Entwicklungsanthropologie

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Entwicklungsanthropologie oder Entwicklungsethnologie ist ein interdisziplinärer Fachbereich der Anthropologie (Wissenschaft vom Menschen) und der Ethnologie (Völkerkunde) mit den Hauptschwerpunkten „Internationale Entwicklung“ und Entwicklungshilfe. Entwicklung bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das freiwillige soziale Handeln von Institutionen, Unternehmen, Staaten und Einzelakteuren, die das wirtschaftliche, technische, politische oder soziale Leben einer Lokalität zu verändern versuchen, vor allem in sogenannten „Entwicklungsländern“.

Mit Feldforschungen vor Ort versuchen Forscher verschiedene Entwicklungen, die in einer Lokalität stattgefunden haben und weiter stattfinden, zu beschreiben, zu analysieren und zu verstehen. Einflüsse auf die Lokalbevölkerung, die Umwelt sowie soziale und wirtschaftliche Lebensbereiche sollen erforscht werden.

Manche Theoretiker unterscheiden zwischen der „Anthropologie der Entwicklung“, in der die Entwicklung selbst das Studienobjekt ist, und einer „Entwicklungsanthropologie“ oder „Anthropologie in der Entwicklung“, in der die Anthropologie als angewandte Forschung zum Einsatz kommt. Diese Unterscheidung wurde beispielsweise 1997 vom kolumbianisch-amerikanischen Anthropologen Arturo Escobar als überholt angesehen.[1]

Der österreichische Sozialanthropologe Christoph Campregher unterscheidet 2008 drei Ansätze der Entwicklungsanthropologie:[2]

  1. Den instrumentellen, aktions- und Politikfeld-orientierten Ansatz vertreten Wissenschaftler, die in der Entwicklungszusammenarbeit praktisch tätig sind, beispielsweise als Berater (siehe auch Aktionsethnologie).
  2. Der kritische, konstruktivistische Ansatz thematisiert die Machtverhältnisse zwischen Geberländern in Europa und Nordamerika und ehemaligen Kolonien.
  3. Der interaktionistische Ansatz stellt in der Entwicklungszusammenarbeit die Handlungsspielräume der beteiligten Akteure in ihren unterschiedlichen sozialen und kulturellen Welten in den Mittelpunkt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Bierschenk: Anthropology and Development. A Historicizing and Localizing Approach. In: Working Papers. Nr. 87a, Institut für Ethnologie und Afrikastudien, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz 2008 (englisch; PDF-Datei; 240 kB; 23 Seiten auf uni-mainz.de).
  • Christoph Campregher: Perspektivenwechsel: Drei Paradigmen der Entwicklungsanthropologie und die Akteur-Netzwerk-Theorie. In: Austrian Studies in Social Anthropology. Nr. 3, 2008, ISSN 1815-3404 (PDF-Datei; 112 kB; 29 Seiten auf univie.ac.at; Info).
  • Arturo Escobar: Encountering Development, the making and unmaking of the Third World. Princeton University Press, Princeton 1995 (englisch).
  • Arturo Escobar: Anthropology and Development. In: International Social Science Journal. Band 154, 1997, S. 497–515 (englisch)
  • Katy Gardner, David Lewis Gardner: Anthropology, Development and the Post-Modern Challenge. Pluto, Chicago 1996 (englisch).
  • John Isbister: Promise Not Kept. The Betrayal of Social Change in the Third World. 4. Auflage. Kumarian , West Hartford 1998 (englisch).
  • J.-P. Olivier de Sardan: Anthropologie et développement. Essai en socio-anthropologie du changement social. Karthala, Paris 1995 (französisch; englische Übersetzung: Anthropology and Development. Understanding contemporary social change. Zed, London 2005).
  • F. J. Schuurman: Beyond the Impasse. New Direction in Development Theory. Zed Books, London 1993 (englisch).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Arturo Escobar: Anthropology and Development. In: International Social Science Journal. Band 154, 1997, S. 497–515, hier S. 498 und 505, zitiert in: Marc Edelman, Angelique Haugerud (Hrsg.): The Anthropology of Development and Globalization. From Classical Political Economy to Contemporary Neoliberalism. Blackwell, Oxford u. a. 2005, ISBN 0-631-22879-9, S. 40 (englisch; Volltext: PDF-Datei; 2,2 MB; 416 Seiten auf direitosehumanos.wordpress.com): „Why are these distinctions disputed? Even Arturo Escobar – once one of development anthropology’s strongest critics – by 1997 suggested that any boundary between the anthropology of development and development anthropology is »newly problematic and perhaps obsolete« (1997:498).[74]“ Anmerkung 74: „Escobar also suggests that »[d]evelopment anthropology and the anthropology of development show each other their own flaws and limitations; it could be said that they mock each other« (Escobar 1997:505)“.
  2. Christoph Campregher: Perspektivenwechsel: Drei Paradigmen der Entwicklungsanthropologie und die Akteur-Netzwerk-Theorie. In: Austrian Studies in Social Anthropology. Nr. 3, 2008, ISSN 1815-3404 (PDF-Datei; 112 kB; 29 Seiten auf univie.ac.at; Info).