Emil Fischer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hermann Emil Fischer (1902)

Hermann Emil Fischer (* 9. Oktober 1852 in Euskirchen; † 15. Juli 1919 in Berlin) gilt als Begründer der klassischen organischen Chemie und erhielt 1902 den Nobelpreis für Chemie für bahnbrechende Arbeiten auf dem Gebiet der Zuckerchemie. Die „Fischer-Projektion“ ist ein wichtiges Hilfsmittel bei der Festlegung räumlicher Molekül-Strukturen. Er entdeckte das Phenylhydrazin und nutzte das Reagenz zur Bestimmung von Ketonen und Aldehyden in Zuckern. Außerdem klärte er die Stereochemie der Zuckermoleküle auf und synthetisierte Zuckermoleküle. Fischer hat auch die Aminosäuren der Proteine untersucht und kleinere Peptide synthetisiert. Er war Wegbereiter für die Synthese der Diethyl-Barbitursäure (Veronal®).

Biografie[Bearbeiten]

Herkunft und Familie[Bearbeiten]

Emil Fischer wuchs in Euskirchen als Letztgeborener und einziger Sohn neben fünf Schwestern des Laurenz Fischer (1807–1902) und seiner Ehefrau Julie Poensgen (1819–1882) auf, Tante des Düsseldorfer Industriellen Carl Poensgen (1838–1921). Im Februar 1888 heiratet er in Erlangen Agnes Gerlach (etwa 1861 – 12. November 1895), Tochter des dortigen Anatomie-Professors Joseph von Gerlach. Das Paar bekam drei Kinder: den späteren Chemiker Hermann Otto Laurenz Fischer (16. Dezember 1888 – 9. März 1960), Walter (5. Juli 1891 – 4. November 1916) und Alfred (3. Oktober 1894 – 29. März 1917).[1][2]

Laufbahn[Bearbeiten]

Emil Fischer an der LMU München
Berliner Gedenktafel am Haus, Hessische Straße 1, in Berlin-Mitte

Emil Fischer absolvierte 1869 als Primus das Abitur. Zunächst wollte er Mathematik und Physik studieren, was jedoch von seinem Vater abgelehnt wurde, der die Fächer als zu abstrakt und brotlose Kunst ansah. Eine Kaufmannslehre brach Fischer ab, um dann ab Ostern 1871 Chemie an der Universität Bonn zu studieren. Als Grund des Abbruchs nannte er selbst „völlige Begabungslosigkeit“, einige Biographen nennen gesundheitliche Gründe, aber es scheint damit auch ein Vater-Sohn-Konflikt verbunden gewesen zu sein. Sein Vater, der ein erfolgreicher Unternehmer war und die kaufmännische Laufbahn für seinen einzigen Sohn anstrebte, soll danach gesagt haben: „Der Junge ist zum Kaufmann zu dumm, er soll studieren“.[1]

Ab Herbstsemester 1872 studierte Fischer in Straßburg, wo er 1874 bei Adolf von Baeyer über die Acylierung von Phenolphthaleinfarbstoffen promovierte, nachdem er sein erstes Promotionsthema hatte abbrechen müssen, weil ihm beim Experimentieren eine wichtige Apparatur zu Bruch gegangen war. Bereits während des Studiums wurde einer seiner Dozenten, der Chemiker Friedrich Rose so von seinen analytischen Fähigkeiten beeindruckt, dass er den jungen Studenten mit der Analyse des Wassers einer Mineralquelle im Oberelsass beauftragt hatte. Mit einer Arbeit über Hydrazine wurde er 1878 in München habilitiert, und dorthin bereits 1879 als Professor für analytische Chemie berufen. Nach einer Zwischenstation in Erlangen (1882–1884) übernahm er 1885 die Institutsleitung in Würzburg (1885–1892). Sein Vetter Otto Fischer übernahm den Lehrstuhl in Erlangen. Unter seiner Planung entstand in Würzburg das neue Gebäude am Pleicherring 11 mit angegliederter Dienstvilla. 1892 folgte er jedoch dem hochdotierten Ruf als Nachfolger für den unerwartet verstorbenen August Wilhelm Hofmann nach Berlin.

