Emetophobie

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Klassifikation nach ICD-10
F40.2 Spezifische (isolierte) Phobien
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Die Emetophobie ist eine relativ unbekannte phobische Erkrankung, bei der der Patient eine oftmals unerklärliche, völlig irrationale Angst vor jeglicher Art des Erbrechens hat. Gemäß der Klassifikation handelt es sich um eine spezifische Phobie.

Typisches Symptom ist die Angst

  • sich selbst zu übergeben, unabhängig davon, ob alleine oder in der Anwesenheit anderer
  • miterleben zu müssen, wie andere Personen oder Tiere sich übergeben
  • vor jeglicher Konfrontation mit dem Thema, z. B. durch Medien oder in Gesprächen

Erscheinungsbild[Bearbeiten]

Wie in der ersten Internetstudie zur Emetophobie[1] herausgefunden wurde, bestätigen weitere Ergebnisse, dass der Beginn der Angst meist in der Kindheit liegt. Ein wesentliches, auch diagnostisches Merkmal, ist ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten der gefürchteten Situationen und Reize. Die Forschergruppe um Lipsitz[1] berichtete, dass 62 % der befragten Emetophobiker soziale Einbußen in Kauf nahmen, 34 % familiäres Vermeidungsverhalten aufwiesen, ca. 20 % der Betroffenen Probleme mit der Arbeitswelt hatten, 9 % Schwierigkeiten in der Schule hatten und 70 % berichteten eine Beeinträchtigung der Freizeitaktivitäten. Es ist auch durchaus üblich, dass die Betroffenen den Kontakt mit Kindern oder schwangeren Frauen meiden, da diese in den Augen eines Emetophobikers eine hohe Neigung zum Erbrechen haben. Dementsprechend fanden Lipsitz und seine Forschergruppe[1], dass 44 % der weiblichen Betroffenen eine Schwangerschaft aus Angst vor der damit verbundenen Übelkeit und dem Erbrechen mieden. Ein weiteres Viertel der Befragten berichtete, dass sie eine Schwangerschaft aus diesem Grund zwar gefürchtet hatten, aber ihrem Kinderwunsch trotzdem nachgegeben hatten. Schließlich meinten auch 12 % der Emetophobikerinnen, dass sie die Schwangerschaft wegen der Angst vor dem Erbrechen besonders unangenehm erlebt hatten.

Insbesondere ist das Essverhalten bei vielen Betroffenen gestört, da manche Betroffene auf Grund ihrer Phobie nur sehr wenig oder unregelmäßig essen können oder bestimmte Nahrungsmittel meiden. Drei Viertel der Befragten einer Studie[1] gaben an, dass sie eben auf eine gewisse Art und Weise essen bzw. nur bestimmte Lebensmittel zu sich nehmen und/oder bestimmte Rituale rund um das Essen pflegten, z. B. exzessives Waschen oder wiederholtes Überprüfen der Haltbarkeit der Lebensmittel, da sie befürchten vielleicht ein Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, das bereits verdorben sein könnte. So vermeiden auch viele Emetophobiker Restaurantbesuche, da sie dort die hygienische Zubereitung sowie die Haltbarkeit der Lebensmittel nicht überprüfen können.

Boschen [2] betont, dass all diese Aspekte der Emetophobie einen stark somatischen Charakter haben. Neben der beschriebenen Angst und dem Vermeidungsverhalten kommen zahlreiche körperliche Begleitsymptome, wie anhaltende Übelkeit, hinzu sowie evtl. Bauchschmerzen, Durchfall, Reizmagen/-darm, Sodbrennen, Erbrechen, Schwindel, schüttelfrostähnliches Zittern, Ohnmachtsgefühl (ausgelöst durch stundenlanges Nichts-Essen)... weswegen eine Emetophobie auch von Ärzten oft nicht erkannt und falsch diagnostiziert wird. Boschen [2] meint dazu, dass besonders diese gastrointestinalen Symptome von Emetophobikern geradezu heraufbeschworen werden, da sie erwartet werden. Diese Erwartung führt zu einer erhöhten Aufmerksamkeit auf Anzeichen einer möglichen Übelkeit. Solche Überreaktionen sind genau das, was eine Störung von der Normalität unterscheidet. Die erste Internetstudie mit Emetophobikern [1] fand, dass die Hälfte der Befragten an Panikattacken mit Symptomen wie Übelkeit (82 %), Atemlosigkeit (62 %) und Magenproblemen (57 %) litt. Andere psychische Störungen, die auch in dieser Studie von den Betroffenen selbst angegeben und daher wie in unserer Studie nicht zwingend von einem Arzt oder Psychologen diagnostiziert worden waren, sind demgemäß spezifische Phobien bei 30 %, insbesondere verbunden mit Ekelreaktionen. 40 % berichteten, sie hätten eine Panikstörung oder Agoraphobie. 46 % berichteten von Depressionen, 21 % von sozialer Phobie und 18 % von Zwangsstörungen. In der neuesten Internetstudie [3] leidet die Mehrheit der befragten Emetophobiker an Übelkeit und an den oben beschriebenen körperlichen Komorbiditäten, wie auch an zahlreichen psychischen Komorbiditäten.

Die Emetophobie wird aufgrund der Tatsache, dass Emetophobiker teilweise untergewichtig sind, manchmal fälschlicherweise als Anorexie diagnostiziert. Das Untergewicht resultiert jedoch meistens aus der Angst, etwas Verdorbenes zu essen oder gar zu viel zu sich zu nehmen, so dass bestimmte Sachen, wie z. B. Fettes, Kalorienhaltiges, leicht Verderbliches, Speisen mit rohen Eiern, gemieden werden. Trotzdem muss individuell bestimmt werden, ob es sich um eine reine Emetophobie oder eine Komorbidität, also das gemeinsame Auftreten einer Phobie und einer Essstörung handelt. Diese Kodiagnose ist nur zulässig, wenn die Kriterien für beide Störungen erfüllt sind und nicht eine Störung besser durch die andere erklärt wird. In der Regel ist aber Anorexie nicht zwingend eine Begleiterscheinung. Viel häufiger ist z. B. das gemeinsame Auftreten von Emetophobie und Depressionen [3].

Diagnose[Bearbeiten]

Bei der Diagnose der Emetophobie spielt ihre mangelnde Bekanntheit[4] und der Mangel an Diagnostikinstrumenten eine wesentliche Rolle. Es gibt demnächst von niederländischen Forschern (Bouman & vanHout, in preparation) einen Fragebogen zur Emetophobie, der von Insidern[5] schon in der Forschung angewandt wird. Der Emetophobia Questionnaire enthält 115 Fragen, die sich auf die Gedanken rund um das Erbrechen, körperliche Empfindungen, Angst vor dem Erbrechen (z. B. „Ich habe Angst davor, dass mir übel wird.“), Vermeiden von Situationen die im Bezug zum Erbrechen stehen (z. B. „Ich vermeide die Nähe zu Personen die aussehen, als könnte ihnen übel sein.“) und die Konsequenzen der Emetophobie für den Alltag (z. B. „Wegen der Angst vor dem Erbrechen habe ich an Gewicht verloren.“). Die Fragen bzw. eigentlich Aussagen müssen auf einer Skala von 1 (überhaupt nicht) bis 5 (sehr viel) bewertet werden. Die 16 Aussagen, welche die Konsequenzen der Emetophobie betreffen enthalten außerdem die Wertung 0 für „nicht passend“ für Teilnehmer ohne emetophobische Befürchtungen. In Anlehnung an die klinisch-diagnostischen Leitlinien des ICD-10 der WHO [6][7] sind die untersuchten Symptome, die notwendig sind, um eine spezifische Phobie zu diagnostizieren:

  • Die Angst ist stark ausgeprägt und besteht seit langer Zeit.
  • Die Person ist sich bewusst, dass diese Angst übertrieben, also unangemessen ist.
  • Die phobischen Situationen werden gemieden oder nur unter Angst oder starkem Unbehagen ertragen (Vermeidungsverhalten).
  • Die Angst führt zu einer deutlichen Einschränkung der beruflichen, schulischen oder sozialen Aktivitäten bzw. der Lebensführung.

Diese Angst äußert sich in Herzrasen, Schweißausbrüchen, Realitätsverlust, Beklemmungsgefühlen, Schwindelanfällen usw. bei Konfrontation mit dem Reiz bzw. ist unterschwellig ständig vorhanden. Daraus ergibt sich dann auch der Punkt zum Vermeidungsverhalten, der sich insbesondere so darstellt, dass die Betroffenen öffentliche Orte und Veranstaltungen meiden, ebenso wie Kinofilme, gewisse Lebensmittel usw. Dieses Vermeidungsverhalten ist gleichzeitig auch der Nährboden für die Einschränkungen in den diversen Lebensbereichen. Im ICD-10 [7] sind spezifische Störungen wie die Emetophobie abzugrenzen von der Nosophobie und der Dysmorphophobie, zwei vermeintliche Angsterkrankungen, die eigentlich als hypochondrische Störungen klassifiziert werden. Dabei beschäftigen sich die Betroffenen intensiv mit der Vorstellung, an einer oder mehreren schweren und fortschreitenden körperlichen Krankheiten zu leiden. Tatsächlich entwickeln solche Patienten körperliche Beschwerden, aber auch normale oder allgemeine Körperwahrnehmungen und Symptome werden als krankhaft aufgefasst. Die Angst konzentriert sich meist auf ein bis zwei Organe. Die Abgrenzung ist für alle, die an Übelkeit leiden eine möglicherweise schwierige Angelegenheit. Steht die Angst davor, krank zu sein, über der Angst vor dem Erbrechen, so sollte wirklich überlegt werden, ob die Emetophobie nicht die falsche Diagnose ist.

