Ernesto Laclau

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Ernesto Laclau (* 6. Oktober 1935 in Buenos Aires; † 13. April 2014 in Sevilla, Spanien[1]) war ein argentinischer politischer Theoretiker, der sich selbst dem Postmarxismus zurechnete und theoretische Positionen des Poststrukturalismus sowie des Postfundationalismus vertrat.[2]

Leben[Bearbeiten]

Laclau war zuletzt ein emeritierter Professor für Politische Theorie an der University of Essex, wo er auch als Direktor des Doktoratsprogramms für Ideologie und Diskursanalyse wirkte. Der in Argentinien geborene Wissenschaftler hat an zahlreichen Universitäten in Südamerika, Europa, Australien, Nordamerika und Südafrika unterrichtet.

Im Jahre 1958 wurde Laclau Mitglied der Partido Socialista Argentino (PSA). 1963 trat er der Partido Socialista de la Izquierda Nacional bei, die als Splittergruppe aus der PSA hervorging. Bis 1968 war Laclau in der politischen Führung dieser Partei tätig. Als Editor war er eine Zeit lang an der Parteiwochenzeitung Lucha Obrera beteiligt.[3] 1969 wurde er von Eric Hobsbawm eingeladen, nach Oxford zu kommen. Dem kam er nach und er verbrachte den größten Teil seines akademischen Lebens in England[4]

Er verstarb in Folge eines Schlaganfalls im Alter von 78 Jahren.[5] Andere Quellen sprechen von einer Herzattacke.[6]

Werke und Theorie[Bearbeiten]

Gemeinsam mit Chantal Mouffe, seiner Ehefrau,[7] veröffentlichte er 1985 sein wichtigstes Werk, Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, welches 1991 erstmals auf deutsch erschien. Die Rezeption dieses Werks beschränkt sich wegen seiner Kritik am marxistischen Ökonomismus oft auf seine post-marxistische Argumentationslinie. Doch entwickeln Laclau und Mouffe darin zum einen die Hegemonietheorie Antonio Gramscis weiter und formulieren zum anderen das Projekt einer radikalen und pluralen Demokratie. Damit gliedert sich das Werk in einen hegemonie- und einen demokratietheoretischen Teil, wobei sich schließlich vor allem Mouffe der weiteren Ausarbeitung des Demokratie-Konzepts widmete. Laclau schlägt einen abweichenden Pfad ein: u. a. in New Reflections on the Revolutions of our Time systematisiert er seine Theorie der kulturellen Hegemonie und nimmt dabei starken Bezug auf Jacques Lacan. Dieser Einfluss ist insbesondere dem Zusammentreffen mit dem slowenischen Philosophen Slavoj Žižek zuzuschreiben. Neben der Hegemonietheorie und dem Konzept der radikalen Demokratie ist im Werk Laclaus auch die Theorie der Diskursanalyse von Bedeutung, die über eine rein linguistische Analyse hinausgeht und die politische Signifikationslogik beschreibt.

Ausgehend von der allgemeinen Frage nach der Herstellung des Zusammenhangs diskursiver Formationen, ist es das zentrale Anliegen Laclaus, die kulturellen Techniken freizulegen, die für die Äquivalenz eines komplexen politischen Systems verantwortlich sind, das sich nicht länger auf essentialistische Begründungen stützen kann, sondern sich als Ensemble differentieller Positionen präsentiert. Laclau fragt nach den Bedingungen, unter denen eine Stabilisierung von Bedeutung der internen diskursiven Differenzen, die für die Formierung moderner Gesellschaftssysteme verantwortlich ist, möglich werden kann.

Dazu beschreibt Laclau zunächst den ambivalenten Mechanismus, der jeder politischen Identitätsstiftung zugrunde liegt:

„Einerseits hat jedes Element des Systems nur insofern eine Identität, als es von den anderen verschieden ist. Differenz gleich Identität. Andererseits jedoch sind alle diese Differenzen einander äquivalent, soweit sie alle zu dieser Seite der Grenze der Ausschließung gehören.“

Ebenso wie die Verortung des einzelnen Systemelements demnach zweifach gewährleistet wird, vollzieht auch die politische Formierungsdynamik eine doppelte Bewegung, indem sie ihre Identität einerseits als Spiel ihrer internen Differenzen bestimmt und diese Differenzen andererseits in dem Moment einebnet, in dem sie sie antagonistisch von einem Außen der Gemeinschaft abgrenzt und damit die Äquivalenz des Systems sicherstellt.

Die Frage nach einer inneren Identität des Politischen ist von der nach den Rändern des Diskurses nicht länger zu unterscheiden. Die Selbstbeschreibung einer solchen, differentiell verfassten Identität ist indes nur unter den Bedingungen möglich, dass das Ausgeschlossene des Systems (das ja dessen Äquivalenz gerade garantiert) artikuliert und der immer schon differentielle Akt der Signifikation selbst unterminiert wird:

„Wenn wir die Grenzen der Bezeichnung bezeichnen wollen […], steht uns dafür kein direkter Weg offen. Die einzige Möglichkeit besteht in der Subversion des Bezeichnungsprozesses selbst. Durch die Psychoanalyse wissen wir, wie etwas nicht Repräsentierbares – das Unbewußte – als Darstellungsmittel nur die Subversion des Bezeichnungsprozesses finden kann. […] Wenn jedoch alle Darstellungsmittel von Natur aus differentiell sind, dann ist eine solche Signifikation nur möglich, wenn die differentielle Natur der Bezeichnungseinheiten subvertiert wird, wenn die Signifikanten sich ihrer Verknüpfung mit einzelnen Signifikaten entleeren und die Rolle übernehmen, das reine Sein des Systems zu repräsentieren. […] Nur durch die Privilegierung der Äquivalenzdimension bis hin zu dem Punkt, an dem ihre differentielle Natur fast schon ganz getilgt ist – das heißt nur durch das Entleeren ihrer differentiellen Natur –, kann das System sich selbst als Totalität bezeichnen.“

Wenn jeder Diskurs sich als Versuch konstituieren will, „das Feld der Diskursivität zu beherrschen, das Fließen der Differenzen aufzuhalten, ein Zentrum zu konstruieren“, dann sind es Laclau zufolge solche – jeglicher Verknüpfung zu einzelnen Signifikaten entledigten und damit – leeren Signifikanten, die das undarstellbare Differentielle der politischen Identität in materielle Anschauung überführen können. Sie löschen die internen Differenzen des Systems, indem sie sie äquivalent einem Außen des Diskurses gegenüberstellen, dessen Bezeichnung – die zugleich die „Grenzen der Bezeichenbarkeit“ darstellt – von der Selbstbeschreibung des Systems nicht zu unterscheiden ist.

Rezeption[Bearbeiten]

Laclaus Arbeiten sind in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend in der kulturwissenschaftlichen Theoriebildung rezipiert worden.[8] Seine Theorie der leeren Signifikanten, die in einer antagonistischen Beziehung die Logiken der Äquivalenz und Differenz als einander entgegengesetzte und gleichzeitig bedingende Kräfte des Diskursiven auffasst, wurde in neuerer Zeit als allgemeine Ontologie des Seins bezeichnet.[9]

Ausgewählte Publikationen[Bearbeiten]

  • Politik und Ideologie im Marxismus. Kapitalismus, Faschismus, Populismus. („Politics and ideology in Marxist theory“ 1977). Argument-Verlag, Berlin 1981, ISBN 3-88619-028-5.
  • Die Politik als Konstruktion des Undenkbaren. In: kultuRRevolution. nr. 17/18, 1988, S. 54–57.
  • New Reflections on the Revolutions of our Time. (Phronesis). Verso Books, London 1990, ISBN 0-86091-202-7.
  • Emanzipation und Differenz. Turia + Kant, Wien/Berlin, 3. Aufl. 2013, ISBN 978-3-85132-704-5. Originalausgabe: Emancipation(s). Verso, London 1996.
  • On Populist Reason. Verso Books, London 2005.
  • mit Chantal Mouffe: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. („Hegemony and socialist strategy“). Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Michael Hintz und Gerd Vorwallner. 4. Auflage. Passagen-Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-7092-0035-3.
  • mit Judith Butler und Slavoj Žižek: Kontingenz – Hegemonie – Universalität. Aktuelle Dialoge zur Linken. Turia + Kant, Wien/Berlin 2013, ISBN 978-3-85132-720-5. Originalausgabe: Contingency, Hegemony, Universality. Contemporary Dialogues on the Left. Verso, London 2000.
  • The Rhetorical Foundations of Society. Verso Books, London 2014, ISBN 978-1-78168-170-1.

Literatur[Bearbeiten]

  • Lars Distelhorst: Umkämpfte Differenz. Hegemonietheoretische Perspektiven der Geschlechterpolitik mit Butler und Laclau. Edition Parodos, Berlin 2007, ISBN 978-3-938880-12-8.
  • Reinhard Heil, Andreas Hetzel: Radikale Demokratie. In: Neue Gesellschaft für bildende Kunst (Hrsg.): Demokratie in der neuen Gesellschaft. Informationen aus der Tiefe des umstrittenen Raumes. Berlin 2007, ISBN 978-3-938515-15-0.
  • Andreas Hetzel: Demokratie ohne Grund. Ernesto Laclau. In: Reinhard Heil, Andreas Hetzel (Hrsg.): Die Rückkehr des Politischen. Demokratietheorien heute. Darmstadt 2004, ISBN 3-534-17435-6.
  • Oliver Marchart (Hrsg.): Das Undarstellbare der Politik. Zur Hegemonietheorie Ernesto Laclaus. Verlag Turia + Kant, Wien 1998, ISBN 3-85132-155-3.
  • Michael Hintz, Gerd Vorwallner: Marxismus als radikaler Relationismus. Anmerkungen zur politischen Philosophie von E. Laclau und Ch. Mouffe. In: kultuRRevolution. nr. 17/18, 1988, S. 58–63.
  • Michael Hintz, Gerd Vorwallner: Der Sozialismus wird demokratisch sein oder gar nicht. In: Ernesto Laclau, Chantal Mouffe: Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus. („Hegemony and socialist strategy“). Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Michael Hintz und Gerd Vorwallner. 2. Auflage. Passagen-Verlag, Wien 2000, ISBN 3-85165-453-6.
  • Michael Hintz: Marx – Marxismus – Postmarxismus: 'Radikale Demokratie' in der Krise. In: Reinhard Heil, Andreas Hetzel, Dirk Hommrich (Hrsg.): Unbedingte Demokratie. Fragen an die Klassiker neuzeitlichen politischen Denkens. Nomos Verlag, Baden-Baden 2011, ISBN 978-3-8329-6238-8, S. 151–173.
  • Martin Nonhoff: Diskurs – radikale Demokratie – Hegemonie. Zum politischen Denken von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Transcript, Bielefeld 2007, ISBN 978-3-89942-494-2.
  • Martin Nonhoff: Politischer Diskurs und Hegemonie. Das Projekt Soziale Marktwirtschaft. Transcript, Bielefeld 2006, ISBN 3-89942-424-7.
  • Andreas Reckwitz: Ernesto Laclau. In: Stephan Moebius, Dirk Quadflieg (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. VS- Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14519-3.
  • Anja Rüdiger: Dekonstruktion und Demokratisierung. Emanzipatorische Politiktheorie im Kontext der Postmoderne. Leske + Budrich, Opladen 1996, ISBN 3-8100-1710-8.
  • Warren Breckman: Žižek, Laclau und das Ende des Postmarxismus. übersetzt von Dirk Hommrich. In: Reinhard Heil, Andreas Hetzel, Dirk Hommrich (Hrsg.): Unbedingte Demokratie. Fragen an die Klassiker neuzeitlichen politischen Denkens. Nomos, Baden-Baden 2011, ISBN 978-3-8329-6238-8, S. 199–214.
  • Warren Breckman: Adventures of the Symbolic. Postmarxism and Radical Democracy. Columbia University Press, New York 2013, ISBN 978-0-231-14394-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. infobae.com, abgerufen am 13. April 2014
  2. Oliver Marchart: Gesellschaft ohne Grund. Laclaus politische Theorie des Post-Fundationalismus. In: Ernesto Laclau,, 2002: Emanzipation und Differenz. Turia und Kant Verlag, Wien 2002, S. 7.
  3. Ernesto Laclau: New Reflections on The Revolution of Our Time. London 1990, S. 197f.
  4. Nachrufe auf spiegel.de, abgerufen am 16. April 2014
  5. buenosairesherald.com, abgerufen am 14. April 2014
  6. Nachruf auf versobooks.com, abgerufen am 15. April 2014
  7. Nachrufe auf spiegel.de, abgerufen am 16. April 2014
  8. Oliver Marchart: Gesellschaft ohne Grund. Laclaus politische Theorie des Post-Fundationalismus. In: Ernesto Laclau: Emanzipation und Differenz. Turia und Kant Verlag, Wien 2002.
  9. Michael Bergunder: Was ist Religion? Kulturwissenschaftliche Überlegungen zum Gegenstand der Religionswissenschaft. In: Christoph Auffarth u. a. (Hrsg.): Zeitschrift für Religionswissenschaft. Berlin 2011.

Weblinks[Bearbeiten]