Erleuchtung

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Erleuchtung (von althochdeutsch arliuhtan „erleuchten“, mittelhochdeutsch erliuhtunge „Aufleuchten“, „Erleuchtung“; lateinisch illuminatio) bezeichnet eine religiös-spirituelle Erfahrung, bei der jemand den Eindruck erhält, sein Alltagsbewusstsein sei überschritten worden und er habe eine besondere, dauerhafte Einsicht in eine – wie auch immer geartete – gesamtheitliche Wirklichkeit erlangt. Im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter „Erleuchtung“ gewöhnlich eine plötzliche Erkenntnis oder Eingebung.

Über die Vorgänge, die mit dem Begriff Erleuchtung im religiösen Sinn bezeichnet werden, und die Gründe ihres Auftretens gibt es unterschiedliche Auffassungen, die mit dem jeweiligen philosophischen oder religiösen Hintergrund des Beurteilenden zusammenhängen. In manchen Fällen wird Erleuchtung als spontan eingetretener Durchbruch oder als aus eigener Kraft erlangtes Endergebnis eines Prozesses geistiger Übung und Entwicklung aufgefasst, nach anderen Interpretationen ist sie göttlicher Gnade zu verdanken. Gewöhnlich ist mit der Vorstellung von Erleuchtung die Annahme verbunden, dass sich die Persönlichkeit dadurch tiefgreifend und nachhaltig verändert.

In den europäischen Traditionen wird Erleuchtung oft zu den „mystischen Erfahrungen“ gezählt. In der Terminologie asiatischer Religionen kommen keine Ausdrücke vor, die genau dem europäischen Begriff „Erleuchtung“ entsprechen, doch spielen vergleichbare Phänomene in vielen östlichen Traditionen eine zentrale Rolle.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Antike

Der Begriff „Erleuchtung“ stammt aus der antiken philosophischen Lichtmetaphorik. Den Ausgangspunkt seiner Entstehung bildeten Stellen in Platons Dialog Politeia und in dem Platon zugeschriebenen Siebten Brief. In der Politeia stellt Platon fest, es sei zuerst herauszufinden, worin die Gerechtigkeit im Staat besteht, und das Ergebnis dieser Untersuchung sei dann auf die Individuen zu übertragen. Man solle die staatliche und die individuelle Gerechtigkeitsbestimmung vergleichend betrachten und wie zwei Feuerhölzer gegeneinander reiben, dann werde man vielleicht die Gerechtigkeit wie einen Funken herausblitzen lassen, das heißt zur plötzlichen Erkenntnis ihres allgemeinen Wesens gelangen.[1] Der Verfasser des Siebten Briefs schreibt, die Erkenntnis des Sinns von Platons „ungeschriebener Lehre“ sei eine Frucht häufiger gemeinsamer Bemühung der Philosophen, doch entstehe sie in der Seele nicht allmählich, sondern plötzlich, wie ein Feuer, das von einem übergesprungenen Funken entfacht wird. Dann nähre sie sich aus sich heraus weiter.[2] Man solle Benennungen, Erklärungen, Ansichten und Wahrnehmungen aneinander reiben und so prüfen, dann könnten Einsicht und Verständnis über jeden Gegenstand aufleuchten.[3] Das Aufleuchten bildet nach dem Siebten Brief den Abschluss eines fünfstufigen Erkenntnisprozesses, dessen erste vier Schritte diskursiv sind.

An diese Stellen und an die Lichtmetaphorik von Platons Sonnengleichnis und Höhlengleichnis knüpft die neuplatonische Metaphysik des Lichts an. Im 3. Jahrhundert entwickelte Plotin, der Begründer des Neuplatonismus, eine Lehre von der Schau des Lichts des Einen. Dabei tritt eine Erleuchtung des schauenden Philosophen im Sinne des noch heute gängigen religiösen Erleuchtungsbegriffs ein.

Der neuplatonische Begriff eklampsis oder ellampsis („Hervorleuchten“)[4] wurde von den antiken Kirchenvätern aufgegriffen. Vor allem der sehr einflussreiche spätantike Kirchenvater Augustinus († 430) schuf aus dem neuplatonischen Gedankengut eine christliche Theorie der „Illumination“ (Erleuchtung). Für ihn ergibt sich die Erleuchtung aus der Präsenz des göttlichen Lichts in der Seele.

Mittelalter und Neuzeit

Im Mittelhochdeutschen wurden die Wörter erliuhten und erliuhtunge sowohl im physischen als auch im übertragenen religiösen Sinn verwendet.[5] Auch in der Frühen Neuzeit waren beide Bedeutungen von „erleuchten“ und „Erleuchtung“ geläufig.[6]

Im allgemeinen Sprachgebrauch des 20. und 21. Jahrhunderts hat „Erleuchtung“ in erster Linie die Bedeutung „plötzliche Erkenntnis“, „Einfall“, „Gedankenblitz“, „Eingebung“. Diese Begriffsverwendung knüpft an die religiöse an, doch geht es oft um einen nichtreligiösen Zusammenhang. Es wird eine plötzliche, oft wunderbar anmutende Klarheit über eine Frage oder ein Problem erlangt, und die Eindrücklichkeit einer solchen blitzartigen Erkenntnis soll durch die Bezeichnung „Erleuchtung“, die an religiöse Erleuchtungserlebnisse erinnert, betont werden.[7]

Buddhismus[Bearbeiten]

Hauptartikel: Bodhi

Der Begriff des Erwachens (sanskrit bodhi), der oft ungenau mit „Erleuchtung“ übersetzt wird, hat im Buddhismus eine zentrale Bedeutung. Er findet sich in „Buddha“ („der Erwachte“) und „Bodhisattva“ wieder. Bodhi kommt von der Sanskrit-Wurzel budh, die „aufwachen, erkennen, wahrnehmen, verstehen“ bedeutet.

Es gibt zwei aufeinanderfolgende Stufen des buddhistischen Erwachens: Die erste stellt die individuelle Befreiung aus dem Leidenskreislauf der fühlenden Wesen, also dem Kreislauf der Reinkarnationen (Samsara) dar. Die jeweilige Person hat alle Ursachen des Leidens aus ihrem Geist entfernt oder verloren und erfährt nur noch Frieden, auch Erlangen des Nirvana genannt. Nach der Vorstellung des Mahayana-Buddhismus erreicht die Person in einer zweiten und endgültigen Entwicklungsstufe das vollständige Erwachen, sie erlangt zusätzlich umfassendes Wissen.

Nach buddhistischer Überlieferung erlangte Siddhartha Gautama, der historische Buddha, in Bodhgaya den Zustand eines Erwachten, nachdem er viele Wochen unter einer Pappel-Feige meditiert hatte. Einige Zeit danach begann er seine Erkenntnis in Lehrreden mitzuteilen. Seine Lehre besagt, dass jedes Lebewesen das Potential habe, dauerhaften Frieden und Bodhi zu erlangen. Er lehrte ca. 45 Jahre, starb in hohem Alter und ging in das Parinirvanam ein.

Nach den Lehren des Theravada-Buddhismus strebt der buddhistische Übende Bodhi an, um den Leidenskreislauf, den Kreislauf der Wiedergeburten, zu verlassen. Nach den Darlegungen des Mahayana-Buddhismus ist die Entwicklung des Bodhi-Geistes (sanskrit bodhicitta), die Motivation, zum Nutzen aller fühlenden Wesen Bodhi erlangen zu wollen und nicht ins Nirvana einzutreten, solange nicht alle anderen fühlenden Wesen Bodhi erlangt haben, Ausgangsmotivation des Bodhi-Weges. Dies wird im Bodhisattva-Gelübde ausgedrückt.

Die beiden üblichen Übersetzungen von Bodhi als Erleuchtung oder Erwachen verdeutlichen in ihrer unterschiedlichen Akzentuierung zwei verschiedene Lehrmeinungen des Mahayana: die von der spontanen Erleuchtung (Huineng) und die von der allmählichen meditativen Selbstvollendung (Shenxiu).[8] Auch bei der spontanen Erleuchtung ist nach diesen Lehren nicht an einen einmaligen, abschließenden Vorgang gedacht; alle Meister haben ihre erlangte Einsicht jahrzehntelang, oft auch bei anderen Meistern, vertieft. Die Vorstellung, eine blitzartige Erleuchtung erreichen zu können, soll der gelassenen, geduldigen meditativen Übung abträglich sein.

Der Zen-Buddhismus bezeichnet entsprechende Erfahrungen als Satori.

Alevitismus[Bearbeiten]

Der Glaube der Aleviten ist stark vom Humanismus und Universalismus bestimmt. Im Zentrum ihres Glaubens steht daher der Mensch als eigenverantwortliches Wesen. Wichtig ist ihnen das Verhältnis zum Mitmenschen und zur Natur. Die Frage nach dem Tod und den Jenseitsvorstellungen ist demgegenüber für sie nebensächlich, vielmehr rückt das diesseitige Leben in den Mittelpunkt der alevitischen Lehre, so ist die Seele eines jeden Menschen unsterblich, sie strebt durch eine ethisch-moralische Stufenlehre eine Vollkommenheit und durch diese eine unmittelbare Erleuchtung an.

Jainismus[Bearbeiten]

Im Jainismus ist der Begriff bodhi für Erleuchtung ebenfalls geläufig. Als Ehrentitel für den Religionsgründer Mahavira werden „Jina“ und auch „Buddha“ verwendet. Der Buddhismus und der Jainismus sind etwa zeitgleich entstanden. Die wörtliche Bedeutung von bodhi ist: perfektes Wissen oder Weisheit (wodurch ein Mensch zum Buddha oder Jina wird), der erhellte oder erleuchtete Geist eines Buddha oder Jina. Wie auch im Buddhismus und Hinduismus ist Erleuchtung im Jainismus gleichbedeutend mit der Befreiung vom Samsara.

Der Jainismus geht davon aus, dass durch jede Betätigung des Menschen feine Materie in die Seele (Jiva) einströmt und sich an ihr festsetzt. Diese Materie bezeichnen die Jainas als Karma und sie ist es, die die Bindung der Seele bewirkt. Im Jainismus wird durch Askese danach gestrebt, das in die Seele eingedrungene Karma zu vernichten und auf diese Weise die Verstrickung in den Wesenskreislauf zu beenden. Allwissenheit wird erreicht, wenn die Seele durch Vernichtung des eingedrungenen Karmastoffs in den unbeschränkten Besitz ihrer natürlichen Fähigkeiten (Schauen, Erkennen, Kraft, Wonne) und damit auch ihres unbegrenzten Wissens gelangt.

Hinduismus[Bearbeiten]

Im Jnana Yoga wird für „höheres Wissen“ der Begriff Jnana verwendet. Dieses spirituelle Wissen beinhaltet in der Advaita-Philosophie die endgültige Erkenntnis der Einheit zwischen Atman (individueller Seele) und Brahman (absolutem Bewusstsein, Weltseele). Das Ziel ist die Erlösung (Moksha) aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara).

Im Raja Yoga ist die höchste Stufe Samadhi, die völlige Ruhe des Geistes. Das letztendlich angestrebte Stadium ist Nirvikalpa-Samadhi, der formlose Zustand, in dem es keine Unterscheidung mehr zwischen Subjekt und Objekt gibt und die Einheit mit Brahman erreicht ist. Nirvikalpa Samadhi wird jedoch von einigen als temporärer Zustand angesehen. Als permanenter Zustand der Nicht-Dualität gilt Sahaja-Samadhi, der natürliche Zustand, in dem das universelle Selbst während aller Aktivitäten verwirklicht ist und die Identifikation mit dem begrenzten Ego aufgehoben.

In der Samkhya-Philosophie wurde der Begriff buddhi etabliert, „Erkennen“. Ziel des Samkhya, wie auch des Yoga, ist es, eine Unterscheidung zwischen Purusha (absoluter Geist) und Prakriti (Urmaterie) herbeizuführen. Zur Prakriti zählen die Elemente, die Sinneswahrnehmungen, Denken (Manas), Unterscheidungsfähigkeit (Buddhi), und Ich-Bewusstsein (Ahamkara). Yoga wie Samkhya sind im Gegensatz zu Advaita Vedanta streng dualistisch. In Hindi bedeutet buddhi heute „Verstand, Intelligenz, Wissen.“

Daoismus[Bearbeiten]

Daoistische Erleuchtung wird als die Einswerdung mit und Erlangung des ewigen Dao erklärt (siehe Zhenren). Der Daoismus erklärt Erleuchtung ohne dabei Bezug auf eine göttliche Wesenheit zu nehmen, jedoch können im religiösen Kontext Götter eine Rolle spielen. Das grundlegende Werk ist auch für den religiösen Daoismus das Daodejing von Laozi, daneben werden aber im Daozang eine Vielzahl von Methoden zur Erlangung der Erleuchtung dargestellt.

Bei den Daoisten heißt es: „Um zu deinem wahren Sein zurückzukehren, musst du ein Meister der Stille werden. Sitze regungslos wie ein Stein und lasse deinen Geist ruhig werden. Kehre den Geist in sich selbst und betrachte das innere Leuchten.“ Im Unterschied zu den indischen Religionen geht der Daoismus nicht von einem Kreislauf der Wiedergeburten aus.

Der Unterschied zwischen dem buddhistischen Nirvana und dem Dao besteht darin, dass es sich bei dem Dao um ein transzendentes Wirkprinzip handelt, das der manifestierten Welt immanent ist. Es gilt als die Ursache von Allem, als das einzig wahrhaft Seiende und es stellt die Ordnung der Dinge dar, so dass jedes Wesen und jedes Ding seinen eigenen Weg, sein eigenes Dao hat. Es geht im Daoismus nicht darum, die (im Buddhismus als illusionshaft betrachtete) Welt zu überwinden, sondern die Harmonie zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos zu finden. (vgl. Daoistische Mystik)

Judentum, Christentum, Islam[Bearbeiten]

Erleuchtungserfahrungen sind im Judentum, im Christentum und im Islam kein primäres religiöses Ziel, sondern als das Wesentliche gilt die Erfüllung von Gottes Willen. Dennoch gibt es insbesondere im christlichen Kulturkreis viele Berichte über Erleuchtungserfahrungen.

Erleuchtung im Christentum[Bearbeiten]

Augustinus meinte, dass alles menschliche Erkennen nur durch Erleuchtung ermöglicht wird. In einer seiner Frühschriften[9] umschreibt er diese Annahme mit dem Hinweis auf den „inneren Lehrer“, das „Wort Gottes“, das jeden Menschen über alles belehrt, was er wissen kann: die Welt, sich selbst und Gott. Der Mensch kann nur etwas wissen, weil Gott den Menschen erleuchtet. So ähnlich wie das Auge ohne das Licht der Sonne nichts wahrnehmen kann, kann auch der Mensch ohne das Licht Gottes nichts erkennen. Die Gotteserkenntnis geschieht in der Erleuchtung durch Gott selber. Sie ist zugleich ein göttlicher Akt der Gnade und der menschliche Akt, über sich selber hinauszugehen.[10]

In der christlichen Aszetik stellt nach Pseudo-Dionysius, der sich in seinem Modell an platonischen Vorstellungen anlehnt, die Erleuchtung (griechisch Photismos) die zweite der drei Stufen des mystischen Erkennens dar. Im 13. Jahrhundert wird diese Dreiteilung sowohl von dem Kartäuser Hugo de Balma in seiner Schrift Viæ Sion lugent als auch vom Franziskaner Bonaventura in De triplici via aufgegriffen. In beiden findet sich die lateinische Bezeichnung via illuminativa. Während Hugo diesen Erleuchtungsweg gemäß Dionysius mystisch versteht, begreift ihn Bonaventura als Abschnitt auf dem Weg zur Vollkommenheit.[11]

In der scholastischen Philosophie ist das „Erkenntnislicht“ (lumen intellectuale), das jedem Menschen zu eigen ist und ihn zur Erkenntnis befähigt, ein Abbild des ungeschaffenen Lichtes, an dem der Mensch durch die Erkenntnis der ewigen Wesensbilder Anteil hat.[12]

In den Ostkirchen spielen im Kontext der Erleuchtung Lichterscheinungen wie etwa das Taborlicht vielerorts eine wichtigere Rolle als in den Westkirchen. Besonders unter den orthodoxen Mönchen ist die individuelle Erleuchtung nach wie vor ein wichtiges Ziel; Erleuchtete werden auch von den Laien gern aufgesucht und genießen vor allem als Geistliche Väter und Starzen äußerst hohes Ansehen. Dabei handelt es sich meist nicht um Priester oder Theologen.

Helligkeit und Lichterscheinungen sind in diesem Kontext in allen christlichen Kirchen bekannt und finden sich auch in den ikonographischen Darstellungen (Heiligenscheine) und auch in Nahtodberichten.

Martin Luther ist tief in der mystischen Tradition verwurzelt. Eigene Gotteserfahrungen, langjähriges Leben als Mönch sowie Schriften des Mystikers Johannes Tauler gaben ihm Kraft und Mut, seine reformatorische Rechtfertigungslehre „allein aus dem Glauben“ sowie seine Lehre vom „allgemeinen Priestertum aller Gläubigen“ zu formulieren und standhaft zu vertreten. Ähnlich wie viele Mystiker sah und beschrieb er Gott als Bräutigam und die menschliche Seele als Braut; genau deshalb sah er in solch einer Liebesbeziehung keinen Bedarf für kirchliche Vermittlungsdienste. Allerdings grenzte er sich deutlich von den Schwärmern ab, und viele seiner Nachfolger vertreten eher skeptische Einstellungen zur Mystik.[13]

In jüngerer Zeit hat Peter Dyckhoff im Auftrag von Radio Vatikan in einer Literaturarbeit auch aktuelle Interpretationen zum Thema Erleuchtung im Christentum beschrieben. Heute wird Erleuchtung generell als Zustand oder Moment des Eins-Seins mit Gott - also Jesus gleich - gelehrt und verstanden, wobei dieses in den meisten Fällen beim Menschen erst nach seinem irdischen Tod entsteht oder seltener, noch zu seinen Lebzeiten, wie beispielsweise bei Thomas von Aquin. In so einem Moment wird dem Menschen durch Gott der Heilige Geist eingehaucht und die Erlösung geschenkt. Nach Hinweisen im Neuen Testament wird zum Zeitpunkt der Erleuchtung auch Wahrheit, Erkenntnis und Wissen über Zukünftiges durch den Heiligen Geist ermöglicht. Auch erinnert demnach der Heilige Geist den Erleuchteten an alles, was Jesus gesagt hat. In diesem Zusammenhang wird vielerorts - besonders hervorgehoben durch einen bedeutenden Feiertag in der Ostkirche - die Verklärung Jesu am Berg Tabor verstanden, wonach drei Jüngern ein Vorausblick auf das Paradies gegeben wird, in dem der Mensch im erleuchteten Zustand, also ausschließlich in der vollkommenen Liebe Gottes, leben wird.