Häufigkeit[Bearbeiten]

Die Emetophobie ist gar nicht so selten, wie man aufgrund ihrer Unbekanntheit meinen würde (Rink, 2006)[8] . Es gibt Prävalenzschätzungen von verschiedenen Forschern. Die Prävalenz ist das Auftreten einer Störung in der Bevölkerung. Die vermuteten Zahlen reichen von 1,7 bis 3,1 % für Männer und 6 bis 7 % für Frauen (Philips, 1985 [9]; vanHout, Lansink, & Bouman, 2005[10]). Offensichtlich gibt es also mehr Frauen als Männer unter den Emetophobikern. Die erste Internetstudie [1] fand unter den vorwiegend amerikanischen Teilnehmern 89 % weibliche Emetophobiker, ein englisches Forscherteam (Veale & Lambrou, 2006)[11] kam sogar auf 97 % Frauen, in den Niederlanden [5] waren 88 % weibliche Teilnehmer in der Studie.

Soziales[Bearbeiten]

Das Vermeidungsverhalten der Emetophobiker führt oftmals zur sozialen Abkapselung. Verabredungen mit Freunden werden meist unverbindlich belassen ("man weiß ja nicht, wie es einem geht") oder auch kurzfristig und regelmäßig abgesagt, manchmal durch Lügen aus Scham vor der eigentlichen Ursache, was dann wiederum als Lustlosigkeit und mangelndes Interesse fehlinterpretiert wird. Betroffene leiden - wie bei vielen anderen psychischen Störungen - oft an einem sehr geringen Selbstwertgefühl, fühlen sich nutz- und wertlos. Das "Sich-nicht-verstanden-fühlen" spielt auch eine große Rolle. Für Angehörige ist diese Erkrankung nur schwer nachvollziehbar. Auch das eigene Selbstvertrauen wird in Mitleidenschaft gezogen, da das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit und Machtlosigkeit nur schwer zu ertragen ist. Die Folgen sind nicht selten Depressionen und Phobophobien. Schlimmstenfalls gehen die Menschen am Ende kaum mehr aus ihrer Wohnung, selbst im Supermarkt um die Ecke einkaufen zu gehen gestaltet sich als fast unüberwindbares Hindernis.[3] Es gibt auch Fälle, in denen die Emetophobie gemeinsam mit einer sozialen Phobie auftritt.

Ursache[Bearbeiten]

Die Ursache von Emetophobie ist bislang nicht bekannt. Es existieren Vermutungen über traumatisierende Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Übergeben. Auch traumatisierende Erlebnisse im Kindesalter (wie zum Beispiele eine schwere Magen-Darm-Grippe) können dazu führen. Über Missbrauch im Kindesalter wird diskutiert, doch diese Behauptung lässt sich empirisch nicht belegen. Ein brauchbares Erklärungsmodell bietet das bio-psycho-soziale Modell, das neben prädisponierenden Risikofaktoren auf Auslöser und aufrechterhaltende Faktoren berücksichtigt, u. z. auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene. So ein prädisponierender psychologischer Faktor ist eine diskutierte Ekelneigung [5] . Als aufrechterhaltender Faktor kann eine Neigung zum Somatisieren [2] gesehen werden: Die Übelkeit führt zu vermehrtem Vermeidungsverhalten.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Yvonne Höller; Michaela Complojer: Emetophobie – Die Angst vor dem Erbrechen. Rhombos Verlag, 2009, ISBN 978-3-941216-05-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Lipsitz, JD, Fyer, AJ, Paterniti, A, Klein, D. 2001. Emetophobia: Preliminary Results of an Internet Survey. Depression and Anxiety, Ausgabe 14: Seiten 149-152.
  2. a b c Boschen, M.J. (2007). Reconceptualizing emetophobia: a cognitive-behavioural formulation and research agenda. Journal of Anxiety Disorders, 21(3), 407-419.
  3. a b c Höller, Y. & Complojer, M. (2009). Emetophobie - Die Angst vor dem Erbrechen. Berlin: Rhombos-Verlag. ISBN 978-3-941216-884
  4. Nigbur, K., Bohne, A., & Gerlach, A. L. (2007). Emetophobie - pathologische Angst vor Erbrechen: Eine Internetstudie. Münster: Psychologisches Institut I, Westfälische Wilhelms-Universität.
  5. a b c van Overveld, W. J. M., De Jong, P. J., Peters, M. L., van Hout, W.J.P.J., & Bouman, T. K. (2008). An internet-based study on the relation between disgust sensitivity and emetophobia. Journal of Anxiety Disorders, 22(3), 524-531.
  6. WHO, (1991/1993). Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. (1./2. Aufl.). Bern: Huber.
  7. a b WHO, (2000). Internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme 10. Revision.
  8. Rink, K., (2006). Kognitive Verhaltenstherapie bei phobischer Angst vor dem Erbrechen. Psychotherapeut, 51, 223-228.
  9. Philips, H. C. (1985). Return of fear in the treatment of a fear of vomiting. Behaviour Research and Therapy, 23(1), 45-52.
  10. van Hout, W. J. P. J., Lansink, P.O., & Bouman, T. K. (2005). De fenomenologie en comorbiditeit van emetofobie (angst voor overgeven). Gedragstherapie, 38, 49-64.
  11. Veale, D., & Lanbrou, C. (2006). The Psychopathology of Vomit Phobia. Behavioural and Cognitive Psychotherapy , 34(2), 139-150.
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