Entmythologisierung

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Entmythologisierung, auch Entmythisierung, ist allgemein der Versuch, eine in einem Mythos oder in mythischer Sprache tradierte Anschauung auf ihren Wirklichkeitsgehalt hin zu untersuchen und die eigentliche Aussageabsicht herauszuarbeiten.[1]

Entmythologisierung der Bibel[Bearbeiten]

Im religiösen Kontext geht der Ausdruck auf den evangelischen Theologen Rudolf Bultmann zurück. Bultmann stellte sein Programm der Entmythologisierung in seinem Aufsatz „Neues Testament und Mythologie“ aus dem Jahr 1941 vor. Er sah in der mythischen Denk- und Sprachform der Antike ein Problem, da die Menschen der Moderne diese mythische Redeweise nicht mehr verstünden. Glauben könne sich daher nur aus einer existentialen Interpretation der Bibel ergeben. Der nicht-mythologische Sinn einer mythologisch klingenden Aussage soll bei der Entmythologisierung herausgearbeitet werden. Da im Mythos keine Unterscheidung zwischen den Realitätsstufen Immanenz und Transzendenz gemacht wird,[2] versucht die Entmythologisierung die Differenz zwischen Gott und Welt zu wahren.[3] Bei der Entmythologisierung geht es Bultmann nicht darum, das Mythische aus den Texten zu eliminieren, sondern die Texte so zu interpretieren, dass das ihnen zugrunde liegende Existenzverständnis deutlich wird mit dem Ziel, dass der Mensch sich durch das biblische Kerygma getroffen fühlt und vor eine „existentielle“ Entscheidung gestellt wird.[4][5] Dabei setzt Bultmann voraus, dass das wissenschaftliche Weltbild dem Mythos überlegen ist. Für ihn geht es demnach darum, die theologischen Aussagen der Bibel so zu formulieren, dass sie mit dem modernen Weltbild kompatibel sind. „Er verfolgt ein Modernisierungsprojekt.“[6]

Für Joseph Ratzinger und andere Theologen hat die Entmythologisierung schon in der Bibel stattgefunden. Die Rede von der Erschaffung der Welt durch Gott beinhalte die Differenz zwischen Gott und Welt und sei damit eine „bewußte Absage an den Mythos“.[7] Ratzinger sieht zudem in der theologischen Entwicklung der frühen Kirche, in der Entscheidung „für den Logos gegen jede Art von Mythos“, eine „definitive Entmythologisierung der Welt und der Religion“. Diese Entscheidung hält er für den entscheidenden Faktor, der das Christentum vor dem Schicksal der antiken Religion bewahrte, dem „inneren Zusammenbruch“.[8] Am Beispiel von „Höllenfahrt“ und „Himmelfahrt“ verdeutlicht Ratzinger, dass es dabei nicht um „kosmographische“ Gegebenheiten geht, sondern um Dimensionen der menschlichen Existenz.[9]

Kritik am Entmythologisierungsprogramm Bultmanns[Bearbeiten]

Rahner/Vorgrimler anerkennen zwar, dass das neutestamentliche Kerygma auf eine existenziale Entscheidung zielt, werfen Bultmann aber vor, es darauf reduziert zu haben. Sie insistieren darauf, dass es sich auch um Mitteilung von „objektiven“ Ereignissen wie der Auferstehung handele.[10]

Leo Scheffczyk sieht den entscheidenden Fehler in Bultmanns Programm „in einer falschen Bestimmung des Mythos“. Für Bultmann sei schon alles mythisch zu nennen, das nicht dem wissenschaftlichen Weltbild entspreche, sondern die Welt als dreistöckig gegliedert annehme. Und als mythologisch seien dann alle religiösen Aussagen zu bezeichnen, die sich innerhalb des antiken Weltbildes bewegen. Nur wenn Gottes Handeln und die Welt nicht miteinander vermengt würden, sei es nach Bultmann gewährleistet, dass nicht gegen das wissenschaftliche Weltbild verstoßen werde. In diesem Denken wird – so Scheffczyk – der christliche Glaube verfehlt, weil dadurch keine „objektiven Aussagen über Gott und über das göttliche Handeln in Jesus Christus“ mehr möglich seien.[11]

Theologen, Religionswissenschaftler und Philosophen wenden gegen Bultmann ein, dass nur mit der Sprachform des Mythos die Transzendenzerfahrung des Menschen angemessen zu Sprache gebracht werden könne.[12]


Literatur[Bearbeiten]

  • Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung. (1941), In: H.-W. Bartsch (Hrsg.): Kerygma und Mythos. Band 1, 4. Auflage. Reich, Hamburg 1960, DNB 457196386.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sachkunde Religion, hg. von Gert Otto, Furche/Patmos, Hamburg/Düsseldorf 1970 (2), S. 251
  2. Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil. Das Mythische Denken, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1973, S. 59 - 77
  3. Peter Knauer: Der Glaube kommt vom Hören. Ökumenische Fundamentaltheologie, Styria, Graz - Wien - Köln 1978, S. 94
  4. Hans Waldenfels: Kontextuelle Fundamentaltheologie, Schöningh, Paderborn 1985, S. 164
  5. Karl Rahner/Herbert Vorgrimler: Kleines theologische Wörterbuch, Herder, Freiburg 1961, S. 89ff
  6. Peter Hardt: Entmythologisierung des Wissens [1] abgerufen am 15. September 2013
  7. so Heinrich Fries: Grundsätzliche Überlegungen zur Entmythologisierung überhaupt, im Artikel „Entmythologisierung“, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Herder, Freiburg 1986, Bd 3, S. 902
  8. Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum. dtv Wissenschaftliche Reihe, 1971, (Erstauflage: Kösel 1968) S. 90-92
  9. Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum, dtv Wissenschaftliche Reihe, München 1971, (Erstauflage: Kösel 1968) S. 215 ff und 228 ff
  10. Karl Rahner/Herbert Vorgrimler: Kleines theologische Wörterbuch, Herder, Freiburg 1961, S. 90ff
  11. Leo Scheffczyk: Entmythologisierung und Glaubenswahrheit in mythenloser Zeit [2] abgerufen am 11. September 2013
  12. David Fergusson: Entmythologisierung, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Mohr - Siebeck, Tübingen 1999, Band 2, Sp. 1328-1330