Emotion

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Emotionalität)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel handelt von dem philosophisch-psychologischen Begriff der Emotion. Zur Zeitschrift dieses Namens siehe Emotion (Zeitschrift).

Emotion bezeichnet eine Gemütsbewegung im Sinne eines Affektes.[1] Sie ist ein psychophysiologisches, auch psychisches Phänomen, das durch die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung eines Ereignisses oder einer Situation ausgelöst wird. Das Wahrnehmen geht einher mit physiologischen Veränderungen, spezifischen Kognitionen, subjektivem Gefühlserleben und reaktivem Sozialverhalten.

Emotionalität und das Adjektiv emotional[2] sind Sammelbegriffe für individuelle Eigenarten des Gefühlslebens, der Affektsteuerung und des Umgangs mit einer Gemütsbewegung.

Etymologie[Bearbeiten]

Das Fremdwort Emotion benennt ein Gefühl, eine Gemütsbewegung und seelische Erregung. Das deutsche Wort ist dem gleichbedeutendem französischen émotion entlehnt, das zu émouvoir (dt. bewegen, erregen) gehört. Dieses Wort entstammt dem lateinischen emovere (dt. herausbewegen, emporwühlen), das auch im Wort Lokomotive enthalten ist.[3] Für den sprachlichen Ausdruck von Emotionen prägte der Schweizer Philosoph Anton Marty den Begriff Emotive (lat. e-motus für dt. herausbewegt, erschüttert). Hierzu zählen beispielsweise ein Ausruf, ein Wunsch oder ein Befehlssatz.[4]

Abgrenzungen[Bearbeiten]

Im Gegensatz zum Gefühl sind Emotionen als ein Affekt − vom agierenden Individuum aus gesehen − meist nach außen gerichtet. Der Begriff Affekt betrifft im deutschen Sprachgebiet eine oftmals mit einem Verlust der Handlungskontrolle einhergehende kurzfristige emotionale Reaktion. Trotz der Erregung behält eine emotionale Reaktion die Substanz einer Handlungsweise.

Im Vergleich zu Stimmungen sind Emotionen zeitlich relativ kurz und intensiv. Während Stimmungen vielfach unbemerkt auf Bedürfnissen beruhen, kommen bei Emotionen die jeweiligen Auslöser stärker zum Zuge. Während Emotionen sich auf Personen beziehen können, zum Beispiel Wut oder Trauer, kann einer Stimmung der Bezug auf Personen vollkommen fehlen, so im Falle einer Melancholie.

Gleichermaßen sind Gefühle, Emotionen, Stimmungen ein Teil zwischenmenschlicher Kommunikation, aber auch nonverbaler Kommunikation. Sie begleiten im Wahrnehmen das Erkennen, z. B. im Fühlen einer Evidenz. Auch die Intuition, der zunächst noch Erkenntnisschritte fehlen, beruht im Wesentlichen auf einem gefühlsmäßigen oder emotionalen Erfassen.

Formen[Bearbeiten]

Mit dem Katalog von Formen befasst sich die Emotionstheorie. Generell beziehen sich Emotionen auf das Grundgefühl, die das Wesen jeder menschlichen Existenz ausmacht. Paul Ekman, der ein Facial Action Coding System zur Emotionserkennung anhand von Gesichtsausdrücken entwickelte, hat sieben Basisemotionen empirisch nachgewiesen[5]: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Zum Grundgefühl zählen weiterhin Liebe, Hass und Vertrauen.[6]

Nach Carroll E. Izard existieren zehn Formen von Emotionen, die in jeder Kultur vorkommen: Interesse, Leid, Widerwillen (Aversion), Freude, Zorn, Überraschung, Scham, Furcht, Verachtung und Schuldgefühl.[7]

Ältere Theorien teilen Emotionen in vier Hauptgruppen ein: Angst und Verzweiflung, Ärger und Wut, Freude, Trauer. Weitere Formen sind Enttäuschung, Mitleid, Sympathie, Neid, Stolz und Verliebtheit.