Einsatz für den Ersten Weltkrieg[Bearbeiten]

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Emil Fischer einer der ersten Unterzeichner[3] des Manifests der 93 „An die Kulturwelt!“ vom 4. Oktober 1914,[4] welches den völkerrechtswidrigen Einfall deutscher Truppen in Belgien als gerechtfertigt hinstellte, offensichtlich wahrheitswidrig Kriegsgräuel deutscher Truppen in Belgien bestritt, den westlichen Kriegsgegnern vorhielt, dass sie „sich mit Russen und Serben verbünden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen“, und geltend machte, „ohne den sogenannten deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt.“

Während des Kriegs gehörte Fischer dann zu der großen Anzahl deutscher Nobelpreisträger und sonstiger Spitzenforscher, die ihre Tätigkeit weitgehend an den Anforderungen des Militärs ausrichteten. Der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn hatte im Oktober 1914 Walther Nernst und den Artilleriesachverständigen in der Obersten Heeresleitung Major Michelis damit beauftragt, für eine „Steigerung der Geschoßwirksamkeit“ durch Munition, die nicht tödlich wirkende Reizstoffe enthielt, zu sorgen.[5][6] Fischer wurde wie weitere Wissenschaftler und Vertreter der Industrie wie vor allem Carl Duisberg, promovierter Chemiker und langjähriger Bekannter Fischers, bald hinzugezogen. Ab Mitte 1915 nannte sich diese Gruppe inoffiziell „Beobachtungs- und Prüfungs-Kommission für Sprengungs- und Schiess-Versuche“, abgekürzt „Nernst-Duisberg-Kommission“.

Fischer durfte sich dabei in Übereinstimmung sehen mit Fachkollegen der gegnerischen Seite: Am 22. Oktober 1914 sandte er Duisberg einen Leserbrief aus The Times, in dem der Brite William Ramsay, der zwei Jahre nach ihm den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte, den Chemiefirmen seines Landes anbot, auf der Arbeitsstelle eines jungeren Chemikers einzuspringen, damit dieser an die Front konnte. Daraus folgerte Fischer: „Er wird sich drum nicht wundern, dass auch seine Freunde in Deutschland ahnlich handeln.“[7]

Nachdem das Verschießen von lediglich als Reizstoff wirkenden Substanzen ohne ausreichende Wirkung an der Front geblieben war, wandte sich von Falkenhayn am 18. Dezember 1914 an Fischer und mahnte „etwas“ an, „was die Menschen dauernd kampfunfähig macht“.[5] Fischer distanzierte sich davon nicht, sondern sah lediglich technische Probleme: Er erläuterte dem Minister, wie er wenige Tage darauf Duisberg berichtete, wie schwierig es sei, Stoffe zu finden, die bei den starken Verdünnungen im Gefechtsfeld noch tödlich wirkten.[2][8] Trotz seiner Skepsis führte Fischer Ende 1914 ähnlich wie Nernst Voruntersuchungen mit Blausäure durch. Nernst hatte er sogar auf dessen Bitte hin hierfür eigens „wasserfreie Blausaure hergestellt“.[9][10] Die Vorversuche fielen aber bei beiden nicht überzeugend aus.[11]

In den folgenden Wochen begann sich ohnehin Fritz Haber zunehmend als Organisator und Koordinator der Kräfte von Militär, Wissenschaft und Industrie durchzusetzen, und er war die treibende Kraft dafür, dass erstmals im April 1915 in der Zweiten Flandernschlacht durch das Abblasen von Chlorgas entgegen der Annahme Fischers doch mehrere tausend Soldaten der Gegenseite ums Leben kamen. Fischer sah auch darin offenkundig nichts Verwerfliches. Vielmehr riet er seinem Sohn Hermann am 13. Juli 1915:

„Sollte es Dir aber einmal schlecht gehen, so würde die Möglichkeit bestehen, Dich in eines der beiden Regimenter zu bringen, welche die Haber'sche Stinkmethode praktisch ausüben. Herr Haber war neulich bei mir und ist bereit, Dich zu nehmen; er kann das auf dem Wege des Kommandos rasch erreichen. Bei seinem jetzigen Regiment im Osten sind eine ganze Reihe Chemiker und Physiker, z.B. Professor Weisenheimer, Professor Hahn, Dr. Westphal, Professor von Baeyer usw., also eine sehr nette Gesellschaft.“

In den folgenden Jahren sollte das „Büro Haber“ immer mehr Spitzenwissenschaftler, sachlich-finanzielle Mittel und politische Unterstützung zur Forschung, Erprobung und Massenproduktion chemischer Kampfstoffe an sich ziehen. Fischer dagegen war, abgesehen von seinem frühen und gescheitertem Versuch mit Blausäure, in diesem Bereich nicht direkt tätig, auch wenn einige Autoren dies ohne Angabe von Details geltend machen und er bald zusammen etwa mit Haber und Nernst auf diversen Kriegsverbrecherlisten der Entente stand.[12][13]

Grundsätzlich aber befürwortete Fischer den Einsatz chemischer Kampfstoffe und förderte daher nach Kräften damit zusammenhängende Bereiche der Kriegsforschung und Kriegswirtschaft. Dabei konnte er auf langjährige Kontakte zurückgreifen, vor allem auf sein gutes Verhältnis zu Duisberg. Der hatte bereits 1904 Fischer für eine Interessengemeinschaft großer deutscher Chemie-Unternehmen zu gewinnen gesucht. Über Jahrzehnte hinweg war Fischer zudem prominentes Mitglied der Deutschen Chemischen Gesellschaft, Duisberg des Vereins Deutscher Chemiker. Außerdem hatte Fischer bereits 1905 mit Nernst und Wilhelm Ostwald versucht, durch eine Denkschrift die Gründung einer Chemischen Reichsanstalt analog zur bestehenden Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (PTR) anzustoßen und hierzu 1908 einen Verein gegründet. Solche und weitere langjährige Zusammenarbeit und Kontakte nützte Fischer nun für die Kriegsforschung.

Dazu gehörte beispielsweise die Sicherstellung ausreichender Mengen an Sprengstoff und damit von dessen Vorprodukt Salpeter. In enger Abstimmung mit Duisberg trieb er gleich nach Kriegsausbruch ein Abkommen mit Unternehmen wie Bayer, BASF und Hoechst voran, das dann Mitte Januar 1915 unterzeichnet wurde. Die Berliner Illustrirte Zeitung lobte:[14] „Emil Fischer steht als weitblickender Berater der Kriegs-Rohstoffabteilung zur Seite.“ Zur Stabilisierung des Sprengstoffes entwickelte er Anilin-Harnstoff-Derivate. In den Kokereien, die heimische Kohle verarbeiteten, förderte er das Aufstellen von Gaswäschern, die Toluol und Benzol extrahierten, und verringerte so die Abhängigkeit von importiertem Erdöl für die Herstellung des Sprengstoffs TNT und von Treibstoff für den militärischen Fuhrpark. Bisher importierter Natur-Kautschuk wurde dank seiner Forschungen zunehmend durch synthetischen Methylkautschuk ersetzt.

Insgesamt war Fischer während des Ersten Weltkriegs in unzähligen Gremien und Einrichtungen von Staat, Wissenschaft und Industrie tätig. Dazu gehörten einige, deren Aufgabe und Zusammensetzung nach Möglichkeit geheim gehalten wurde, wie die 1916 gegründete Kaiser-Wilhelm-Stiftung für kriegstechnische Wissenschaft (KWKW), in der Fischer den Vorsitz im Fachausschuss I innehatte, der sich mit Rohstoffen für Munition, mit Verkehrs- und Ernährungsfragen befasste.[2] Zu den Vorständen der übrigen fünf Fachausschüsse der KWKW gehörten vor allem Haber (Fachausschuss II – Chemische Kampfstoffe) und Nernst (Fachausschuss III – Physik). Unverfänglich waren dagegen Gremien wie der „Nährstoff-Ausschuss“ und der „Kriegsausschusses für Ersatzfutter“, in dem Fischer ebenfalls Mitglied war.[2]

Die letzten Jahre[Bearbeiten]

Zu Ende des Krieges machte Fischer als einer von wenigen Spitzenwissenschaftlern deutlich, dass er die Unterstützung des Aufrufs von 1914 bereute. Der Krieg sei „ein schlechtes Geschäft, das liquidiert werden“ müsse.[15] In verschiedenen Schreiben ließ er erkennen, dass er unter der abzusehenden Niederlage Deutschlands und dem befürchteten Niedergang der deutschen Wissenschaft seelisch litt. Hinzu kamen immer wieder persönliche Schicksalsschläge:[1] Fischers Ehefrau war 1895, ein halbes Jahr nach Geburt des dritten Kindes, an einer Meningitis bei Sinusitis frühzeitig verstorben. Hinzu kam der frühe Tod von zwei Söhnen: Bei Walter, nach Darstellung des Vaters in der Jugend durch Krankheiten geschwächt und 1910 wegen „Herzbeschwerden“ aus dem Wehrdienst vorzeitig entlassen, zeigte sich spätestens 1913 eine manisch-depressive Erkrankung. Schließlich nahm er sich in einer geschlossenen Anstalt 1916 das Leben. Alfred starb 1917 an einer Fleckfieber-Infektion, die er sich während seiner Ausbildung zum Arzt in einem Lazarett zugezogen hatte.

