Ernő Gerő

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Ernő Gerő, 1962

Ernő Gerő [ˈɛrnøː ˈɡɛrøː] (eigentl. Ernő Singer; * 8. Juli 1898 in Terbegec; † 12. März 1980 in Budapest) war ein ungarischer Politiker und 1956 Parteichef der Kommunistischen Partei.

Politischer Lebenslauf[Bearbeiten]

Gerő lebte seit 1923 in der Sowjetunion - unterbrochen nur von der Zeit in Spanien während des Spanischen Bürgerkrieges. 1943 war Gerő, der eine führende Rolle in der Komintern innehatte, einer der Bewohner des Hotel Lux, in dem führende politische Emigranten untergebracht waren, u. a. auch Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht. In dieser Zeit war er u. a. politischer Berater für die Zeitung Freies Deutschland, die vom deutschen Nationalkomitee herausgegeben wurde. Seit 1945 gehörte Gerö dem inneren Führungskreis der ungarischen Kommunistischen Partei an. Als die sowjetische Rote Armee Ungarn von den Nazis befreit und das Land besetzt hatte, übernahm Gerő nach 1944 als Josef Stalins Vertrauensmann Aufgaben im Sicherheitsdienst. Laut Sándor Kopácsi, Budapester Polizeipräsident im Rákosi-Regime, war Gerő die Nummer Eins des sowjetischen Sicherheitsdienstes in Budapest.[1] Von 1952 bis 1954 war er Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident unter dem diktatorisch regierenden Mátyás Rákosi und führte Rákosis 1949 begonnene Verfolgung der Regimegegner weiter. Wichtigste Stütze war dabei die „Sicherheitspolizei“ ÁVH, die tausende Ungarn verhaftete oder ums Leben brachte.

Mitte 1953, als nach dem Tod Stalins im Ostblock die „Entstalinisierung“ begann, wurde der Reformkommunist Imre Nagy Ministerpräsident. Um diese Zeit – einige Jahre vor dem Ungarischen Volksaufstand – wurde Gerő auch stellvertretender Parteichef der KP (Magyar Dolgozók Pártja). Als solcher war er in den wiederholten Machtkampf zwischen dem stalinistischen Parteichef Rákosi und dem Reformer Nagy involviert. Am 14. April 1955 wurde Imre Nagy wegen „Abweichung“ von der Parteiführung all seiner Ämter enthoben und einige Monate später aus der Partei ausgeschlossen.

In der nun folgenden restaurativen Phase wurden viele der Reformen von 1953–55 wieder rückgängig gemacht, bis im Februar 1956 die berühmt gewordene Geheimrede von Russlands KP-Chef Nikita Chruschtschow gegen den stalinistischen „Personenkult“ durchsickerte. Am 17. Juni 1956, als sich ein Volksaufstand schon abzuzeichnen begann, musste der vielfach gefürchtete Rákosi auf russischen Druck als KP-Generalsekretär zurücktreten. Im Zuge der „zweiten Entstalinisierung“ wurde nun Gerő zum neuen Parteichef bestimmt. Doch verminderte dies die gärende Unruhe in Ungarn kaum, und insbesondere die Studenten und Intellektuellen empfanden diesen Wechsel als äußerst unbefriedigend.

Gerő und der beginnende Volksaufstand[Bearbeiten]

Als auch in anderen Ländern des Ostblocks eine Überprüfung der Parteilinie gefordert wurde und in Polen die Niederschlagung des Posener Aufstandes der Arbeiter begann, kulminierte die Stimmung gegen das KP-Regime auch in Ungarn. Am 23. Oktober 1956 begann die Ungarische Revolution mit einer bewilligten Demonstration der Studenten der TU Budapest („Solidarität mit Polens Arbeitern“). Nach Verlesung ihrer politischen Forderungen schlossen sich bis zum Abend 300.000 Ungarn spontan an. Die Bewegung griff schon am nächsten Tag auf alle Großstädte des Landes über.

Auf Forderungen nach Demokratisierung und Wiedereinsetzung Nagys als Ministerpräsident antwortete Gerő mit der Alarmierung sowjetischer Truppen und einer Rundfunkrede, welche die Gemüter zusätzlich erhitzte. Die ÁVH (ungarische Staatssicherheits-Polizei) schoss auf die Demonstranten vor der Rundfunkzentrale, was als einer der Auslöser des Volksaufstandes gilt.[2] Teile der Bevölkerung bewaffneten sich, kämpften gegen sowjetische Truppen und die Polizei, stürzten die Budapester Stalinstatue und erzwangen Gerős Rücktritt. Imre Nagy wurde wieder Ministerpräsident.

Der 25. Oktober („Blutiger Donnerstag“) brachte schwere Kämpfe im ganzen Land und ÁVH-Massaker vor dem Parlament und in der Provinzstadt Mosonmagyaróvár. Die sowjetischen Führer Mikojan und Suslow kamen nach Budapest und setzten Gerő auch als KP-Chef ab; sein Nachfolger wurde János Kádár, doch auch dieser konnte die Lage nicht mehr beruhigen.

Während der fünftägigen Kämpfe und eines Generalstreiks bildeten sich Arbeiterräte in Fabriken und Bergwerken, und Nationalkomitees übernahmen die Provinzen. Oberst Pál Maléter hielt die wichtige Kilián-Kaserne gegen die sowjetischen Truppen. Die Regierung nahm auch Nichtkommunisten auf und ordnete am 28. Oktober eine allgemeine Feuerpause an. Nagy führte wieder ein Mehrparteiensystem ein, löste die ÁVH auf und verkündete den Abzug der sowjetischen Truppen, mit denen Gerő das Land verließ.

Grab auf dem Farkasréti temető

Literatur[Bearbeiten]

  • András B. Hegedűs; Manfred Wilke (Hrsg.): Satelliten nach Stalins Tod. Der „Neue Kurs“ – 17. Juni 1953 in der DDR – Ungarische Revolution 1956. Oldenbourg Akademieverlag, München 2000, ISBN 3-05-003541-2.
  • Agnes Heller, Ferenc Fehér: Hungary 1956 Revisited: The Message of a Revolution - a Quarter of a Century After. Allen and Unwin, London 1983, ISBN 0-04-321031-7.
  • János M. Rainer: Imre Nagy. Vom Parteisoldaten zum Märtyrer des ungarischen Volksaufstandes. Eine politische Biographie 1896–1958. Schöningh, Paderborn 2006, ISBN 3-506-75836-5.
  • Paul Lendvai: Der Ungarnaufstand 1956 – eine Revolution und ihre Folgen. Bertelsmann, München 2006, ISBN 3-570-00579-8.
  • Anne Applebaum: Der Eiserne Vorhang : die Unterdrückung Osteuropas 1944-1956. München : Siedler 2013

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ernő Gerő – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sándor Kopácsi: Die ungarische Tragödie. ISBN 3-548-38021-2, S. 35.
  2. Nach Darstellung des Dramatikers Julius Hay (1900–1975) kam der Schießbefehl des Abends vom 23. Oktober von Gerő persönlich - und zwar unter Bruch eines gegenteiligen Versprechens, das er noch am selben Tage einer Schriftstellerdelegation gegeben hatte, zu der Hay zählte. Siehe Hays Autobiographie Geboren 1900, deutsche Taschenbuchausgabe München 1980, S. 343.