Entwicklung[Bearbeiten]

Nach Hellgard Rauh[8] entwickeln sich Emotionen aus drei Verläufen, die bereits beim Säugling zu beobachten sind: Vergnügen und Freude, Ängstlichkeit und Furcht, Wut und Ärger.[9]

Die Differenzierung, die sich im Verlauf der frühen Kindheit herausbilden, lassen sich in acht Stufen einordnen:

  • absolute Reizschranke (1. Monat),
  • Hinwendung zur Umwelt (2.–3. Monat),
  • Vergnügen an gelungener Assimilation (3.–5. Monat),
  • aktive Teilnahme am sozialen Geschehen (6.–9. Monat),
  • sozial emotionale Bindung (6.–9. Monat),
  • üben und forschen (13.–18. Monat),
  • Herausbildung des Selbst (19.–36. Monat),
  • Spiel und Fantasie (ab dem 36. Monat).

Entstehung[Bearbeiten]

Unterscheidung Emotionen

Die Emotionen finden ihren Ursprung in phylogenetisch älteren Teilen des Gehirns, insbesondere im Limbischen System. Sie besitzen mit ihren neuralen und neuroendokrinen Prozessen eine Schlüsselstellung für das artspezifische Verhalten: Empfindungen wie Hunger, Kälte, Sorgen, Abneigungen, Ängste, Geschlechtstrieb werden in der Theorie Richard Dawkins als genetisch bedingt verstanden.

Aktuelle Emotionen entstehen bei einer Person einerseits aus der Einschätzung von Ereignissen (siehe Tabelle: Unterscheidung von 23 Emotionen nach dem Objekt der Bewertung).[10] Andererseits können Emotionen auch durch eine Wiederherstellung einer früheren emotionalen Bedeutung entstehen. Für die Aktivierung der früheren Emotionen genügt manches Mal ein ähnliches Ereignis oder eine fragmentarische Erinnerung:

Beim Entstehen von Emotionen durch Wiederherstellung ist nämlich zu unterscheiden, ob ein vergangenes Ereignis in einem bestimmten Zusammenhang erlebt wurde, es also im episodischen Gedächtnis gespeichert ist. Oder ob der Bezug zu einer Episode fehlen kann, und bereits Fragmente die Wiederherstellung von Emotionen auslösen können: Ein Kontext fehlt, und ein Wort mag ausreichen, um emotionale Erinnerungen hervorzurufen.[11]

Komponenten[Bearbeiten]

Der Lebenszyklus einer Emotion unterteilt sich in sensorische, kognitive, physiologische, motivationale und expressive Komponenten.[11]

In diesem Zusammenhang spielt auch das Konzept der Emotionalen Intelligenz eine Rolle. Die Emotionale Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und die Gefühle anderer Personen sensorisch wahrzunehmen, kognitiv zu verstehen und expressiv zu beeinflussen. Das Konzept der Emotionalen Intelligenz beruht auf der Theorie der multiplen Intelligenzen von Howard Gardner.

Sensorische Komponente[Bearbeiten]

Die sensorische Komponente steht am Beginn einer Emotionsentwicklung. Ein erkennendes Subjekt nimmt ein Ereignis (unvollständig) über die Sinne wahr.

Kognitive Komponente[Bearbeiten]

Über die kognitive Komponente kann das erkennende Subjekt, aufgrund seiner subjektiven Erfahrungen, mögliche Beziehungen zwischen sich und dem Ereignis erkennen.

Das erkennende Subjekt nimmt anschließend eine subjektive Bewertung der Wahrnehmung des Ereignisses vor. Ein Subjekt kann dabei – je nach persönlichem Weltbild und aktuellem physiologischem Zustand – auf dasselbe Ereignis mit einer unterschiedlichen Bewertung reagieren.

Die kognitive Komponente unterliegt hierbei kognitive Verzerrungen, wie etwa der Interpretation unzureichender sensorischer Informationen, weshalb eine falsche Bewertung durchaus üblich ist.

