Erinnerungsverfälschung

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"Psychiater Europas! Wahret Eure heiligsten Diagnosen!" Inschrift auf einer Karikatur - gezeichnet von Emil Kraepelin, Begründer der modernen, empirisch orientierten Psychopathologie und der Begriffe Erinnerungsfälschung und Erinnerungsverfälschung, "Bierzeitung", Heidelberg, 1896

Der Begriff Erinnerungsverfälschung oder Erinnerungsfälschung bezeichnet in der Gedächtnisforschung das unabsichtliche Verfälschen eigener Gedächtnisinhalte. Es unterscheidet sich von der bewussten Falschaussage (Lüge) dadurch, dass der Betreffende selbst seine Aussage für richtig hält. Eine besondere Form der Erinnerungsfälschung sind Pseudoerinnerungen. Hiermit bezeichnet man laut Oskar Berndt Scholz und Johann Endres "erfolgreich eingeredete, aber nicht erlebte Ereignisse".[1]

Erinnerungsverfälschung ist seit über 100 Jahren Gegenstand psychologischer Forschung und in neuerer Zeit auch zunehmend Gegenstand neurophysiologischer Forschung.

Die Überprüfung von Aussagen, bei denen der Verdacht besteht, sie seien ganz oder teilweise aufgrund von Erinnerungsverfälschung oder Pseudoerinnerungen entstanden, hat eine enorme Bedeutung in strafrechtlichen Ermittlungen und vor Gericht.

Herkunft des Begriffs[Bearbeiten]

Die Bezeichnung "Erinnerungsverfälschung" sei 1886 von Emil Kraepelin eingeführt worden.[2] "Von der Erinnerungsfälschung – Phantasma des Gedächtnisses – (etwas überhaupt nicht Erlebtes wird als erlebt vorgestellt) unterscheide man die Erinnerungsverfälschung: ein erlebtes Ereignis wird in der Erinnerung entstellt."[3]

Erläuterungen[Bearbeiten]

Da Wahrnehmung und Erinnern neuronale Verarbeitungsprozesse sind, können dabei manchmal Fehler auftreten. Während Wahrnehmungstäuschungen bereits seit längerem untersucht und erforscht wurden, war dies bei Erinnerungstäuschungen erst seit den 1960er Jahren in vergleichbarer Form der Fall. Seitdem ist es in Experimenten gelungen, durch unterschiedliche Verfahren die Erinnerungen von Probanden in Bezug auf schwerwiegende Einzelheiten zu verzerren oder gar Pseudoerinnerungen an neue Ereignisse ins Gedächtnis einzupflanzen.

Erinnerungsfälschungen können als Folge einer Suggestion oder einer Hypnose wie auch spontan (ohne äußere Beeinflussung) unter Stress oder bei Erschöpfungszuständen auftreten. Der Begriff ist damit methodisch abgrenzbar gegen pathologische Wahnvorstellungen, wie sie als Symptom einiger psychischer Störungen auftreten können. Wesentlich ist, dass die gedankliche und gefühlsmäßige Reproduktion des Gedächtnisinhaltes als Abbild eines vergangenen, wachbewussten Geschehens erlebt wird - anders als bei einer Erinnerung an einen Traum, eine Vision oder eine aktive Imagination: Dort ist dem Erinnernden bewusst, dass seiner Erinnerung keine solche äußere Realität entspricht. Auch im Fall einer lückenhaften, vagen Erinnerung ist sich der Erinnernde dieser Unvollständigkeit und Unvollkommenheit bewusst.

