Embodiment

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Embodiment (deutsch: Verkörperung, Inkarnation oder Verleiblichung) ist eine These aus der neueren Kognitionswissenschaft, nach der Bewusstsein einen Körper benötigt, also eine physikalische Interaktion voraussetzt. Diese Auffassung ist der klassischen Interpretation des Bewusstseins (insbesondere im Sinne des Kognitivismus und computationaler Theorien) diametral entgegengesetzt und wird als grundlegende Wende in der Kognitionswissenschaft angesehen.

Konzept[Bearbeiten]

Das Kognitionsverständnis des Embodiment entspricht etwa dem, was mittlerweile über den Vorgang der Wahrnehmung bekannt ist: Die Wahrnehmung ist demnach kein Prozess der Abbildung sensorischer Stimuli auf ein inneres Modell der Welt, sondern eine sensomotorische Koordination, die sich immer im Gesamtkonzept eines handelnden Wesens ereignet. Sie wird von der KI-Forschung als Complete agent bezeichnet.

Allgemeiner wird Embodiment zunehmend in der Psychologie (besonders der Sozialpsychologie und Klinischen Psychologie) verwendet, um die Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche zu betonen. Es ist nicht nur so, dass sich psychische Zustände im Körper ausdrücken („nonverbal“ als Gestik, Mimik, Prosodie, Körperhaltung), es zeigen sich auch Wirkungen in umgekehrter Richtung: Körperzustände beeinflussen psychische Zustände. Beispielsweise haben Körperhaltungen, die aus irgendeinem Grund eingenommen werden, Auswirkungen auf Kognition (z.B. Urteile, Einstellungen) und Emotionalität.[1]

Diese Thesen werden auch in der Soziologie und Sozialpsychologie, sowie von einigen theoretischen Biologen bereits seit längerem vertreten. So wurde von Jakob Johann von Uexküll seit 1909 eine „Umweltlehre“ entwickelt, nach der Wahrnehmung auf einen Funktionskreis angewiesen ist, für den sowohl „Wirkorgane“ (der Bewegungsapparat) als auch Sinnes- bzw. „Merkorgane“ konstitutiv sind (vgl. auch Eigenbewegung (Anthropologie)).[2][3] Als Grundlage können daneben die Theorien von George Herbert Mead und aus der Leibphänomenologie Merleau-Ponty, Hermann Schmitz und Sozialphänomenologie Alfred Schütz genannt werden. In neueren Diskussionen wurde diese Erkenntnis durch soziologische Praxistheorien (vgl. Pierre Bourdieu und Anthony Giddens) bzw. Theorien im Zuge des sozialtheoretischen 'practice turn' wiederentdeckt.[4]

Ein Verbindungsstück zwischen den Konzepten findet sich in der Activity Theory, die von Vygotsky begründet wurde. Auch die interpretative Videoanalyse in den Workplace Studies, die den theoretischen Ansatz der Ethnomethodologie vertreten, haben sich bereits in den 1980ern intensiv mit dem Konzept des Embodiment auseinandergesetzt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Marianne Leuzinger-Bohleber, Robert N. Emde, Rolf Pfeifer (Hrsg.): Embodiment – ein innovatives Konzept für Entwicklungsforschung und Psychoanalyse. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2013, ISBN 978-3-525-45130-4
  • Shaun Gallagher: How the Body Shapes the Mind. New York: Oxford University Press 2005, ISBN 978-0-19-920416-8
  • Sabine Koch: Embodiment. Der Einfluss von Eigenbewegung auf Affekt, Einstellung und Kognition. Experimentelle Grundlagen und klinische Anwendungen. Berlin: Logos 2011.
  • Andy Clark: Being There: Putting Brain, Body, and World Together Again. Bradford Book, 1998, ISBN 978-0-262531-56-6
  • Mark Johnson: The Body in the Mind: The Bodily Basis of Meaning, Imagination, and Reason. Chicago : Univ. of Chicago Press 1987
  • George Lakoff, Mark Johnson: Philosophy in the Flesh, Basic Books, 1999, ISBN 978-0-46-505674-3
  • Louise Barrett: Beyond the Brain. How Body and Environment Shape Animal and Human Minds. Princeton University Press, 2011
  • Jin Hyun Kim: Embodiment in interaktiven Musik- und Medienperformances unter besonderer Berücksichtigung medientheoretischer und kognitionswissenschaftlicher Perspektiven. epOs-Music, Osnabrück 2012, ISBN 978-3-940255-20-4.
  • Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin: de Gruyter 1966.
  • Rolf Pfeifer und Josh C. Bongard: How the Body Shapes the Way We Think. A New View of Intelligence. Cambridge: MIT Press 2006.
  • Thomas Schubert und Steffen Giessner: The Naked Power: Understanding Nonverbal Communications of Power, in: In-Mind-Magazine 5, 2008.
  • Patrick Spät: Enactivism, leibhaftige Qualia und Panpsychismus, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 33(3), 2008, S. 237–262.
  • Evan Thompson: Mind in Life. Biology, Phenomenology, and the Sciences of Mind. Cambridge: Harvard University Press 2007.
  • Francisco Varela, Evan Thompson und Eleanor Rosch: The Embodied Mind. Cognitive Science and Human Experience. Cambridge: MIT Press 1991.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Tschacher und Maja Storch: Die Bedeutung von Embodiment für Psychologie und Psychotherapie (PDF; 1,0 MB), in Psychotherapie 17. Jahrg. 2012, Bd. 17, Heft 2
  2. Jakob Uexküll und Georg Kriszat: „Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen - Ein Bilderbuch unsichtbarer Welten / Bedeutungslehre.“ Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1983, S. 16.
  3. Zur Vorwegnahme des Embodiment durch Uexkülls Funktionskreis Frank Schneider: „Positionen der Psychiatrie.“ Springer, 2011, ISBN 3-642-25475-6, S. 256.
  4. Theodore R. Schatzki, Karin Knorr-Cetina und Eike von Savigny: The Practice Turn in Contemporary Theory. London: Routledge, 2001