Physiologische Komponente[Bearbeiten]

Abhängig vom Ergebnis der subjektiven Bewertung reagiert das Subjekt mit der Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter und Hormone und verändert damit seinen physiologischen Zustand. Dieser veränderte Zustand entspricht dem Erleben einer Emotion.

Die Ursache physiologischer Reaktionen ist allerdings, gemäß der Zwei-Faktoren-Theorie, von der jeweiligen Situation abhängig. Eine bestimmte Reaktion lässt sich nicht in jedem Fall einer Emotion zuordnen. Beispielsweise ist schnelles Herzklopfen beim Jogging eine Folge der Anstrengung, während bei Emotionen wie Wut und Angst schnelles Herzklopfen aus der jeweiligen Bewertung der Wahrnehmung resultiert. Die Intensität der Emotion steht allerdings in einer Interdependenz zur Stärke des physiologischen Reizes (z. B. körperliche Anstrengung verstärkt Wut; umgekehrt bereitet Wut auf körperliche Anstrengung vor).

Das Verhältnis von physiologischen und emotionalen Vorgängen wird, durch die auf William James und Carl Lange zurückgehende James-Lange-Theorie, sowie die auf Walter Cannon und Philip Bard zurückgehende Cannon-Bard-Theorie, betrachtet.

Ein Forscherteam um den Biomediziner Lauri Nummenmaa von der finnischen Aalto Universität belegt exemplarisch mit 14 Körperkarten die Intensität spezifischer Gefühle in bestimmten Körperregionen und darüber hinaus, dass diese Körperkarten in verschiedenen Kulturkreisen überraschend ähnlich sind.[12]

Motivationale Komponente[Bearbeiten]

Die motivationale Komponente folgt der Bewertung des Ereignisses und wird vom aktuellen physiologischen (bzw. emotionalen) Zustand moduliert. Die Motivation zu einer bestimmten Handlung einer Person orientiert sich an einem Ist-Soll-Vergleich, sowie der Vorhersage der Auswirkung denkbarer Handlungen. Beispielsweise kann die Emotion Wut sowohl in der Motivation zu einer Angriffshandlung (z. B. bei einem vermeintlich unterlegenen Gegner), als auch in der Motivation zu einer Fluchthandlung (z. B. bei einem vermeintlich überlegenen Gegner) resultieren.

Eine Handlung kann der Absicht entstammen das Erleben einer positiven Emotion (z. B. Freude, Liebe) zu erhalten oder gar zu vergrößern, oder das Erleben einer negativen Emotion (z. B. Wut, Ekel, Trauer, Angst) zu dämpfen. Ein Motiv zu einer Handlung besteht nur dann, wenn das Subjekt sich von der Handlung eine Verbesserung seines zukünftigen (emotionalen) Zustands erwartet.

Expressive Komponente[Bearbeiten]

Die expressive Komponente bezieht sich auf die Ausdrucksweise einer Emotion. Dies betrifft vor allem das nonverbale Verhalten, wie beispielsweise Mimik und Gestik. Seit den Forschungen von Paul Ekman ist bekannt geworden, dass sich elementare Emotionen wie Angst, Freude oder Trauer unabhängig von der jeweiligen Kultur zeigen.[13] Diese Basisemotionen sind eng an gleichzeitig auftretende neuronale Prozesse gekoppelt. Fundamentale Emotionen weisen einen signifikanten Zusammenhang zum dazugehörigen Gesichtsausdruck auf. Zum Beispiel ist Wut stets mit einem Senken und Zusammenziehen der Augenbrauen, schlitzförmigen Augen und einem zusammengepressten Mund verbunden. Dieser mimische Ausdruck der Wut ist universal.

Zugleich kommt die Kulturvergleichende Sozialforschung zum Ergebnis einer fehlenden Deckung des Gefühls und der gezeigten Emotion. Die resultierende Unterscheidung betont die Innerlichkeit eines Gefühls gegenüber dem beobachtbaren Ausdruck von Emotionen, der von kulturellen Faktoren beeinflusst wird.