Duisberg machte zwar in einem Nachruf geltend,[2] bei Fischer sei nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs „ein überraschender Umschwung [eingetreten]. Er fand in der jetzt bei ihm sofort wieder einsetzenden Forschungstätigkeit die Kraft zu neuem Leben und Aufstieg. Die Arbeit und ihr Erfolg machten ihn wieder heiter und froh“. Während einer Sitzung nur 10 Tage vor seinem Selbstmord habe er „als einer der Fröhlichsten mitten unter uns“ gesessen.

Allerdings war Fischers Gesundheit zu Ende des Ersten Weltkriegs nicht nur durch sein Alter, die schlechte Lebensmittelversorgung in den Kriegsjahren und harte Arbeit eingeschränkt. Er hatte außerdem nach eigener Angabe schon vor seinem 18. Lebensjahr eine erste als „Gastritis“ bezeichnete Erkrankung gehabt, die sich zeitlebens wiederholen und Grund für mehrfache lange Arbeitsausfälle sein sollte. Schließlich hatte nach seiner Auffassung sein langjähriger ungeschützter Umgang mit Phenylhydrazin zu einer „chronischen Vergiftung [geführt], die im Herbst 1891 auftrat und in sehr lästigen Störungen der Darmtätigkeit, namentlich in nächtlichen Koliken und Durchfällen sich äußerte.“ Im Frühjahr 1918 erkrankte er an einer „Gallenblasenentzündung“ und einer „Lungenentzündung“. Mitte Juli 1919 eröffnete ihm der Chirurg August Bier nach einer Untersuchung, er habe „Darmkrebs“. Angesichts der damaligen diagnostischen Möglichkeiten muss die wahre Art und Ursache dieser Erkrankung offenbleiben (s. Diskussion). Jedenfalls ordnete Fischer in den folgenden drei Tagen seine Papiere, übermachte seinem Sohn Hermann einen größeren Betrag, übereignete das übrige Vermögen der Akademie der Wissenschaften zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und setzte in Beisein seines Sohnes und der Haushälterin seinem Leben durch Einnahme von Zyankali ein Ende.[2][16][17]

Emil Fischer wurde in einem Ehrengrab auf dem Friedhof Wannsee, Lindenstraße beigesetzt.

Wissenschaftliches Werk[Bearbeiten]

Emil-Fischer-Denkmal im Vorgarten des Max-Planck-Instituts für Zellphysiologie (dem heutigen Gebäude des Archivs der Max-Planck-Gesellschaft) in Berlin-Dahlem
Denkmal für Emil Fischer auf dem Robert-Koch-Platz in Berlin-Mitte

Fischer war ein Meister der Strukturaufklärung von Naturstoffen.

Die Auffindung des Phenylhydrazins verdankte Fischer einem Zufall als Praktikumsassistent in Straßburg. Bei der von einem Praktikanten durchgeführten Diazotierung wurden braune Zwischenprodukte erhalten. Fischer untersuchte die Reaktion mit Natriumsulfit und erhielt das gelbe Phenylhydrazin. Seine erste Abhandlung zum Phenylhydrazin schrieb er 1875.[18] Später schrieb er ausführliche Abhandlungen über diese Verbindung.[19][20]

Mit Phenylhydrazin konnte Fischer auch Aldehyde und Ketone unterscheiden und als Phenylhydrazone charakterisieren.[21]

Zuckerchemie[Bearbeiten]

Mit Phenylhydrazin konnte er die freie Carbonylgruppe von Zuckern derivatisieren, später im Jahr 1891 klärte er die Konfiguration von D-Glucose, D-Mannose und D-Arabinose auf. Die Schlussfolgerung zur Strukturaufklärung der Zucker ist als Fischerscher Beweis bekannt.

Die Bestimmung der Zuckermoleküle wurde durch mehrere Entdeckungen begünstigt:

  • 1. Phenylhydrazin als Nachweisreagenz für Aldehyde und Ketone (E. Fischer 1875)
  • 2. Kettenverlängerung um eine Kohlenstoffeinheit mittels Cyanhydrin (Kiliani 1885, E. Fischer und O. Piloty[22])
  • 3. Reduktion der Lacton-Bindung mit Na-Amalgam (Emil Fischer 1889[23])
  • 4. Abtrennung von Zuckern durch Enzyme und Alkaloide[24] und Bestimmung der absoluten Konfiguration am asymmetrischen Kohlenstoffatom[25]
  • 5. Entwicklung einer Abbaumethode von Zuckern um ein Kohlenstoffatom nach A. Wohl[26]

Bei Untersuchungen der räumlichen Gestalt von Zuckermolekülen fand Fischer, dass Zucker in Gegenwart von Aceton auskristallisieren (Acetalbildung).[27] Die kristallinen Acetonverbindungen des Zuckers führten zu einem besseren räumlichen Verständnis der Zuckermoleküle. Von großer Bedeutung für die Stereochemie war die Theorie des asymmetrischen Kohlenstoffatoms nach der Theorie von Jacobus Henricus van't Hoff und Joseph Achille Le Bel. Auch die Waldensche Umkehr (Paul Walden) am optisch aktiven Kohlenstoffatom konnte in der Zuckerchemie nachgewiesen werden.

Aufgrund der vielen Erkenntnisse konnte er eine Totalsynthese von optisch aktiven Zuckern der Mannitreihe vornehmen und die Nomenklatur bearbeiten.[28]

Nur bei exakter Stereochemie der Zucker wurden diese von pflanzlichen und tierischen Körpern umgewandelt, so dass Fischer das Schlüssel-Schloss-Prinzip(1894) formulierte.[29]

Durch seine Arbeiten über die Stereochemie der Zucker und das optische Drehvermögen von Zuckerlösungen konnte er Van' t Hoffs Theorie zur Chiralität einen angemessenen Raum in der organischen Chemie geben. Nach Fischer wurden die Fischer-Nomenklatur und eine dreidimensionale Moleküldarstellungsmethode (Fischer-Projektion) benannt.

Aminosäuren, Peptide[Bearbeiten]

Ab 1900 untersuchte Emil Fischer auch die Peptidsynthese. Damals waren erst 14 Aminosäuren bekannt, bis 1907 waren es bereits 19. Die Aminosäure Prolin wurde von Fischer aus Casein gewonnen.

In Fischers Arbeitsgruppe wurden etwa 100 Peptide hergestellt,[30][31] von denen das längste 17 Aminosäuren enthielt.[32] In späteren Jahren verbesserte sein Schüler E. Abderhalden die Peptidsynthese bedeutend.[33]

Weitere Entdeckungen[Bearbeiten]

Weitere bedeutende Beiträge seiner Arbeitsgruppe waren die nach ihm benannte Fischersche Indolsynthese (1883) und die Synthese der Naturstoffe Koffein und Theobromin.[34] Später haben Fischer und B. Helferich Nukleoside und Nucleotide synthetisch dargestellt.[35][36]

In der chemischen Industrie wurde das von Fischer entdeckte Phenylhydrazin zur Herstellung von Medikamenten und Farbstoffen genutzt.

Das Antipyrin, ein erstes wichtiges Medikament der Chemieindustrie, war ein Kondensationsprodukt aus Phenylhydrazin und Essigester und war von seinem Schüler Ludwig Knorr entwickelt worden.

Die Herstellung des Farbstoffes Tartrazin wurde mit Phenylhydrazin möglich.

Zusammen mit Josef von Mering synthetisierte Fischer die Diethyl-Barbitursäure (Veronal®).[37] Das Veronal und das Phenobarbital finden auch heute noch als Schlafmittel Verwendung.

Fischer erhielt 1902 den Nobelpreis für Chemie „als Anerkennung des außerordentlichen Verdienstes, das er sich durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der Zucker- und Purin-Gruppen erworben hat“.[38]

Lehrer, Förderer und Organisator[Bearbeiten]

Im Jahre 1900 weihte er einen großen Neubau für das Organische Institut[39] der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität ein. Fischer forderte bei seinen Studenten ernste wissenschaftliche und korrekte Arbeit, für hoch begabte Jungchemiker wünschte er mehr wissenschaftliche Freiheit. Die Kooperation zwischen Wissenschaft und Industrie war ihm sehr wichtig. Zusammen mit Adolf von Harnack war er maßgeblich beteiligt an der Gründung der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft im Jahr 1911. Gegen Ende des Kaiserreichs nahm der Antisemitismus auch unter Wissenschaftlern zu. Als einer von wenigen schloss Fischer sich dem nicht an. Er konterte auf die Frage, wieso er bei der Vielzahl jüdischer Konkurrenten nicht antisemitisch sei:[2][40]

