Erika (Lied)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Erika, auch bekannt unter seinem Liedanfang Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, ist der Titel eines bekannten deutschen Marschliedes von Herms Niel, das in den 1930er-Jahren entstand. In dem vom NS-Regime zu Propagandazwecken verbreiteten Lied wird „die naturverbundene Liebe zur Heimat besungen“.[1]

Entstehung[Bearbeiten]

Der Liedtext und die Melodie stammen von dem deutschen Komponisten für Marschlieder, Herms Niel (1888–1954). Das genaue Entstehungsjahr des Liedes ist nicht bekannt; häufig wird „um 1930“ angegeben,[2] was sich durch wissenschaftliche Quellen allerdings nicht belegen lässt. Erstmals veröffentlicht wurde das Marschlied Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein (Erika) im Jahr 1938 in dem Verlag Louis Oertel in Großburgwedel.[3]

Niel, der Anfang Mai 1933 in die NSDAP eintrat und es in der NS-Zeit unter anderem bis zum „führenden“ Kapellmeister beim Reichsarbeitsdienst brachte, schuf zahlreiche Marschlieder, die weitgehend der NS-Propaganda dienten.[4] Insbesondere der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte, wie Berszinski[3] schreibt, früh erkannt, dass volksnahe, einfache Lieder ein nützliches Propaganda-Mittel waren. Je mehr der Schlager aus der harten Wirklichkeit in traumverlorene Seligkeiten entflogen sei und eine gemütvolle Liebesleid- und Lust-Idylle vorgetäuscht habe, desto besser habe sich hinter den vielen sanften Molltönen „das wahre Gesicht Nazideutschlands“ verbergen lassen. Die enge und aufgeschlossene Verbindung des Nationalsozialismus mit neuen technischen Massenmedien, insbesondere Film und Rundfunk, kam dem entgegen und sorgte rasch für Popularität des nationalsozialistischen Lied- und Musikguts.[3]

Die militaristischen Schlager und die Marschlieder waren die „Antwort auf den näherrückenden Krieg“. Insgesamt wurden zwischen 1933 und 1945 etwa 15.000 NS-Musikwerke produziert, sowie etwa anderthalb Millionen Blatt Dokumente, die sich allein auf Musik beziehen.[3]

Text[Bearbeiten]

Blühende Glocken-Heide (Erica tetralix)

In dem Marschlied Erika werden sowohl das blühende Heidekraut als auch eine Frau dieses Vornamens besungen. In der ersten Strophe beschäftigt sich der Liedtext mit dem Heidekraut Erika:

Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein
Und das heißt: Erika.
Heiß von hunderttausend kleinen Bienelein
Wird umschwärmt Erika.
Denn ihr Herz ist voller Süßigkeit,
Zarter Duft entströmt dem Blütenkleid
Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein
Und das heißt: Erika.

In der Heimat wohnt ein kleines Mägdelein
Und das heißt: Erika.
Dieses Mädel ist mein treues Schätzelein
Und mein Glück, Erika.
Wenn das Heidekraut rot-lila blüht,
Singe ich zum Gruß ihr dieses Lied.
Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein
Und das heißt: Erika.

In mein'm Kämmerlein blüht auch ein Blümelein
Und das heißt: Erika.
Schon beim Morgengrau'n sowie beim Dämmerschein
Schaut's mich an, Erika.
Und dann ist es mir, als spräch' es laut:
Denkst du auch an deine kleine Braut?
In der Heimat weint um dich ein Mägdelein
Und das heißt: Erika.

Musik[Bearbeiten]

Bei der musikalischen Komposition handelt es sich um einen Marschgesang, ein Lied also, das auch ohne instrumentale Begleitung von (meist marschierenden) Soldaten gesungen werden konnte. Die eigenständige Marschkomposition (auch die Melodiestimme stammt von Niel) weist, wie sie in den Aufnahmen zur Zeit des Dritten Reichs verbreitet wurde, ein prägnantes Detail auf: Der ansonsten komplett als Marschmusik durcharrangierte Gesangsteil wird in sämtlichen Melodiepausen mit drei rasch aufeinanderfolgendenen dampfhammerschlagartigen Paukenschlägen kontrapunktiert, welche ohne Begleitung gänzlich für sich allein stehen:

Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein (xxx) / und das heißt: (xxx) Erika (xxx).
Heiß von hunderttausend kleinen Bienelein (xxx) / wird umschwärmt (xxx), / Erika (xxx).
Denn ihr Herz ist voller Süssigkeit (xxx), / zarter Duft entströmt dem Blütenkleid (xxx). […]

Dieser auf den ersten Blick nicht mit dem textlichen und melodischen Gehalt des Liedes zusammenpassende musikalische Einfall[5] macht die Komposition einprägsam und betont zudem durch die klangliche Ähnlichkeit zu Kanonenschlägen unterschwellig den Charakter eines Kriegsliedes.[6]

Bedeutung und Rezeption[Bearbeiten]

Die Verbreitung und die zentrale Einbindung des Liedes Erika in die NS-Propaganda[4] werden unter anderem durch die autobiografischen Aufzeichnungen von Gregor von Rezzori über reichsdeutsche Hörfunksendungen des Aprils 1945 verdeutlicht: „Die Tage gingen hin mit Rundfunkmeldungen. Siegreiche Abwehr- und Rückzugsschlachten. Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, Bumm Bumm. Unsere U-Bootwaffe hatte wieder Zehntausende von Bruttoregistertonnen versenkt. Denn wir fahren, wir fahren gegen Engeland.“[7] Das Lied spielt auch in zahlreichen belletristischen Texten, die sich mit der NS-Zeit beschäftigen, eine Rolle. Ein prominentes Beispiel ist Walter Kempowskis Roman Heile Welt.[8]

Die besondere Beliebtheit des Marschliedes während des Zweiten Weltkriegs wird bisweilen dadurch erklärt, dass es textlich in einer Reihe populärer Lieder mit deutschen weiblichen Vornamen stand, in denen Wehrmachtssoldaten, die in den Krieg gezogen waren, ihre in der Heimat gebliebenen Geliebten und Frauen besingen konnten.[1] Die Darstellung der Frau („Mägdelein“) als „wartende, weinende, hingebungsvolle, treue, und doch umschwärmte Frau“ entsprach dem von den Nationalsozialisten propagierten Rollenklischee der „treusorgenden Gattin“.[3] Unter den Soldaten kursierten teils auch „umgedichtete“ Textversionen, die meist direkte(re) sexuelle Anspielungen enthielten.[9]

Im Ausland wurde und wird das Marschlied Erika als „typisches deutsches Liedgut“ wahrgenommen, dabei allerdings bis heute meistens untrennbar mit der deutschen Wehrmacht verbunden; so gehörte es zum Beispiel 1983 beim Zehn-Jahres-Jubiläum der Junta in Chile zum Repertoire des Musikzuges eines chilenischen Militärbataillons in „vertrautem Feldgrau mit original Wehrmachts-Stahlhelm“, das noch in der Tradition „einstiger deutscher Militärhilfe“ stand;[10] und von „gewalttätigen deutschen Fans“ und Randalierern wurde es bei der Fußball-Europameisterschaft 1984 in Frankreich wiederholt bei „gemeinsamen Gesängen“ während des Marsches zum Stadion „gegrölt“.[11] Der russische Komponist Andrei Jakowlewitsch Eschpai zitierte in seiner Sinfonie Nr. 5 von 1985 das Lied, wobei die zitierte Marschmusik in seinem 40 Jahre nach Kriegsende und vermutlich aus diesem Anlass entstandenen Werk den „Einmarsch der Wehrmacht darstellen könnte“.[12]

Tony Marshall sang Erika 1977 für ein Volksliederalbum ein

Im Nachkriegsdeutschland hingegen blieb der Marschgesang Erika vor allem aus seinem ursprünglichen Kontext herausgelöst beliebt und wurde nach der Wiederbewaffnung auch auf Märschen der Bundeswehr und des Österreichischen Bundesheeres gesungen; als volkstümliches Lied wurde es für Schallplattenaufnahmen neu eingespielt, unter anderem von Tony Marshall, der es 1974 auf seiner LP Hinaus in die Ferne zusammen mit alten Volksliedern wie Muss i denn zum Städtele hinaus veröffentlichte.[13]

Der Titel Erika gilt heute nicht wenigen selbst als Volkslied [14][15], obgleich der Ursprung des Liedes noch lange allgemeinhin bekannt war.[16]

Erika fand schließlich auch Verwendung in einer kurzen Anfangsszene von Steven Spielbergs Spielfilm Schindlers Liste aus dem Jahr 1993 (der Protagonist begegnet auf dem Weg zum Krakauer Judenrat einer deutschen Militärkolonne). Der Marschtitel wird ferner in dem Film Der Hauptmann von Köln bei einem Treffen ehemaliger Wehrmachtsangehöriger verwendet.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Vgl. Michael Jung: Liederbücher im Nationalsozialismus. Bd. 1: Darstellung. Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Frankfurt am Main, 1989, ohne ISBN, S. 130 (Hochschulschrift; zugl. Dissertation).
  2. Vgl. Angaben zum Marschlied „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein“ im Artikel „Als ich gestern einsam ging …“ von Leonore Böhm in der Oberpfälzer Tageszeitung Der neue Tag vom 17. Oktober 2008 (letzter Aufruf: 16. Juni 2009)
  3. a b c d e Vgl. Sabine Berszinski: Modernisierung im Nationalsozialismus? Eine soziologische Kategorie und Entwicklungen im deutschen Schlager 1933–45. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Freiburg im Breisgau 1999/2000, ohne ISBN. (Hochschulschrift; zugleich Magisterarbeit; als Digitalisat frei verfügbar; PDF-Datei; 389 kB; letzter Aufruf: 16. Juni 2009).
  4. a b Vgl. Angaben über das Lied in der Rezension Vergessen und verdrängt. Volker Kühn über die Rolle von Künstlern und Kabarettisten im Dritten Reich von Stephan Göritz beim Deutschlandfunk vom 4. Dezember 2006 (letzter Aufruf: 16. Juni 2009).
  5. Marschmusik im III. Reich. Eine Dokumentation 9. Teil; Verlag John Jahr, o.J.
  6. Vgl. Gregor von Rezzori: Mir auf der Spur. 3. Aufl., Bertelsmann, München 1997, ISBN 3-570-00124-5, S. 269.
  7. Vgl. Gregor von Rezzori: Mir auf der Spur. 3. Aufl., Bertelsmann, München 1997, ISBN 3-570-00124-5, S. 269.
  8. Walter Kempowski: Heile Welt. 1. Aufl., Knaus, München 1998, ISBN 3-8135-0051-9, S. 224.
  9. Vgl. Karl-Heinz Strehlke: Unter der Last des totalen Krieges. Lebenssituationen zwischen 1942 und 1945. Heimatverein Garbsen, Garbsen 1995, S. 12: „Auf der Steppe gibt es kein Blümelein, siehste was – Steppengras! Das macht Spaß! Kratzt dich was?“
  10.  Siegfried Kogelfranz: Hauptsache, du protestierst. In: Der Spiegel. Nr. 38, 1983, S. 139–142 (online).
  11.  Hans-Joachim Nesslinger: Jetzt kommt euer erstes Fronterlebnis. In: Der Spiegel. Nr. 26, 1984, S. 147–149 (online).
  12. Vgl. Beiträge über Russische Komponisten des 20. Jahrhunderts >>Andrei Eshpai bei der Internetplattform Tamino Klassik-Forum (letzter Aufruf: 16. Juni 2009).
  13. Vgl. [1] bei Germancharts.com (letzter Aufruf: 28. April 2014).
  14. Vgl. Aufnahme des Liedes (als Liebeslied) beim Volksliederarchiv.de (s. Weblinks).
  15. Vgl. Online-Kataloge beim Datenbank-Verbund der Volksliedwerke Österreichs und Südtirols (letzter Aufruf: 16. Juni 2009)
  16. Franz Barsig: Viel Geschrei und kein Programm. Eine NPD-Versammlung in der deutschen Provinz. In: Die Zeit, Nr. 8/1967