Experimente[Bearbeiten]

Berühmtheitsfrage[Bearbeiten]

Die Berühmtheitsfrage ist ein Experiment in Bezug auf eine spezielle Form der Erinnerungsfälschung, die sogenannte Quellenverwechslung. In einer ersten Phase des Experiments werden den Versuchspersonen beiläufig mehrere Namen präsentiert, welche diese beispielsweise nach Aussprechbarkeit beurteilen sollen. Am nächsten Tag werden in einer zweiten Phase diese Namen zusammen mit neuen Namen und Namen berühmter Personen dargeboten. Nun sollen die Versuchspersonen entscheiden, welche dieser Namen berühmten Personen zuzuordnen wären. Fälschlicherweise werden hierbei überzufällig oft Namen der am Tag zuvor gelesenen Personen als berühmt genannt. Offenbar war den Probanden nicht bewusst, ob sie diese Namen nun aus Zeitung und Fernsehen oder aus der ersten Phase des Experiments kannten. Unbewusste Prozesse führen dann zu einer Verwechslung der Informationsquelle.

Lost in the mall[Bearbeiten]

Ein Experiment bezüglich Pseudoerinnerungen ist Lost in the mall (Im Einkaufszentrum verlaufen). Den Versuchspersonen wurden kurze Berichte über Erlebnisse in der Kindheit, die angeblich von Verwandten verfasst wurden, gegeben. Sie sollten sich wieder an diese erinnern, doch sie wussten nicht, dass eine dieser Erzählungen falsch war: Die jeweilige Versuchsperson soll sich im Alter von 5 bis 6 Jahren im Einkaufszentrum verirrt haben und dann von einem Erwachsenen gerettet worden sein. 6 von 24 Versuchspersonen behaupteten, sich daran erinnern zu können, obwohl dieses Ereignis nie stattgefunden hatte.[4][5]

Bugs Bunny in Disneyland[Bearbeiten]

Elizabeth Loftus konstruierte ein Experiment, bei dem Teilnehmern, die in ihrer Vergangenheit im Disneyland waren, ein Treffen mit der Figur Bugs Bunny eingeredet wurde. Diese konnten sich anschließend lebhaft an die Szene erinnern. Dass dieses Treffen augenscheinlich nie passiert sein kann, resultiert aus der Tatsache, dass die Figur zu Warner Brothers gehört und sozusagen striktes Hausverbot im Disneyland hat.[6][7]

Neurophysiologie[Bearbeiten]

Auf System-Ebene[Bearbeiten]

Durch funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT oder fMRI) konnte gezeigt werden, dass sowohl die Stabilisierung als auch die Fälschung von Gedächtnisinhalten verbunden ist mit gesteigerter Aktivität im linken posterioren Gyrus parahippocampalis, sowie beidseitigen retrosplenialen und posterioren inferioren parietalen Arealen des Cortex. In diesen und in benachbarten Hirnregionen wurden jedoch Aktivitätsunterschiede je nach Stabilisierungs- oder Fälschungseffekt beobachtet, die von bestimmten experimentellen Umständen der Beeinflussung und des Abrufs der Erinnerungen abhingen. Laut Autoren bestätigten diese Ergebnisse die These, dass Gedächtnisverfälschungen eine negative Kehrseite der überwiegend nützlichen Eigenschaft des Gehirns seien, bestehende Gedächtnisinhalte aktualisieren zu können.[8]

Auf Neuronen-Ebene[Bearbeiten]

Neuronen, die “gelernt“ hatten, an einem bestimmten “gefährlichen Ort“ eine Angstreaktion auszulösen, konnten durch künstliche Aktivierung von außen - über optogenetische Schaltung - an einem anderen, völlig “ungefährlichen“ Ort zu derselben Reaktion gebracht werden, wie am gefährlichen Ort. Für das Tier wurde somit – durch Manipulation bestimmter Neuronen – der Gedächtnisinhalt “gefährlicher Ort“ in verfälschender Weise an einen “ungefährlichen Ort“ gekoppelt.[9] Die in Fachkreisen vielfach kommentierte Studie wurde als Meilenstein in der Erforschung von Gedächtnisfälschung bezeichnet.[10]

Bedeutung in Gerichtsverfahren[Bearbeiten]

Bei Aussagen vor Gericht hat die Prüfung von Erinnerungen auf mögliche Selbsttäuschungen der Aussagenden eine große Bedeutung. Nach Oskar Berndt Scholz und Johann Endres gilt es hier u. a. zu unterscheiden zwischen Pseudoerinnerungen, die durch Manipulation in früheren Befragungen entstehen, und Falschinformationseffekten, die durch Manipulation in gegenwärtigen Befragungen entstehen. Diese Unterscheidung sei deswegen wichtig, weil im Falle einer Pseudoerinnerung die gegenwärtige Befragung ohne Manipulation ablaufe und daher frühere manipulative Impantationen von falschen Erinnerungen vor Gericht leicht verborgen bleiben könnten.[11]

Der Fall Kenneth Olson[Bearbeiten]

Der Psychiater Kenneth C. Olson behandelte seit 1986 über mehrere Jahre die 33-jährige Hilfsbetreuerin Nadean Cool. Während der Behandlung, u. a. mit Hypnose und Teufelsaustreibung, erinnerte sich die Patientin, sie sei an satanischen Kulten beteiligt gewesen, habe Säuglinge verspeist, sei vergewaltigt worden, habe Geschlechtsverkehr mit Tieren gehabt und sei gezwungen worden, den Mord an ihrer achtjährigen Freundin mitanzusehen. Sie glaubte, mehr als 120 Persönlichkeiten zu haben – solche von Kindern, Erwachsenen, Engeln und auch einer Ente.

Als Nadean Cool später klar wurde, daß man ihr falsche Erinnerungen implantiert hatte, ging sie gerichtlich gegen den Psychiater vor und erhielt 1997 nach fünfwöchiger Prozessdauer in einem außergerichtlichen Vergleich 2,4 Millionen US-Dollar als Schadensersatz.[12][13]

Der Fall Västerås[Bearbeiten]

In der Folge einer Psychotherapie zeigte eine Frau (Ende 20) in Västerås (Mittelschweden) ihren Vater an, er habe sie, als sie 9-16 Jahre alt war, mehr als 200 mal vergewaltigt und gefoltert. Obwohl es außer der Erinnerung der Frau keinerlei sonstige Beweise (Zeugenaussagen, technische Beweise, medizinische Indizien) gab, wurde der Vater 2002 zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. 2003 wurde das Urteil in zweiter Instanz bestätigt. Hierbei bezeichnete das Gericht die Auffassung der Verteidigung, es handele sich bei den Anschuldigungen um in der Psychotherapie implantierte falsche Erinnerungen, als eine “absurde Theorie“. Nach mehr als neun Jahren im Gefängnis wurde der Mann 2012 nach 2/3 der 14 Jahre auf Bewährung entlassen.

In der Zwischenzeit begab sich die Tochter erneut in Psychotherapie und zeigte in deren Folge im Jahr 2007 weitere Erinnerungen an schwere Verbrechen an. Sie sei auch Opfer eines großen pädophilen Netzwerks gewesen. Zu den Tätern rechneten namentlich genannte Chefs in Polizei und Wirtschaft. Die nachfolgenden Ermittlungen ergaben keine Hinweise, dass die neuen Anschuldigungen wahr sein könnten. Da sie jedoch den alten Anschuldigungen gegen den Vater sehr ähnlich waren und auch in Folge einer Psychotherapie vorgebracht wurden, wurde der alte Fall von 2002 vor das Oberste Gericht von Schweden (Högsta domstolen) gebracht. Dieses hob am 24. Mai 2013 die bisherigen Urteile auf und verwies den Fall zur Neuaufnahme an die zweite Instanz zurück. Diese sprach den Vater am 25. April 2014 in allen Punkten frei. Damit war seine Gefängnishaft die längste, die ein fälschlich Verurteilter je in moderner Zeit in Schweden absitzen musste. Sein Anwalt reichte am 7. November 2014 eine Schadensersatzforderung von 19 Millionen Schwedenkronen (ca. 2,06 Millionen Euro) ein.[14]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • David G. Myers, Svenja Wahl, Siegfried Hoppe-Graff: Psychologie. Springer 2008, ISBN 978-3-540-79032-7, S. 416-425.
  • Elizabeth Loftus: Creating False Memories. Scientific American, September 1997, Vol 277 #3, S. 70-75. (Online-Kopie)
  • Melanie Caroline Steffens, Silvia Mecklenbräuker: False Memories. Phenomena, Theories, and Implications. Journal of Psychology 2007, Vol 215(1):12-24. (Online-Kopie (PDF; 632 kB))

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Oskar Berndt Scholz, Johann Endres: Aufgaben des psychologischen Sachverständigen beim Verdacht des sexuellen Kindesmißbrauchs: Befunde, Diagnostik, Begutachtung. Neue Zeitschrift für Strafrecht, 15(1), 1995, S. 6-12. Zitiert nach: Gabriele Jansen: Zeuge und Aussagepsychologie, Band 29 von Praxis der Strafverteidigung, Verlag Hüthig Jehle Rehm 2012, 410 S. ISBN 3811448617, S. 226.
  2.  Jan Dirk Blom: A Dictionary of Hallucinations. Springer, New York 2010, ISBN 978-1-4419-1223-7, S. 320 (Auszug (Google)).
  3.  Hans W. Gruhle: Psychologie des Abnormen. In: Gustav Kafka (Hrsg.): Handbuch der vergleichenden Psychologie. 3, Reinhardt, München 1922, S. 34 (online).
  4. David G. Myers, Svenja Wahl, Siegfried Hoppe-Graff: Psychologie. Springer 2008, ISBN 978-3-540-79032-7, S. 424.
  5. Elizabeth Loftus: Creating False Memories. Scientific American, September 1997, Vol 277 #3, S. 70-75 (Online-Kopie)
  6. Werner Stangl:Das Vergessen - Einige Forschungsergebnisse zum Erinnern und zum "False-Memory-Syndrome" – Artikel zum False Memory Syndrome
  7. Robert Sternberg: Cognitive Psychology. Cengage Learning, 2008, ISBN 9780495506294, S. 240-241 (Auszug (Google))
  8. Peggy L St. Jacques, Christopher Olm, Daniel L Schacter: Neural mechanisms of reactivation-induced updating that enhance and distort memory, Proc Natl Acad Sci U S A 110(49), 2013: 19671–19678. Volltext frei online: PMID 24191059
  9. Steve Ramirez, Xu Liu, Pei-Ann Lin, Junghyup Suh, Michele Pignatelli, Roger L Redondo, Tomás J Ryan, Susumu Tonegawa: Creating a False Memory in the Hippocampus, Science 341(6144), 2013: 387-391 PMID 23888038
  10. Sechs ausführliche, fachwissenschaftliche Rezensionen: Freier (nur ein Mal) Volltext Online in F1000Prime Reports ISSN 2051-7599
  11. Oskar Berndt Scholz, Johann Endres: Aufgaben des psychologischen Sachverständigen beim Verdacht des sexuellen Kindesmißbrauchs: Befunde, Diagnostik, Begutachtung. Neue Zeitschrift für Strafrecht, 15(1), 1995, S. 6-12. Zitiert nach: Gabriele Jansen: Zeuge und Aussagepsychologie, Band 29 von Praxis der Strafverteidigung, Verlag Hüthig Jehle Rehm 2012, 410 S. ISBN 3811448617, S. 227.
  12. Meg Jones: Repressed memory lawsuit is settled, Milwaukee Journal Sentinel Online Main Page, March 4, 1997, online dokumentiert.
  13. Elizabeth F. Loftus: Falsche Erinnerungen, Spektrum der Wissenschaft 1-1998, Seite 63ff, online.
  14. Vestmanlands Läns Tidning: Frias efter över nio år i fängelse, 25. April 2014; Begäran om rekordstort skadestånd, 7. November 2014