Englische Passagiere

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Englische Passagiere (Originaltitel English Passengers) ist ein im Jahre 2000 erschienener historischer Roman, verfasst von Matthew Kneale; dem Autor wurde für diesen Roman der Whitbread Book Award verliehen und er wurde für den Booker Prize vorgeschlagen.

Der besondere Charme des Buches besteht in der Vielzahl an unterschiedlichen Charakteren, aus deren Sichtweise der Handlungsstrang erzählt wird. Der Roman handelt von drei Männern, die sich im 19. Jahrhundert aufmachen, um in Tasmaniens Wildnis den Garten Eden zu entdecken. Darüber hinaus wird das Schicksal der tasmanischen Urbevölkerung unter englischer Okkupation eindrucksvoll beleuchtet. Einige der in der Erzählung vorkommende Charaktere weisen einen Bezug zu historischen Persönlichkeiten auf; darunter Walyer, eine tasmanische Freiheitskämpferin, George Vandiemen, ein junger Aborigine, der von seinem Lehrer John Bradley in Arithmetik unterrichtet wurde, Robert Knox, ein rassistischer Anthropologe, George Augustus Robinson, dessen gescheiterter Rettungsversuch der Aborigines darin bestand, ihnen die europäische Kultur aufzuzwingen und viele mehr.

Inhalt[Bearbeiten]

Die Geschichte spielt im Jahre 1857. Das britische Empire wird seit zwei Jahrzehnten von Königin Victoria regiert. Nun hat sich das ständig expandierende britische Reich auch auf Van Diemen's Land, eine große Insel vor der Südspitze Australiens ausgedehnt. Die Aussicht, in den Kolonien ihr Glück zu machen, hat eine Art Goldgräberstimmung ausgelöst; Australien lockt eine bunte Mischung aus Kolonialverwaltern, Farmern, Viehzüchtern, Händlern, Missionaren und Glücksrittern an. Doch auch als Ort der Verbannung für gefährliche Strafgefangene bietet sich das Eiland fern der Heimat vortrefflich an.

Nur eine Tatsache steht dem Glück der Okkupatoren noch im Wege: Tasmanien war niemals eine unbewohnte Insel. Hier lebten ca. 4000 Aborigines, australischen Ursprungs. Nachdem Tasmanien 1804 von den Weißen entdeckt und in Besitz genommen wurde, begann umgehend die „Zivilisierung“ der "Wilden". Sie wurden von ihrem Land vertrieben, gejagt, gefoltert und wie Ungeziefer ausgerottet. Schließlich wurden sie in entlegene Reservate deportiert (Flinders Island). Vor allem die weißen Robbenfänger verschleppten weibliche Aborigines und vergingen sich an ihnen auf brutale und menschenverachtende Art und Weise; das Geschlechterverhältnis bei den überbliebenen Ureinwohnern wurde so empfindlich gestört. Eingeschleppte Krankheiten, gegen die die Aborigines keine Resistenzen entwickeln konnten und Alkoholmissbrauch rafften die Urbevölkerung schließlich schnell dahin. Jetzt, nur ein halbes Jahrzehnt später, haben weniger als 20 Frauen und Männer diesen bestialischen Völkermord überlebt. Dazu zählt auch der junge Peevay, Sohn einer Ureinwohnerin und eines brutalen Strafgefangenen, der sie einst entführt und vergewaltigt hatte. Die traurige Geschichte vom Schicksal der tasmanischen Urbevölkerung wird aus Peevay's Sicht erzählt.

Die nahende Ausrottung der einheimischen Tasmanier wird im britischen Mutterland bald registriert. Der Chirurg und Amateur-Anthropologe, Dr. Potter, sieht die Chance gekommen, seine „wissenschaftliche“ Theorie zu beweisen, nach der weiße Herrenmenschen das biologische Recht bzw. sogar die Pflicht haben, niedere Rassen vom Erdboden zu tilgen. Tasmanien ist seiner Ansicht nach ein perfektes Beispiel für diese Art von Rassenkonflikt. Allerdings muss er sich beeilen, will er sich die sterblichen Überreste eines Ureinwohners zwecks Untersuchung auf dem Seziertisch und Ausstellung im Museum sichern.

Zum selben Zeitpunkt plant Reverend Wilson nach Tasmanien zu reisen, um den Beleg für eine ganz andere Theorie zu finden und seine Kritiker, die sich dem Ungeist des Darwinismus verschrieben haben, mundtot machen zu können: Er will die Existenz des biblischen Paradieses, des Garten Edens beweisen, das seiner Meinung nach nirgendwo anders zu entdecken ist als am Ende der Welt, nämlich in der Wildnis Tasmaniens. Bald findet sich auch ein Geldgeber für diese Expedition, der sich Dr. Potter und ein erfolgloser Biologe namens Renshaw anschließen.

Schwierigkeiten bereitet allerdings die Suche nach einem geeigneten Schiff; denn nicht viele Seefahrer sind geneigt, die weite und gefährliche Seereise nach Tasmanien zu unternehmen. Das Glück spielt dem Trio jedoch das Schiff des Manx Kapitän Illiam Quilliam Kewley, die Sincerity, in die Hände. Den verborgenen Laderaum vollgepackt mit Brandy und Zigaretten sind Kapitän und Mannschaft gerade so dem englischen Zoll entkommen und suchen nach einem Ausweg, die hohen Liegegebühren zu bezahlen und den verhassten Londoner Hafen endlich zu verlassen. Unter diesen widrigen Umständen lässt sich Kapitän Kewley schnell überreden, das britische Expeditionskorps an Bord zu nehmen; entgegen seinen ursprünglichen Plänen, bleibt ihm dank des ihm eigenen Ungeschicks schließlich nichts anderes übrig als die englischen Passagiere tatsächlich bis nach Tasmanien zu befördern.

Die Reise verläuft erwartungsgemäß turbulent mit vielen Spannungen und Konflikten zwischen den unterschiedlichen Charakteren an Bord. In Tasmanien angekommen schließen sich die Passagiere sofort denjenigen an, die die Ressourcen der neuen Welt, einschließlich der dort ansässigen Urbevölkerung, wie selbstverständlich für sich beanspruchen. Auf der Suche nach dem Garten Eden unternehmen sie eine strapaziöse Expedition ins Landesinnere, die ausgerechnet vom rachehungrigen Peevay angeführt wird und katastrophal endet. Nicht alle Passagiere treten die Rückfahrt nach England an Bord der Sincerity an und auch die Sicherheit der Überlebenden bleibt nicht lange garantiert.

Erzählstil und Interpretation[Bearbeiten]

Der studierte Historiker Matthew Kneale schrieb seinen Roman in chronologischer Reihenfolge. Die Chronologie wird allerdings immer wieder unterbrochen durch die Sichtweisen verschiedener Charaktere, wie dem jungen tasmanischen Ureinwohner Peevay und seinem Vater, dem Strafgefangenen. Was zunächst unübersichtlich erscheint, verdichtet sich bald zu einem klaren Handlungsstrang, der sich aus unterschiedlichen Stimmen zusammensetzt und den Lesern ein vielschichtiges Bild von der Situation vermittelt.

Der Roman ist eine bittere Satire auf die rücksichtslosen und brutalen Expansionsbestrebungen der europäischen Großmächte. Die Selbstdarstellung der Okkupatoren als uneingeschränkte Weltbeherrscher und "Herrenrasse", die ungeachtet der Rechte der Ureinwohner, alles Land und alle Ressourcen beanspruchen, ist an Größenwahn nicht zu überbieten. Trotzdem versteht es Kneale auf geschickte Art und Weise die Bitterkeit über die Vorkommnisse nicht überwiegen zu lassen, sondern verpackt die Gräuel an der Urbevölkerung, die schließlich in Völkermord gipfeln, in seiner satirisch-komischen Darstellung der selbst ernannten "Herrenrasse". Die Sincerity (schon dieser Name - "Aufrichtigkeit" - ist schiere Ironie) wird zum Narrenschiff. Das Entsetzen über den Terror und die Tragik der Geschehnisse wird durch die satirische Überspitzung jedoch nicht gemildert. Vielmehr wird der Schock durch die krassen Kontraste verstärkt. Auch menschliche Züge werden in dem Roman nicht ausgeklammert. So sind Peevay und seine Mutter, die sich aufgrund der tragischen Umstände, unter denen die Schwangerschaft zustande kam, völlig entfremdet sind, zumindest für kurze Zeit in ihrem Hass auf den weißen Abschaum ("white scut") geeint. Die Freude über die Anerkennung seiner Mutter schlägt durch deren plötzlichen Tod allerdings sofort wieder in Traurigkeit, Wut und Hass um.

Die Handlung des Romans ist spannend und in sich schlüssig. Neben den erwähnten Protagonisten lässt Kneale noch mehr als ein Dutzend Nebenfiguren auftreten (koloniale Würdenträger, Siedlerfrauen, Ureinwohnerinnen, Strafgefangene etc.), deren Schilderungen das Bild der Welt um 1850 komplettieren. Kneale macht deutlich, dass in dieser Zeit fleißig das Fundament für eine Ideologie gegründet wurde, in deren Namen auch in den darauf folgenden Jahrhunderten immer noch geplündert, unterdrückt und gemordet wird.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Matthew Kneale: English Passengers, London, Hamish Hamilton 2000, ISBN 0-241-14068-4 (Originalausgabe)
  • Matthew Kneale: Englische Passagiere, Stuttgart; München, Deutsche Verlags-Anstalt 2000, ISBN 3-421-05274-3 (deutsche Übersetzung)

Weblinks[Bearbeiten]