Ergenekon-Legende

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Dieser Artikel beschreibt den türkischen Mythos Ergenekon; für die gleichnamige Organisation siehe Ergenekon

Die Ergenekon-Sage ist eine neuzeitliche, zu Beginn des 20. Jahrhunderts propagierte national-türkische Legende, die auf eine Kompilation teils sehr alter zentral-asiatischer Motive und Versatzstücke zurückgeht. Sie handelt vom Zerfall und Wiederaufbau des türkischen Reiches (gemeint ist das Osmanische Reich und dessen im Entstehen begriffener Nachfolgestaat, die moderne Türkische Republik), wobei das Geschehen in die Zeit des Göktürkischen Reiches zurückversetzt wird. Es wird gemeinhin als Ursprungsmythos der türkischen Stämme bzw. der heute existierenden Turkstaaten betrachtet. Die Legende ist nach dem sagenhaften Tal benannt, in dem die fliehenden Göktürken Heimat und Zuflucht fanden.

Die Überlieferung[Bearbeiten]

Ein Abstammungsmythos, in dem eine Wölfin eine Rolle spielt, wurde in Zentralasien bereits im Shiji des ersten großen chinesischen Historikers Sima Qian († 85 v. Chr.) hinsichtlich der Abstammung der Wu-sun erwähnt. Ein Mythos mit der Abstammung von einem Wolf findet sich dann im 6. Jahrhundert in chinesischen Quellen hinsichtlich der Abstammung der tujue (突厥), auch mit T'u-chüeh oder T'u-küe umschrieben (siehe Asena-Legende), und später (Mitte des 13. Jahrhunderts) in der Geheimen Geschichte der Mongolen hinsichtlich der Abstammung der Mongolen.

Zentrales Motiv des Ergenekon-Mythos ist hingegen das Heranwachsen der Nachkommen von verfolgten Flüchtlingen in einem von Bergen umschlossenen Tal zu einem Stamm/einer Nation und dem Verlassen dieses Tals. Ein solches Motiv in Verbindung mit der Abstammung von einer Wölfin findet sich erstmals in den Ursprungsmythen der Tujue, der alten Türken.

Chinesische Überlieferung des Ursprungsmythos der Türken[Bearbeiten]

In einer im Zhou Shu enthaltenen chinesischen Überlieferung aus dem Jahr 629 wird die Legende folgendermaßen dargestellt: Ein Nomadenvolk wurde von einem Nachbarvolk überfallen und vernichtet. Ein Junge überlebte das Massaker. Eine Wölfin nahm sich seiner an und führte ihn in ein von Felsen umschlossenes Tal. Der Junge und die Wölfin vereinigten sich und sie gebar ihm zehn Junge, die Stammväter der zehn Stämme. Der Gründer des Aschina-Clan war der intelligenteste. Er schwang sich zum Herrscher der Tʾu-chüeh auf. Nach einigen Generationen verließen sie das Tal und unterwarfen sich den Juan Juan.[1] Die Chinesen überliefern dabei auch abweichende Varianten des Ursprungsmythos der Türken, die sich neben der vorerwähnten nahezu wortgleich auch in den nur wenig später verfassten Werken Sui Shu und Bei Shi. In diesen Werken wird aber kein Name für das Tal genannt, das den Türken als Zuflucht diente.[2]

Die Ergenekon-Überlieferung[Bearbeiten]

Eine ähnliche Geschichte über die Flucht in ein Tal überlieferte Abu’l Ghazi Bahadur (* 1603; † 1663), Khan von Chiwa 1643–1663, der für sein Shajara-i turk auf ein Werk des ilkhanidischen Wesirs Raschīd ad-Dīn zurückgriff. Diese Geschichte wird so dargestellt:

Als die Tataren die Mongolen überfielen, konnten sich von den Mongolen nur 2 Männer, Kiyan und Nukuz, in ein schwer zugängliches Tal in den Bergen mit dem Namen Ergene-Kün retten. Nachdem für ihre Nachkommenschaft das Tal zu klein geworden war, suchten sie einen Weg aus dem Tal. Einem in Metallurgie erfahrenen Mann war aufgefallen, dass einer der das Tal umschließenden Berge Erzadern aufwies. Mit Hilfe von 70 Blasebalgen aus der Haut von Pferden brachten sie das Erz zum Schmelzen, konnten aus dem Tal entkommen und Rache an den Tataren nehmen. Der Name dieses Mannes wird mit Börte Čine überliefert. Denselben Namen führt in der Geheimen Geschichte der Mongolen der blaugraue Wolf, der Stammvater der Mongolen.[3]

Osmanische und national-türkische Rezeption[Bearbeiten]

Das Werk des Abu’l Ghazi Bahadur wurde durch den osmanischen Beamten und Politiker Ahmed Vefik Pascha (1818-1891) aus dem Tschagataischen in das Osmanische übersetzt. In den Jahren um und zwischen den Balkankriegen und dem Türkischen Befreiungskrieg wurde die Ursprungslegende der Türken mit der Ergenekon-Überlieferung des Abu’l Ghazi Bahadur durch nationalistische Schriftsteller wie Ziya Gökalp oder Ömer Seyfettin vereinigt und die mongolische Überlieferung in die türkische übernommen.[4][5][6] Diese Übernahme war umso einfacher zu bewerkstelligen, als Abu’l Ghazi Bahadur als Usbeke (tschagatai-)türkisch sprach, als Abkömmling Dschingis Khans aber mongolisch-stämmig war. Auch Yakup Kadri Karaosmanoğlu verfasste in dieser Zeit ein Werk mit dem Titel Ergenekon, behandelte darin aber Ereignisse des Befreiungskrieges.[7]

Heutige Bedeutung[Bearbeiten]

Es sind mehrere Textfassungen des Mythos im türkischen Sprachraum im Umlauf. Gemein ist ihnen eine verheerende Niederlage der Türken zu Beginn, die Flucht der wenigen Überlebenden in das abgeschlossene Tal Ergenekon, das Heranwachsen der Nachkommen zu einer großen Nation, der das Tal zu eng wurde und schließlich der Auszug aus dem Tal mit Hilfe eines Wolfs, der einen Weg wies und aufgrund der Idee eines Schmiedes, der durch Schmelzen des Eisenberges den Weg aus dem Tal gangbar machte. Die Ergenekon-Legende und die graue Wölfin sind dabei beliebte Motive, die neben der Geschichtsdarstellung auch in deren Musik und Kunst benutzt werden.

Vor allem nationale, kemalistische und rechtsgerichtete Gruppierungen und Schriftsteller haben das Motiv des grauen Wolfs und den Ergenekon-Mythos aufgegriffen, ihm aber durchaus unterschiedliche Bedeutung beigelegt. Karaosmanoğlu sieht z. B. während des Türkischen Befreiungskrieges Ankara als neues Ergenekon und als Symbol für die Hoffnung aller unterdrückten Völker, während heutige ultrarechte türkische Nationalisten Ergenekon eher als notwendiges Übel zur Vorbereitung für die wahre Berufung der türkischen Nation sehen. In einer diesen Kreisen entstammenden Version des Ergenekon-Mythos tritt der Wolf gegenüber dem Schmied in den Vordergrund, und die beiden Flüchtlinge in das Tal heißen Oğuz (der Eponym der Oghusen) und Kayı (der Clan, dem die Dynastie der Osmanen entstammt).[8]

Die Legende wurde so zu einem Grundpfeiler der rechten Ideologien, die in der Legende ein Gleichnis für die heutige Lage der Türkei und ihre Pläne für deren Zukunft sahen. Das Reich der Köktürken zerbrach, ähnlich wie das Osmanische Reich, wofür in der Legende, wie auch in der Meinung der rechten Kräfte, hauptsächlich äußere, „nichttürkische“ Völker verantwortlich gemacht werden. In ahistorischer Weise werden dabei die Begriffe Nation (türk.: millet, welches Wort ursprünglich nur die nichtmuslimischen Religionsgemeinschaften im Osmanischen Reich bezeichnet) und Staat verwendet. Diese Begriffe sind aber für die Köktürken wie für andere frühe nomadische Reichsbildungen irrelevant, da Stammeszugehörigkeit bzw. Loyalität gegenüber einem Stammesoberhaupt ausschlaggebend für das Weltbild und die Herrschaftsorganisation der Reiternomaden war.[9] Ähnlich wie die Köktürken sollen nach dieser Auffassung die Türken in ein verheißungsvolles Paradies (das Ergenekon-Tal der Koktürken/Anatolien für die Neuzeitlichen) geflohen sein und mussten sich erst einmal regenerieren (die freiwillige Isolation der Köktürken/die politische Isolation der türkischen Republik nach ihrer Gründungsphase), bevor sie erneut ihren Platz in der Weltgeschichte zurück erkämpfen konnten. Das Ziel der Geschichte sei das erneute Aufblühen der türkischen Stämme in Zentralasien und das verheißene Großtürkische Imperium, das sich die rechten Kräfte erträumen.

In dieser Fassung der Legende aus dem rechten Lager findet sich dann die Angabe, dass sodann alljährlich zum Gedenken an den Tag des Auszugs aus dem Tal Ergenekon eine Zeremonie abgehalten wird, bei der der Reihe nach der Führer der türkischen Nation und seine Würdenträger ein erhitztes Stück Eisen auf einem Amboss schmieden.[10]

Dieses Detail wurde bei der Eröffnung des ersten Zentralasien-Gipfels der Türkischen Republiken nach dem Zerfall der Sowjetunion in der Form aufgegriffen, dass die einzeln eintretenden Staatschefs mit einem kleinen Hammer auf ein Stück Eisen schlugen, als Symbol für das eiserne Tor, das die Göktürken beschützte und eingerissen werden musste, um das Weltgeschehen wieder betreten zu können.

Diese Schmiedeszene wurde ab den 1990er Jahren dazu benutzt, das kurdische Newroz-Fest, dessen zentrale Figur ebenfalls ein Schmied ist, der sein Volk rettete, als alttürkisch zu deklarieren.[11]

Der Mythos wurde im zeitgenössischen Sprachgebrauch Namensgeber des türkischen Untergrundnetzwerkes Ergenekon und einer gleichnamigen Staatsaffäre, die zu langjährigen Ermittlungen und zahlreichen Verhaftungen türkischer Politiker, Professoren, Journalisten, Anwälte und hochrangiger Soldaten führte.[12][13]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Daniel Steinvorth: Dunkle und gefährliche Zeiten. (Online-Archiv) in: Der Spiegel. Hamburg 2008, Nr. 28, S.102 f. ISSN 0038-7452
  • Erkan Altiok, Türkische Mythologie, Istanbul 1991
  • Yilmaz Öztuna, Osmanli Devleti Tarihi, Band 1, Istanbul 1986 (S. 24, Absatz 6, Göktürken und deren Entstehung)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. The Encyclopaedia of Islam. New Edition, s.v. Ergenekon
  2. Deutsche Übersetzungen der chinesischen Quellen finden sich kommentiert bei Liu Mau-Tsai: Die chinesischen Nachrichten zur Geschichte der Ost-Türken (T'u-küe). Wiesbaden 1958, Band 1, S. 5 f.: Die T'u-küe in der Zeit der Nord-Wei (386-534), West-Wei (535-556) und Nord-Tschou (556-581), S. 40 f.: Die T'u-küe in der Sui-Zeit (581-617), sowie Ausführungen zur Quellenlage S. 473 f.
  3. Denis Sinor, Inner Asia, Bloomington, Ind., 1987, Indiana University Uralic and Altaic series, Band 96, S. 247 f. und 125
  4. "Ergenekon Efsanesi kime ait?", Zaman, 22. Februar 2009, abgerufen 9. Dezember 2012 (türkisch)
  5. Ali Duymaz, Ömer Seyfettin'in Kaleme Aldığı Destanlar Üzerine Bir Değerlendirme", Balıkesir Üniversitesi Sosyal Bilimler Enstitüsü Dergisicilt:12, sayı: 21, Haziran 2009, S. 415. (PDF-Datei; 105 kB), abgerufen 9. Dezember 2012 (türkisch)
  6. Der türkische Text des Werkes von Ziya Gökalp findet sich hier
  7. Orhan Çekiç, Makaleler/Ergenekon, abgerufen 9. Dezember 2012 (türkisch)
  8. Emre Arslan: Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum: Türkische Graue Wölfe in Deutschland. Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-531-16866-1 (Print) 978-3-531-91867-9 (Online), Seite 104 ff. (bei GoogleBooks)
  9. Emre Arslan, aaO
  10. Emre Arslan, aaO
  11. Emre Arslan, aaO
  12. Amnesty International Journal Oktober 2008, Helmut Oberdiek: Der tiefe Staat
  13. Naumann-Stiftung, Türkei Bulletin 07/09 (PDF-Datei; 89 kB)