Ernst-Wolfgang Böckenförde

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Ernst-Wolfgang Böckenförde (* 19. September 1930 in Kassel) ist ein deutscher Staats- und Verwaltungsrechtler sowie Rechtsphilosoph. Von 1983 bis 1996 war er Richter am Bundesverfassungsgericht. Böckenförde zählt zur Ritter-Schule.

Ernst-Wolfgang Böckenförde (1989)

Leben[Bearbeiten]

Böckenförde kam als dritter Sohn des Forstmeisters Josef Böckenförde und dessen Ehefrau Gertrud zur Welt, er hatte sieben Geschwister, darunter Werner Böckenförde, der später Domkapitular von Limburg wurde.

Im Jahr 1953 wurde Böckenförde sowohl bei Hans Julius Wolff in Münster zum Dr. jur. als auch bei Franz Schnabel in München zum Dr. phil. promoviert. Seit seiner Studentenzeit ist Böckenförde Mitglied der katholischen Studentenverbindung Hansea-Halle in Münster im KV. Seit den späten 1950er Jahren stand Böckenförde in engem persönlichen Austausch mit dem Staatsrechtslehrer Carl Schmitt. Er gilt als ein besonders wichtiger „Nachkriegsschüler“ (Reinhard Mehring) Schmitts und wird auch der Redakteur von dessen wiederaufgelegten früheren bzw. neuen Schriften.

1964 habilitierte er sich in Münster mit der Arbeit Die Organisationsgewalt im Bereich der Regierung. Eine Untersuchung zum Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland und nahm noch im gleichen Jahr einen Ruf auf eine Professur für öffentliches Recht, Verfassungs- und Rechtsgeschichte sowie Rechtsphilosophie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg an, wo er bis 1969 lehrte. Danach wechselte er auf eine gleichermaßen beschriebene Professur nach Bielefeld, 1977 nahm er einen Ruf an die Juristische Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg an.

Der Sozialdemokrat Böckenförde war von 1971 bis 1976 Mitglied der Enquête-Kommission Verfassungsreform des Deutschen Bundestages. Als Mitglied des Bundesverfassungsgerichts gehörte Böckenförde dessen zweitem Senat an. Während seiner Tätigkeit dort erhielt seine Legitimationskettentheorie Eingang in die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Vorgänger auf seiner Planstelle am Bundesverfassungsgericht war Joachim Rottmann, sein Nachfolger Winfried Hassemer.

Seit 1977 ist Böckenförde korrespondierendes Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste[1] und seit 1989 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Böckenförde ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift Der Staat.

Das sogenannte Böckenförde-Diktum „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ wurde vielfach aufgegriffen, zitiert und kommentiert.

Ehrungen[Bearbeiten]

Papst Johannes Paul II. ernannte ihn am 26. August 1999 zum Komtur des Päpstlichen Ritterordens des heiligen Gregors des Großen.[2] Die Ehrendoktorwürde verliehen ihm die katholisch-theologischen Fakultäten der Ruhr-Universität Bochum und der Eberhard Karls Universität Tübingen (2005), die Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Bielefeld, die Universität Basel sowie die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster.

Am 10. Mai 2003 erhielt er die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. Im Jahr 2004 wurde ihm der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken verliehen.[3] Am 18. Oktober 2009 verlieh ihm der KV im Rahmen eines Festakts auf dem Hambacher Schloss in Neustadt an der Weinstraße die Georg-von-Hertling-Medaille. Böckenförde wurde der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa für 2012 durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt, zugesprochen.

Werke[Bearbeiten]

  • Gesetz und gesetzgebende Gewalt. Von den Anfängen der deutschen Staatsrechtslehre bis zur Höhe des staatsrechtlichen Positivismus. Berlin: Duncker & Humblot, 1958 (= Schriften zum Öffentlichen Recht, 1). [jur. Diss.], 2., erg. Aufl. 1981. ISBN 978-3-428-04898-4
  • Die deutsche verfassungsgeschichtliche Forschung im 19. Jahrhundert. Zeitgebundene Fragestellungen und Leitbilder. Berlin: Duncker & Humblot, 1961 (= Schriften zur Verfassungsgeschichte, 1) [phil. Diss.], 2. Aufl. 1995. ISBN 978-3-428-08589-7
  • Die Organisationsgewalt im Bereich der Regierung. Eine Untersuchung zum Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland. Berlin: Duncker & Humblot, 1964 (Habilitationsschrift, Münster/Westf.), 2. Aufl. 1998. ISBN 978-3-428-02477-3
  • Die Rechtsauffassung im kommunistischen Staat. München: Kösel, 1967
  • (Hrsg.:) Moderne deutsche Verfassungsgeschichte (1815–1918). Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1972
  • Kirchlicher Auftrag und politische Entscheidung. Freiburg i.Br.: Rombach, 1973
  • Die verfassungstheoretische Unterscheidung von Staat und Gesellschaft als Bedingung der individuellen Freiheit. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1973
  • Organ, Organschaft, Juristische Person. Kritische Überlegungen zu den Grundbegriffen und der Konstruktionsbasis des staatlichen Organisationsrechts, in: Christian-Friedrich Menger (Hg.): Fortschritte des Verwaltungsrechts. Festschrift für Hans J. Wolff zum 75. Geburtstag. München: Beck, 1973, S. 269–305.
  • Verfassungsfragen der Richterwahl. Dargestellt anhand der Gesetzesentwürfe zur Einführung der Richterwahl in Nordrhein-Westfalen. Berlin: Duncker & Humblot, 1974 (= Schriften zum Öffentlichen Recht, Band 250). 2. Auflage 1998. ISBN 978-3-428-03217-4
  • Staat, Gesellschaft, Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1976 (= stw 163)
  • (Hrsg.:) Staat und Gesellschaft. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1976 (= Wege der Forschung, Band 471)
  • Der Staat als sittlicher Staat. Berlin: Duncker & Humblot, 1978, ISBN 978-3-428-04254-8
  • (Hrsg.:) Extremisten und öffentlicher Dienst. Rechtslage und Praxis des Zugangs zum und der Entlassung aus dem öffentlichen Dienst in Westeuropa, USA, Jugoslawien und der EG. Baden-Baden: Nomos, 1981
  • (Hrsg.:) Soziale Grundrechte. Heidelberg: Müller, 1981
  • Staat, Gesellschaft, Kirche. Freiburg: Herder, 1982
  • (Hrsg.:) