Entschlafenenwesen der Neuapostolischen Kirche

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Das Entschlafenenwesen der Neuapostolischen Kirche ist ein wichtiger Teil der Lehre der Neuapostolischen Kirche. In anderen christlichen Konfessionen, auch in anderen apostolischen Gemeinschaften, ist diese Lehre nur teilweise oder überhaupt nicht vorhanden. Sie zählt also zu den konfessionsgebundenen Lehren der Neuapostolischen Kirche. Das Entschlafenenwesen wird biblisch begründet und lehrt die Möglichkeit, dass auch bereits Verstorbene noch Heil oder Sündenvergebung finden können. Die Teilnahme an den verschiedenen Gnadenmitteln Gottes – dazu zählen unter anderem die Sakramente – soll daher auch Entschlafenen, also den Seelen Verstorbener, in bestimmter Weise ermöglicht werden.

Die in dieser Form seit dem 19. Jahrhundert publizierte Lehre versteht sich nicht als eine neuzeitliche Sondererkenntnis. Sie stützt sich auf mehrere Bibelstellen, besonders auf 1 Kor 15,29 LUT, welche von einer „Totentaufe“ spricht. In Bibellexika katholischer Theologen wird die Totentaufe in den ersten Gemeinden der Apostel als „wahrscheinlich bzw. möglich“ beschrieben.[1]

Lehre[Bearbeiten]

Tod und Jenseits[Bearbeiten]

Die neuapostolische Lehre teilt die allgemeine christliche Auffassung, dass die Seele des Menschen nach seinem leiblichen Tod weiterlebt. Die Seele ändert dabei ihre Individualität nicht, was heißt, dass wichtige Wesenszüge des Menschen erhalten bleiben. Der Aufenthaltsort der Seele liegt in einer immateriellen Welt, dem Totenreich (gr. „hades“).

Aus Aussagen der Bibel schließt die Neuapostolische Kirche, dass es in diesem Jenseits verschiedene Bereiche gibt. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Orten der Geborgenheit und Orten der Qual, diese wiederum unterscheiden sich in ihrer Nähe zu Gott. Eine Aussage über die Anzahl und genaue Struktur dieser Bereiche trifft die Kirche nicht. In welchem Bereich sich die Seele eines Verstorbenen befindet, hängt davon ab, wie stark er sich zu Lebzeiten am Willen Gottes und seinen Geboten orientiert hat.[2]

Die Kirche lehrt, dass Jesus Christus durch sein Opfer am Kreuz den Tod besiegt hat (1 Kor 15,55 LUT: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“). Somit sind Menschen, die in Christus sterben, definitiv erlöst.[3] Sie befinden sich somit in einem vollkommenen Seelenzustand und dieser kann sich im Jenseits nicht verschlechtern.

Ein „in Christus Gestorbener“ weißt folgende Merkmale auf:[4]

  • Er hat die Sakramente Taufe und Versiegelung empfangen und versteht sich somit als „[wieder-]geboren aus Wasser und Geist“ (nach Joh 3,5 LUT). Ebenso hat er regelmäßig das Sakrament des Abendmahls entgegengenommen.
  • Er bemühte sich ernsthaft, sein Leben an den Geboten Gottes zu orientieren und steht damit gerecht vor Gott.
  • Die Wiederkunft Christi stellte ein zentrales Element seines irdischen Lebens dar.

Das Sakrament der Heiligen Versiegelung wird nur in apostolischen Gemeinschaften gespendet, denn dafür ist das Apostelamt notwendig. Also erfüllen die Bedingung der „Wiedergeburt aus aus Wasser und Geist“ nur neuapostolische Christen (bzw. Christen anderer apostolischer Gemeinschaften), Gläubige des Urchristentums und Märtyrer, welche nach neuapostolischem Verständnis besondere Gnade erfahren. Dies bedeutet jedoch nicht, dass nur diese Heil erfahren können, denn auch andersgläubige Verstorbene sollen durch „Sakramente für Verstorbene“ das Heil erlangen.

Zudem lehrt die Kirche, dass niemand wissen kann, wen die Gnade Gottes letztendlich einschließt. Deshalb soll man für alle noch unerlösten Seelen bitten, damit sie Gnade erfahren können und die genannten Bedingungen erfüllen können.

Auch sagt das Glaubensverständnis, dass man nicht sicher zu diesen „in Christus Gestorbenen“ gehört, nur, weil man neuapostolisch ist. Denn ebenso wichtig sind die Herzenseinstellung und der persönliche Lebenswandel.

Nicht zu den „in Christus Gestorbenen“ gehören unter anderem die, die:

  • entweder nicht die drei Sakramente erfahren haben
  • oder nicht an Jesus Christus glauben und/oder nie von ihm gehört haben oder zwar gläubig waren, jedoch nie nach dem Willen Gottes und Jesu Christi handelten
  • oder deren letzte Sünden nicht vergeben wurden oder noch Laster tragen (z. B. ein Opfer, das seinem Mörder nicht vergeben kann)
  • oder noch keine Gnade erlangt haben

Hilfe für die Verstorbenen[Bearbeiten]

Nach Glaubensauffassung der Neuapostolischen Kirche kann der Zustand von noch unerlösten Seelen zum „Guten“ verbessert werden. Die Hilfe dafür findet sich nach ihrer Ansicht allein in der Gnade Christi aus seinem Opfer und dem damit verbundenen Verdienst.

Das Gnadenangebot im Jenseits muss nach Auffassung der Neuapostolischen Kirche, wie auch im Diesseits, von Seelen aus freiem Entschluss angenommen werden.

In mehreren Bibelstellen wird gesagt, dass Lebende für die Toten beteten. Schon vor der Zeit Jesu gab es einzelne, die daran glaubten (2 Makk 12,44f EU). Die neuapostolischen Christen sind daher aufgefordert, für die noch unerlösten Seelen im Jenseits einzutreten. Sie sollen die Gemeinschaft mit ihnen im Gebet suchen und fürbittend für jene Seelen einstehen, nach dem Vorbild Jesu, der Fürsprecher beim Vater ist.

Die Neuapostolische Kirche akzeptiert auch Andachten anderer christlicher Gemeinschaften und anerkennt auch deren Wirkung im Zusammenhang mit der Gnade Gottes und (wenn auch nicht absolut) der Wirkung des neuapostolischen Apostelamtes.

Mitwirken bereits erlöster Entschlafener[Bearbeiten]

Für die neuapostolischen Christen ist es eine Glaubensüberzeugung, dass erlöste Seelen in der jenseitigen Welt tätig sind. Sie werden sich in der Fürbitte und von ihrem Glauben Zeugnis ablegen, das heißt, dass unerlösten Seelen zwar geholfen werden kann durch Fürbitte im Gebet, dies jedoch voraussetzt, dass erlöste Seelen im Jenseits Missionsarbeit leisten.

Als ihre Berechtigung für diesen Glauben nennt die Kirche:

  • Die biblische Gewissheit, dass alle gläubigen Seelen den „Leib Christi“ bilden (Eph 4,12 LUT). Das setzt für die Kirche voraus, dass überall, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits, das Evangelium gepredigt wird.
  • Da laut Bibel auch Mose und Elia bei der Verklärung Jesu dabei waren (Lk 9,31 LUT), nimmt die Kirche an, dass diese als Repräsentanten der Gläubigen der jenseitigen Welt anwesend waren.
  • Jesus selbst predigte im Jenseits (1 Petr 3,19 LUT)

Die Rolle des Apostelamtes[Bearbeiten]

Nach neuapostolischer Lehre ist das Apostelamt das Amt Gottes, beauftragt von Jesus Christus, in dem der Heilige Geist wirkt. Diese Tatsache macht aus Sicht der Kirche das Amt der Apostel heilsnotwendig. Insofern muss das Apostelamt auch für die Seelen im Jenseits wirken, indem auch ihnen das Wort Gottes gepredigt und Sakramente durch Gnade und Opfertod Jesu übergeben werden.

