Enoch Powell

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Enoch Powell fotografiert von Allan Warren (1987)

John Enoch Powell [ˌd͡ʒɒn iːnɒk ˈpaʊəl] (* 16. Juni 1912 in Stechford, Birmingham; † 8. Februar 1998 in London), MBE, war ein britischer Altphilologe und Politiker. Umstritten während der Karriere, währte seine Amtszeit nur kurz. Seine Fähigkeiten als Polemiker und Redner sicherten ihm bemerkenswerte öffentliche Unterstützung für seine kontroversen Ansichten zu Themen wie Immigration und den Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Gemeinschaft und entzündeten nationale Debatten, die sich bis heute fortsetzen.

Leben[Bearbeiten]

Frühe Jahre[Bearbeiten]

Powell wurde geboren als Sohn von Albert Enoch Powell und Ellen Mary Breese, zweier Lehrer aus Wales. Seine große Intelligenz wurde sehr früh offenkundig. Nach der King Edward’s School, Birmingham, setzte er seine Ausbildung am Trinity College in Cambridge fort, wo er unter den Einfluss seines Tutors Alfred Edward Housman geriet und in seinem ersten Studentenjahr alle wichtigen klassischen Wettbewerbe gewann, an denen Undergraduates teilnehmen konnten. Mit 25 Jahren wurde er zum Professor für Klassisches Griechisch an der Sydney University in New South Wales, Australien, berufen. Zu seinen Schülern gehörte der spätere australische Premierminister Gough Whitlam. Seine Edition von Thukydides' Geschichte des Peloponnesischen Kriegs, 1938 bei Oxford University Press erschienen, wurde zur Standardausgabe. Autodidaktisch erlernte er die Walisische Sprache.

Während seines Studiums in Cambridge nahm Powell Kurse in Urdu an der Schule für Orientalische Studien, heute die School of Oriental and African Studies, University of London, um seine späteren Chancen auf eine spätere Berufung als Vizekönig von Indien zu erhöhen. Aus dem gleichen Grunde erlernte er auch Hindi.

Während seiner Professur in Australien steigerte sich seine Wut auf die Appeasementpolitik der Regierung Chamberlain gegenüber Deutschland, die er als Verrat an britischen Interessen ansah. In einem Brief an seine Eltern vom Juni 1939 vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schrieb er: „Es sind die Engländer, nicht ihre Regierung; denn wenn sie nicht blinde Feiglinge wären, würden sie Chamberlain und Halifax und all die anderen kriecherischen Verräter lynchen.“[1]. Unmittelbar nach Kriegsausbruch kehrte Powell nach England zurück, nicht ohne ein russisches Wörterbuch zu kaufen, weil er annahm „Russland dürfte den Schlüssel für unser Überleben und Sieg besitzen, wie es 1812 und 1916 der Fall war“.

Kriegsjahre[Bearbeiten]

Nach seiner Rückkehr meldete sich Enoch Powell freiwillig zum Kriegsdienst. Allerdings lehnten ihn die meisten Musterungsstellen ab, und erst über einen Monat nach seiner Ankunft nahm ihn das Royal Warwickshire Regiment auf, bei dem sich Powell als Australier eingeschrieben hatte. Powell kämpfte auch bei den Desert Rats (7. Britische Panzerdivision) in Afrika. Hier in Algier wurde Powells Abneigung gegen die USA gepflanzt. Nach einigen Gesprächen mit leitenden amerikanischen Verantwortlichen kam er immer mehr zu der Überzeugung, dass ein wichtiges amerikanisches Kriegsziel die Zerstörung des Britischen Weltreichs sei. In einem Brief vom 16. Februar 1943 schrieb er: „Am Horizont sehe ich eine größere Bedrohung als Deutschland oder Japan jemals waren... unseren furchtbaren Feind, Amerika...“

Seine Vorstellung von einem US-amerikanischen Antibritannismus blieb während des Krieges erhalten. Powell schnitt einen Artikel der Amerikanerin Clare Booth Luce aus dem Statesman vom 13. November 1943 aus, den er für den Rest seines Lebens aufhob und in dem sie in einer Rede erklärte, dass die indische Unabhängigkeit bedeute, dass „die USA den größten Weltkrieg um Demokratie gewonnen“ habe.

Verzweifelt versuchte Powell in den Fernen Osten zu gelangen, um am Kampf gegen Japan teilzunehmen, weil „der Krieg in Europa gewonnen ist und ich den Union Jack zurück in Singapur sehen möchte“, bevor die Amerikaner die Briten zum Abzug zwingen würden.

Bei Kriegsende war er der jüngste Brigadier der britischen Armee, der als Gefreiter in den Dienst getreten war. Powell fühlte sich jedoch bei Kriegsende schuldig, weil er überlebt hatte, während viele Soldaten unterschiedlichen Ranges, denen er während des Krieges begegnet war, gestorben waren.

Konservative Partei[Bearbeiten]

Nach dem Krieg trat er der Konservativen Partei bei und arbeitete im Conservative Research Department, wo Iain Macleod einer seiner Kollegen war. Bei den Unterhauswahlen 1950 wurde er im Wahlkreis Wolverhampton South West zum Abgeordneten gewählt.

Innerhalb seiner Fraktion gehörte Powell der Suezgruppe an. Diese Parlamentariergruppe wandte sich gegen den Abzug britischer Truppen vom Suezkanal, da Großbritannien ihrer Ansicht nach durch einen solchen Abzug seinen Anspruch auf Präsenz am Suezkanal dauerhaft aufgebe. Dennoch war er, als nach dem britischen Abzug 1954 die Ägypter 1956 den Kanal nationalisierten, gegen den britischen Versuch zur Wiedereroberung des Kanals, weil seiner Meinung nach die Briten nicht mehr die Ressourcen zur Weltmacht besaßen.

Er arbeitete im Immobiliensektor und von 1957 bis 1958 als parlamentarischer Finanzstaatssekretär, trat aber gemeinsam mit Schatzkanzler Peter Thorneycroft und Nigel Birch aus Protest gegen die Pläne der Regierung für wachsende Ausgaben zurück. In der Blütezeit des Keynesianismus glaubte er als überzeugter Monetarist an die Marktkräfte. Eine Tendenz zu wachsenden Ausgaben als Folgewirkung neu gedruckten Geldes war nach Powells - heute weitgehend anerkannter - Annahme eine wichtige Ursache für Inflation. Die Inflationsrate stieg auf 2,5 %, ein für die damalige Zeit hoher Wert besonders in Friedenszeiten. Er verurteilte die Mär von den angeblich zu mächtigen Gewerkschaften, die angeblich zu hohe Löhne forderten und erklärte wiederholt die Entscheidung der Regierung zu Ausgaben, die ihre Einnahmen übersteigen, zur Ursache der Inflation. Er geißelte insbesondere Wohnungsbauprogramme, die Hochhaussiedlungen entstehen ließen, in denen die Gewalt und Anonymität grassiert, die zu Zerstörungen führe, noch bevor die Hypotheken abgetragen worden seien.

Powell kehrte 1960 in die Regierung zurück, als er zum Gesundheitsminister berufen wurde, gehörte dem Kabinett jedoch erst ab 1962 an. In dieser Funktion war er verantwortlich für ein ambitioniertes zehnjähriges Programm zum Krankenhausbau und für den Beginn der Abwicklung der großen psychiatrischen Institutionen. In seiner berühmten „Water-Tower“-Rede sagte er 1961:

„Sie standen dort isoliert, majestätisch, gebieterisch, nachgrübelnd über den gigantischen Wasserturm, und in Kombination mit einem Kamin erhoben sie sich unfehlbar und einschüchternd über das Land – Asyle, die die Vorväter so solide errichteten, um die Vorstellungen ihrer Zeit auszudrücken. Unterschätzen Sie nicht für einen Moment ihre Fähigkeit zum Widerstand gegen unseren Anschlag. Lassen Sie mich einige ihrer Verteidigungsstrategien beschreiben, mit denen wir rechnen müssen.“

Die Rede war einer von mehreren Gesprächsfäden, die die Debatte zur Initiative Sorge innerhalb der Gemeinschaft 1980 führte.

Später ermutigte er eine große Zahl von Immigranten aus dem Commonwealth, in den unterbesetzten National Health Service einzutreten. Zuvor fühlten sich viele farbige Einwanderer verpflichtet, Jobs zu übernehmen, die niemand sonst übernehmen wollte (z. B. Straßenreinigung, Nachtproduktionsschichten), häufig schlechter bezahlt als ihre weißen Kollegen. Powell wurde häufig vehement von den Gewerkschaften angegriffen (die befürchteten, dass die Einwanderer von den Arbeitgebern als Hebel benutzt würden, um die Löhne durch künstliche Ausweitung des Wettbewerbs um Arbeitsplätze niedrig zu halten). Zweifellos steigerte er das Vertrauen der Immigrantenbevölkerung durch die Erleichterung des Zugangs der Farbigen zu prestigeträchtigeren Karrieren, wodurch er Nachkommen afro-karibischer und asiatischer Einwanderer die Herausbildung einer späteren Mittelklasse ermöglichte.

Zusammen mit Iain Macleod lehnte er eine Position im Kabinett nach der Berufung von Alec Douglas-Home zum Premierminister ab. Nach der Niederlage der Konservativen bei den Unterhauswahlen 1964 kehrte er als Schattentransportminister in die erste Reihe seiner Fraktion zurück. Bei den ersten Wahlen seiner Partei zum Parteivorsitz 1965 trat er als Kandidat an, erreichte jedoch hinter Edward Heath nur den dritten Platz, was ihm trotz seiner antiamerikanischen Gesinnung die Berufung zum Schattenverteidigungsminister einbrachte.

In einer umstrittenen Rede vom 26. Mai 1967 kritisierte Powell Großbritanniens Rolle in der Nachkriegswelt: „Entschwindende letzte Spuren von Großbritanniens einst riesigem indischen Reich haben sich in unserer Vorstellung verwandelt in eine friedenserhaltende Rolle, bei der die Sonne niemals untergeht. Unter Gottes guter Fürsorge und in Partnerschaft mit den USA schützen wir den Weltfrieden und stürzen hierhin und dorthin, um den Kommunismus zurückzudrängen, Strohfeuer zu löschen und die Subversion zu unterdrücken. Man kann es nur schwierig beschreiben, ohne auf psychiatrische Termini zurückzugreifen, eine Vorstellung, die wenig Kontakt mit der Realität besitzt.“

„Ströme von Blut“-Rede[Bearbeiten]

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Powell war bekannt für seine rhetorischen Fähigkeiten und ein Einzelgänger, der wenig darauf gab, ob er seiner Partei oder sich selbst schadete. Am 20. April 1968 hielt er eine umstrittene Rede in Birmingham, in der er seine Zuhörerschaft vor den Folgen ungebremster Zuwanderung aus dem Commonwealth nach Großbritannien warnte. Weil er wegen der Einwanderung „Ströme von Blut fließen“ in Anspielung auf Vergil sah, „in der der Tiber mit einem Schaum von Blut bedeckt ist“, nennt man diese Rede „Ströme von Blut“-Rede, und so wurde sie auch von der Presse getauft.

Ein Gegenstand seiner Rede war das ausgiebige Zitat eines Briefes einer seiner Wählerinnen in Wolverhampton, einer älteren Dame, die von ihren Erfahrungen als vermutlich letzte Weiße in ihrer Straße berichtete. Sie hatte wiederholt Bewerbungen von Farbigen um vermietete Räume abgelehnt, weshalb sie außerhalb ihres Heims als Rassistin verrufen war und Exkremente in ihrem Briefkasten fand. Trotz Kombinierung des Wählerverzeichnisses mit anderen Quellen waren der Herausgeber der Lokalzeitung, Clem Jones (ein enger Freund von Powell, der über diese Kontroverse seine Freundschaft zu Powell abbrach), und seine Journalisten nicht im Stande, die Frau zu identifizieren. Powell lehnte es ab, ihren Namen zu nennen, weil er es für richtig hielt, ihre Identität vertraulich zu behandeln. Nach Powells Tod schrieb Kenneth Nock, ein Anwalt aus Wolverhampton, an den Express and Star im April 1998, dass seine Kanzlei für die in Rede stehende Dame agiert habe und dass sie existiere, aber er sie aus Gründen der Mandantenvertraulichkeit nicht identifizieren könne. Die Rede wurde 1968 gehalten, als das Gesetz über die Beziehungen der Rassen im Parlament behandelt wurde, das die Diskriminierung aufgrund der Rasse bei der Vermietung für illegal erklärte.

Mit Entsetzen bemerkte Powell später, dass er die Rede ausgerechnet an Adolf Hitlers Geburtstag gehalten hatte, was ihn in den Augen vieler in die Nähe von Rassisten rückte. In dieser Zeit hielten viele britische Faschisten wie Colin Jordan und John Tyndall (den späteren Führer der National Front und Gründer der British National Party), Geburtstagsfeiern zu Ehren Hitlers.

Heath warf Powell am Tag nach der Rede aus seinem Schattenkabinett und Powell erhielt nie wieder eine leitende Position in seiner Partei. Jedoch zeigte eine Gallup-Umfrage Ende April, dass 74 % der Befragten den in Powells Rede geäußerten Thesen zustimmten. Über hunderttausend meist zustimmende Zuschriften aus der Bevölkerung gingen bei Powell ein. Als die Sunday Times seine Rede als „rassistisch“ bezeichnete, ließ Powell der Redaktion eine einstweilige Verfügung einschließlich einer gerichtlichen Bestätigung über Zahl und Existenz der vorgenannten Zuschriften zustellen.

Drei Tage nach seiner Rede, als der Gesetzentwurf über die Rassenbeziehungen im Unterhaus debattiert wurde, marschierten 1.000 Hafenarbeiter nach Westminster, um gegen Powells anscheinende Opferrolle zu protestieren. Am nächsten Tag überreichten 400 Fleischträger vom Smithfield Market eine zweiundneunzigseitige Petition zur Unterstützung von Powell.

Dagegen befanden sich die Immigranten aus der Karibik und dem indischen Subkontinent infolge von Powells Rede in einer gespannten Atmosphäre der Angst – sie sahen sich einer Welle von Misstrauen und Ressentiments ausgesetzt. Aktivisten für die Rechte der Einwanderer betrachteten Powell als denjenigen, der an den kleinsten gemeinsamen Nenner in der britischen Politik appellierte.

Hintergrund der Auseinandersetzung war, dass Großbritannien bis 1962 jedem Einwohner des Commonwealth mit einem britischen Pass die Einwanderung nach Großbritannien ermöglichte, was von der britischen Industrie lange Zeit ob des großen Zustroms billiger Arbeitskräfte im Umfeld der ehemaligen Textilindustriemetropolen enthusiastisch gefeiert wurde. Diese Einwanderung war in vielen heruntergekommenen Vorstädten, verbunden mit ghettoähnlichen Strukturen, zu einem explosiven Gemisch mit sozialer Sprengwirkung herangewachsen – seit Ende der 1960er Jahre waren die arbeitsintensiven alten britischen Industrien sang- und klanglos untergegangen und eine wachsende Zahl von Immigranten und Briten wurde arbeitslos. Da die Briten als Inselvolk ohne Grenzen zu ihren Nachbarn leben, war „britische Identität“ nie näher definiert worden. Selbst nach Gründung des Irischen Freistaats war niemand auf die Idee gekommen, Iren als Ausländer zu betrachten, ihnen beim Niederlassungs-, Arbeits- oder Wahlrecht Beschränkungen aufzuerlegen. So rief Powells Rede, die zunächst ein Ruf nach Bewahrung britischer Identität war, einen Aufschrei der Empörung hervor.

Einige verdächtigten Powell eines abgekarteten Spiels – Fernsehkameras waren auf Parteitagen der West Midland Region des Conservative Political Centre’s unbekannt, und einige vermuteten, dass Heath Powell anstelle seiner Partei die Prügel ausbaden lassen wollte, die ihr die restriktivere Linie in der Einwandererfrage im Jahresverlauf einbringen würde. Powell hatte im Vorhinein an die Medien den Text seiner Rede verteilt; ihr Erscheinen mag dem Umstand zu verdanken sein, dass sie erkannten, wie explosiv ihr Inhalt war. Die Konservativen hatten in landesweiten Untersuchungen herausgefunden, dass sich im Gefolge der Unterhauswahlen (Peter Griffiths hatte den sicheren Labour-Wahlkreis Smethwick des späteren Außenstaatssekretärs Patrick Gordon Walker erobert) eine harte Linie in der Einwanderungsfrage ca. zwanzig Unterhaussitze von Labour gewinnen lassen könnten, aber es bedurfte erst ihrer Niederlage bei den Unterhauswahlen 1966, um die Konservativen davon zu überzeugen, die „Rassenkarte“ auszuspielen.

Als ungewöhnlicher Konservativer[Bearbeiten]

Powells Popularität trug zum Überraschungssieg der Konservativen bei den Unterhauswahlen 1970 bei, der ein spätes Resultat konservativer Unterstützung in den West Midlands nahe Powells Wahlkreis war. Eine Umfrage des Daily Express 1972 wies ihn mittlerweile als populärsten Politiker des Landes aus; diese Popularität blieb ihm zu Lebzeiten erhalten.

Powell hatte zuvor einen vergeblichen Versuch – allerdings mit einem zweistelligen Ergebnis – unternommen, Parteivorsitzender zu werden. Es wurde selten erörtert, dass Powell der wichtigste Bewerber der konservativen Rechten nach Heaths zweifacher Niederlage bei den Unterhauswahlen 1974 war. Ob er die Wahlen wirklich gewonnen hätte, wäre mehr eine Frage konkreter Umstände als solider Fakten gewesen (angenommen, die mögliche Gewinnerin, Margaret Thatcher, hätte ihre Unterstützung heruntergespielt). Powells Nachteil war, dass er als Mann der Fragen, nicht der Antworten galt – seine spitzbübische Natur sprach ebenfalls gegen ihn. Aber es dürfte keine Frage sein, dass die Konservativen die Wahlen 1979 nach dem Winter der Unzufriedenheit gewonnen hätten.