„Wir Rheinländer sind nicht so dumm, dass wir Antisemiten werden müssten und, wenn ich einen Hang dazu hätte, brauchte ich bloß an meinen Lehrer Adolf von Baeyer zu denken.“

Fischer erwies sich noch auf einem weiteren Gebiet als Nonkonformist: Zwar hielt er es anfangs nicht für sinnvoll, dass Frauen studierten, weil sie sich später im Allgemeinen doch Haushalt und Familie zuwenden würden. Später aber änderte er seine Meinung und befürwortete als einer der ersten führenden Professoren die Aufnahme von Frauen ins Studium und ermöglichte beispielsweise Hertha von Siemens in seinem Privatlabor zu arbeiten, Lise Meitner die (anfangs versagte) Tätigkeit im Institutslabor.[2]

Seine Einführende Organische Vorlesung ist didaktisch von einem seiner ehemaligen Studenten Hans Beyer im Lehrbuch für Organische Chemie verewigt worden und stellt noch heute einen Teil des Grundkanons der Organischen Chemie da.

Namensgebungen und Gedenken[Bearbeiten]

Name des historischen Hörsaals in Berlin
Gedenktafel in Erlangen

Noch heute sind in seiner Geburtsstadt Euskirchen das Emil-Fischer-Gymnasium sowie, wie auch in Leverkusen und Leuna, die Emil-Fischer-Straße, in Erlangen das Emil-Fischer-Zentrum (Sitz der Institute für Biochemie, für Pharmazie und Lebensmittelchemie und für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie) sowie die Emil Fischer Graduate School und in Schwarzheide ein weiteres Gymnasium nach ihm benannt.

1921 schuf Fritz Klimsch ein Denkmal aus Sandstein für Fischer, das in der Nähe der ehemaligen Wirkungsstätte Fischers, dem I. Chemischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) in der Hessischen Straße, aufgestellt wurde. Diese Skulptur wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. 1952 schuf Richard Scheibe eine Nachbildung aus Bronze, die im Vorgarten des damaligen Max-Planck-Instituts für Zellphysiologie (1972 aufgelöst) an der Garystraße in Dahlem aufgestellt wurde. Von dieser Plastik wiederum wurde 1995 ein Zweitguss angefertigt, der auf dem Robert-Koch-Platz in Berlin-Mitte seinen Platz fand.

Der Hörsaal des früheren Chemischen Instituts der Humboldt-Universität trägt den Ehrennamen Emil-Fischer-Hörsaal.

In Erlangen ist an dem Haus, in dem er von 1882 bis 1885 gearbeitet hat, eine Gedenktafel errichtet worden. Außerdem existiert an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ein Emil-Fischer-Centrum,[41] in dem sich einige Lehrstühle aus dem Bereich Life Sciences zusammengeschlossen haben.

Die Gesellschaft Deutscher Chemiker verleiht für außerordentliche Verdienste auf dem Gebiet der Organischen Chemie die Emil-Fischer-Gedenkmünze.

