Erich Loest

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Erich Loest 2008 in Hamburg
Erich Loest auf der Leipziger Buchmesse 2006
Erich Loest (1955)

Erich Loest [løːst] (* 24. Februar 1926 in Mittweida, Freistaat Sachsen; † 12. September 2013 in Leipzig) war ein deutscher Schriftsteller; er schrieb auch unter den Pseudonymen Hans Walldorf und Waldemar Naß.

Leben[Bearbeiten]

Erich Loest besuchte in Mittweida die Oberschule. Er wurde Mitglied der Hitlerjugend (HJ) und stieg zum Jungenschaftsführer auf. Diese persönlichen Erfahrungen thematisierte Loest 1981 in seinem autobiographischen Text Durch die Erde ein Riss – Ein Lebenslauf.[1] Nach seinen Angaben stellte er 1944 einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP. Die Aufnahme erfolgte am 20. April des Jahres.[2] Er wollte zur Waffen-SS, was jedoch an der fehlenden Genehmigung seines Schuldirektors scheiterte.[3]

Nach dem Besuch der Oberschule wurde Loest 1944 zur Wehrmacht eingezogen.[4] Gemäß eigener Aussage war er gegen Kriegsende mit dem Werwolf hinter den amerikanischen Linien eingesetzt. Nach kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft arbeitete Loest in der Landwirtschaft und als Hilfsarbeiter in den Leunawerken. Er holte sein Abitur nach und wurde 1947 Mitglied der SED. Von 1947 bis 1950 war er als Journalist bei der Leipziger Volkszeitung tätig. Seit dem Erscheinen seines ersten Buches Jungen, die übrig blieben im Jahr 1950 war er freiberuflicher Schriftsteller. Mitte der 1950er Jahre studierte er am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig.

Im November 1957[5] wurde Loest wegen angeblicher „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ im Zusammenhang mit Diskussionen über die Entstalinisierung verhaftet und anschließend zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Er verbüßte diese Strafe im Zuchthaus Bautzen II. Während dieser Zeit war ihm ein striktes Schreibverbot auferlegt.

Nach seiner Haftentlassung im September 1964[5] - inzwischen (August 1961) war die Mauer gebaut worden - arbeitete Loest wieder als Schriftsteller und veröffentlichte in der DDR eine Reihe von Romanen (darunter sehr populäre Kriminalromane unter dem Pseudonym Hans Walldorf) und Erzählungen. Besondere Beachtung fanden der biografische Roman Swallow, mein wackerer Mustang über den von der DDR-Führung damals geschmähten sächsischen Schriftsteller Karl May (1842–1912) und die ungewöhnliche Nazi-Satire Ich war Dr. Ley, geschrieben als Memoiren seines fiktiven Doppelgängers. Aus Protest gegen die Zensur seines Romans Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene (1978) trat der Autor 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Weil er wegen seiner oppositionellen Haltung großen Repressalien ausgesetzt war, siedelte er 1981 in die Bundesrepublik über.[6]

Loest ließ sich zunächst in Osnabrück nieder und wohnte seit 1987 in Bonn-Bad Godesberg. Seine Bücher veröffentlichte er, abgesehen von Swallow und den Nachauflagen, nur noch in westdeutschen Verlagen. In den 1980er Jahren engagierte sich Loest im westdeutschen Verband deutscher Schriftsteller (VS), dessen nachgiebige Haltung gegenüber den DDR-Machthabern er jedoch missbilligte. 1987 gründete er mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter den Linden-Verlag in Künzelsau, der vorwiegend Loests eigene Werke publiziert und der seit 1989 seinen Sitz in Leipzig hat. Auch Loest, der nach der Wende vom Obersten Gericht der DDR im April 1990 voll rehabilitiert wurde, hatte seit 1990 seinen zweiten Wohnsitz in Leipzig. Von 1994 bis 1997 war Loest Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller. „Sein schönster Erfolg im Amt war die Initiative zur deutsch-polnischen Aussöhnung, ein Stück Wiedergutmachung für die Versäumnisse seiner Vorgänger.“[7] Seit 1998 war er wieder ausschließlich in Leipzig ansässig. Erich Loest war Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Erich Loest war ein bedeutender Vertreter der realistischen deutschsprachigen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In seinen Romanen und Erzählungen beschäftigte er sich auch mit historischen und legendären Gestalten seiner sächsischen Heimat, wie etwa dem Volkshelden Karl Stülpner. Seit Ende der 1980er Jahre war Loests Thema vor allem die deutsche Teilung und Wiedervereinigung sowie die Geschichte der Stadt Leipzig. Sein Drehbuch „Nikolaikirche“ (später Roman) wurde als erfolgreicher Fernsehmehrteiler verfilmt. Neben seinen politischen Romanen hat Loest auch zahlreiche Kriminalromane und Reisefeuilletons verfasst.

Loest erhob seine Stimme bei politischen Fragen, die den Umgang mit dem kulturellen Erbe der DDR behandeln. Er setzte sich für die Neuerrichtung der Paulinerkirche (Leipzig) ein (diese war am 30. Mai 1968 gesprengt worden). Er sprach sich dafür aus, Kunstwerke der Zeit der DDR aus der Öffentlichkeit zu verbannen. So wandte er sich in offenen Briefen an Medien und Politiker gegen die Wiederaufstellung des Bronze-Reliefs Aufbruch der Karl-Marx-Universität Leipzig und gegen das Gemälde Arbeiterklasse und Intelligenz von Werner Tübke, beide zählen zur Sammlung der Universitätskustodie. Für seine Verdienste um die Aufarbeitung der SED-Diktatur erhielt er 2012 den Hohenschönhausen-Preis des Fördervereins Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.[8]

Am 29. September 2010 gab Loest anlässlich der Preisverleihung des Kulturgroschens in Berlin für sein „herausragendes künstlerisches wie politisches Engagement“ bekannt: „Der heutige Tag bildet den festlichen Abschluss meines künstlerischen und politischen Treibens.“ Von ihm seien nun keine Romane oder längeren Erzählungen mehr zu erwarten.[9]

Sein 2011 erschienenes Buch Man ist ja keine Achtzig mehr enthielt Tagebucheinträge von August 2008 bis September 2010.[10]

Loest war bis zu seinem Tod Mitglied der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und des PEN-Zentrums Deutschland.

Am 12. September 2013 starb Erich Loest im Alter von 87 Jahren in der Universitätsklinik Leipzig nach einem Sturz aus dem Fenster, laut den polizeilichen Ermittlungen handelte es sich um einen Suizid.[11]

Loest wurde in seinem Geburtsort Mittweida auf dem neuen Friedhof an der Seite seiner ersten Frau Annelies (1930–1997) beigesetzt.[12] Die Trauerrede hielt Werner Schulz in der Nicolaikirche (Leipzig).[13]

Werke[Bearbeiten]

  • Jungen, die übrig blieben. Leipzig 1950.
  • Nacht über dem See und andere Kurzgeschichten. Leipzig 1950.
  • Liebesgeschichten. Leipzig 1951.
  • Die Westmark fällt weiter. Halle (Saale) 1952.
  • Sportgeschichten. Halle (Saale) 1953.
  • Das Jahr der Prüfung. Halle (Saale) 1954.
  • Aktion Bumerang. Halle (Saale) 1957.
  • Sliwowitz und Angst. Berlin 1965.
  • Ich war Dr. Ley. Berlin 1966 (unter dem Pseudonym Waldemar Naß)
  • Der Mörder saß im Wembley-Stadion. Halle (Saale) 1967 (unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Waffenkarussell. Berlin 1968 (unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Hilfe durch Ranke. Berlin 1968 (Blaulicht 93, unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Der Abhang. Berlin 1968.
  • Öl für Malta. Berlin 1968.
  • Der elfte Mann. Halle (Saale) 1969.
  • Gemälde mit Einlage. Berlin 1969 (Blaulicht 105, unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Schöne Frau und Kettenhemd. Berlin 1969 (Blaulicht 107, unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Erpressung mit Kurven. Berlin 1970 (Blaulicht 119, unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Oakins und der Elefant. Berlin 1972 (Blaulicht 137, unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Mit kleinstem Kaliber. Halle (Saale) 1973 (unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Schattenboxen. Berlin 1973.
  • Wildtöter und Große Schlange. Berlin 1974.
  • Ins offene Messer. Berlin 1974.
  • Eine Kugel aus Zink. Berlin 1974 (Blaulicht 157, unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Etappe Rom. Berlin 1975.
  • Oakins macht Karriere. Berlin 1975.
  • Rotes Elfenbein. Halle (Saale) 1975 (unter dem Pseudonym Hans Walldorf)
  • Die Oma im Schlauchboot. Berlin 1976.
  • Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene. Halle u. a. 1977.
  • Rendezvous mit Syrena. Halle u. a. 1978 (zusammen mit Gerald Große).
  • Pistole mit sechzehn. Hamburg 1979.
  • Swallow, mein wackerer Mustang. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1980.
  • Durch die Erde ein Riß. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1981, ISBN 3-455-04523-5.
  • Harte Gangart. Köln 1983.
  • Völkerschlachtdenkmal. Hamburg 1984.
  • Der vierte Zensor. Köln 1984.
  • Geordnete Rückzüge. Hannover 1984.
  • Herzschlag. Niddatal 1984.
  • Die Mäuse des Dr. Ley. Olten 1984.
  • Zwiebelmuster. Hamburg 1985.
  • Leipzig ist unerschöpflich. Paderborn 1985.
  • Saison in Key West. München u. a. 1986.
  • Bruder Franz. Paderborn u. a. 1986.
  • Ein Sachse in Osnabrück. Freiburg i. Br. 1986.
  • Froschkonzert. München u. a. 1987 (verfilmt als Die Frosch-Intrige, ZDF 1990)
  • Die Brücke über den Lipper Ley. (Hörspiel, Hessischer Rundfunk) 1987.
  • Eine romantische Reise um die Welt. Künzelsau 1988.
  • Tatort: Spuk aus der Eiszeit. (Norddeutscher Rundfunk) 1988.
  • Fallhöhe. Künzelsau 1989.
  • Eine romantische Reise durch Europa. Künzelsau 1989.
  • Durch die Erde ein Riss. Ein Lebenslauf (Autobiographie), Künzelsau 1989.
  • Bauchschüsse. Künzelsau 1990.
  • Der Zorn des Schafes. Künzelsau 1990.
  • Die Stasi war mein Eckermann oder: mein Leben mit der Wanze. Göttingen 1991.
  • Heute kommt Westbesuch. Göttingen 1992.
  • Katerfrühstück. Leipzig 1992.
  • Inseln der Träume. Künzelsau 1993.
  • Zwiebeln für den Landesvater. Göttingen 1994.
  • Nikolaikirche (verfilmt unter gleichem Titel, 1995)
  • Als wir in den Westen kamen. Stuttgart 1997.
  • Gute Genossen. Leipzig 1999.
  • Reichsgericht,[14] Leipzig 2001
  • Träumereien eines Grenzgängers. Stuttgart 2001.
  • Sommergewitter. Göttingen 2005.
  • Prozesskosten. Göttingen 2007.
  • Einmal Exil und zurück. Göttingen 2008.
  • Wäschekorb. Göttingen 2009.
  • Löwenstadt. Göttingen 2009.
  • Man ist ja keine Achtzig mehr. Steidl, Göttingen 2011, ISBN 978-3-86930-236-2.
  • Werkausgabe. Künzelsau u. a.
    • Bd. 1. Jungen, die übrig blieben. 1991.
    • Bd. 2. Der elfte Mann. 1992.
    • Bd. 3. Schattenboxen. 1993.
    • Bd. 4. Zwiebelmuster. 1994.
    • Bd. 5. Swallow, mein wackerer Mustang. 1996.
    • Bd. 6. Die Mäuse des Dr. Ley. 2000.
  • Lieber hundertmal irren. Göttingen 2013, ISBN 978-3-86930-665-0.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literaturpreise[Bearbeiten]

Ehrungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Andrea Sahlmen: Das Vehikel der Imagination. Frankfurt am Main 1992.
  • Es ging seinen Gang. Köln 1996.
  • Erich Loest zum 70. Geburtstag. Leipzig 1996.
  • Marie-Geneviève Gerrer: Le thème de l’autorité chez un écrivain saxon de RDA. Nancy 1996.
  • Gudrun Schneider-Nehls: Grenzgänger in Deutschland. Potsdam 1997.
  • Sabine Brandt: Vom Schwarzmarkt nach St. Nikolai. Leipzig 1998.
  • Kulturstiftung Leipzig (Hrsg.): Leipziger Blätter, Sonderheft: Erich Loest. Eine deutsche Biographie. Leipzig 2007.
  • Regine Möbius: Wortmacht und Machtwort. Der politische Loest. Plöttner Verlag, Leipzig 2009.
  • Kurzbiografie zu: Loest, Erich. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Bernhard M. Baron: Erich Loest – ein Werwolf in der Oberpfalz. Eine Reminiszenz. In: OBERPFÄLZER HEIMAT. Bd. 56, Weiden i. d. OPf. 2012, ISBN 978-3-939247-19-7, S. 209–224.
  • Erich Loest: Gelindes Grausen. Tagebuch 2011–2013. Mit einem Nachtrag von Linde Rotta. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2014, ISBN 978-3-95462-196-5.

Tonträger (Auswahl)[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Erich Loest – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erich Loest: Durch die Erde ein Riß. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1981, ISBN 3-455-04523-5, u. a. S 13 ff.
  2. Autor Erich Loest war NSDAP-Mitglied“, Freie Presse, 7. Februar 2011.
  3. „Wahrheit muss immer heraus“ Erich Loest über seinen Freund Günter Grass und die Waffen-SS Nordwest Zeitung Online, 15. August 2006.
  4. Exil Archiv
  5. a b Matthias Biskupek: Die Leben der Männer, Rezensionen u. a. zu Prozesskosten. In: Eulenspiegel, 53./61. Jg., Nr. 11/07, ISSN 0423-5975, S. 52.
  6. Erich Loest gestorben In FAZ.NET vom 13. September 2013. Abgerufen am 13. September 2013.
  7. Hannes Schwenger: Aufrechter Gang und Fenstersturz. Auf tagesspiegel.de vom 13. September 2013. Abgerufen am 15. September 2013.
  8. stiftung-hsh.de
  9. ARD-Videotext S. 402 vom 29. September 2010.
  10. taz.de
  11. Ostdeutscher Schriftsteller tot: Autor Erich Loest stürzt sich aus dem Fenster. Website Focus Online. Abgerufen am 12. September 2013.
  12. knerger.de: Das Grab von Erich Loest
  13. LVZ (mit Link zum pdf der Trauerrede)
  14. rewi.hu-berlin.de - Rezension zu Erich Loest: Reichsgericht von Thomas Henne
  15. Ehrenpromotion der Universität Gießen für Erich Loest, Pressemeldung der Universität Gießen, in: Informationsdienst Wissenschaft vom 12. November 2009, abgerufen am 13. November 2009.