In der Neuapostolischen Kirche spenden jeden Sonntag der Stammapostel und die Bezirksapostel oder beauftragte Apostel das Heilige Abendmahl den Verstorbenen. An dreimal jährlich stattfindenden Gottesdiensten zum Gedenken an die Entschlafenen („Entschlafenengottesdienste“) spenden diese auch die Wassertaufe und die Heilige Versiegelung an Verstorbene.

Geschichte[Bearbeiten]

Erstmals eine besondere Bedeutung erhielt das Entschlafenenwesen für die Neuapostolische Kirche im Jahr 1874. Der damals neuapostolisch gewordene Pastor Menkhoff führte mit Apostel Friedrich Wilhelm Schwarz mehrere Änderungen in Lehre und Liturgie ein, darunter auch die Sakramentspendung an Entschlafene, nachdem man lange Bibelsitzungen abgehalten hatte.

Zwar glaubte die Kirche (damals noch Allgemeine christliche apostolische Mission) schon vorher an Wirkung von Gebeten für Entschlafene, jedoch wurde die erste Sakramentspendung erst am Himmelfahrtstag 1874 durchgeführt. Wenige Tage später hatte Apostel Schwarz eine sogenannte „Zungenrede“, deren Inhalt lautete, die Reformatoren Melanchthon, Johannes Calvin, Zwingli, Stilling, Da Costa und Claus Harms mit seiner Frau seien an jenem Tage zuvor versiegelt worden.[5]

Unterschiede innerhalb dieser Lehre gab es bis zum heutigen Tage kaum, lediglich das biblische Spektrum der Kirche, betreffend des Entschlafenenwesens, hat sich erweitert. Außerdem war es bis zur Amtszeit von Richard Fehr als Stammapostel „Tradition“, vor der Handlung bei einem Entschlafenengottesdienst den Bereich der Entschlafenen für die Erde zu öffnen, was sich auf die Bibelstelle der Schlüsselmacht (Mt 16,19 LUT) stützte. Seit Fehr wird dieses Ritual von der Kirche jedoch als unnötig angesehen.

Am 28. Juli 1916 unternahm Stammapostel Niehaus während eines Gottesdienstes in Bielefeld, bezüglich einer Apostelversammlung, eine „Amtseinsetzung“ für neuapostolische Christen im Jenseits. Dies wird auch von der heutigen Führung der Neuapostolischen Kirche als äußerst kontrovers angesehen und abgelehnt.

Die Sakramentspendung wurde dann auch von den Stammaposteln Krebs und Niehaus weitergeführt. Niehaus feierte einen Entschlafenengottesdienst jeweils am Zweiten Weihnachtstag. Stammapostel Bischoff legte diesen Tag ab 1950 auf den ersten Sonntag im November. Später sollten dann drei Entschlafenengottesdienste existieren, jeweils am ersten Sonntag im März, Juli und November. Am Mittwochabend zuvor sollten Erlebnisse und Glaubenserfahrungen zu diesem Thema vorgelesen werden.

Gottesdienstliche Praxis[Bearbeiten]

Zu den Höhepunkten im Kirchenjahr der NAK gehören unter anderem die Gottesdienste zum Gedenken an die Enschlafenen. Sie werden dreimal jährlich gefeiert – an jedem ersten Sonntag in den Monaten März, Juli und November. Diesen Zeitpunkten ist keine besondere Bedeutung, etwa als Gedenktage, zugedacht, sie wurden vielmehr willkürlich durch Stammapostel Bischoff festgelegt.

In diesen Gottesdiensten spenden der Stammapostel und die Bezirksapostel die Wassertaufe und die Heilige Versiegelung an Tote. Diese Handlungen werden stellvertretend an zwei priesterlichen Ämtern durchgeführt.

In allen anderen Gemeinden finden diese Handlungen hingegen nicht statt. Dort spricht der jeweilige Leiter des Gottesdienstes nach der Feier des Heiligen Abendmahls ein besonderes Gebet für die Entschlafenen. Es enthält Dank für Christi Gnade und die Bitte um göttliche Hilfe für alle unerlösten Seelen. Jeder Beiwohner dieses Gottesdienstes ist aufgefordert, sich auf dieses Ereignis innerlich vorzubereiten und ebenso im Gebet für die Toten einzutreten.

Vergleich mit anderen Lehren[Bearbeiten]

Aus ökumenischer Sicht wird der Glauben, der die Welt der Toten mit einschließt, weitestgehend abgelehnt. Ansatzweise lässt er sich jedoch in der römisch-katholischen Vorstellung vom Fegefeuer wiederfinden. Das Fegefeuer – so die Lehrmeinung – ist der Ort, den eine Seele durchlaufen muss, bevor sie in den Himmel kommt. Gebete der lebenden Gläubigen können helfen, die Zeit dort zu verkürzen. Die Neuapostolische Kirche ist aber – abgesehen von Neureligionen wie den Mormonen – die einzige christliche Kirche, die ihre Sakramente auch Toten spendet.[6]

In den Gemeinschaften, die aus der NAK entstanden (beispielsweise die Vereinigung Apostolischer Gemeinden), existiert diese Form der Lehre über das Entschlafenenwesen nicht mehr. Dementsprechend werden dort auch keine stellvertretende Handlungen für Verstorbene durchgeführt.

Das Entschlafenenwesen der Neuapostolischen Kirchen hat Ähnlichkeit mit der Totentaufe der Mormonen. Nach dem Verständnis der Mormonen können jedoch nur Verstorbene getauft werden, die mindestens seit einem Jahr tot sind (ist das Sterbedatum nicht bekannt, so muss der Verstorbene vor mindestens 110 Jahren geboren sein). Auch müssen Name und Vorfahren des Verstorbenen unbedingt bekannt sein. Die Neuapostolische Kirche erhebt hingegen den Anspruch, für alle Verstorbenen eintreten zu können.

Literatur[Bearbeiten]

  • Müller-Bahr, Sebastian: Sakramentale Handlungen an Toten in den Apostolischen Gemeinden, in Eberle, Mathias [Hg.] Aufbau, Ausbau, Trennungen – Die Entwicklung der apostolischen Gemeinschaften im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, Nürtingen, 2009, S. 190–227, ISBN 978-3-939291-04-6

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. David Alexander (Hrsg.), Pat Alexander (Hrsg.): Das große Handbuch zur Bibel. 4. Auflage, Katholisches Bibelwerk, 2014, ISBN 978-3-460-30220-4.
  2. Katechismus der Neuapostolischen Kirche. 9.3 Weiterleben der Seele. In: nak.org. Abgerufen am 18. November 2014.
  3. Die Verwendung des Ausdrucks „in Christus Gestorbener“ wird unter anderem durch 1 Thess 4,16 LUT begründet.
  4. Katechismus der Neuapostolischen Kirche. 9.5 Zustand der Seelen im Jenseits. In: nak.org. Abgerufen am 19. November 2014.
  5. Müller-Bahr, Sebastian: Sakramentale Handlungen an Toten in den Apostolischen Gemeinden, in Eberle, Mathias [Hg.] Aufbau, Ausbau, Trennungen – Die Entwicklung der apostolischen Gemeinschaften im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, Nürtingen, 2009, S. 190–227, ISBN 978-3-939291-04-6
  6. Stichwort Entschlafenenwesen (Neuapostolische Kirche). In: Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) Berlin. Abgerufen am 23. November 2014.