Ergotismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Klassifikation nach ICD-10
T62.2 Toxische Wirkung: Sonstige verzehrte Pflanze(n) oder Teil(e) davon
ICD-10 online (WHO-Version 2013)
Der Isenheimer Altar wurde von Matthias Grünewald für das Antoniterkloster in Isenheim geschaffen und zählt zu den bedeutendsten Kunstwerken des 16. Jahrhunderts. Wer am Antoniusfeuer erkrankte, wurde vor Beginn der medizinischen Behandlung vor den Altar geführt in der Hoffnung, der hl. Antonius könne eine Wunderheilung vollbringen oder dem Kranken zumindest geistlichen Trost spenden.

Als Ergotismus (syn. Ignis sacer – „heiliges Feuer“, Antoniusfeuer, auch Kriebelkrankheit[1]) bezeichnet man eine Vergiftung durch Mutterkornalkaloide wie zum Beispiel Ergotamin oder Ergometrin.

Ursachen[Bearbeiten]

Im Mittelalter trat Ergotismus als Folge des Verzehrs von Nahrungsmitteln auf, die mit Mutterkorn verunreinigt waren. Da die Gefahr, die von Mutterkorn ausgeht, heute bekannt ist, werden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um einer Verunreinigung von Getreideprodukten entgegenzuwirken. Der Ergotismus entsteht in der heutigen Zeit daher meist durch die Einnahme von Medikamenten, die Mutterkornalkaloide und deren Derivate enthalten. Diese Medikamente finden noch in der Therapie und Prophylaxe der Migräne (z. B. Ergotamin und Dihydroergotamin), in der Geburtsmedizin (Methyl- und Ergometrin) und in der Behandlung der Parkinson-Krankheit (z. B. Bromocriptin, Pergolid, Cabergolin oder Dihydroergocryptin) Anwendung. Eine unkontrollierte Dosissteigerung kann dabei zu Ergotismus führen.

Symptomatik[Bearbeiten]

Detail des Isenheimer Altars – Ein am Antoniusfeuer Leidender

Durch eine Überdosierung von Ergotamin kommt es zur massiven Verengung der Blutgefäße und in der Folge zu einer Durchblutungsstörung von Herzmuskel, Nieren und Gliedmaßen. Die Gliedmaßen sind kalt und blass, die Pulse sind meist kaum nachweisbar. Zudem bestehen Hautkribbeln (Parästhesie), Empfindungsstörungen (Hypästhesie) und eventuell Lähmungserscheinungen (Parese). Eine häufige Folge ist das sekundäre (induzierte) Raynaud-Syndrom oder die Steigerung in Form eines schmerzhaften Absterbens von Fingern und Zehen (Gangrän). Zusätzlich bestehen in der Regel Allgemeinsymptome wie Erbrechen, Verwirrtheit, Wahnvorstellungen, Kopfschmerzen, Ohrensausen und Durchfall. Akute Vergiftungen können durch Atem- oder Herzstillstand zum Tod führen,[2] chronische Vergiftungen zum Verlust der mangelhaft durchbluteten Gliedmaßen, Sekundärinfektionen und darauffolgende Sepsis.

Diagnostik[Bearbeiten]

Wichtigstes diagnostisches Kriterium ist das Erkennen der Ergotamineinnahme. Die Anamnese und dabei insbesondere die Medikamentenanamnese ist daher meistens entscheidend.

Apparative Untersuchungen können bei Bedarf ergänzend hinzugezogen werden, beispielsweise die Doppler-Sonographie der Extremitätengefäße.

Therapie[Bearbeiten]

Auslösende Medikamente sind als Erstmaßnahme sofort abzusetzen. Ist dies alleine nicht ausreichend, können die Blutgefäße durch die Gabe von Nitraten, Calciumantagonisten und/oder Prostaglandininfusionen erweitert werden.

Geschichte[Bearbeiten]

Roggen mit Mutterkorn verunreinigt

In der Antike wurde vorwiegend Weizen angebaut, so dass keine Vergiftungen durch Ergotalkaloide bekannt sind, da die Erkrankung durch den Konsum von mit Mutterkorn-Pilz (Claviceps purpurea) befallenem Roggen verursacht wurde. Der erste belegte, epidemieartige Fall von Ergotismus trat im Jahr 857 bei Xanten auf.[3] 922 sollen europaweit – vorwiegend in Frankreich und Spanien – etwa 40.000 Menschen einer Mutterkornepidemie zum Opfer gefallen sein.[4] Man bezeichnete die Erkrankung als Antoniusfeuer (benannt nach dem heiligen Antonius) oder auch ignis sacer – „heiliges Feuer“. Vor allem der Antoniter-Orden hatte es sich zur Aufgabe gemacht, am Antoniusfeuer Erkrankte zu behandeln und zu pflegen. Die Antoniter unterhielten im 15. Jahrhundert in ganz Europa etwa 370 Spitale, in denen rund 4000 Erkrankte versorgt wurden.

Trotz deutlicher Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Verwendung von mutterkornhaltigem Mehl und dem Auftreten von Ergotismus wurden erst nach neuerlichen Epidemien 1716–1717 in Dresden sowie in den Jahren 1770 und 1777 in ganz Europa gesetzgeberische Maßnahmen ergriffen.[4]

Nachdem um 1853 durch den Mykologen L. R. Tulasne der Entwicklungszyklus des Mutterkornpilzes Claviceps purpurea aufgeklärt und beschrieben worden war[4], extrahierte Charles Tanret 1875 aus Mutterkorn eine – allerdings ziemlich verunreinigte – Substanz, die er „Ergotinin“ nannte. Ebenso wie das „Ergotoxin“, das 1907 entdeckt wurde, ist es ein Gemisch verschiedener Ergotalkaloide. Erst Arthur Stoll isolierte 1918 mit Ergotamin das erste reine Mutterkornalkaloid.

Im 19. Jahrhundert gehörten Mutterkorn-Massenvergiftungen größtenteils der Vergangenheit an und seitdem in Europa nur noch hinreichend gereinigtes Getreide verzehrt wird, stellt Mutterkorn dort im Allgemeinen keine Gefahr mehr für die Gesundheit der Menschen dar. Es gab aber vereinzelt auch noch im 20. Jahrhundert Fälle von Vergiftungen. In den Jahren 1926 und 1927 kam es in der Sowjetunion zu Massenvergiftungen – offiziell gab es über 11.000 Tote durch mutterkornhaltiges Brot. Der letzte – allerdings umstrittene – Vergiftungsvorfall soll 1951 in Pont-Saint-Esprit (Frankreich) aufgetreten sein, mit 200 Erkrankten und 7 Toten.[5]

Da heute zunehmend ungemahlenes Getreide konsumiert wird, das direkt vom Landwirt kommt, kann es z. B. bei ungereinigtem Roggen aus Direktverkäufen zu Vergiftungen kommen. In Deutschland konnte 1985 eine Vergiftung auf mutterkornhaltiges Müsli zurückgeführt werden.[6] Die Untersuchungsämter der Bundesländer stellten auch bei Stichproben von 2004 bis 2011 bisweilen gesundheitsschädliche Alkaloidgehalte in Getreideprodukten fest.[7][8][9]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Ergotismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Ergotism – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Kriebelkrankheit“ bei zeno.org
  2. Ergotismus im DocCheck-Flexikon, abgerufen am 8. Januar 2013.
  3. Wissenschaft-Online-Lexika: Eintrag zu Mutterkorn im Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen, abgerufen am 10. November 2011.
  4. a b c Ergot-Alkaloide. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 9. November 2011.
  5. Bouchet R.-L. Phytoma Défense des cultures num 323, Dezember 1980.
  6. Pfänder, H., K. Seiler und A. Ziegler (1985): Morgendliche Müsli-Mahlzeit als Ursache einer chronischen Vergiftung mit Secale-Alkaloiden. Deutsch. Ärztebl. 27: S. 2013-2016.
  7. CVUA Sigmaringen, Jahresbericht 2009 (PDF; 2,7 MB) Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Sigmaringen: Lebensmittelüberwachung und Umweltschutz - Jahresbericht 2009, veröffentlicht am 25. Oktober 2010, abgerufen am 6. November 2011
  8. Jahresbericht SUAH 2004. Landesbetrieb Hessisches Landeslabor, Jahresbericht 2004, S. 39 und 137, abgerufen am 7. November 2011.
  9. Download-Seite der LHL-Jahresberichte, Landesbetrieb Hessisches Landeslabor, Jahresberichte 2006–2009, jeweils unter "Getreide", abgerufen am 7. November 2011.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!