Entomophagie beim Menschen

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Frittierte Insekten in einem Markt in Bangkok, Thailand

Als Entomophagie bei Menschen (gr. ἐντέμνειν entémnein „einschneiden“ und -phagie) wird der Verzehr von Insekten durch Menschen bezeichnet. Verbreitet ist sie in Teilen Afrikas, Asiens, Nord-, Mittel- und Südamerikas sowie bei den australischen Ureinwohnern. In westlich geprägten Kulturen ist sie eine Randerscheinung und wird häufig mit Ekelgefühlen verbunden.

Gründe[Bearbeiten]

Insekten sind die am häufigsten auf der Erde vorkommenden Tiere. Sie sind weltweit mit Ausnahme der Gebiete des ewigen Eises verbreitet. Insekten – besonders Raupen – bestehen zu großen Teilen aus Proteinen und nur wenige Arten haben ausgedehnte Fettkörper.
Damit sind sie als Eiweißquelle ebenso wertvoll wie das Fleisch von Säugetieren oder Fischen. Termiten weisen zusätzlich mehr als doppelt so viel Eisen wie die gleiche Menge mageren Rindfleischs auf. Außerdem enthalten Insekten sämtliche essentiellen Aminosäuren. Es ist daher naheliegend, sie als Nahrungsquelle zu nutzen.

Geschichte[Bearbeiten]

Bereits ca. 700 v. Chr. wurde in einer assyrischen Darstellung ein Festmahl mit Heuschrecken als Delikatessen abgebildet, sowohl die Bibel und der Koran enthalten Hinweise auf das Essen von Heuschrecken. Auch die Griechen und Römer aßen Insekten und ihre Larven, vor allem jene der Bienen und Zikaden.
Den antiken Israeliten war dagegen der Verzehr von Insekten als nicht koscher untersagt (außer vier genau bezeichneten Heuschreckenarten).

Gegenwart[Bearbeiten]

Puppen des Seidenspinners als Nahrungsmittel in einem Imbiss in Korea

Entsprechend ihrer Verbreitung ist es einfach, Insekten zu sammeln, besonders in tropischen Regionen. Daneben sind sie einfach zu halten und zu züchten, was gerade in den so genannten Entwicklungsländern mit häufigen Hungersnöten eine gewichtige Rolle spielt. Häufig hat sich dort auch eine regelrechte Insektenküche etabliert.

Australien[Bearbeiten]

Die Aborigines Australiens sind dafür bekannt, verschiedene Larven (zum Beispiel die Witchetty-Made) roh oder in Sand und Asche gegart zu verspeisen. Besonders die Bogong-Motte der gleichnamigen Berge war sehr beliebt, Josephine Flood beschrieb ausgiebige Festgelage mehrerer Stämme in dem Buch "The Moth Hunter". Die Bogong-Motte wird im Sand gebraten und verliert so Beine und Flügel, danach wird der Kopf entfernt. Übrig bleibt der fleischige Hinterleib, der gekocht oder zu Kuchen verbacken wird. Selbst Süßigkeiten bieten die Insekten den Aborigines: Die Sammler der Honigtopfameise hängen prallgefüllt mit einer an Honig erinnernden klebrigen Masse in ihren Nestern und bieten so eine süße Nachspeise. Auch der sogenannte Buschmann-Reis besteht eigentlich aus einer Ameisenart.

Afrika[Bearbeiten]

In verschiedenen Staaten Afrikas, besonders in Nigeria, wird eine Reihe von Insekten regelmäßig verspeist. Dazu gehören gekochte oder rohe Termiten (besonders die Königin gilt als Delikatesse), geröstete Heuschrecken, oder die dicken Palmkäferlarven.

Asien[Bearbeiten]

Entomophagie-Forschung: Entomologin aus Taiwan zu Besuch bei einer japanischen Forschungsgruppe zur Entomophagie in Südostasien, Ōtsuma-Frauenuniversität, Tokio 2003

In Japan werden Gerichte wie „hachi-no-ko“ (Gekochte Wespenlarven) oder „semi“ (Frittierte Zikaden) zubereitet.

Schwerer zu fangen sind die schnellen Libellen, die man auf Bali gern auf den Speiseplan setzt. Mit speziellen Klebestangen gehen die Libellenjäger auf die Pirsch. Die Tiere werden, nachdem die Flügel entfernt wurden, in verschiedenen Soßen gegart.

In Thailand etwa werden Schaben und Wasserkäfer sowie vielerlei Larven auf unterschiedlichste Weise zubereitet und sind sogar in öffentlichen Garküchen als „Take-away“ erhältlich. Außerdem gilt eine Riesenwanzenart als Leckerbissen.

Wo es Seidenproduktion gibt, werden die in den Kokons enthaltenen Larven nach dem Kochen der Kokons als Nahrungsmittel weiterverwertet.

