Entomophagie beim Menschen

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Frittierte Insekten in einem Markt in Bangkok, Thailand

Als Entomophagie bei Menschen wird der Verzehr von Insekten durch Menschen bezeichnet.[1]

Verbreitet ist sie in Teilen Afrikas, Asiens, Nord-, Mittel- und Südamerikas sowie bei den australischen Ureinwohnern. In westlich geprägten Kulturen ist sie eine Randerscheinung und wird häufig mit Ekelgefühlen verbunden (Nahrungstabu).[2]

Etwa 80 % der von Menschen weltweit verzehrten Insekten sind Käfer (Coleoptera), Hautflügler (Hymenoptera), Heuschrecken (Orthoptera), Schmetterlinge (Lepidoptera), Schnabelkerfe (Hemiptera) und Termiten (Isoptera).[3]

Nahrungsquelle[Bearbeiten]

Insekten sind die am häufigsten auf der Erde vorkommenden Tiere. Sie sind weltweit mit Ausnahme der Gebiete des ewigen Eises verbreitet. Insekten – besonders Raupen – bestehen zu großen Teilen aus Proteinen mit allen essentiellen Aminosäuren und enthalten Ballaststoffe in Form des Polysaccharides Chitin. Sie sind arm an Kohlenhydraten und nur wenige Arten besitzen ausgedehnte Fettkörper.[4] Der mittlere Energiegehalt (Trockenmasse) von Insekten liegt bei 460 kcal/100 g.[5] Die meisten Insekten sind für den Menschen essbar.[6]

Damit sind sie als Eiweißquelle ebenso verwertbar wie Eier, Milch oder das Fleisch von Säugetieren, Vögeln oder Fischen. Es ist daher naheliegend, dass die FAO sie als hochwertige Nahrungsquelle empfiehlt.[7]

Geschichte[Bearbeiten]

Bereits ca. 700 v. Chr. wurde in einer assyrischen Darstellung ein Festmahl mit Heuschrecken als Delikatessen abgebildet. Sowohl die Bibel als auch der Koran enthalten Hinweise auf das Essen von Heuschrecken. Auch in der Antike aßen die Griechen und Römer Insekten und ihre Larven, zum Beispiel Bienen und Zikaden.[4] Holzbohrerraupen (lateinisch cossus) galten bei Griechen und Römern (besonders bei Epikureern) als Delikatesse.[8] Sie wurden teilweise mit Mehl gemästet. Allerdings können unter dem Begriff auch andere Raupen holzfressender Schmetterlinge und auch Engerlinge von Käfern wie die des Hirschkäfers (Lucanus cervus) subsummiert worden sein.[9][10]

Den antiken Israeliten war dagegen der Verzehr von Insekten als nicht koscher untersagt (außer vier genau bezeichneten Heuschreckenarten).

Gegenwart[Bearbeiten]

Puppen des Seidenspinners als Nahrungsmittel in einem Imbiss in Korea

Entsprechend ihrer Verbreitung ist es einfach, Insekten zu sammeln, besonders in tropischen Regionen. Daneben sind sie einfach zu halten und zu züchten, was gerade in den so genannten Entwicklungsländern mit häufigen Hungersnöten eine gewichtige Rolle spielt. Häufig hat sich dort auch eine regelrechte Insektenküche etabliert.

Australien[Bearbeiten]

Die Aborigines Australiens sind dafür bekannt, verschiedene Larven (zum Beispiel die Witchetty-Made) roh oder in Sand und Asche gegart zu verspeisen. Besonders die Bogong-Motte der gleichnamigen Berge war sehr beliebt, Josephine Flood beschrieb ausgiebige Festgelage mehrerer Stämme in dem Buch The Moth Hunter. Die Bogong-Motte wird im Sand gebraten und verliert so Beine und Flügel, danach wird der Kopf entfernt. Übrig bleibt der fleischige Hinterleib, der gekocht oder zu Kuchen verbacken wird. Selbst Süßigkeiten bieten die Insekten den Aborigines: Die Sammler der Honigtopfameise hängen prallgefüllt mit einer an Honig erinnernden klebrigen Masse in ihren Nestern und bieten so eine süße Nachspeise.

