Erasmus von Rotterdam

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Erasmus von Rotterdam gemalt von Hans Holbein dem Jüngeren (1523)

Erasmus (Desiderius) von Rotterdam CRSA (* vermutlich am 28. Oktober 1466/1467/1469, wahrscheinlich in Rotterdam; † 11./12. Juli 1536 in Basel) war ein bedeutender niederländischer Gelehrter des europäischen Humanismus. Er war Theologe, Philosoph, Philologe und Autor zahlreicher Bücher.

Leben[Bearbeiten]

Erasmus-Epitaph im Basler Münster

Erasmus wurde als unehelicher Sohn des Goudaer Priesters[1] Rotger Gerard und seiner Haushälterin, einer Arzttochter, zwischen 1464 und 1469 wahrscheinlich in Rotterdam geboren. Er hatte einen drei Jahre älteren Bruder namens Peter, mit dem er zusammen erzogen wurde. Den Beinamen Desiderius fügte sich Erasmus später hinzu und benutzte ihn ab 1496.[2]

Zwischen 1473 und 1478 war Erasmus Schüler seines Onkels Pieter Winckel an der Kirchspielschule in Gouda, dem Vorläufer der Lateinschule und des heutigen Coornhert Gymnasiums. Während dieser Zeit bekam er in Utrecht Musikunterricht beim Gesangsmeister und Komponisten Jacob Obrecht.

Von 1478 bis 1485 besuchte er als Schüler des Alexander Hegius und Synthius die Lateinschule der Brüder vom gemeinsamen Leben in Deventer. Hier hörte und sah Erasmus auch Rudolf Agricola, den er sein Leben lang als Beispiel und Inspiration ansah.

1487 wurde Erasmus Regularkanoniker im Kloster der Augustinerchorherren in Steyn bei Gouda. Als Chorherr wurde er im April 1492 zum Priester geweiht und verließ im folgenden Jahr im Dienst des Bischofs von Cambrai das Kloster, das er später nie mehr betrat. Von 1495 bis 1499 studierte er an der Sorbonne in Paris und unterrichtete zugleich die Brüder Heinrich und Christian Northoff aus Lübeck. Von dort aus gelangte er mit seinem Schüler Lord Mountjoy nach England, wo er unter anderen Thomas Morus und John Colet kennenlernte, später auch William Warham, John Fisher und den jungen Prinzen Heinrich, den späteren König Heinrich VIII. Er lernte in England auch das höfische Leben kennen (und schätzen) und entwickelte sich vom Kanoniker zum weltgewandten Gelehrten.

Von 1500 bis 1506 hielt er sich abwechselnd in den Niederlanden, in Paris und in England auf. In den Jahren 1506 bis 1509 bereiste er Italien, wo er intensive Schriftstudien betrieb und in Turin zum Doktor der Theologie promovierte, damit verbunden erhielt er den Rang eines Reichsbarons.[3] In Venedig lernte er den Verleger Aldus Manutius kennen und ließ bei ihm einige seiner Werke drucken.

Anschließend reiste er wieder nach England, wo er in Cambridge Griechisch lehrte und 1511 auch die Pfarrei von Aldington erhielt. Er pendelte danach jahrelang zwischen England, Burgund und Basel. Ab 1515 wirkte Erasmus einige Jahre am Hofe von Burgund in Löwen, unter anderem als Erzieher (Rat) des Prinzen Karl, des späteren Kaisers Karl V.

Von 1514 bis 1529 und von 1535 bis zu seinem Tode lebte und wirkte Erasmus in Basel, um seine Schriften in der Werkstatt seines späteren Freundes Johann Froben drucken zu lassen. Er begegnete 1524 erstmals Johannes a Lasco, dem späteren Reformator Frieslands, der zu einem seiner Lieblingsschüler wurde. Als sich die von Johannes Oekolampad betriebene, an Zwingli angelehnte Reformation in Basel durchsetzte, ging er 1529 nach Freiburg im Breisgau, wo er zuerst im Haus Zum Walfisch wohnte und sich 1531 – inzwischen wohlhabend – das Haus Zum Kindlein Jesu (Schiffstraße 7, dort steht heute eine Einkaufspassage) kaufte.[4]

Im Jahre 1535 kehrte er nach Basel zurück und verstarb dort am 12. Juli 1536. Seine Gebeine ruhen im Basler Münster. Teile seines Nachlasses sind im Historischen Museum Basel ausgestellt. Welch hohes Ansehen der Humanist bereits zu Lebzeiten genoss, zeigt die Tatsache, dass er als katholischer Priester in der Zeit heftigster konfessioneller Auseinandersetzungen im protestantischen Basler Münster beigesetzt wurde.

Werk[Bearbeiten]

Erasmus in der Darstellung durch Albrecht Dürer 1526. Dies war der letzte Kupferstich, den Dürer vor seinem Tod anfertigte. Dürers Arbeit entstand auf den Wunsch von Erasmus selbst. Die dem Stich zugrunde liegenden Porträtzeichnungen entstanden 1520. Daneben verwendete Dürer auch eine Medaille des Künstlers Quentin Metsys.
Die Inschrift auf Lateinisch und Griechisch bedeutet: „Bildnis des Erasmus von Rotterdam von Albrecht Dürer nach dem Leben gezeichnet. Seine Schriften geben ein besseres Bild“ und ist durchaus ironisch gemeint.

Erasmus sprach meistens lateinisch und schrieb ausschließlich auf Latein oder Griechisch. Er war ein Vielschreiber und hat nach heutiger Erkenntnis etwa 150 Bücher geschrieben. Darüber hinaus sind über 2000 Briefe von ihm erhalten. Wegen seiner feinen Ausdrucksweise genossen seine Briefe in Europa große Aufmerksamkeit. Man schätzt, dass er täglich etwa 1000 Wörter zu Papier gebracht hat. Seine gesammelten Werke sind 1703 in zehn Bänden herausgegeben worden.[5]

Er sah sich (mit der neuen Buchdrucktechnik) als ein Vermittler von Bildung: „Menschen werden nicht als Menschen geboren, sondern als solche erzogen!“ Als Textkritiker, Herausgeber (Kirchenväter, Neues Testament) und Grammatiker begründete er die neuzeitliche Philologie. Auf ihn geht die heute in westlichen Ländern übliche Aussprache, insbesondere die Betonung des Altgriechischen zurück. Die korrekte Aussprache ist heute umstritten und wohl nicht mehr zweifelsfrei klärbar, obwohl es eine in der Wissenschaft weitgehend akzeptierte Rekonstruktion gibt. Vgl. Altgriechische Phonologie.

Sein heute bekanntestes Werk ist seine „Stilübung“ (wie er sie nannte), die Satire Lob der Torheit (Laus stultitiae), die er seinem Freund Thomas Morus widmete. Mit ihr entgegnete er 1509 mit Spott und Ernst tief verwurzelten Irrtümern und trat für vernünftige Anschauungen ein. Er war ein begnadeter Formulierer und liebte die Ironie, beispielsweise in seiner Satire Julius vor der verschlossenen Himmelstür, die er nach dem Tode des „Soldatenpapstes“ Julius II. schrieb. Neben diesen beiden Satiren lässt sich das schriftstellerische Werk von Erasmus wie folgt ordnen:

Theologische Schriften[Bearbeiten]

1516 veröffentlichte Erasmus eine kritische Edition des griechischen Neuen Testaments, Novum Instrumentum omne, diligenter ab Erasmo Rot. Recognitum et Emendatum, mit einer neuen, von ihm selbst durch Überarbeitung der Vulgata erstellten lateinischen Übersetzung und Kommentar. Erasmus’ Neues Testament war der erste erhältliche vollständige gedruckte griechische Text des Neuen Testaments (ein anderes, schon früher begonnenes Projekt zum Druck des Textes war ins Stocken geraten und kam letztlich erst später auf den Markt). Offenbar sah Erasmus den griechischen Text zuerst nur als Beiwerk zu seiner neuen lateinischen Fassung an, um seine Änderungen gegenüber der Vulgata begründen zu können. Er widmete die Ausgabe dem Papst Leo X. und nutzte dabei wiederentdeckte Manuskripte, die mit griechischen Flüchtlingen aus Konstantinopel in den Westen gelangt waren. Nach dem Erfolg der Erstausgabe nannte er das Werk von der zweiten Auflage (1519) an schlicht Novum Testamentum. Es wurde von den Übersetzern der King-James-Bibel benutzt und diente auch Luther als Ausgangstext für seine deutsche Bibelübersetzung. Der Text wurde später bekannt als Textus receptus. Erasmus besorgte drei weitere, jeweils überarbeitete Auflagen 1522, 1527 und 1535.

In den Jahren 1522 bis 1534 setzte sich Erasmus in verschiedenen Schriften mit den Lehren und Schriften Luthers auseinander (siehe Abschnitt „Verhältnis zu Luther“). Zwei Jahre vor seinem Tod versuchte er mit der Schrift De sarcienda ecclesiae concordia noch einmal, die zerstrittenen Glaubensparteien zu befrieden. In den grundlegenden Glaubensfragen wäre man einig, war Erasmus überzeugt, weniger Wichtiges, die Adiaphora, könne man den einzelnen Gläubigen und ihren Gemeinden freistellen. In den von Kaiser und Fürsten initiierten Religionsgesprächen versuchten bedeutende Theologen bis ins 17. Jahrhundert hinein, die Konfessionen auf der erasmischen Grundlage wieder zusammenzuführen. Sie blieben erfolglos.

1536 schrieb Erasmus sein letztes Werk, De puritate ecclesiae christianae, eine Auslegung von Psalm 14, die er einem einfachen Leser, einem Zöllner, mit dem er sich auf einer seiner vielen Reisen angefreundet hatte, widmete. Sein Einfluss war bis in das Zeitalter der Aufklärung in Europa von überragender Bedeutung.

Erasmus hat sich besonders um die Bibelexegese verdient gemacht, in der er die Grundlagen für die reformatorische Theologie legte. Sein schlechter Ruf, er habe vor allem auf die ethisch-moralische Seite der Religion Wert gelegt, beruht auf einem kleinen Frühwerk von 1503, dem Enchiridion militis Christiani (Handbuch des christlichen Streiters), das zu seiner Zeit sehr beliebt war und in der Forschung lange als ein Hauptwerk von Erasmus galt. Zunächst der Reformation gegenüber offen, wandte sich der Humanist von ihr ab, als er Martin Luther in einem unüberbrückbaren Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche sah. Sie war auch die Ursache für seinen Streit mit Ulrich von Hutten.

Weitere Schriften[Bearbeiten]

1516 schrieb er Die Erziehung des christlichen Fürsten (Institutio Principis Christiani), die er als neuernannter Rat des Fürsten dem späteren Karl V. widmete. Das Werk sieht in christlich-moralischen Lebensgrundsätzen des Regierungsoberhauptes die wichtigste Voraussetzung für eine friedliche, segensreiche Politik. Dieser Fürstenspiegel war bei den zeitgenössischen Fürsten sehr beliebt. Ferdinand I. soll es auswendig gelernt haben.

1517 erschien Die Klage des Friedens, in der Erasmus während des erbarmungslosen Machtkampfes um die Oberherrschaft in Italien dem Friedenswillen eine Stimme verlieh. Er hat damit eine dezidierte pazifistische Position vertreten und lehnte Kriege mit einer Ausnahme ab: Nur wenn das gesamte Volk sich für einen Krieg ausspreche, sei er legitim.

Postumes Bildnis des Erasmus von Rotterdam, Süddeutschland, frühes 17. Jh.

In seinem 1528 herausgegebenen Dialogus Ciceronianus trat Erasmus für eine individuell gestaltete Lebensweise ein, die sich nicht nur an antiken Vorbildern orientieren sollte.

In den letzten Lebensjahren vervollständigte Erasmus eines seiner umfangreichsten Hauptwerke, die Adagia. Es ist eine Sammlung von antiken Weisheiten und Sprichwörtern (als Fortsetzung seines Erstwerkes Antibarbari, vor 1500 begonnen), die er schrittweise von etwa 800 auf über 4250 Zitate ausbaute. Es wurde sein erfolgreichstes Werk und bis in die Zeit der Aufklärung gelesen (auch Goethe hatte es stets zur Hand). Ein ähnliches Werk, eine Sammlung von fast 3000 Anekdoten und Zitaten berühmter Männer und Frauen aus der Antike, sind die Apophthegmata, die er 1534 für den Herzog Wilhelm von Cleve veröffentlichte.

Seine Colloquien und sein „BenimmbuchDe civilitate wurden in den Schulen gelesen. Auch Täufer und Spiritualisten, zum Beispiel Sebastian Franck, beriefen sich auf ihn. Erasmus wandte sich gegen kirchliche Missstände, die Veräußerlichung der Religion und den Dogmenzwang. Er beklagte: „Wenn man sich die Durchschnitts-Christen ansieht, besteht nicht all ihr Tun und Lassen in Zeremonien?“[6] An anderer Stelle schrieb er: „Die christliche Religion steht einer gewissen Torheit recht nahe; hingegen mit der Weisheit verträgt sie sich schlecht!“[7]

Kritik und Würdigung[Bearbeiten]

Verhältnis zu Luther[Bearbeiten]

Erasmus und Luther haben sich nie persönlich kennengelernt, korrespondierten jedoch mehr oder weniger öffentlich ab 1519 miteinander. Während Luther eine „harte Linie“ gegen das dekadente Papsttum der römisch-katholischen Kirche vertrat, setzte sich Erasmus für „innere Reformen“ ein und bat Luther um Mäßigung, so in seinem Brief vom 30. Mai 1519:[8]

„Soviel wie möglich halte ich mich neutral, um desto mehr dem Wiederaufblühen der Wissenschaft nützlich zu sein. Meines Erachtens kommt man mit bescheidenem Anstand weiter als mit Sturm und Drang [...] Es empfiehlt sich mehr, laut gegen die aufzutreten, die die päpstliche Autorität missbrauchen, als gegen die Päpste selbst, und glaube, so muss man es auch bei den Königen machen. Bei Dingen, die so fest eingewurzelt sind, dass man sie nicht plötzlich aus den Herzen reißen kann, muss man lieber mit beständigen und wirksamen Argumenten disputieren, statt schroffe Behauptungen aufstellen. Giftige Streitereien gewisser Leute sollte man mehr verachten als widerlegen. Immer muss man sich davor hüten, anmaßend oder parteilich zu reden oder zu handeln; so, glaube ich, ist es dem Geiste Christi angenehm.“

Auch in religiösen Fragen zeigten sich bald Unterschiede. Während Erasmus die These aufstellte, Gott habe dem Menschen einen freien Willen gegeben, zwischen dem Guten und dem Bösen zu wählen, der freilich nur mit Gottes Gnade wirksam werden könne, argumentierte Luther mit der Erbsünde und der Allmacht Gottes, durch die jede Tat des Menschen vorausbestimmt sei. Luther verglich den menschlichen Willen mit einem Pferd, „das der Teufel reitet“ oder das Gott lenkt. Es sei unmöglich, einen der beiden Reiter loszuwerden, denn jedes menschliche Schicksal sei vorbestimmt und endet entweder in der Hölle oder im Himmel. Gottes Liebe und Hass seien ewig und unverrückbar, schrieb Luther in seiner Erwiderung an Erasmus, sie seien schon gewesen, „ehe der Welt Grund gelegt ward“, noch ehe es einen Willen oder Werke des Willens gab.

1521 erschien Luthers assertio omnium articulorum M. Lutheri per Bullam Leonis X novissiman damnatorum, zugleich als deutsche Schrift unter dem Titel Grund und Ursache aller Artikel D. Martin Luthers, so durch römische Bulle unrechtlich verdammt sind. 1524 veröffentlichte Erasmus seine Entgegnung: De libero arbitrio (Vom freien Willen), ein Werk, mit dem der Bruch mit Luther endgültig besiegelt wurde. Seine letzte kritische Auseinandersetzung mit dem Titel Hyperaspistes kommentierte Luther mit dem bekannten Ausspruch: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig.“

Ambivalenz[Bearbeiten]

Einerseits sparte Erasmus nicht mit beißender Kritik an frömmelnden Christen, heuchlerischen Mönchen, korrupten Päpsten, katholischen Riten und dem Ablasshandel. Andererseits verteidigte er das Papsttum, distanzierte sich von jeder Veränderung durch Gewalt und versagte den Reformatoren seine Unterstützung. Luther empfand dies als Verrat und schrieb ihm:

„Da wir sehen, dass Dir der Herr weder den Mut noch die Gesinnung verliehen hat, jene Ungeheuer [die Päpste] offen und zuversichtlich gemeinsam mit uns anzugreifen, wagen wir von Dir nicht zu fordern, was über Dein Maß und Deine Kräfte geht.“

Auch manche Historiker – insbesondere aus dem protestantischen Lager – teilten später diese Einschätzung und kritisierten die als unentschlossen empfundene Haltung des Erasmus. Auch die Tatsache, dass er sich in der Reuchlin-Affäre, die viele humanistische Gemüter in Wallung brachte, zu einigen antijudaistischen Bemerkungen gegen Pfefferkorn hinreißen ließ, hat ihm Kritik eingebracht.[9][10] Für Erasmus, der das Neue Testament gegenüber dem Alten als übergeordnet ansah und Talmud wie auch Kabbala ablehnend gegenüberstand, spielten Juden auch eine negative Rolle in den Konflikten mit den Täufern und im Bauernkrieg. Eine potentielle Gefahr sah er ebenso in jüdischen Konvertiten, die seiner Ansicht nach trotz Taufe an ihren jüdischen Traditionen festhielten und das Christentum angeblich von innen zersetzten.[11] Im Gegensatz dazu hat Erasmus aber bei anderen Gelegenheiten gegen Antijudaismus protestiert.[12]

Würdigung[Bearbeiten]

Als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Repräsentanten des europäischen Humanismus wurde der Theologe durch seine kirchenkritische Haltung und seinen der historisch-kritische Exegese verpflichteten theologischen Schriften zum Vorreiter der Reformation. Durch sein Eintreten für relative Religionsfreiheit nahm er eine humanistische Position jenseits des katholischen wie auch des lutherischen Dogmatismus ein. Ihn als Verteidiger „religiöser Toleranz“ zu bezeichnen, ist insofern missverständlich, weil er selbst stattdessen die Begriffe Frieden und Konkordanz verwendet[13] (tolerantia nur für die Wahl des Geringeren von zwei Übeln, was bei Konflikten religiöser Doktrinen nicht vorliegt). Ernsthafte Irrlehren, zu denen er letztlich auch die Reformation zählte, sollten auch seiner Meinung nach unterdrückt werden, ggf. auch durch Anwendung der Todesstrafe.[14]

Erasmus zählte zu den geachtetsten Gelehrten seiner Zeit, man nannte ihn „den Fürsten der Humanisten“. Er korrespondierte mit fast allen Herrschern und Päpsten seiner Epoche und wurde allseits für seine offenen Worte und den brillanten Stil bewundert und geachtet, beispielsweise vom englischen König Heinrich VIII., dem er im September 1517 unter anderem schrieb:

Erasmus-Denkmal in Rotterdam

„Könige werden weise durch den Verkehr mit weisen Männern, zumal unter den vielen Reichsgeschäften, ja, ,Welthändeln‘, mit denen Du zu tun hast, kaum ein Tag vorübergeht, an dem Du nicht etwas Zeit auf Bücherlesen verwendest und gerne mit jenen alten Weisen ins Gespräch kommst, die am allerwenigsten Dir nach dem Munde reden […] Wie ein verständiger und frommer Fürst an alle denkt, für alle wacht, für alle insgemein sorgt, da er ein öffentliches Amt hat, kein privates, so ziemt es sich, dass jeder an seinem Teil nach Kräften diese Sorgen und Mühen zu unterstützen sucht. Da ich für meinen Teil nur durch meine kleinen wissenschaftlichen Studien den Königen diese Pflicht leisten kann, habe ich vorlängst die Schrift des Plutarch ,Über Art und Weise, einen Schmeichler von einem Freund zu unterscheiden‘, aus dem Griechischen ins Lateinische übertragen und Deiner Majestät gewidmet …“

Der Priester und Mönch Erasmus übte scharfe Kritik an Missständen in der Kirche und trat für eine innere Reform der katholischen Kirche ein und gilt daher auch als Kirchenreformer.[15] Er galt als einer der ersten „Europäer“ und hoffte auf die „Vernunft“ der Herrschenden, auch ohne Krieg zu einem dauerhaften Frieden zu kommen. Er legte Wert auf Neutralität und Toleranz und sah die Gefahren der Religionskriege voraus. Seine eigene Lebensleistung schätzt er in einem Brief an Willibald Pirckheimer wie folgt ein:[16]

„Meine Lebensleistung bestand darin, dass ich eine begrabene und vergessene Literatur zu neuem Leben erweckt und dass ich die Theologen von ihren philosophischen Haarspaltereien zur Kenntnis des Neuen Testaments zurückgeführt habe.“

Wegen seiner kritischen Haltung zur römisch-katholischen Kirche wurden seine Werke auf dem Konzil von Trient auf den Index gesetzt. Der holländische Kultur-Historiker und Erasmus-Biograph Johan Huizinga charakterisiert Erasmus trefflich als einen geistigen Typus der ziemlich seltenen Gruppe, die zugleich unbedingte Idealisten und durchaus Gemäßigte sind … „sie können die Unvollkommenheit der Welt nicht ertragen, sie müssen sich widersetzen; aber sie fühlen sich bei den Extremen nicht zu Hause, sie schrecken vor der Tat zurück, weil sie wissen, dass diese immer ebenso viel zerbricht als aufbaut; und so ziehen sie sich zurück und rufen weiter, alles müsse anders werden; aber wenn die Entscheidung kommt, wählen sie zaudernd die Partei der Tradition und des Bestehenden. Auch hier liegt ein Stück von der Tragik im Leben des Erasmus: Er war der Mann, der das Neue und Kommende besser sah als irgend jemand; der sich mit dem Alten überwerfen musste und doch das Neue nicht ergreifen konnte.“

Als kritischer Denker seiner Zeit zählte Erasmus zu den Wegbereitern der europäischen Aufklärung und wurde gleichermaßen von Spinoza, Rousseau, Voltaire, Kant, Goethe, Schopenhauer und Nietzsche geachtet. Stefan Zweig würdigte ihn in seiner Erasmus-Hommage:

„Er war geboren als eine bindende oder, um mit Goethe zu sprechen, der ihm ähnlich war in der Ablehnung alles Extremen, eine ,kommunikative Natur‘. Jede gewaltsame Umwälzung, jeder ,tumultus‘, jeder trübe Massenzank widerstrebte für sein Gefühl dem klaren Wesen der Weltvernunft, der er als treuer und stiller Bote sich verpflichtet fühlte, und insbesondere der Krieg schien ihm, weil die größte und gewalttätigste Form der Austragung inneren Gegensatzes, unvereinbar mit einer moralisch denkenden Menschheit. Die seltene Kunst, Konflikte abzuschwächen durch gütiges Begreifen, Dumpfes zu klären, Verworrenes zu schlichten, Zerrissenes neu zu verweben und dem Abgesonderten höheren gemeinsamen Bezug zu geben, war die eigentliche Kraft seines geduldigen Genies, und mit Dankbarkeit nannten die Zeitgenossen diesen vielfach wirkenden Willen zur Verständigung schlechthin: ,das Erasmische‘!“

Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam, Frankfurt 1981[17]

Ehrungen[Bearbeiten]

  • Hendrik de Keyser schuf 1621 (1622 gegossen) das erste bronzene Standbild der Niederlande für Erasmus von Rotterdam.
  • Nach Erasmus ist das Erasmus-Programm zur Förderung des Auslandsstudiums innerhalb der Europäischen Union benannt.
  • Ihm zu Ehren wurde eine Büste in der Walhalla aufgestellt.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Erasmus von Rotterdam: Ausgewählte Schriften. 8 Bände. Hrsg. v. Werner Welzig. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1967–1975 (zweisprachig Lateinisch-Deutsch); Neuauflage, zuletzt 2006, ISBN 3-534-19560-4.
  • Erasmus Roterodamus: Selecta (mit Zweittexten). Ausgewählt und bearbeitet von Burkhardt Tutsch. MMO Verlag zur Förderung des Mittel- und Neulateinischen, Butjadingen 2008, ISBN 978-3-9811144-3-0 (Schullektüre).

Literatur[Bearbeiten]

  • Rolf Becker: Erasmus von Rotterdam – der Makel seiner Geburt, in: Reinhold Mokrosch, Helmut Merkel (Hg.), Humanismus und Reformation. Historische, theologische und pädagogische Beiträge zu deren Wechselwirkung (Arbeiten zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 3), 2001, S. 47-54.
  • David Bentley-Taylo: My dear Erasmus. Christian Focus Publications, Fearn 2002.
  • Christine Christ-von Wedel: Das Nichtwissen bei Erasmus von Rotterdam. Zum philosophischen und theologischen Erkennen in der geistigen Entwicklung eines christlichen Humanisten, Basel, Frankfurt a.M. 1981.
  • Christine Christ-von Wedel: Erasmus von Rotterdam: Anwalt eines neuzeitlichen Christentums. Lit, Münster 2003, ISBN 3-8258-6678-5.
  • Christine Christ-von Wedel, Urs Leu (Hgg.): Erasmus in Zürich. Eine verschwiegene Autorität, Zürich 2007.
  • Lorenzo Cortesi, Esortazione alla filosofia. La Paraclesis di Erasmo da Rotterdam, Ravenna, SBC Edizioni, 2012 ISBN 978-88-6347-271-4
  • György Faludy: Erasmus von Rotterdam. Societäts-Verlag, Frankfurt 1970.
  • Léon E. Halkin: Erasmus von Rotterdam. Eine Biographie. Benziger, Zürich 1989, ISBN 3-545-34083-X.
  • Johan Huizinga: Erasmus. Eine Biographie. 1928; wieder Schwabe, Basel 1988; mit aktual. Bibliogr. Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-13181-1.
  • Guido Kisch: Erasmus und die Jurisprudenz seiner Zeit. Studium zum humanistischen Rechtsdenken. Basler Studien zur Rechtswissenschaft 56, Basel 1960, S. 69–89.
  • Guido Kisch: Erasmus’ Stellung zu Juden und Judentum (= Philosophie und Geschichte. Nr. 83/84). Mohr, Tübingen 1969, S. 5–39.
  • Josef Lehmkuhl: Erasmus – Niccolò Machiavelli. Zweieinig gegen die Dummheit. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008.
  • Karl August Meissinger: Erasmus von Rotterdam. Gallus, Wien 1942.
  • Heiko A. Obermann: Wurzeln des Antisemitismus. Christenangst und Judenplage im Zeitalter von Humanismus und Reformation. Severin und Siedler, Berlin 1981, ISBN 3-88680-023-7.
  • Karl Heinz Oelrich: Der späte Erasmus und die Reformation (= Reformationsgeschichtliche Studien und Texte. Bd. 86). Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster 1961.
  • Heinz Holeczek: Die volkssprachliche Rezeption des Erasmus von Rotterdam in der reformatorischen Öffentlichkeit 1519–1536. Frommann-Holzboog, Stuttgart/Bad Cannstatt 1983
  • Wilhelm Ribhegge: Erasmus von Rotterdam. Primus, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-89678-667-8.
  • Erika Rummel: Erasmus. Continuum, London 2004, ISBN 0-8264-6813-6.
  • Peter Schenk: Desiderius Erasmus von Rotterdam. In: Wolfram Ax (Hrsg.): Lateinische Lehrer Europas. 15 Porträts von Varro bis Erasmus von Rotterdam. Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-14505-X, S. 391–422.
  • Uwe Schultz: Erasmus von Rotterdam: Der Fürst der Humanisten. Ein biographisches Lesebuch. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998, ISBN 3-423-12608-6.
  • Susanne Zeller: Juan Luis Vives (1492–1540): (Wieder)Entdeckung eines Europäers, Humanisten und Sozialreformers jüdischer Herkunft im Schatten der spanischen Inquisition. Ein Beitrag zur Theoriegeschichte der sozialen Arbeit. Lambertus, Freiburg 2006, ISBN 3-7841-1648-5.
  • Susanne Zeller: Der Humanist Erasmus von Rotterdam (1469–1536) und sein Verhältnis zum Judentum. In: Kirche und Israel: Neukirchener theologische Zeitschrift. Bd. 21 (2006), H. 1, S. 17–28.
  • Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Reichner, Wien 1934; zuletzt: Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-596-22279-7. (E-Text)

Fachlexika[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Erasmus von Rotterdam – Quellen und Volltexte (deutsch)
 Wikisource: Desiderius Erasmus Roterodamus – Quellen und Volltexte (Latein)
 Commons: Desiderius Erasmus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rolf Becker: Erasmus von Rotterdam – der Makel seiner Geburt, S. 47-54.
  2. Johan Huizinga: Erasmus. Schwabe, Basel 1928; Neuauflage 1988, S. 5–7.
  3. Otto Zierer: Bild der Jahrhunderte. Bertelsmann o.J., Bd. 14, S. 42
  4. Walther Köhler: Erasmus von Rotterdam. Briefe. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1938, S. 517
  5. Jean LeClerc (Hrsg): Opera Omnia.
  6. Erasmus von Rotterdam: Colloquia familiaria.
  7. Erasmus von Rotterdam: Lob der Torheit.
  8. Erasmus von Rotterdam, An Martin Luther, Brief Nr. 150. In Walter Köhler (Hrsg.): Briefe des Erasmus von Rotterdam, 3. Auflage Bremen 1956.
  9. Eine umfassende Studie dazu liegt vor mit Shimon Markish: Erasmus and the Jews, übers. A. Olcott, Chicago 1986. Zum weiteren Kontext siehe auch Oberman 1981
  10. Kisch 1969: 38f.
  11. Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Bd. 2/1, De Gruyter, Berlin, 2009, S. 213 f.
  12. Rummel 2004: 32
  13. Vgl. Klaus Schreiner, Gerhard Besier: Toleranz, Geschichtliche Grundbegriffe, hg. Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck, 7 Bde., Stuttgart 1972–92, Bd. 6, 445–605, 473; Mario Turchetti: L'Une question mal posée: Erasme et la tolérance. L’idée de sygkatabasis, Bibliothèque d’Humanisme et Renaissance 53 (1991), 379–95; István Bejczy: Tolerantia: A Medieval Concept, in: Journal of the History of Ideas 58/3 (1997), 365–384, 176ff
  14. Belege bei Bejczy 1997, 377
  15. C. Augustijn, Erasmus: Der Humanist als Theologe und Kirchenreformer, 1996
  16. Walter Köhler (Hrsg): Briefe des Erasmus von Rotterdam.
  17. Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam. Frankfurt 1981.