Mexiko und Mittelamerika[Bearbeiten]

In Mexiko, wo auf den Märkten Insekten als Lebensmittel höhere Preise als hochwertiges Fleisch erzielen, werden Agavenraupen dem Agavenschnaps Mezcal zugefügt.

In vornehmen Restaurants gelten gekochte Ameisenlarven als delikate (und sehr teure) Vorspeise: die Larven werden mit Öl und Knoblauch gemischt, und mit Tortillas serviert. Dieses Gericht, Escamoles genannt, wird von vielen als „Mexikanischer Kaviar“ bezeichnet.

Wohl ein Unikat in der Insektenküche sind die mit Schokolade übergossenen Heuschrecken, die vielerorts im südlichen Mexiko und in Guatemala von Kindern als Süßware sehr geschätzt sind.

Südamerika[Bearbeiten]

In Kolumbien werden die Hormigas Culonas, übersetzt „dickarschige Ameisen“, gebraten gegessen und gelten als Aphrodisiakum.

An sich gehört dies nicht zum Bereich der Entomophagie, da Spinnen keine Insekten sind, aber bei den Ureinwohnern der Amazonas- und Orinoko-Gebiete gilt das Ausschlürfen einer rohen und noch lebenden Riesenspinne als Delikatesse – die Wertschätzung ist vergleichbar der Wertschätzung, die in Europa rohen Austern als Delikatesse entgegengebracht wird.

Europa[Bearbeiten]

Während andere Gliederfüßer wie beispielsweise Hummer, Garnelen, Krebse oder Shrimps als teure Delikatessen gehandelt werden, ist der Gedanke an das Verspeisen von Insekten in Europa wenig verbreitet und meist mit Ekelgefühlen verbunden.

Auf Sardinien und in Teilen Frankreichs gelten bestimmte Käsesorten, in denen sich die Larve einer kleinen Fliege entwickelt, als besonders delikat (Casu Marzu).

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts kannte man in Deutschland und Frankreich eine Maikäfersuppe.

In den großen Städten, etwa in Berlin, lassen sich vereinzelt Restaurants finden, die zubereitete Insekten auf der Speisekarte haben. Den Besuchern der EXPO 2000 in Hannover wurden geröstete Heuschrecken angeboten, welche geschmacklich an eine Mischung aus Kartoffel-Chips und Erdnüssen erinnern, aber nur wenige Besucher wollten sie essen.

Eine Umfrage des AStA der Uni Münster mit mehr als 9.000 studentischen Teilnehmern ergab, dass 28 % der Befragten gerne einmal Insekten probieren würden. Wenn die Mensa gelegentlich Insekten zum Verzehr anbieten würde, würde es hinsichtlich der Besuchshäufigkeit für die Mehrheit (57 %) keinen Unterschied machen, während 22 % die Mensa meiden und 7 % der Befragten öfter in die Mensa gehen würden.[1][2]

Siehe Artikel Nahrungstabu.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Entomophagie beim Menschen – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Bruno Comby: Köstliche Insekten – Die Proteine der Zukunft – Die unerschöpfliche Quelle für die gesunde Ernährung. Eichborn Verlag 1994, ISBN 978-3821804279
  • Ingo Fritzsche & Bubpa Gitsaga: Das Insektenkochbuch – Der etwas andere Geschmack. Natur und Tier-Verlag, 2009. ISBN 3-931587-69-X
  • Peter Menzel, Faith D’Aluisio: Man Eating Bugs: The Art and Science of Eating Insects (englisch). Material World, 1998. ISBN 978-0984074419
  • Julieta Ramos-Elorduy, Peter Menzel: Creepy Crawly Cuisine: The Gourmet Guide to Edible Insects (englisch; gut verwendbare und auf Europa umsetzbare Rezepte). Park Street Publishers, 1998. ISBN 978-0892817474
  • Eugen Fischer: Insektenkost beim Menschen: Ein Beitrag zur Urgeschichte der menschlichen Ernährung und der Bambutiden, in Zeitschrift für Ethnologie, Band 80, H. 1, 1955, Stable Link bei jstor
  • Fritz Zumpt, Erwin Schimitschek:Human- und Veterinärmedizinische Entomologie - Insekten als Nahrung, in Brauchtum, Kult und Kultur, in J.-G Helmcke, D.Statrck, H.Wermuth: Handbuch der Zoologie, IV. Band, Arthtroposa, 2. Hälfte Insecta, Verlag Walter de Gruyter, Wien, Berlin 1968, ISBN 3110006545[3]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://semesterspiegel.uni-muenster.de/wordpress/Ausgaben/ssp408i.pdf
  2. http://www.asta.ms/images/publikationen/Bericht_Mensa-Umfrage_neu.pdf
  3. Auszug bei Google-Books