Siehe auch: Cross-Race-Effekt.

Anwendungen der Emotionsforschung[Bearbeiten]

Emotion spielt in vielen angewandten Bereichen eine herausragende Rolle. Bei psychischen Störungen sind emotionale oder affektive Symptome oft das zentrale Problem. In der Psychotherapie sind Emotionen wichtig für die längerfristige Veränderung von Erleben und Verhalten. Die Werbepsychologie und Verkaufspsychologie versuchen manipulativ v. a. positive Emotionen im Zusammenhang mit den angepriesenen Produkten zu erzeugen, um eine bessere Bewertung durch den Kunden zu erreichen. Allgemein ist das gezielte Hervorrufen von Emotionen ein Mittel, das Erleben und Verhalten von Menschen und Tieren zu verändern. Umgekehrt kann emotionale Manipulation durch intensives psychisches sowie physisches Training stark beeinflusst, ja sogar unterbunden werden.

Mit dem Begriff Emotionsregulation (oder Affektregulation) werden allgemein alle Prozesse bezeichnet, die der mentalen Verarbeitung emotionaler Zustände dienen (z .B. „Impulskontrolle“, „Desensibilisierung“).

Geschichte des Gefühlsbegriffs[Bearbeiten]

Bereits im Altertum bezeichneten die Philosophen Aristippos von Kyrene (435–366 v. Chr.) und Epikur (341–270 v. Chr.) „Lust“ bzw. (je nach Übersetzung Epikurs) auch „Freude“, „Vergnügen“ (hêdonê) als wesentliches Charakteristikum des Fühlens. Als „unklare Erkenntnisse“ und vernunftlose und naturwidrige Gemütsbewegungen wurden die Gefühle von den Stoikern (etwa 350–258) bestimmt; das Lustprinzip der Epikureer wird in Frage gestellt. Die ältere Philosophie und Psychologie behandelte das Thema Emotionen und Gefühle vorzugsweise unter dem Begriff der „Affekte“ (lat. affectus: Zustand des Gemüts, griech.: pathos; vgl. Affekt) bzw. auch der „Leidenschaften“ und hier vor allem unter dem Gesichtspunkt der Ethik und Lebensbewältigung. „Die Bestimmung des Begriffs der Affekte hat vielfach geschwankt. Bald sind die Affekte enger nur als Gemütsbewegungen gefasst worden, bald sind sie weiter auch als Willensvorgänge gedacht, bald sind sie als vorübergehende Zustände, bald auch als dauernde Zustände definiert und dann mit den Leidenschaften vermischt worden.“ (Friedrich Kirchner, 1848–1900). Für die Kyrenaiker (4. Jahrhundert v. Chr.) waren zwei Affekte wesentlich: Unlust und Lust (ponos und hêdonê). Auch Aristoteles (384–322) verstand unter Affekten seelisches Erleben, dessen wesentliche Kennzeichen Lust und Unlust sind.

Descartes (1596–1650) unterschied sechs Grundaffekte: Liebe, Hass, Verlangen, Freude, Traurigkeit, Bewunderung. Für Spinoza (1632–1677) waren es dagegen drei Grundaffekte: Freude, Traurigkeit und Verlangen. Auch Immanuel Kant (1724–1804) sah das Fühlen als seelisches Grundvermögen der Lust und Unlust: „Denn alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und das Begehrungsvermögen“.

Friedrich Nietzsche (1844–1900) trennte nicht zwischen emotionalem und kognitivem Aspekt: „Hinter den Gefühlen stehen Urteile und Wertschätzungen, welche in der Form von Gefühlen (Neigungen, Abneigungen) uns vererbt sind.“

Ein viel beachteter Versuch der Gegenwart war die mehrgliedrige Begründung der wesentlichen Faktoren des Gefühls von Wilhelm Wundt (1832–1920) durch sein System zur Beschreibung der Emotionen in drei Dimensionen Lust / Unlust, Erregung / Beruhigung, Spannung / Lösung.[14] Ein anderer, einflussreicher Erklärungsversuch stammt von dem amerikanischen Psychologen und Philosophen William James (1842–1910). James glaubte, ohne körperliche Reaktionen entständen Gefühle bzw. Emotionen gar nicht erst (ideomotorische Hypothese). Emotionen sind für ihn nichts anderes als das Empfinden körperlicher Veränderungen. Nach James weinen wir nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen; wir laufen nicht vor dem Bären weg, weil wir uns fürchten, sondern wir fürchten uns, weil wir weglaufen.

Psychologen wie Hermann Ebbinghaus (1850–1909) und Oswald Külpe (1862–1915) vertraten das eindimensionale Modell aus Lust und Unlust. Der Psychologe Philipp Lersch (1898–1972) argumentierte dagegen: „Dass dieser Gesichtspunkt zur Banalität wird, wenn wir ihn etwa auf das Phänomen der künstlerischen Ergriffenheit anwenden, liegt auf der Hand. Die künstlerische Ergriffenheit wäre dann ebenso ein Gefühl der Lust wie das Vergnügen am Kartenspiel oder der Genuss eines guten Glases Wein. Andererseits würden Regungen wie Ärger und Reue in den einen Topf der Unlustgefühle geworfen. Beim religiösen Gefühl aber – ebenso bei Gefühlen wie Achtung und Verehrung – wird die Bestimmung nach Lust und Unlust überhaupt unmöglich.“

Franz Brentano (1838–1917) nahm an, die Zuordnung von Gefühl und Objekt sei nicht kontingent, sondern könne richtig sein („als richtig erkannte Liebe“). Ähnlich sahen Max Scheler (1874–1928) und Nicolai Hartmann (1852–1950) Gefühle im so genannten „Wertfühlen“ als zutreffende Charakterisierungen von Werterfahrungen an (vgl. „Materiale Wertethik“, „Werte als ideales Ansichsein“).

Auch für Sigmund Freud (1856–1939) sind Gefühle im Wesentlichen gleichzusetzen mit Lust und Unlust („Lust-Unlust-Prinzip“), mit der Variante, dass jede Lustempfindung im Kern sexuell ist. Freud war der Meinung: „Es ist einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt – an seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt.“

Carl Gustav Jung (1875–1961) betonte ebenfalls die Rolle von Lust und Unlust, bezweifelte jedoch, dass jemals eine Definition „in der Lage sein wird, das Spezifische des Gefühls in einer nur einigermaßen genügenden Weise wiederzugeben“. Der amerikanische Hirnforscher Antonio Damasio (geb. 1944) definiert Gefühle und Emotionen vorwiegend kognitiv und als Körperzustände: „Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Gefühl sich zusammensetzt aus einem geistigen Bewertungsprozess, der einfach oder komplex sein kann, und dispositionellen Reaktionen auf diesen Prozess“ (…). – „Nach meiner Ansicht liegt das Wesen des Gefühls in zahlreichen Veränderungen von Körperzuständen, die in unzähligen Organen durch Nervenendigungen hervorgerufen werden.“

In der Gegenwart ist die Situation hinsichtlich des Gefühls- und Emotionsbegriffs eher unübersichtlich: Zahlreiche Ansätze versuchen, Charakter und Gesetzmäßigkeiten des Fühlens zu bestimmen, allerdings ohne eine Übereinkunft zu erzielen: z. B. Marañón (1924), Walter Cannon (1927), Woodworth (1938), Schlosberg (1954), Schachter und Singer (1962), Valins (1966), Burns und Beier (1973), Graham (1975), Marshall u. Philip Zimbardo (1979), Rosenthal (1979), Schmidt-Atzert (1981), Lange (1998). Der amerikanische Philosoph Robert C. Solomon stellte angesichts der Verschiedenartigkeit der Deutungen fest: „Was ist ein Gefühl? Man sollte vermuten, dass die Wissenschaft darauf längst eine Antwort gefunden hat, aber dem ist nicht so, wie die umfangreiche psychologische Fachliteratur zum Thema zeigt.“[15]

Neue Ansätze, die Forschungsergebnisse aus den Neurowissenschaften wie auch der künstlichen Intelligenz berücksichtigen, sehen Emotionen als „Modulator“. Der Psychologe Bas Kast vergleicht in diesem Zusammenhang Emotionen mit einem Equalizer mit verschiedenen „Klangprogrammen“ (wie „Rock“, „Klassik“ usw.). Jede Emotion sei demnach eine Art Klangkonfiguration von Kopf und Körper. Als Beispiel nennt Kast die Emotionen Angst, Liebe und Ekel. Bei Angst ist unter anderem die Hirnstruktur Amygdala aktiviert, bei Liebe ist gerade diese Struktur deaktiviert. Die Amygdala wiederum modifiziert den Erregungszustand anderer Hirnregionen und versetzt den Körper in Alarmbereitschaft, in eine spezifische physiologische Konfiguration. Der Aktivitätszustand soll dabei helfen, mit der bedrohlichen Situation fertig zu werden. In anderen Situationen benötigt man andere Hirnregionen und andere Körperzustände. Wie bei einem digitalen Equalizer muss beim Wechsel der Situation/Emotion nicht immer jede Frequenz (jeder hirnphysiologische und körperliche Parameter) einzeln von Hand eingestellt werden, sondern dies geschieht praktischerweise als Konfiguration, die wir als „Angst“, „Ekel“, generell als Emotionen, beschreiben.[16]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Claudia Benthien, Anne Fleig, Ingrid Kasten (Hrsg.): Emotionalität. Zur Geschichte der Gefühle. Böhlau, Köln 2000, ISBN 3-412-08899-4.
  • Luc Ciompi: Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Vanderhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997.
  • Antonio R. Damasio: Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. List, Berlin 2004.
  • Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. (1872) Eichborn, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-8218-4188-5. (digitalisierte Fassung der ersten dt. Ausgabe von 1877)
  • Ulrich Dieter, Mayring Philipp: Psychologie der Emotionen. Kohlhammer, Stuttgart 2003, ISBN 3-17-018140-8.
  • Andreas Dutschmann: Aggressionen und Konflikte unter emotionaler Erregung. DGVT-Verlag, Tübingen 2000.
  • Helena Flam: Soziologie der Emotionen. Eine Einführung. UVK-Verlag, Konstanz 2002, ISBN 978-3-82522359-5.
  • Oliver Grau und Andreas Keil (Hrsg.): Mediale Emotionen. Zur Lenkung von Gefühlen durch Bild und Sound. Fischer, Frankfurt am Main 2005.
  • Rainer Maria Kiesow, Martin Korte (Hrsg.): EGB. Emotionales Gesetzbuch. Dekalog der Gefühle. Böhlau, Köln 2005.
  • Carroll E. Izard: Die Emotionen des Menschen. Eine Einführung in die Grundlagen der Emotionspsychologie. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Murakami. Beltz, Weinheim/Basel 1981.
  • Carl Lange: Über Gemütsbewegungen. Ihr Wesen und ihr Einfluß auf körperliche, besonders auf krankhafte Lebenserscheinungen. Ein medizinisch-psychologische Studie. Thomas, Leipzig 1887.
    • Nachdruck: Über Gemütsbewegungen. University Press, Bremen 2013.
  • Ulrich Mees: Die Struktur der Emotionen. Hogrefe, Göttingen 1991. ISBN 978-3801704292
  • Ulrich Mees: Zum Forschungsstand der Emotionspsychologie − eine Skizze. In: Rainer Schützeichel (Hrsg.): Emotionen und Sozialtheorie. Campus, Frankfurt am Main 2006, S. 104–123.(Volltext (pdf))
  • Andrew Ortony, G.L. Clore, Collins: The Cognitive Structure of Emotions. Cambridge University Press, Cambridge 1988.
  • Ute Osterkamp: Gefühle, Emotionen. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Bd. 4, Argument-Verlag, Hamburg 1999, Sp. 1329–1347.
  • Jürgen H. Otto, Harald Euler, Heinz Mandl: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Beltz, Weinheim 2000.
  • Rainer Schützeichel (Hrsg.): Emotionen und Sozialtheorie. Disziplinäre Ansätze. Campus, Frankfurt am Main 2006.
  • Monika Schwarz-Friesel: Sprache und Emotion. UTB, Stuttgart 2007.
  • Karin Schweizer, Klaus-Martin Klein: Medien und Emotion. In: Bernad Batinic, Markus Appel (Hrsg.): Medienpsychologie. Springer, Heidelberg 2008, S. 149–175.
  • Robert C. Solomon: Gefühle und der Sinn des Lebens. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2000.
  • Baruch Spinoza: De origine et natura affectuum. Über den Ursprung und Wesen der Affekte. Das dritte Buch. In: Ethica, ordine geometrico demonstrata. Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt. 1677. Nach der Übersetzung von Johann Hermann von Kirchmann neu herausgegeben. Phaidon, Essen (um 1995), ISBN 3-88851-193-3.
  • Ingrid Vendrell Ferran: Die Emotionen. Gefühle in der realistischen Phänomenologie. Akademie, Berlin 2008.
  • Richard Wollheim. Emotionen. Eine Philosophie der Gefühle. Übersetzt von Dietmar Zimmer. Beck, München 2001.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Emotions – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Georgi Schischkoff (Hrsg.): Wörterbuch der Philosophie. 22. Aufl. Kröner, Stuttgart 1991, Lemma Emotion.
  2. Wilhelm Karl Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: Lexikon der Psychologie. Herder, Freiburg im Breisgau/Basel 1971, Lemma Emotionalität.
  3. Duden: Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Mannheim 2007, Lemma Emotion.
  4. Hadumod Bußmann (Hrsg.): Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart 2008, Lemma Emotive.
  5. Paul Ekman (Hrsg.): Gesichtsausdruck und Gefühl. 20 Jahre Forschung von Paul Ekman. Paderborn 1988
  6. J.H. Otto, Harald A. Euler, Heinz Mandl: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Beltz, Weinheim 2000.
  7. Carroll E. Izard: Die Emotionen des Menschen. Eine Einführung in die Grundlagen der Emotionspsychologie. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Murakami. Beltz, Weinheim/Basel 1981.
  8. Rauh, Hellgard: Vorgeburtliche Entwicklung und Frühe Kindheit. In: Rolf Oerter und Leo Montada: Entwicklungspsychologie. Beltz, Weinheim 2002, S. 186f.
  9. Ulrich Mees (Hrsg.): Psychologie des Ärgers. Hogrefe, Göttingen/Toronto/Zürch 1992
  10. Andrew Ortony, G.L. Clore, Collins: The Cognitive Structure of Emotions. Cambridge University Press, Cambridge 1988
  11. a b Ulrich Mees: Zum Forschungsstand der Emotionspsychologie − eine Skizze. In: Rainer Schützeichel (Hrsg.): Emotionen und Sozialtheorie. Campus, Frankfurt am Main 2006, S. 104–123.
  12. Lauri Nummenmaa, Enrico Glerean, Riitta Hari, and Jari K. Hietanen: Bodily maps of emotions. PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences), Washington 2013; published ahead of print December 30, 2013.
  13. Paul Ekman: Gefühle lesen. Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren. Spektrum, München 2004.
  14. Ansgar Feist: Kontinuierliche Erfassung subjektiver und physiologischer Emotionsvariablen während der Medienrezeption. 1999, abgerufen am 28. Dezember 2008.
  15. Robert C. Solomon: Gefühle und der Sinn des Lebens, Frankfurt am Main 2000, S. 109.
  16. Bas Kast: Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft, Frankfurt am Main 2007