Afrika[Bearbeiten]

In verschiedenen Staaten Afrikas,[11] besonders in Nigeria,[8][12][13] wird eine Reihe von Insekten regelmäßig verspeist. Dazu gehören gekochte oder rohe Termiten (besonders die Königin gilt als Delikatesse), geröstete Heuschrecken oder die dicken Palmkäferlarven. Der sogenannte Buschmann-Reis (englisch Bushman rice, auch Bushman's rice oder Hottentots rice) der San besteht aus den optisch reisähnlichen Puppen verschiedener Termitenarten.[14]

Asien[Bearbeiten]

In Japan werden Gerichte wie „hachi-no-ko“ (Gekochte Wespenlarven) oder „semi“ (Frittierte Zikaden) zubereitet.

Schwerer zu fangen sind die schnellen Libellen, die man auf Bali gern auf den Speiseplan setzt. Mit speziellen Klebestangen gehen die Libellenjäger auf die Pirsch. Die Tiere werden, nachdem die Flügel entfernt wurden, in verschiedenen Soßen gegart.

In Thailand etwa werden Schaben und Wasserkäfer sowie vielerlei Larven auf unterschiedlichste Weise zubereitet und sind sogar in öffentlichen Garküchen als „Take-away“ erhältlich. Außerdem gilt eine Riesenwanzenart als Leckerbissen.

Wo es Seidenproduktion gibt, werden die in den Kokons enthaltenen Larven des Seidenspinners nach dem Kochen der Kokons als Nahrungsmittel weiterverwertet.

Mexiko und Mittelamerika[Bearbeiten]

In Mexiko, wo auf den Märkten Insekten als Lebensmittel höhere Preise als hochwertiges Fleisch erzielen, werden „Agavenraupen“ dem Agavenschnaps Mezcal zugefügt. Möglicherweise seit der Aztekenzeit gelten die von Agaven lebenden Raupen des Cossus redtenbacheri als essbar.[15][16] Daraus gewonnene Gerichte sind bekannt unter der Bezeichnung axayacatl.[4]

In vornehmen Restaurants gelten gekochte Ameisenlarven als delikate (und sehr teure) Vorspeise: die Larven werden mit Öl und Knoblauch gemischt, und mit Tortillas serviert. Dieses Gericht, Escamoles genannt, wird von vielen als „Mexikanischer Kaviar“ bezeichnet.

Wohl ein Unikat in der Insektenküche sind die mit Schokolade übergossenen Heuschrecken, die vielerorts im südlichen Mexiko und in Guatemala von Kindern als Süßware sehr geschätzt sind.

Südamerika[Bearbeiten]

In Kolumbien werden die Hormigas Culonas, übersetzt „dickarschige Ameisen“, gebraten gegessen und gelten als Aphrodisiakum.

An sich gehört dies nicht zum Bereich der Entomophagie, da Spinnen keine Insekten sind, aber bei den Ureinwohnern der Amazonas- und Orinoko-Gebiete gilt das Ausschlürfen einer rohen und noch lebenden Riesenspinne als Delikatesse – die Wertschätzung ist vergleichbar der Wertschätzung, die in Europa rohen Austern als Delikatesse entgegengebracht wird.

Europa[Bearbeiten]

Während andere Gliederfüßer wie beispielsweise Hummer, Garnelen, Krebse oder Shrimps als teure Delikatessen gehandelt werden, ist der Gedanke an das Verspeisen von Insekten in Europa wenig verbreitet und meist mit Ekelgefühlen verbunden.

Auf Sardinien und in Teilen Frankreichs gelten bestimmte Käsesorten, in denen sich die Larve einer kleinen Fliege entwickelt, als besonders delikat (Casu Marzu). Bis Mitte des 20. Jahrhunderts kannte man in Deutschland und Frankreich eine Maikäfersuppe. Im Magazin für Staatsarzneikunde von 1844 empfahl der Medizinalrat Johann Schneider dieses geschmacklich an Krebssuppe erinnernde Gericht als „vortreffliches und kräftiges Nahrungsmittel“, für das 30 Käfer pro Person gefangen, gewaschen und im Mörser zerstoßen, dann in Butter gebraten und mit Brühe aufgekocht werden. Und er fügte hinzu, dass unter Studenten kandierte Maikäfer eine beliebte Nachspeise gewesen seien.

In den großen Städten, etwa in Berlin, lassen sich vereinzelt Restaurants finden, die zubereitete Insekten auf der Speisekarte haben. Den Besuchern der EXPO 2000 in Hannover wurden geröstete Heuschrecken angeboten, welche geschmacklich an eine Mischung aus Kartoffel-Chips und Erdnüssen erinnern, aber nur wenige Besucher wollten sie essen. In Brixen/Südtirol wurden zumindest um 2001 noch in der Markthalle Heuschrecken angeboten.

Eine Umfrage des AStA der Universität Münster mit mehr als 9000 studentischen Teilnehmern ergab, dass 28 % der Befragten gerne einmal Insekten probieren würden. Wenn die Mensa gelegentlich Insekten zum Verzehr anbieten würde, würde es hinsichtlich der Besuchshäufigkeit für die Mehrheit (57 %) keinen Unterschied machen, während 22 % die Mensa meiden und 7 % der Befragten öfter in die Mensa gehen würden.[17][18]

Forschung und Entwicklung[Bearbeiten]

Seitens der FAO werden Zucht und Verzehr von Insekten durch Programme wie "Edible Insects" als Maßnahmen gegen Mangelernährung in den tropischen und subtropischen Regionen gefördert.[7] Außerdem bietet die Aufzucht von Speiseinsekten wirtschaftliche Chancen für die einheimische Bevölkerung, da sie in kleinem Rahmen ohne viel technischen Aufwand betrieben werden kann. Die Produkte lassen sich auf den lokalen Märkten verkaufen und verschaffen den Kleinzüchtern eine wichtige Einkommensquelle. Die EU fördert mit 4 Mio. Euro die Erforschung.[19]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Entomophagie beim Menschen – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • D. Cimbollek, R. Krause, T. Linke: Probier mal, was da krabbelt - Der praktische Insekten Food Ratgeber (Berlin, 2014 E-Book)
  • Bruno Comby: Köstliche Insekten – Die Proteine der Zukunft – Die unerschöpfliche Quelle für die gesunde Ernährung. Eichborn Verlag, 1994, ISBN 978-3821804279
  • Ingo Fritzsche, Bubpa Gitsaga: Das Insektenkochbuch – Der etwas andere Geschmack. Natur und Tier-Verlag, 2009. ISBN 3-931587-69-X
  • Peter Menzel, Faith D’Aluisio: Man Eating Bugs: The Art and Science of Eating Insects. (englisch). Material World, 1998. ISBN 978-0984074419
  • Julieta Ramos-Elorduy, Peter Menzel: Creepy Crawly Cuisine: The Gourmet Guide to Edible Insects (englisch; gut verwendbare und auf Europa umsetzbare Rezepte). Park Street Publishers, 1998. ISBN 978-0892817474
  • Eugen Fischer: Insektenkost beim Menschen: Ein Beitrag zur Urgeschichte der menschlichen Ernährung und der Bambutiden. In Zeitschrift für Ethnologie. Band 80, H. 1, 1955, JSTOR 25840310
  • Fritz Zumpt, Erwin Schimitschek: Human- und Veterinärmedizinische Entomologie - Insekten als Nahrung, in Brauchtum, Kult und Kultur, in J.-G Helmcke, D. Statrck, H. Wermuth: Handbuch der Zoologie. IV. Band, Arthtroposa, 2. Hälfte Insecta, Verlag Walter de Gruyter, Wien, Berlin 1968, ISBN 3110006545[20]
  •  Birgit A. Rumpold, Oliver K. Schlüter: Nutritional composition and safety aspects of edible insects. In: Molecular Nutrition & Food Research. 57, Nr. 5, Mai 2013, S. 802, doi:10.1002/mnfr.201200735 (Online).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alan L. Yen: Entomophagy and insect conservation: some thoughts for digestion. In: Journal of Insect Conservation 13, Nr. 6, 2009, S. 667–670, doi:10.1007/s10841-008-9208-8.
  2. Alan L. Yen: Edible insects: Traditional knowledge or western phobia?. In: Entomological Research 39, Nr. 5, 2009, S. 289–298, doi:10.1111/j.1748-5967.2009.00239.x.
  3. D. Raubenheimer, J. M. Rothman: Nutritional ecology of entomophagy in humans and other primates. In: Annual Review of Entomology 58, 2013, S. 141–160.
  4. a b c Sandra G. F. Bukkens: The nutritional value of edible insects. In: Ecology of Food and Nutrition 36, Nr. 2–4, 1997, S. 287–319, doi:10.1080/03670244.1997.9991521.
  5. Eintrag zu essbare Insekten. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 9. Mai 2015.
  6. http://insectsasfood.weebly.com/edible-insects.html
  7. a b Arnold van Huis, Joost Van Itterbeeck, Harmke Klunder, Esther Mertens, Afton Halloran, Giulia Muir, Paul Vantomme: Edible insects: Future prospects for food and feed security. (PDF), FAO Forestry Paper 171, Rom 2013, abgerufen 11. Mai 2015.
  8. a b C. E. Mbah, G. O. V. Elekima: Nutrient composition of some terrestrial insects in Ahmadu Bello University, Samaru Zaria Nigeria. In: Science World Journal 2, Nr. 2, 2007, S. 17–20.
  9. Western Attitudes towards insects as food: Europe, the United States, Canada. Chapter 9, gesichtet 11. Mai 2015.
  10. Gene R. DeFoliart: Insects as Food: Why the Western attitude is important. In: Annu. Rev. Entomol. 44, 1999, S. 27–50, S. 40.
  11. J. F. Santos Oliveira, JF Santos, J. Passos de Carvalhoa, R. F. X. Bruno de Sousaa, M. Madalena Simão: The nutritional value of four species of insects consumed in Angola. In: Ecology of Food and Nutrition 5, Nr. 2, 1976, S. 91–97, doi:10.1080/03670244.1976.9990450.
  12. J. O. Fasoranti, D. O. Ajiboye: Some edible insects of Kwara state, Nigeria. In: American Entomologist 39, Nr. 2, 1993, S. 113–116.
  13. F. S. Agbidye, T. I. Ofuya, S. O. Akindele: Some edible insect species consumed by the people of Benue State, Nigeria. In: Pakistan Journal of Nutrition 8, Nr. 7, 2009, S. 946–950.
  14. E. Rosenthal in: Encycl. of Sn Afr. 87, 1967. Zitiert in: Dictionary Unit for South African English: Bushman rice, abgerufen 12. Mai 2015.
  15. Julieta Ramos-Elorduy, José M. P. Moreno, Adolfo I. Vázquez, Ivonne Landero, Héctor Oliva-Rivera, Víctor H. M. Camacho: Edible Lepidoptera in Mexico: Geographic distribution, ethnicity, economic and nutritional importance for rural people. In: Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine 7, Nr. 1, 2011, S. 1–22.
  16. M. J. Manzano: Estudio etnobiológico del gusano de maguey (Aegiale (Acentrocneme) hesperiaris Walker, Cossus redtenbacheri Hammerschmidth y Scyphophorus acupunctatus Gyll.) en el municipio de Apan Hidalgo. Habilitationsschrift, UNAM, 1989.
  17. http://semesterspiegel.uni-muenster.de/wordpress/Ausgaben/ssp408i.pdf
  18. http://www.asta.ms/images/publikationen/Bericht_Mensa-Umfrage_neu.pdf
  19. http://www.ent.wur.nl/UK/Personnel/Research+Personnel/Arnold+van+Huis/
  20. Auszug bei Google-Books