Erleuchtung im Islam[Bearbeiten]

Die Vertreter der mystischen Strömung innerhalb des Islam sind die Sufis. Ihr oberstes Ziel ist, Gott so nahe zu kommen wie möglich und dabei die eigenen Wünsche zurückzulassen. Dabei wird Gott bzw. die Wahrheit als „der Geliebte“ erfahren. Der Kern des Sufismus ist demnach die innere Beziehung zwischen dem „Liebenden“ (Sufi) und dem „Geliebten“ (Gott). Durch die Liebe wird der Sufi zu Gott geführt, wobei der Suchende danach strebt, die Wahrheit schon in diesem Leben zu erfahren und nicht erst auf das Jenseits zu warten. Dies spiegelt sich klar in dem Prinzip zu sterben bevor man stirbt wider, das überall im Sufismus verfolgt wird. Hierzu versuchen die Sufis, die Triebe der niederen Seele bzw. des tyrannischen Ego (an-nafs al-ammara) so zu bekämpfen, dass sie in positive Eigenschaften umgeformt werden. Auf diese Weise kann man einzelne Stationen durchlaufen, deren höchste die reine Seele (an-nafs al-safiya) ist. Diese letzte Stufe bleibt jedoch ausschließlich den Propheten und den vollkommensten Heiligen vorbehalten.

Die mystische Gotteserfahrung ist der Zustand des Einsseins (tauhid) mit Gott, was man am ehesten mit „Erleuchtung“ beschreiben könnte, auch wenn dieser Begriff im Islam nicht verwendet wird.

Erleuchtung im Judentum[Bearbeiten]

Im Rahmen seiner Neuinterpretation der Kabbala schuf Isaak Luria im 16. Jahrhundert eine eigenständige Lehre von Schöpfung und Erlösung, die auch als lurianische Lichtmystik bezeichnet wird.

Westliche Esoterik[Bearbeiten]

Mit dem Bekanntwerden der asiatischen religiösen Traditionen im Westen während der letzten zwei Jahrhunderte hat sich deren Begriff der Erleuchtung zunehmend auch im Westen verbreitet.

Infolgedessen finden sich in der westlichen Geisteswelt vermehrt ähnliche Vorstellungen, aber oft mit eigenen, durch den westlichen Kulturhintergrund geprägten Interpretationen. Der Begriff hat zum Beispiel Eingang in die Philosophie gefunden und wird dort auch als „geistiges Eins-werden mit dem unendlichen Sein“ beschrieben. Auch einige westliche Esoteriker benutzen den Begriff der Erleuchtung, oft mit ganz eigenen, vom historischen Kontext unabhängigen Erklärungen. Dies führt bisweilen zu inflationärem Gebrauch des Begriffs, in verschiedensten spirituell-religiösen Gemeinschaften, Lehren und Zusammenhängen.

Als erleuchtete Lehrer wurden so in jüngerer Vergangenheit etwa Jiddu Krishnamurti und Aurobindo Ghose angesehen, wobei die Rezeption im Westen sich oft sehr von der im indischen Kulturraum unterschied. Osho galt ebenfalls als erleuchtet.

Der Autor Eckhart Tolle, der sein „spirituelles Erwachen“ in seinem ersten Buch beschreibt, greift in seinen Werken auf Elemente aus verschiedenen Traditionen wie etwa die Christliche Mystik, den Sufismus und den Buddhismus zurück. Auch andere Autoren, die trotz einschlägiger Buchveröffentlichungen bisher weitgehend unbeachtet geblieben sind, haben über solche Erlebnisse berichtet. Vielfach wird dabei von dem Bedürfnis berichtet, Freunde und Mitmenschen daran teilhaben zu lassen. Allerdings wird mehr oder weniger regelmäßig auch von Vermittlungsproblemen gesprochen, davon, dass es für „Unerleuchtete“ schwierig bis unmöglich zu sein scheint, den Bewusstseinszustand der „Erleuchtung“ nachzuvollziehen oder zu verstehen, ohne ihn selbst erlebt zu haben. Osho schlug in den 1970er-Jahren diesen Bereich als Forschungsgebiet für die Psychologie vor. Die transpersonale Psychologie griff unabhängig davon einige Randaspekte auf, gesicherte wissenschaftliche Ergebnisse liegen bisher nicht vor.

Seit Mitte der 90er Jahre breitete sich in Europa und den USA die „Satsang“-Bewegung aus. Deren spirituelle Lehrer (etwa Gangaji und ihr Ehemann Eli Jaxon-Bear, Cedric Parkin, Pyar Troll, Madhukar), die sich meist auf Ramana Maharshi und H. W. L. Poonja als Lehrer und Vorgänger berufen, werden von ihren Anhängern als erleuchtet angesehen. Ursprung der Bewegung ist der auf die Erlangung des unpersönlichen Göttlichen abzielende Advaita-Vedanta.

Der amerikanische spirituelle Lehrer Andrew Cohen hat im Laufe seiner Arbeit den Begriff „evolutionäre Erleuchtung“ geprägt; seine Idee ist, dass sich nicht nur das sog. höhere Selbst entwickeln solle, sondern auch das höhere Wir. Thomas Steininger, der damals Schüler von Gangaji war, schreibt über Cohen: „Andrew Cohen sprach damals noch nicht von ‚Evolutionärer Erleuchtung‘, aber er sprach über das Ego in einem ganz anderen Ton, als ich es gewohnt war: Was ist der Wert einer kosmischen Erfahrung, wenn mein Miteinander mit anderen weiterhin von Selbstbezogenheit und Arroganz geprägt ist?“[14] Seinen Anhängern und auch seinem früheren Lehrer H. W. L. Poonja gilt/galt Cohen als erleuchtet im traditionellen Sinne.

Literatur[Bearbeiten]

Allgemeine Religionswissenschaften
Erleuchtung in indischen und asiatischen Religionen

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Platon, Politeia 435a.
  2. Platon, Siebter Brief 341c–d.
  3. Platon, Siebter Brief 344b.
  4. Siehe zu diesem Begriff Werner Beierwaltes: Denken des Einen, Frankfurt am Main 1985, S. 272 und Werner Beierwaltes: Proklos. Grundzüge seiner Metaphysik, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1979, S. 288–294, 378.
  5. Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, Bd. 1, Leipzig 1872, Nachdruck Stuttgart 1974, Sp. 652f.
  6. Beispiele bei Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Bd. 3, Leipzig 1862, Sp. 903f.
  7. Beispiele bei Ruth Klappenbach, Wolfgang Steinitz (Hrsg.): Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache, Bd. 2, 2. Auflage, Berlin 1968, S. 1121; Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in zehn Bänden, 3. Auflage, Bd. 3, Mannheim 1999, S. 1085.
  8. Bi-Yän-Lu. Aufzeichnungen des Meisters vom Blauen Fels. Koan-Sammlung, aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert. Ernst Schwarz (Hrsg.), München 1999, S. 24 f., 254, 311.
  9. Augustinus, Über den Lehrer.
  10. Ernst Cassirer: Nachgelassene Manuskripte und Werke, Band 6: Vorlesungen und Studien zur Anthropologie, Hamburg 2005, S. 66 f.
  11. Otto Zimmermann: Lehrbuch der Aszetik, Freiburg 1932, S. 75–77. – L. Casutt: Erleuchtung. In: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 3, Sp. 1014.
  12. Summa theologica I, q. 84, a. 5.: Et sic necesse est dicere quod anima humana omnia cognoscat in rationibus aeternis, per quarum participationem omnia cognoscimus. Ipsum enim lumen intellectuale quod est in nobis, nihil est aliud quam quaedam participata similitudo luminis increati, in quo continentur rationes aeternae.
  13. Gerhard Wehr: Die deutsche Mystik: Leben und Inspirationen gottentflammter Menschen in Mittelalter und Neuzeit, Köln 2006, S. 180–204.
  14. Thomas Steininger: Erfahrungen mit Andrew Cohen – Die Evolution der Erleuchtung. magazin info3, Archiv, Mai 2005.

Weblinks[Bearbeiten]