1945, S. 271-291). ISBN 3-596-10965-5
  • Nathan W. Ackerman, Theodor W. Adorno, Bruno Bettelheim, Else Frenkel-Brunswik, Marie Jahoda, Morris Janowitz, Daniel J. Levinson, Nevitt R. Sanford: Der autoritäre Charakter. Band 2: Studien über Autorität und Vorurteil. Amsterdam : De Munter, Amsterdam 1969. ISBN 3-88535-341-5
  • Dietmar Paier: Else Frenkel-Brunswik 1908-1958. Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich. Newsletter (Graz), Nr. 13, Juni 1996, S. 9-11. (siehe [1])

Weblinks[Bearbeiten]