Ernst-Robert Grawitz

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Ernst-Robert Grawitz bei der Begrüßung von Teilnehmerinnen am ersten Lehrgang der Reichsführerschule des DRK in Groß Schulzendorf (Februar 1939)

Ernst-Robert Grawitz (* 8. Juni 1899 in Charlottenburg; † 24. April 1945 in Potsdam-Babelsberg) war in der Zeit des Nationalsozialismus Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Als „Reichsarzt-SS und Polizei“ war er mitverantwortlich für Massenmorde an Behinderten und medizinischen Experimenten an Gefangenen.

Herkunft[Bearbeiten]

Ernst-Robert Grawitz stammte aus einer Medizinerfamilie. Er war der Sohn des Militärarztes und späteren Chefarztes am Krankenhauses Charlottenburg-Westend Ernst Grawitz (1860–1911) und dessen Ehefrau Helene, geborene Liebau (* 14. Oktober 1869 in Magdeburg). Sein Onkel war der Pathologe Paul Grawitz.[1]

Er trat Mitte 1917 als Kriegsfreiwilliger in das Jäger-Ersatz-Bataillon 1 ein und geriet am 18. September 1918 kurz vor Kriegsende als Leutnant bei Épehy an der Westfront in englische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung im November 1919 begann Grawitz ein Medizinstudium an der Berliner Universität. Nach dem Staatsexamen und der Approbation war er bis 1929 Hilfsarzt, Assistent und 1. Assistent in der Inneren Abteilung des Krankenhauses Berlin-Westend und ließ sich danach als Facharzt für Innere Krankheiten mit einer Praxis in Berlin nieder. Von 1933 bis 1936 war Grawitz in der Inneren Abteilung des Berliner Westend-Krankenhauses beschäftigt. Der damalige ärztliche Direktor des Hauses schätzte Grawitz „als einen absolut zuverlässigen, treuen, höchst ehrenwerten Charakter“.

Gleichzeitig bedauerte sein Förderer jedoch, Grawitz nicht zur Habilitation gebracht haben zu können, da den jungen Wissenschaftler seine politische Tätigkeit zu sehr in Anspruch genommen hätte. Bereits neben seinem Medizinstudium betätigte sich Grawitz in rechtsradikalen Organisationen. Er gehörte im November 1919 der „Einwohnerwehr Berlin“ an und war 1920 am Kapp-Putsch beteiligt. Anschließend trat Grawitz dem Freikorps „Olympia“ bei und gab in späteren Unterlagen an, seit 1920 ein Anhänger Adolf Hitlers gewesen zu sein. Im November 1931 trat Grawitz in die SS ein, 1932 wurde er Mitglied der NSDAP. 1935 ernannte ihn der Reichsführer-SS Heinrich Himmler zum Chef des SS-Sanitätsamtes und zum „Reichsarzt der SS“. Als Reichsarzt-SS unterstand Grawitz Himmler direkt und war die oberste fachliche Instanz in allen medizinischen und sanitätsdienstlichen Angelegenheiten innerhalb der SS. So war er auch für die Ärzte und die medizinischen Zustände in den Konzentrationslagern verantwortlich.

Karriere und DRK[Bearbeiten]

Am 17. Dezember 1936 wurde Grawitz von Reichsinnenminister Wilhelm Frick in Übereinstimmung mit der geltenden Satzung zum stellvertretenden Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes ernannt.[2] Nach Satzungsänderung und Verabschiedung des DRK-Gesetzes Ende 1937 wurde Grawitz dann "Geschäftsführender Präsident". Warum ausgerechnet der SS-Mann Grawitz zum 1. Januar 1937 mit der DRK-Führung beauftragt wurde, lässt sich wohl vor allem mit den deutschen Kriegsplanungen erklären. 1936 war für Hitler das „Jahr der schwersten Entschlüsse“, wie er es später selbst nannte, denn in diesem Jahr hatte er die endgültige Entscheidung zum Angriffskrieg getroffen. Dieser Entscheidung mussten weite Teile der Gesellschaft angepasst werden: die Armee, die Industrie und nicht zuletzt das Deutsche Rote Kreuz, das mit seiner langen Erfahrung auf dem Gebiet des Kriegssanitätsdienstes und seinen großen personellen Ressourcen einen entscheidenden Faktor zur Unterstützung eines Angriffskrieges darstellte.

In der bestehenden Organisationsform eines Zusammenschlusses mehrerer rechtlich selbständiger Vereine konnte das DRK jedoch nicht effektiv auf diese Aufgabe vorbereitet werden. Der seit 1933 amtierende Präsident, Herzog Carl-Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, erfüllte rein repräsentative Aufgaben. Mit Ernst-Robert Grawitz wurde ihm 1937 ein Mann zur Seite gestellt, der das DRK personell an die SS zu binden vermochte.

Grawitz erklärte zu seiner Amtseinführung, dass, „1. das Deutsche Rote Kreuz ein gesunder, den Lebensgesetzen des nationalsozialistischen Dritten Reiches sich organisch einfügender Bau sein muss, der 2. entsprechend seiner Zweckbestimmung gemäß dem Genfer Abkommen den an ihn in Frieden und Krieg gestellten Anforderungen unbedingt zu genügen hat und 3. dessen Organisationsform und Führung die Möglichkeit und den Anreiz der freiwilligen Mitarbeit weiter Kreise des deutschen Volkes gewährleisten muss.[3]

Bereits Mitte des Jahres 1937 baute Grawitz die DRK-Organisation ohne jede rechtliche Grundlage im Sinne des propagierten „Führerprinzips“ um. Die bisher selbständigen Landes- und Kreisverbände wurden zu Landes- und Kreisstellen, die Vereinsstruktur völlig zerschlagen. Er berichtete darüber: „Heute steht ein neues, schlagkräftiges Deutsches Rotes Kreuz, in soldatisch-straffer Form organisiert und nationalsozialistisch geführt, zu jedem Einsatz bereit“.[4] Als juristische Grundlage wurden Ende des Jahres 1937 im Nachhinein das Gesetz über das DRK und eine neue Satzung verabschiedet.

DRK und SS[Bearbeiten]

Parallel zur Umorganisation des DRK durchsetzte Grawitz die DRK-Führungsspitze mit SS-Männern. So ernannte er den SS-Gruppenführer Oswald Pohl (der seit 1935 für Himmler die Verwaltung der SS und sukzessive auch die Verwaltung der Konzentrationslager organisierte) zum Schatzmeister und späteren Verwaltungschef des DRK. Aus zunächst kleinen Werkstätten und Betrieben in den Konzentrationslagern baute Pohl das Wirtschaftsimperium der SS auf, die in ihren Betrieben die KZ-Häftlinge durch Zwangsarbeit ausbeutete.

Mit der Billigung von Grawitz verschaffte Pohl der SS Millionenkredite aus den Kassen des DRK, die er in geheimen Transaktionen als „Generalbevollmächtigter für alle vermögensrechtlichen Angelegenheiten des DRK“ an Himmlers Wirtschaftsbetriebe weiterleitete. Nicht zuletzt deshalb konzentrierte Pohl das bisher von den einzelnen DRK-Stiftungen und -Organisationen verwaltete Geld auf gemeinsame Konten, zu denen nur Pohl, Grawitz und ihre engste Mitarbeiter Zugang hatten.

Im September 1939 erklärte sich Grawitz nach Angaben des SS-Arztes Werner Kirchert bereit, für die (später als „Aktion T4“ bezeichnete) Ermordung körperlich und geistig Behinderter SS-Ärzte abzustellen. So soll Grawitz gesagt haben, “…es sei keine angenehme Aufgabe, aber man müsse auch bereit sein, unangenehme Arbeiten zu übernehmen“, allerdings „… wolle er damit die SS nach außen hin nicht belasten, obwohl er mindestens einen Teil des Personals aus der SS zur Verfügung stellen müsse“. Er schloss sich von diesen Unannehmlichkeiten nicht aus und erklärte sich bereit „… nach Errichtung der ersten Tötungsanstalt die Tötung des ersten Geisteskranken selbst durchzuführen.“

Gemeinsam mit Oswald Pohl war Grawitz persönlich für die Genehmigung der seit 1941 in den Konzentrationslagern stattfindenden medizinischen Experimente an KZ-Häftlingen zuständig. Der Reichsarzt-SS wurde zur Anlaufstelle für die Häftlings-Anforderungen für medizinische Versuche verschiedenster Forschungseinrichtungen, wie zum Beispiel der Forschungsstelle der Heeressanitätsinspektion und des Robert-Koch-Instituts. Es traten jedoch nicht nur Forschungseinrichtungen außerhalb der SS an Grawitz heran, auch Himmler selbst beauftragte ihn mit der Planung oder Koordinierung von Versuchen. Grawitz war Himmler dann persönlich für die Durchführung und die Ergebnisse verantwortlich und erstattete dem Reichsführer-SS laufend darüber Bericht.

In der nationalsozialistischen Rassenideologie waren Grawitz’ Arbeit als Arzt für das Rote Kreuz und seine Beteiligung an den Morden kein Widerspruch. Geholfen werden sollte nach dieser Ideologie all denen, die als rassisch höherwertig, als „arisch“ definiert wurden. Der „arischen“ Mutter, dem „arischen“ Kind und dem „arischen“ Soldaten galten das Wirken der nationalsozialistischen Ärzteschaft, des öffentlichen Gesundheitswesens und nicht zuletzt die Tätigkeit des Deutschen Roten Kreuzes im „Dritten Reich“. All jenen aber, die als minderwertig eingestuft wurden, weil sie jüdischer oder slawischer Herkunft waren, geistig oder körperlich behindert oder weil sie sich politisch gegen Hitler wandten, also, weil sie per Definition zu Feinden der „arischen Rasse“ gemacht wurden, all diesen Menschen sollte eine humanitäre medizinische Hilfe nicht zuteilwerden. Das medizinische Wissen der Ärzteschaft wurde gegen sie verwendet, deutsche Ärzte experimentierten mit diesen Menschen oder verabreichten tödliche Spritzen. Und auch das Deutsche Rote Kreuz als Hilfsorganisation in Krieg und Frieden wollte diesen Menschen nicht beistehen, lediglich einige DRK-Mitarbeiter versuchten mit bescheidenen Mitteln eine illegale Hilfe zu organisieren.

Gasbrand- und Hepatitis-Versuche[Bearbeiten]

Auf Initiative von Grawitz wurden im KZ Ravensbrück unter Leitung von Karl Gebhardt an 60 Polinnen Sulfonamid-Versuche zur Behandlung von Gasbrand durchgeführt, dessen Aussage im Nürnberger Prozess zufolge Grawitz "absolut kriegsgleiche Wunden" durch Hinzufügen von Schmutz, Glassplittern etc. verlangte.[5]

1943 stellte Grawitz an Himmler die Bitte, ihm acht KZ-Häftlinge für Versuche mit infektiöser Hepatitis[6] zur Verfügung zu stellen. In seinem Schreiben heißt es, die Forschung habe erwiesen, dass diese Krankheit nicht durch Bakterien sondern durch Viren übertragen würde.[7] Versuchsweise sei Hepatitis von Menschen auf Tiere übertragen worden, und es sei "wünschenswert", gezüchtete Viren auf Menschen zu übertragen. Himmler antwortete schriftlich und stellte acht Juden aus Auschwitz zur Verfügung.[8] Die Versuche wurden im KZ Sachsenhausen durchgeführt.[9]

Suizid[Bearbeiten]

Ernst-Robert Grawitz, der Mann, der das Deutsche Rote Kreuz in den nationalsozialistischen Apparat integriert hatte, entzog sich einer Bestrafung durch die Alliierten. In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 brachte er sich und seine Familie mit einer Handgranate in seiner Babelsberger Villa an der damaligen Straße der SA[10] 59 um. Diese Szene wird im Film Der Untergang (2004), in dem er von Christian Hoening dargestellt wird, nachgestellt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Markus Wicke: SS und DRK. Das Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes im nationalsozialistischen Herrschaftssystem 1937–1945 VICIA, Potsdam, 2002, ISBN 3-8311-4125-8.
  • Wolfgang U. Eckart: SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Prof. Dr. med. Ernst Grawitz. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Hitlers militärische Elite. Vom Kriegsbeginn bis zum Weltkriegsende. Band 2, Primus Verlag, Darmstadt 1998, ISBN 3-89678-089-1, ISBN 3-534-12678-5 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), S. 63–71.
  • Judith Hahn: Grawitz, Genzken, Gebhardt. Drei Karrieren im Sanitätsdienst der SS. Diss. FU Berlin 2007. Klemm & Oelschläger, Münster 2008, ISBN 978-3-932577-56-7.[11]
  • Heiner Lichtenstein: Angepaßt und treu ergeben. Das Rote Kreuz im „Dritten Reich“. Bund-Verlag, Köln 1988, ISBN 3-7663-0933-1.
  • Dermot Bradley (Hrsg.), Andreas Schulz, Günter Wegmann: Die Generale der Waffen-SS und der Polizei. Die militärischen Werdegänge der Generale, sowie der Ärzte, Veterinäre, Intendanten, Richter und Ministerialbeamten im Generalsrang. Band 1: Abraham–Gutenberger. Biblio Verlag, Bissendorf 2003, ISBN 3-7648-2373-9, S. 436–444.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfram Fischer (Hrsg.): Exodus von Wissenschaften aus Berlin. de Gruyter, Berlin 1994, ISBN 3-11-013945-6, S. 555 (Digitalisat).
  2. Birgitt Morgenbrod, Stephanie Merkenich: Das Deutsche Rote Kreuz unter der NS-Diktatur 1933–1945. Paderborn 2008, S. 130.
  3. zitiert nach: Felix Grüneisen: Das Deutsche Rote Kreuz in Vergangenheit und Gegenwart. Potsdam-Babelsberg 1939, S. 190.
  4. Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Zweite aktualisierte Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-16048-0, S. 198.
  5. Menschenversuch aufs Exempel. In: Der Spiegel. 11/1947.
  6. Experimente mit Hepatitis: siehe auch Prof. Haagen in Natzweiler und Brachtel in Dachau.
  7. Brief von Grawitz am 1. Juni 1943, In: Nürnberger Dokumente. Dok. NO 10.
  8. Schreiben Himmlers vom 16. Juni 1943. In: Nürnberger Dokumente, Dok.NO 11.
  9. Stanislav Zámečník: Das war Dachau. Luxemburg 2002, S. 284.
  10. Die ursprünglich Kaiserstraße trug diesen Namen zwischen 1938 und 1945, seitdem heißt sie Karl-Marx-Straße. Klaus Arlt: Die Straßennamen der Stadt Potsdam. Geschichte und Bedeutung. In: Mitteilungen der Studiengemeinschaft Sanssouci e.V. 4. Jg., 1999, H. 4 (bearbeitet Fassung unter www.aip.de/~arlt/SGS/strassennamen.pdf), S. 41.
  11. Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Petra Fuchs, Institut für Geschichte der Medizin, Charité Berlin.