Am 12. Juli 2010 wurde in Berlin-Mitte, Hessische Straße 1, eine Berliner Gedenktafel enthüllt.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hermann Emil Fischer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Max Bergmann (Hrsg.), Emil Fischer: Aus meinem Leben. Geschrieben in dem Unglücksjahre 1918. Berlin, Julius Springer, 1922. Online frei verfügbare Fassung (überwiegend ohne Fußnoten)
  2. a b c d e f g h Dörthe Kähler (Hrsg.), Andrea Tran-Betcke, Emil Fischer: Der Nobelpreisträger - Emil Fischer in Berlin. Eine Erkundungsreise. Verlag rainStein-Bibliothek, 1. Aufl. 2009, ISBN 9783940634092
  3. Hartmut Kaelbe u.a. (Hrsg.): Europa und die Europäer: Quellen und Essays zur modernen europäischen Geschichte. Franz Steiner Verlag, 2005, ISBN 9783515086912, S. 393
  4. Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern (DGDB): Der Aufruf der 93 „An die Kulturwelt!“ (4. Oktober 1914), PDF
  5. a b Margit Szöllösi-Janze: Fritz Haber, 1868–1934: Eine Biographie. C.H.Beck, 1998, ISBN 9783406435485
  6. Baumann 2008 a.a.O., S. 258
  7. Timo Baumann: Giftgas und Salpeter. Chemische Industrie, Naturwissenschaft und Militär von 1906 bis zum ersten Munitionsprogramm 1914/15. Inaugural-Dissertation, Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, vorgelegt im März 2008, S. 262. (PDF; 3,6 MB)
  8. Baumann 2008 a.a.O., S. 312
  9. Dietrich Stoltzenberg: Scientist and industrial manager: Emil Fischer and Carl Duisberg. S. 80 in: John E. Lesch (Hrsg.): The German Chemical Industry in the Twentieth Century, Band 18 von Chemists and Chemistry, Springer, 2000, ISBN 9780792364870
  10. Baumann 2008 a.a.O., S. 313
  11. Baumann 2008 a.a.O., S. 314
  12. Thomas Steinhauser u.a.: Hundert Jahre an der Schnittstelle von Chemie und Physik: Das Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft zwischen 1911 und 2011. Walter de Gruyter, 2011, ISBN 9783110239157
  13. Ute Deichmann: Flüchten, Mitmachen, Vergessen: Chemiker und Biochemiker in der NS-Zeit. Verlag Wiley-VCH, 2001, ISBN 9783527302642, dort in Kap. 1.4 Jüdische und nichtjüdische Chemiker während des Ersten Weltkriegs, S. 39
  14. Berliner Illustrirte Zeitung: Die Wissenschaft und der Krieg. 24. Jg., Nr. 35 vom 29. August 1915.
  15. Fritz Welsch: Studien zur Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, Ost Akademie der Wissenschaften der DDR Berlin, Band 12, Akademie-Verlag, 1986, ISBN 9783055000997, S. 44
  16. Jost Lemmerich, Armin Stock: Nobelpreisträger in Würzburg: Wissenschaftsmeile Röntgenring. Universitäts-Verlag Würzburg, 2006, ISBN 9783981140804
  17. Hans-Jürgen Mende u.a.: Berlin Mitte: das Lexikon. Stapp Verlag, 2001, ISBN 9783877761113
  18. Ber. dtsch. chem. Ges. 8 (1875), S. 589.
  19. Ber. dtsch. chem. Ges. 8 (1875), S. 1005. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 8 (1875), S. 1587. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 8 (1875), S. 1641. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 9 (1876), S. 111. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 9 (1876), S. 880. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 9 (1876), S. 1840. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 10 (1877), S. 1331.
  20. Ann. d. Ch. 190 (1878), S. 67.Ann. d. Ch. 199 (1879), S. 281. Ann. d. Ch. 212 (1882), S. 316.
  21. Ber. Dtsch. Chem. Ges. 17 (1884), S. 572.
  22. Lieb. Ann. d. Ch. 270 (1892), S. 64.
  23. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 24 (1891), S. 2136.
  24. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 23 (1890), S. 379.
  25. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 27 (1897), S. 3211.
  26. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 26 (1893), S. 730.
  27. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 28 (1895), S. 1145; 48 (1915), S. 266.
  28. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 27 (1894), S. 3222; 40 (1907), S. 102.
  29. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 27 (1894), S. 3222; 27 (1894), S. 2986.
  30. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 36 (1903), S. 3982.
  31. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 37 (1904), S. 2486.
  32. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 40 (1907), S. 1755, 1764.
  33. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 64 (1931), S. 2070.
  34. Georg Lockemann: Geschichte der Chemie. Walter de Gruyter & Co., Berlin 1955, S. 76.
  35. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 47 (1914), S. 210.
  36. Ber. d. Deut. Chem. Ges. 47 (1914), S. 3193.
  37. Georg Lockemann: Geschichte der Chemie. Walter de Gruyter & Co., Berlin 1955, S. 127.
  38. Informationen der Nobelstiftung zur Preisverleihung 1902 an Emil Fischer (englisch).
  39. Neubau Hessische Straße 1 100 Jahre Chemisches Institut
  40. Lothar Jaenicke: Emil H. Fischer (1852 – 1919) – Großkophtha der Bioorganik. In: BIOspektrum, 2002, 8. 725-727.
  41. Emil-FischerCentrum auf der Homepage der FAU Erlangen-Nürnberg.