Erika Steinbach

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Erika Steinbach

Erika Steinbach, geb. Hermann (* 25. Juli 1943 in Rahmel, Reichsgau Danzig-Westpreußen; seit 1945 wieder Rumia, Polen), ist eine deutsche Politikerin (CDU). Sie ist seit 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 1998 Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV). Darüber hinaus ist sie Sprecherin für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und gehört dem Fraktionsvorstand an.[1]

Leben[Bearbeiten]

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten]

Nach privatem Violinstudium und der Mitwirkung in Orchesterkonzerten erwarb Steinbach seit 1970 innerhalb eines dualen Studiums, das den Besuch einer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und integrierte Praxisblöcke im Kommunalen Gebietsrechenzentrum Frankfurt am Main beinhaltete, den akademischen Grad Diplomverwaltungswirtin (FH). Ab 1974 war sie bis 1977 dort als Informatikerin Projektleiterin für die Automatisierung der Bibliotheken in Hessen.

Parteilaufbahn[Bearbeiten]

Steinbach ist seit 1974 ist Mitglied der CDU. Bis Ende 2009 war sie stellvertretende Vorsitzende der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung in der CDU. Steinbach ist Mitglied im Berliner Kreis, einer informellen CDU-internen konservativen Gruppe aus Modernisierungs- und Merkel-Skeptikern.[2]

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

Von 1977 bis 1990 amtierte Steinbach als Stadtverordnete und Fraktionsassistentin der CDU-Stadtverordnetenfraktion in Frankfurt am Main.

Abgeordnete[Bearbeiten]

1990 wurde sie per Direktmandat im Wahlkreis Frankfurt am Main III das erste Mal in den Deutschen Bundestag gewählt.

Steinbach ist Mitglied im Bundestags-Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe und seit November 2005 Vorsitzende der Arbeitsgruppe Menschenrechte und humanitäre Hilfe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sowie stellvertretendes Mitglied am Ausschuss für Kultur und Medien und des Innenausschusses. Sie sitzt außerdem seit 2000 im ZDF-Fernsehrat. Im 18. Bundestag ist Steinbach wieder Ordentliches Mitglied im Innenausschuss.[3]

Vertriebenenorganisationen[Bearbeiten]

Steinbach war Mitglied des Bundesvorstandes der Landsmannschaft Westpreußen. Seit 1994 ist sie Mitglied des Bundes der Vertriebenen (BdV), seit dem 2. Mai 1998 dessen Präsidentin.[4] Sie wurde zuletzt 2012 durch die BdV-Bundesversammlung mit 97,5 % der Stimmen als BdV-Präsidentin bestätigt.[5] Im Juli 2014 gab der BdV bekannt, dass sie mitgeteilt habe, bei den Neuwahlen des Präsidiums im November 2014 nicht mehr für den Posten der Präsidentin kandidieren zu wollen.[6]

Sie ist Vorsitzende der vom BdV 2000 gegründeten Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“, bis zum Tode von Peter Glotz im Jahr 2005 gemeinsam mit ihm.[7] Sie ist Vorsitzende der Jury zur Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen.[8] Der Preis wird seit 2003 verliehen.[9]

Über die Hintergründe ihres Engagements für den BdV und für eine zentrale Erinnerungsstätte für die Vertriebenen schrieb Steinbach in ihrem Buch Die Macht der Erinnerung, das 2010 erschien.[10]

Sonstiges Engagement[Bearbeiten]

Von 1987 bis 1997 war Steinbach Schirmherrin der Frankfurter Gruppe der Women’s International Zionist Organisation.[11] Mit den beiden weiteren Schirmherrinnen von SPD und FDP demonstrierte sie gegen die Aufführung des Fassbinderstückes Der Müll, die Stadt und der Tod im Schauspiel Frankfurt.[12] Des Weiteren ist sie im Ehrenamtlichen Rat des Komitees des Gedenk- und Versöhnungshügels in Oświęcim (Auschwitz) vertreten. Steinbach ist seit 1985 Mitglied in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und seit 1986 Mitglied der Lebenshilfe für geistig Behinderte.

Herkunft, Flucht und Kritik an Vertriebenenaktivitäten[Bearbeiten]

Erika Steinbach ist die Tochter des im hessischen Hanau geborenen Elektroingenieurs Wilhelm Karl Hermann, der 1941 als Feldwebel der Luftwaffe in das ab 1939 vom Deutschen Reich besetzte Rumia/Rahmel beordert wurde und im Februar 1945 von dort in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet. Ihre Mutter, Erika Hermann geborene Grote, stammte aus Bremen, wuchs in Berlin auf und kam 1943 als Luftwaffenhelferin nach Rumia/Rahmel, wo sie zwei Töchter gebar. Geburtsort laut Geburtsurkunde war „Rahmel Fliegerhorst Nr. 102“[13] Im Januar 1945 flüchtete ihre Mutter mit der 18 Monate alten Erika und der drei Monate alten zweiten Tochter vor der Roten Armee über die Ostsee nach Schleswig-Holstein, wo die Familie bis 1948 auf Bauernhöfen in Kleinjörl, Großjörl und Stieglund lebte. Von 1948 bis 1950 lebte die Familie in Berlin, danach wuchs Erika Steinbach in Hanau auf.

Kritisch wird ihr Einsatz für die Vertriebenen im Zusammenhang mit ihrem Geburtsort bewertet: In einem Artikel der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita wurde sie als „falsche Vertriebene“ dargestellt. Ihre Eltern waren im Reichsgau Danzig-Westpreußen, wo sie geboren wurde, nicht heimisch, sondern erst nach dessen Annexion im Zweiten Weltkrieg aus dem Westen Deutschlands dorthin gezogen. Dies kommentierte sie mit der Aussage, man müsse „kein Wal sein, um sich für Wale einzusetzen“.[14] Der polnische Außenminister Radosław Sikorski sagte über sie: „[…] die mit Hitler in unser Land kam und mit Hitler wieder gehen musste“.[15]

Privates[Bearbeiten]

Seit 1972 ist sie mit dem Dirigenten Helmut Steinbach verheiratet. Vormals führte sie daher auch den Namen Steinbach-Hermann.[16]

Steinbach trat im Jahre 2003 aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mit der Begründung aus, dass „sich die evangelische Kirche in Teilen aufführt wie eine Ersatzpartei, statt Geborgenheit und Orientierung im Glauben zu geben“ und „ziemlich platt und unverblümt weltliche Politik“ betreibe.[17] Sie wechselte in die altkonfessionelle Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche.[18]

Politische Positionen[Bearbeiten]

Entschädigungsansprüche[Bearbeiten]

Im Jahr 2004 schlug Steinbach für die Entschädigungsansprüche der Vertriebenen eine innerstaatliche Regelung vor, um die außenpolitische Konfliktlage zu beenden. Der Vorschlag stieß auf Widerstand im Präsidium des BdV. Sie warf der rot-grünen Bundesregierung vor, in Antwortschreiben an enteignete Vertriebene diese an Polen verwiesen zu haben und ihr Recht dort einzuklagen, gleichzeitig aber öffentlich in Deutschland die Rechtsansprüche zu bestreiten.[19] Die Linie einer innerstaatlichen Regelung verfolgte sie weiter. So distanzierte Steinbach sich gemeinsam mit dem BdV-Präsidium von den Entschädigungsforderungen der Preußischen Treuhand,[20] deren Klage der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Oktober 2008 zurückwies.

Polen[Bearbeiten]

Steinbach stimmte 1991 im Bundestag gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze.[21][22] Sie war eine der 13 Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion, die bei der Abstimmung über den deutsch-polnischen Grenzvertrag eine Erklärung abgaben, warum sie nicht zustimmen könnten. Es seien insbesondere Eigentums- und Vermögensfragen offengeblieben.[23] Sie begründete ihr damaliges Votum auch mit der Aussage: „Man kann nicht für einen Vertrag stimmen, der einen Teil unserer Heimat abtrennt.“[14] Dem deutsch-polnischen Vertrag über gute Nachbarschaft stimmte sie 1991 zu.[24]

In ihrem Vortrag an der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität Warschau am 20. Oktober 1999 betonte sie die kulturellen Gemeinsamkeiten von Deutschen und Polen und warb für einen offenen Dialog.[25] Gleichzeitig erinnerte sie an die Botschaft der polnischen Bischöfe von 1965 und deren Aussage „wir vergeben und bitten um Vergebung“. Die Veranstaltung des BdV, der auf Steinbachs Initiative hin am 19. Juli 2004 in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin eine Erinnerungsveranstaltung zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes mit dem Leitsatz „Empathie – der Weg zum Miteinander“ durchführte, an der neben Erika Steinbach Kardinal Karl Lehmann, Ralph Giordano, Hans Maier und Bogdan Musiał mitwirkten, stieß in Polen auf Ablehnung und bei dem polnischen Historiker Władysław Bartoszewski sogar auf Empörung.[26] Ähnlich war die polnische Reaktion auf die Ausstellung des Zentrums gegen Vertreibungen „Erzwungene Wege“ 2006 im Berliner Kronprinzenpalais. Erstmals wurde darin in Deutschland öffentlich auch an die Vertreibung von Polen erinnert.[27] Bei einer von der Rzeczpospolita durchgeführten Umfrage, welche Person bei den Polen am meisten Angst auslöse, wurde Erika Steinbach von 38 % der Befragten genannt und kam damit auf Platz 2; mehr Ängste würde nur Wladimir Putin mit 56 % auslösen.[28]

Über die Regierung von Kaczyński sagte Steinbach 2007: „Die Parteien, die in Polen regieren, sind mit den deutschen Parteien Republikaner, DVU und NPD vergleichbar“.[29] Aus polnischer Sicht verstärkte dies den Eindruck, dass Steinbach den Nationalsozialismus verharmlose.[30] Wiederholt wurde Steinbach Gegenstand auch polnischer Satire, wie im Fall einer auch in Deutschland nachgedruckten Fotomontage des polnischen Nachrichtenmagazins Wprost, die sie in SS-Uniform auf Bundeskanzler Gerhard Schröder reitend darstellt.[31] Die Internetseite und Flugblätter des Vereins Powiernictwo polskie („Polnische Treuhand“)[32] zeigten Erika Steinbach 2007 in einer Reihe mit einem Offizier der Waffen-SS und einem Ritter des Deutschen Ordens, ergänzt mit einem Zitat Hitlers.[33] Durch alle deutschen Gerichtsinstanzen wurde dem polnischen Verein untersagt, diese Diffamierung weiter zu veröffentlichen.[34]

Tschechien[Bearbeiten]

1997 bezeichnete Steinbach die deutsch-tschechische Aussöhnungserklärung als „eine Schlussstricherklärung“, die dazu führe, dass menschenrechtsfeindliche Gesetze nach wie vor Gültigkeit haben.

1999 betonte sie vor Studenten der Karlsuniversität in Prag, dass Deutsche und Tschechen durch die Jahrhunderte mehr verbindet als trennt und dass es vor diesem Hintergrund heute möglich sein müsse, die Schatten der Vergangenheit zu überwinden.[35]

Im Jahre 2003 zeichnete sie gemeinsam mit Peter Glotz die tschechische Jugendinitiative für das „Kreuz der Versöhnung“ im tschechischen Teplice nad Metují (deutsch Weckelsdorf) und die Bürgermeisterin Vera Vitova mit dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis für das Engagement aus, an ermordete Sudetendeutsche „und alle Opfer nationaler Konflikte dieser Region [zu erinnern] und für ein mutiges Zeichen des Dialogs zwischen Deutschen und Tschechen“.[36][37] Im November 2010 erhielt der tschechische Filmemacher David Vondráček aus Steinbachs Hand den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis für seinen umstrittenen Film Töten auf tschechische Art.[38][39] Bei beiden Preisverleihungen wies Steinbach auf die „Notwendigkeit von deutsch-tschechischer Wahrhaftigkeit“ hin.[40]

Osterweiterung der EU[Bearbeiten]

1998 forderte Steinbach bei einem Pommerntreffen in Greifswald, die EU-Osterweiterung dürfe es nicht „ohne Heilung des Vertriebenenunrechts“ geben.[41] Als diese 2003 bevorstand, bedauerte sie in einer Presseerklärung zur Abstimmung des Europäischen Parlaments, dass Europa es versäumt habe, gegenüber den entsprechenden Beitrittsländern, insbesondere Tschechien, „die Heilung der Folgen menschenrechtswidriger Vertreibungen anzumahnen und durchzusetzen“.[42] Trotzdem stimmte sie 2004 für die Aufnahme jener Länder in die Europäische Union[43] und schloss mit dem Hinweis „Die Menschen unserer Nachbarländer sind mir herzlich willkommen“.[44]

Jugoslawien[Bearbeiten]

Im September 2008 äußerte sie, nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Deutschen beispielsweise in Jugoslawien einem Völkermord ausgesetzt gewesen.[45] In mehreren Veröffentlichungen wies Steinbach darauf hin, dass, in Zusammenarbeit von postjugoslawischen Regierungen mit der Landsmannschaft der Donauschwaben, große Gedenkeinrichtungen an den Massengräbern eingeweiht werden konnten.[46]

Zentrum gegen Vertreibungen[Bearbeiten]

Eines der politischen Ziele Steinbachs ist die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin, das auch dem Schicksal der deutschen Vertriebenen gewidmet sein soll. Sie ist (bis August 2005 gemeinsam mit Peter Glotz) die Vorsitzende der zu diesem Zweck im September 2000 gegründeten Stiftung.

Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung[Bearbeiten]

Der Bund der Vertriebenen schlug im Februar 2009 neben zwei weiteren Vertretern Erika Steinbach für einen Sitz im Beirat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung vor. Diese Stiftung soll ein Dokumentationszentrum der Bundesrepublik Deutschland mit dem Arbeitstitel Sichtbares Zeichen initiieren. Die Nominierung Steinbachs war politisch umstritten, sie wurde vor allem von polnischer Seite kritisiert. SPD und Oppositionsparteien in Deutschland sprachen sich gegen die Mitwirkung Steinbachs im Stiftungsbeirat aus.[47] Am 4. März 2009 zog der BdV die Nominierung Steinbachs zurück: man wolle so „die nicht durch uns verursachte Blockade auflösen [und] nicht der billige Vorwand dafür sein, das Stiftungsgesetz nicht in die Tat umzusetzen und so die Stiftung auf den letzten Metern noch zu verhindern“. Das Präsidium des BdV kündigte an, keinen anderen Vertreter an der Stelle Steinbachs zu benennen: „Es will diese Position demonstrativ unbesetzt lassen, um deutlich zu machen, dass es sich sein originäres Besetzungsrecht von niemandem vorschreiben lässt“, heißt es in einer Erklärung des BdV.[48] Dagegen wurde von der deutschen Bundesregierung klargestellt, dass der Vertriebenenverband zwar das Recht auf eine Vorschlagsliste hat, die Beiratsmitglieder jedoch nicht von ihm, sondern vom Kabinett bestellt werden.[49] So ist es im Gesetz zur Errichtung der Stiftung „Deutsches Historisches Museum“ (DHMG)[50] festgelegt. Nach dem Wechsel der Regierungskoalition 2009 wurde Steinbach wieder für einen Sitz im Beirat ins Gespräch gebracht. Im Februar 2010 verzichtete Frau Steinbach endgültig. Über die Besetzung des Beirats entscheidet künftig der Bundestag.[51]

Gleichstellung homo- und heterosexueller Partnerschaften[Bearbeiten]

Steinbach wandte sich mehrfach gegen eine familienrechtliche Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Partnerschaften. Eine steuerliche Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften homosexueller Paare mit der Ehe lehnt Steinbach ab.[52][53]

Verhältnis zur AfD[Bearbeiten]

Nach dem Erfolg der Alternative für Deutschland bei der Europawahl 2014 äußerte Steinbach, die AfD sei nach ihrer Beobachtung „eine rechtsstaatliche, demokratische Gruppierung und damit ebenso unser Konkurrent wie unser möglicher Partner.“[54] Ihre CDU-Parteikollegen sprachen sich gegen eine solche Koalition aus.[54]

Kontroversen und Kritik[Bearbeiten]

Vorwurf der Relativierung von NS-Verbrechen[Bearbeiten]

Der Historiker und Journalist Erich Später sieht in Steinbachs Vertriebenenpolitik den Versuch, die Verbrechen der NS-Zeit durch die Fokussierung auf die deutschen Vertriebenen zu relativieren: Das Zentrum gegen Vertreibungen unter Federführung des BdV solle „die Sicht der deutschen Rechten manifestieren“. Später kritisiert Steinbachs „Leistung“, den „Diskurs der deutschen Rechten an die internationale Menschenrechtsdebatte angeglichen zu haben“. Die Vertriebenen würden in der Öffentlichkeit durch Steinbachs Engagement „jetzt [als] Opfer der Weltgeschichte, von unmenschlichen Regimes, von einer seit Jahrtausenden stattfindenden Politik der Vertreibung“ erscheinen. Der Zweite Weltkrieg werde „zu einem Ereignis unter vielen in einer Kette von weltgeschichtlichen Verhängnissen“. „Der Massenmord an den Juden“ versinke „im Meer der Geschichte.“[55]

Dazu der Journalist, Schriftsteller und Regisseur Ralph Giordano in einem Beitrag vom Februar 2009:

„Ein persönliches Wort zu der deutsch-polnischen Auseinandersetzung um den Beirat der ‚Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung‘: Wer in diesem Zusammenhang Erika Steinbach eine Revanchistin nennt, begeht Rufmord! Mehr als einmal hat sie die Vertriebenen bezeichnet als ‚Opfer der Politik Hitlers‘, der ‚die Büchse der Pandora geöffnet‘ habe; sie hat sich unmissverständlich von der in der Tat revanchistischen Rechtsberatungsfirma ‚Preußische Treuhand‘ distanziert und ausdrücklich betont, dass der Bund der Vertriebenen (BdV) keine Forderungen mehr an Polen stellt. Sie war es, die die Gleichsetzung von Vertreibung und Holocaust zurückwies und den Völkermord an den Juden im deutsch besetzten Europa während des Zweiten Weltkriegs als das bezeichnete, was er ist: ein singuläres Verbrechen. Und sie war es auch, die verantwortlich zeichnete für die erste Ausstellung über das Schicksal der polnischen Vertriebenen.“[56]

Im Rahmen einer Sitzung des CDU-Vorstands am 9. September 2010 distanzierte sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann von Äußerungen der BdV-Funktionäre Arnold Tölg und Hartmut Saenger.[57] Tölg hatte im Januar 2000 in einem Interview mit der Jungen Freiheit gesagt, dass „gerade die Länder, die am massivsten Forderungen gegen uns richten“, genügend „Dreck am Stecken“ hätten;[58] Saenger hatte im August 2009 in der Pommerschen Zeitung einen Artikel veröffentlicht, in dem er Polen vorwarf, nach dem Ersten Weltkrieg „besonders kriegerisch“ aufgetreten zu sein und Deutschland im Danzig-Konflikt „sogar mit Krieg“ gedroht zu haben.[59] Anlässlich der Aufnahme Tölgs und Saengers als stellvertretende Mitglieder in den Stiftungsrat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung kritisierte der Mannheimer Historiker Peter Steinbach, beide würden versuchen, deutsche Verbrechen zu relativieren und Thesen vertreten, die „die vor allem in einer rechten Geschichtsbetrachtung gang und gäbe“ seien.[60] Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, warf Tölg und Saenger in einem Brief an Neumann „revanchistische Positionen“ vor und kündigte an, seine Mitgliedschaft im Stiftungsrat ruhen zu lassen.[61]

Steinbach soll die beiden Funktionäre daraufhin verteidigt und argumentiert haben, dass Polen bereits im März 1939 mobil gemacht habe.[57] Steinbach löste mit dieser als Relativierung des deutschen Überfalls auf Polen und der deutschen Kriegsschuld am Zweiten Weltkrieg aufgefassten Bemerkung in der Sitzung Empörung aus. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Andreas Schockenhoff bezeichnete die Äußerungen als „absurd“ und „Geschichtsklitterung“.[57] Steinbach wies die Vorwürfe zurück, kündigte aber ihren Rückzug aus dem CDU-Vorstand an, da sie keinen Rückhalt in der Partei mehr habe und keine offenen Debatten möglich seien.[62]

Im Januar 2012 löste sie über eine Twitter-Meldung einen Eklat aus, als sie die NSDAP als linke Partei bezeichnete: „Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI“. Im Nachhinein bezeichnete sie diese als „gezielte Provokation“. Ihre Grundbotschaft sei, dass jede Form von Extremismus indiskutabel sei. Steinbachs Äußerungen wurden von Wissenschaftlern wie Herfried Münkler zurückgewiesen, der sie als „schief“ bezeichnete. Obwohl es auch einen linken Flügel der NSDAP gegeben habe, könne es „keinen Zweifel geben, dass die NSDAP zur Rechten gehörte.“[63]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Steinbach wurde am 9. Juli 2009 mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.[64] Am 22. Mai 2010 wurde ihr der Europäische Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft verliehen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Erika Steinbach: Die Macht der Erinnerung. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage, Universitas-Verlag, München/Wien 2011, ISBN 978-3-8004-1495-6.
  • Filip Gańczak: Erika Steinbach. Piękna czy bestia? (Erika Steinbach: Schöne oder Biest?), Verlag Axel Springer Polska, Warschau 2008, 152 Seiten, ISBN 978-83-7558-250-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Erika Steinbach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorstand der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag; Übersicht Arbeitsgruppen der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag; Arbeitsgruppe Menschenrechte und humanitäre Hilfe
  2. Konservative in der Union. Fünf, die sich im Kreis drehen, in: Süddeutsche Zeitung, 2. November 2012, abgerufen am 15. Dezember 2012.
  3. Mitglieder im Innenausschuss – 18. Bundestag, Bundestag Online, abgerufen am 18.September 2014
  4. Erika Steinbach – Bund der Vertriebenen (PDF)
  5. Die Pommersche Zeitung, Nr. 47/2012, S. 1.
  6. Erika Steinbach gibt Amt als Vertriebenen-Präsidentin auf, in: Zeit Online vom 6. Juli 2014.
  7. Website des Zentrums gegen Vertreibungen
  8. Website des Zentrums gegen Vertreibungen: Jury Franz-Werfel-Menschenrechtspreis
  9. Website des Zentrums gegen Vertreibungen: Franz-Werfel-Menschenrechtspreis
  10. Erika Steinbach: Die Macht der Erinnerung, Wien 2010.
  11. CDU-Kreisverband, Frankfurt am Main (Hrsg.): Frankfurt Magazin 04/2008, S. 17 (PDF; 4,0 MB).
  12. Erika Steinbach, Die Macht der Erinnerung, S. 17 f.
  13. Gerhard Gnauck: Vertriebenen-Präsidentin. Polen zeigt Erika Steinbach die kalte Schulter. In: Die Welt vom 23. Mai 2011. Abgerufen am 2. April 2013.
  14. a b Rundfunk Berlin-Brandenburg, Erika Steinbach. Abgerufen am 6. März 2010.
  15. „… przyszła do naszego kraju razem z Hitlerem i z Hitlerem musiała się z niego wynosić“, Steinbach przyszła z Hitlerem, TVN24.pl, 23. Februar 2009.
  16. Erika Steinbach bei bundestag.de abgerufen am 29. März 2013
  17. Frankfurter Rundschau vom 3. Januar 2003, S. 25.
  18. Jan Friedmann: Beharrlich und provokant. In: Der Spiegel 47/2007, S. 61.
  19. Pressemitteilung des BdV vom 6. August 2004, Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach MdB erklärt vor der Bundespressekonferenz in Berlin am 6. August 2004; Pressemitteilung des BdV vom 2. August 2004, Zur Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder in Warschau erklärt die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach MdB; Pressemitteilung des BdV vom 10. November 2004, Gefälligkeitsgutachten kann politische Lösung nicht ersetzen; Deutscher Ostdienst. Nachrichtenmagazin des Bundes der Vertriebenen. Sonderausgabe zum Tag der Heimat 2004, „Dialog führen – Europa gestalten“, S. 10.
  20. Der Fall Steinbach. Warschaus Flucht nach vorn, in: FAZ vom 18. Februar 2009.
  21. Vertriebenen-Stiftung – Koalition streitet wegen Steinbach, in: Süddeutsche Zeitung vom 22. Februar 2009.
  22. Antideutsche Töne in Warschau, Welt Online, 19. August 2006.
  23. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. März 2009, S. 10.
  24. Plenarprotokoll des Deutschen Bundestages, 12. Wahlperiode, 50. Sitzung, Bonn, 17. Oktober 1991, S. 4199 f., Erklärung gemäß § 31 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages zum EU-Beitrittsvertragsgesetz vom 18. September 2003 (BGBl. 2003 II S. 1408) über den Beitritt zur Europäischen Union am 3. Juli 2003.
  25. Erika Steinbach: Die Macht der Erinnerung, S. 140 ff.
  26. Deutscher Ostdienst. Nachrichtenmagazin des Bundes der Vertriebenen. Nr. 8/2004, S. 5.
  27. Ausstellung „Erzwungene Wege“. Auf schmalem Grat, Spiegel Online, 10. August 2006; Vertreibung: Die Mitschuld der Opfer. Die Berliner Vertriebenen-Ausstellung »Erzwungene Wege« ist zu Unrecht umstritten, Zeit Online, 28. Februar 2007.
  28. Umfrage: Steinbach und Putin jagen Polen Angst ein, Spiegel Online, 30. März 2009.
  29. Peter Carstens: Abermals ist es Anerkennung durch Verzicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. März 2009, S. 2.
  30. Konrad Schuller: Warschaus Flucht nach vorn. FAZ vom 19. Februar 2009.
  31. Wprost-Titelbild
  32. www.powiernictwo-polskie.pl, S. 32.
  33. Diffamierende Montagen vor Vertriebenentag. In: Die Welt vom 18. August 2007.
  34. Landgericht Köln, Az. 28 O 42/07 vom 16. April 2008; Oberlandesgericht Köln, Az. 15 U 93/08 vom 23. Dezember 2008; Bundesgerichtshof, Az. VI ZR 16/09 vom 22. Juni 2010.
  35. Erika Steinbach, Die Macht der Erinnerung, S. 132 ff.
  36. z-g-v.de (PDF; 43 kB), Franz-Werfel-Menschenrechtspreis Preisträger 2003, Preis für die Initiatoren des „Kreuzes der Versöhnung“ in Wekelsdorf (Tschechien)
  37. Welt am Sonntag vom 29. Juni 2003, Preis für Gegner von Vertreibungen; Die Welt vom 17. Februar 2003, Streit um Franz-Werfel-Preis des Zentrums gegen Vertreibungen
  38. „Töten auf tschechische Art“ – ein umstrittener Film über Massenmorde nach dem 8. Mai ’45., auf: www.radio.cz, 6. Mai 2010.
  39. Junge Freiheit vom 3. Februar 2010, Vertriebene würdigen Filmemacher Vondracek
  40. Deutscher Ostdienst. Nachrichtenmagazin des Bundes der Vertriebenen. Nr. 9/2010, S. 47.
  41. Rigide Positionen.
  42. Pressemitteilung des BdV vom 9. April 2003, EU-Erweiterung mit menschenrechtlichen Defiziten.
  43. Stefan Dietrich: Frau Steinbachs Vergehen, FAZ vom 11. März 2009, S. 10.
  44. Pressemitteilung des BdV vom 26. April 2004, Unsere Nachbarländer sind uns willkommen.
  45. „Steinbach spricht von Völkermord an Deutschen“, Rundfunk Berlin-Brandenburg vom 6. September 2008.
  46. Pressemitteilung des BdV vom 4. Mai 2007, Deutscher Opfer in Serbien wird am Europatag gedacht.
  47. Merkel spielt auf Zeit. In: Süddeutsche Zeitung vom 17. Mai 2010.
  48. „Stiftungsrat für Vertriebenenzentrum: Steinbach wird vorerst nicht nominiert“ auf tagesschau.de vom 4. März 2009
  49. Steinbachfrage verschoben, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Februar 2009, S. 2.
  50. Gesetz zur Errichtung einer Stiftung „Deutsches Historisches Museum“ (DHMG) (PDF; 50 kB)
  51. Steinbach verzichtet auf ihren Sitz im Stiftungsrat, Welt Online vom 11. Februar 2010.
  52. „In Polen wüten Parteien gegen Homosexuelle“, Welt Online vom 15. März 2007; Adoptionsrecht für Homosexuelle: Steinbach kritisiert Verfassungsrichter, hr-online vom 27. Februar 2013.
  53. Anne Will und moralinsaure Gegner der Homo-Ehe, Welt Online vom 13. Juni 2013.
  54. a b Nach Europawahl: Steinbach wirbt für Koalition der CDU mit der AfD. Handelsblatt, 1. Juni 2014, abgerufen am 6. Juni 2014.
  55. Hans-Hermann Kotte: Historiker Erich Später – Konzentration auf Steinbach lenkt ab. In: Frankfurter Rundschau, 11. Februar 2010. Abgerufen am 6. April 2010.
  56. Erika Steinbach ist keine Revanchistin. In: Hamburger Abendblatt, 27. Februar 2009.
  57. a b c Eklat in Unionsfraktion: „Steinbach hat Kriegsschuldfrage nicht bezweifelt“. FAZ.NET. 9. September 2010. Abgerufen am 14. September 2010.
  58. Dirk-Oliver Heckmann: „Dafür gibt es gar keinen Anlass, dass ich auf diese Aufgabe verzichte“. Deutschlandfunk. 3. August 2010. Abgerufen am 14. September 2010.
  59. Hartmut Saenger: Historischer Kontext. Pommersche Zeitung, zitiert nach Preußische Allgemeine Zeitung. 29. August 2009. Abgerufen am 14. September 2010.
  60. Stephan Karkowsky: „Der Schaden ist groß“. Deutschlandradio Kultur. 23. Juli 2010. Abgerufen am 14. September 2010.
  61. Zentralrat der Juden verärgert über Vertriebenenstiftung. Die Zeit. 6. September 2010. Abgerufen am 14. September 2010.
  62. Ulrike Quast/Naima El Moussaoui: Steinbach sorgt für Eklat. Deutsche Welle. 10. September 2010. Abgerufen am 14. September 2010.
  63. „Die Nazis waren eine linke Partei“, Spiegel Online, 2. Februar 2012. Abgerufen am 2. Februar 2012.
  64. Wenig dekorierte Frauen, in: Main-Post, abgerufen am 19. Dezember 2012.