Als der Abgeordnete Nicholas Ridley den zwölf Personen umfassenden Ökonomischen Diners Club gründete, gehörte ihm Enoch Powell dank seines scharfen Intellekts und seiner entschieden marktwirtschaftlichen Orientierung an. Auch Margaret Thatcher war Mitglied des Clubs, jedoch erst nach ihrem Aufstieg zur Parteivorsitzenden und noch bevor sie Premierministerin wurde.

Powell war ein glühender Anhänger britischer Souveränität, die er im Unterhaus in Westminster, in Gesetzgebung und Währung und nicht zuletzt im britischen Militär repräsentiert sah. Dafür war er bereit, große Opfer zu bringen. Er griff auf Churchills Konzept der Vereinigten Staaten von Europa zurück, die im Europarat ihren institutionellen Rahmen gefunden hatten. Gesetze, die von einer nicht gewählten Europäischen Kommission erlassen und einem damals noch nicht gewählten Europäischen Parlament durchgewinkt werden, waren ihm ein Gräuel. Deshalb verließ Powell die Konservative Partei im Februar 1974 zur Überraschung seiner Parteifreunde hauptsächlich, weil sie Großbritanniens Beitritt zur EWG zugestimmt hatte. Nachdem Heath erklärt hatte, dass das den britischen Konservativen heilige „self government nun obsolet“ sei, schlug er seinen Wählern vor, die Labour-Partei zu wählen, die ein Referendum zum Verbleib Großbritanniens in der EWG als einzigen Weg, Großbritanniens Souveränität zu sichern, angekündigt hatte. Er bekräftigte diese Linie erneut bei den Unterhauswahlen im Oktober 1974 – das Referendum wurde schließlich 1975 abgehalten. Das Resultat war ein klares Votum für einen Verbleib „im Gemeinsamen Markt“ (wie es auf dem Stimmzettel bezeichnet wurde). Die Konservativen verziehen Powell seinen Aufruf, Labour zu wählen, nie.

Hinter Powells Europaskepsis stand die Einschätzung, dass die Sowjetunion ungeachtet diverser Schaukonfrontationen im Kalten Krieg letztlich den Westen nicht überfallen wolle und werde – die UdSSR war seiner Meinung nach viel zu abhängig von den europäischen und US-amerikanischen Getreideüberschüssen, die sie nahezu kostenlos erhielt. Es gebe also keinen Grund, die westliche Militärallianz zusätzlich auszubauen. Die „unabhängige Nuklearabschreckung Großbritanniens“ wurde von ihm ebenfalls negativ betrachtet, weil sie nicht rational genutzt werden könne und damit gegenstandslos sei. Er glaubte, dass das amerikanische Interesse an Großbritannien ein Versuch sei, Großbritannien zu unterminieren, um den USA eine größere Weltgeltung zu verschaffen. Powell argumentierte außerdem, dass die Amerikaner den europäischen Staaten einschließlich Großbritannien rieten, der EWG beizutreten, weil sie der „politische Arm“ der NATO sei und deshalb in die große amerikanische Strategie gegen die Sowjetunion passen würde.

Ulster Unionist Party[Bearbeiten]

Powell kehrte bei den Unterhauswahlen Ende 1974 schnell wieder als Abgeordneter des Wahlkreises South Down ins Parlament zurück; ein Angebot der National Front, als Kandidat für sie anzutreten, hatte er abgelehnt. Er war ein überzeugter Anhänger des Vereinigten Königreichs und davon überzeugt, dass es nur überleben würde, wenn die Unionisten die volle Integration in das Vereinigte Königreich unter Aufgabe der erst kürzlich ausgesetzten Selbstverwaltung Nordirlands anstrebten. Er lehnte den direkten Beitritt zum Orange Order (der die UUP nach ihrer Abspaltung von der Konservativen Partei hauptsächlich kontrollierte) ab – der erste Abgeordnete der Ulster Unionists in Westminster, der niemals Mitglied wurde (und bis heute einer von dreien; die anderen waren das frühere UDR-Mitglied Ken Maginnis und Lady Sylvia Hermon). Er war ein ausgesprochener Gegner der extremistischen Unionisten, die von Reverend Ian Paisley und seinen Anhängern unterstützt wurden. Powell erklärte, dass Ulster die IRA nur aufhalten könne, indem es sich als gleichberechtigte Region in das Vereinigte Königreich eingliedere und auf jeden Sonderstatus verzichte.

Seiner Ansicht nach war der Ursprung der Auseinandersetzungen in Nordirland kein religiöser, sondern ein nationaler: Während die Protestanten sich als Briten begriffen und Briten bleiben wollten, verstanden sich die Katholiken als abweichende Nation der Iren. Weil das britische Parlament jedoch versäumt habe, die britische Identität zu definieren, fasse die IRA dies als Zögern auf: „Noch eine Bombe, und die Briten werden es satt haben, werden abziehen und wir werden alles übernehmen“, fasste Powell seine Auffassung der IRA-Sicht zusammen. Nach seiner Ansicht wäre der anspruchsvolle Status von Ulster mit eigenem Parlament und Premierminister ein ständiger Anlass der Hoffnung für die IRA, dass Ulster vom Vereinigten Königreich gelöst werden könne: „Jedes Wort oder jeder Akt, der die Hoffnung auf die Verhandelbarkeit der Einheit mit dem Rest des Vereinigten Königreichs bewusst oder unbewusst stärkt, ist ein Beitrag zur Fortsetzung der Gewalt in Nordirland.“ Bis 1983 war sein lokaler Helfer Jeffrey Donaldson, der später Abgeordneter der Ulster Unionist wurde, bevor er zur DUP überlief.

Während seiner späten Karriere als Abgeordneter der Ulster Unionisten kritisierte Powell weiterhin die USA und verdächtigte die Amerikaner, die Briten zu einem Ulster in einem Gesamtirland zu überreden, weil die Bedingung für eine irische Mitgliedschaft in der NATO die Einheit der sechs Grafschaften (gemeint sind Antrim, Armagh, Down, Fermanagh, Londonderry und Tyrone) wäre. Die Amerikaner wollten die klaffende Lücke in der NATO-Verteidigung schließen, die zwischen der irischen Südküste und Nordspanien bestünde. Powell erklärte, er habe eine Kopie eines politischen Strategiepapiers des US-Außenministeriums vom 15. August 1950, in dem die amerikanische Regierung angeblich die Zweckmäßigkeit Irlands in internationalen Organisationen, die durch die Teilung Irlands gedämpft und die strategische Planung für Europa erschweren würde, beklage. Das Dokument fahre fort: „Es ist wünschenswert, dass Irland ein integraler Bestandteil der Verteidigungsplanung der Nordatlantikregion wegen seiner strategischen Position und seines gegenwärtigen Mangels an Verteidigungskapazität würde“.

Enoch Powell von A. Warren (1986)

1984 erklärte Powell die CIA zum Urheber des Mords an Lord Louis Mountbatten und am Tod der Abgeordneten Airey Neave und Robert Bradford, weil die Amerikaner Neaves Politik der Integration Nordirlands stoppen wollten. 1986 argumentierte er, nicht die INLA, sondern „MI6 und dessen Freunde“ wären für den Tod von Airey Neave verantwortlich.

Nach der Invasion Kuwaits durch den Irak 1990 erklärte Powell Großbritannien nicht im „formellen Sinne“ zum Alliierten von Kuwait, weil das Gleichgewicht der Kräfte im Nahen Osten herzustellen nach dem Ende des Britischen Weltreichs nicht länger eine Aufgabe Großbritanniens sei. Daher solle Großbritannien nicht am Krieg teilnehmen. Er merkte an, dass Saddam Hussein einen langen Weg zu nehmen hätte, bevor seine Truppen die Strände von Kent oder Sussex hinaufstürmen könnten. Nachdem Großbritannien kleinen Nationen erklärt hatte, sie gegen Angriffe zu verteidigen, sagte Powell: „Manchmal frage ich mich, ob wir unsere Macht vergeuden oder ob wir bekennen, unsere Arroganz zu vergeuden.“

Angesichts der deutschen Vereinigung 1990 forderte Powell Großbritannien eindringlich auf, eine Allianz mit Russland zu etablieren, um den deutschen Effekt auf das Gleichgewicht der Kräfte in Europa zu kompensieren. Dieser Teil seiner Analyse wurde durch die Atlantikerin Premierministerin Thatcher ernster genommen, die sich vergeblich darum bemühte, den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow davon zu überzeugen, die deutsche Vereinigung zu verhindern.

Obwohl er angeblich eine gute Beziehung zu Margaret Thatcher unterhielt (sie merkte an, ihre eigene monetaristische Politik stamme von Powell, was er mit der trockenen Bemerkung konterte, „wie schade, dass sie sie nicht verstanden hat“), kam er 1985 bei seinem Protest gegen ihre Unterstützung für den Anglo-Irischen Vertrag mit ihr in Konflikt, in dessen Verlauf er sein Abgeordnetenmandat aus Protest niederlegte, es bei der anschließenden Nachwahl allerdings wieder erwarb. Bei den Unterhauswahlen 1987 verlor er sein Mandat an den SDLP-Abgeordneten Eddie McGrady, hauptsächlich wegen demografischer Änderungen und Änderungen im Zuschnitt seines Wahlkreises, so dass wesentlich mehr Katholiken zum Wahlkreis South Down als vorher gehörten. Ironischerweise fanden die Änderungen der Wahlkreisgrenzen aufgrund Powells Kampagne für eine höhere Zahl von Abgeordneten aus Nordirland statt, für die er eingetreten war, um Nordirland gleichwertig zu den übrigen Teilen des Vereinigten Königreiches repräsentieren zu lassen und in der Absicht, weitere Schritte auf dem Weg zur Integration zu unternehmen.

Sein Unionismus blockierte indes nicht seine Fähigkeit zu unabhängigem Denken; er stand der Erschießung von drei unbewaffneten IRA-Mitgliedern in Gibraltar 1988 kritisch gegenüber.

Enoch Powell starb 1998 an der Parkinson’schen Krankheit im Alter von 85 Jahren und wurde auf dem Warwick Regimentsfriedhof in Warwickshire in seiner Kriegsuniform begraben. Seine Ehefrau Pamela, mit der er seit 1952 verheiratet war und ihre Töchter überlebten ihn. Margaret Thatcher, die ihm ökonomisch viel zu verdanken hatte, blieb seiner Beerdigung fern und sandte nur ihren Ehemann.

Persönlichkeit[Bearbeiten]

Obwohl zunächst Atheist wurde Powell später überzeugter Anhänger der Anglikanischen Kirche, weil er 1949 auf dem Weg zu seinem Hochhaus in seinem späteren Wahlkreis glaubte, „die Kirchenglocken von St. Peters’s Wolverhampton gehört“ zu haben. Deshalb wurde er zum Kirchenschweizer von Westminster Abbey. Er verwandte viel Zeit seines späteren Lebens mit dem Versuch nachzuweisen, dass bei strenger Lesung Christus nicht gekreuzigt, sondern erhängt wurde.

Powell lernte mit fünf Jahren von seiner Mutter, Altgriechisch zu lesen. Im Alter von 70 Jahren lernte er seine zwölfte und letzte Sprache, Hebräisch. Acht Sprachen beherrschte er fließend.

2002 erschien Powell auf der Liste der „100 größten Briten“ (einem von der BBC gesponserten und von der Öffentlichkeit entschiedenen Wettbewerb). Der Kommentar des BBC-Geschichtsmagazins: “Powells Karriere war ein einziger Misserfolg und mit Glück wird er vergessen.“

In verschiedenen Sketchen von Monty Python wird Powell erwähnt.

Powell bemerkte, dass „alle politischen Karrieren in einem Misserfolg enden“ und zögerte nicht, zuzustimmen, dass dies insbesondere auf ihn selbst zutraf. Wie Tony Benn (ein persönlicher Freund aus einem anderen politischen Lager, den Powell bei der Niederlegung seines Adelstitels unterstützt hatte, damit dieser als gewählter Abgeordneter zurückkehren konnte) wurde er als einer der letzten Politiker mit Bewusstsein und Pflichtgefühl gegenüber seinen Wählern vor der Loyalität zu seiner Partei oder der Sicherheit seiner Karriere angesehen.

Powell bewies rhetorischen Fähigkeiten auch jenseits der Politik. Er war ein Dichter von beachtenswerter Reife, der vier Gedichtsammlungen unter seinem Namen veröffentlicht hatte: „First Poems“, „Casting Off“, „Dancer’s End“ und „The Wedding Gift“. Seine „Gesammelten Gedichte“ erschienen 1990. Er übersetzte Herodot („Die Geschichte Herodots“) und veröffentlichte viele andere Werke klassischer Bildung. Er veröffentlichte ebenfalls eine Biographie über Joseph Chamberlain. Powell publizierte außerdem viele Bücher zu politischen Themen, die oft durch eine Sammlung seiner Reden kommentiert wurde. Seine politischen Publikationen waren häufig gegenüber seiner eigenen Partei ebenso kritisch wie gegenüber der gegnerischen Labour Party, oft machte er sich einen Spaß daraus, das, was er als logischen Fehler oder Trugschluss oder Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit ansah, aufzuspießen. Sein Buch „Freiheit & Realität“ enthielt viele unsinnige Zitate aus Labour-Beschlüssen oder von Harold Wilson.

Rassistischer Demagoge bzw. verlorener Premierminister[Bearbeiten]

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Powell erklärte „Ich habe und will immer wieder mein Gesicht als Feuerstein gegen jeden einsetzen, der einen Unterschied zwischen einem Staatsangehörigen dieses Landes und einem anderen wegen seiner Herkunft macht.“ Wiederholt erklärte er die Einwanderung zu einer Frage der Kopfzahl („a question of numbers“), womit er auf die quantitativen Grenzen der Integration hinwies. Die Öffentlichkeit tendierte dazu, dieser Position zuzustimmen: Bei „die Verhandlung in Sachen Enoch Powell“, eine Fernsehsendung von Channel 4 aus Anlass des dreißigsten Jahrestages seiner Rede in Birmingham (und zwei Monate nach seinem Tod) stimmte das Studiopublikum mit 64 % für die Ansicht, Powell sei „kein Rassist“.

Powells Kritiker bezeichneten ihn oft als „rechts-außen“, „Protofaschisten“ oder „Rassisten“. Die beiden ersten Vorwürfe scheinen angesichts seines Abstimmungsverhaltens gegenüber den meisten sozialen Fragestellungen nicht zuzutreffen, wie der Reform bezüglich Homosexualität, der Abschaffung der Todesstrafe, beides liberale Reformen, die begrenzte Unterstützung in der Konservativen Partei zu ihrer Zeit besaßen. Obwohl die Öffentlichkeit dazu neigte, Powell in Fragen zu unterstützen, in denen er sich einen Ruf erworben hatte, bezeichneten ihn allerdings viele Journalisten, Kommentatoren und Politiker (die Powell gerne abschätzig zur „quasselnden Klasse“ zusammenfasste) als Rassisten. Für einige schienen diese Vorwürfe nicht überzeugend angesichts seiner vorpolitischen Aktionen. Dazu gehörte, dass Powell sich um Unterstützung bemüht hatte, Vizekönig von Indien zu werden, und dass er erst in den späten 1960er Jahren begonnen hatte, Reden zu Themen im Zusammenhang mit Rassen und Einwanderung zu halten.

Obwohl er als strenger Monetarist angesehen wurde, wurden seine Ansichten häufig sozial relativiert. Er stimmte 1965 für ein einfacheres Scheidungsrecht, weil er die Ansicht vertrat, dass zwei unglückliche Menschen nicht gezwungen werden sollten, in ihrem Unglück zu verharren. Er stimmte außerdem für ein liberaleres Abtreibungsrecht, weil er glaubte, dass eine solche Handlung eine Frage individuellen und nicht Regierungsbewusstseins sei.

Seine Reden und Fernsehinterviews während seines politischen Lebens zeugten von seinem Argwohn gegenüber „dem Establishment“ im Allgemeinen – ab den 1980er Jahren gab es gar eine konstante Erwartung, dass er eine Rede oder Handlung vornehmen würde, die darauf angelegt war, die Regierung jener Zeit so vor den Kopf zu stoßen, dass sie ihm keine Erhebung in den Adelsstand (womit ein Wechsel in das Oberhaus verbunden gewesen wäre) anbot, woran er freilich solange kein Interesse hatte, wie Edward Heath im Unterhaus saß (Heath blieb im Unterhaus bis nach Powells Tod). Er hatte 1958 gegen den Life Peerages Act gestimmt und fand es für sich selbst heuchlerisch, lebenslänglich dem Adelsstand anzugehören, weil kein Premierminister ihm die Erhebung in den erblichen Adelsstand anbieten wollte.

Bibliographie[Bearbeiten]

  • Foot, Paul: The Rise of Enoch Powell, Cornmarket Press (hb)/Penguin (pb), 1969
  • Roth, Andrew: Enoch Powell: Tory Tribune, Macdonald, 1970
  • Stacey, Tom: Immigration and Enoch Powell, London, 1970, ISBN 0854680130 (formal falsche ISBN)
  • Shepherd, Robert: Enoch Powell, Hutchinson, London, 1998, ISBN 0-09-179208-8
  • The Daily Telegraph: Obituary of Enoch Powell, 9th February, 1998
  • Heffer, Simon: Like the Roman: The Life of Enoch Powell, Weidenfeld & Nicolson, London, 1998, ISBN 0-297-84286-2
  • Altmann, Gerhard: Abschied vom Empire. Die innere Dekolonisation Großbritanniens 1945-1985, Göttingen 2005.

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. Simon Heffer, Like the Roman. The Life of Enoch Powell. 1998 London S. 53.

Werke[Bearbeiten]

  • Enoch Powell (1969[1999]): Freedom and Reality, Eliot Rightwat Books, ISBN 0-7160-0541-7 (Dieser Band enthält den Text seiner Ströme-von-Blut-Rede)
  • J.Enoch Powell (1977): Joseph Chamberlain, London, ISBN 0-500-01185-0
  • Enoch Powell (1977): Wrestling with the Angel, London, ISBN 0-85969-127-6
  • Enoch Powell (1989) (Herausgeber Richard Ritchie): Enoch Powell on 1992, London, ISBN 1-85470-008-1
  • Enoch Powell (1991) (Herausgeber Rex Collings): Reflections of a Statesman, London, ISBN 0-947792-88-0

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Enoch Powell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien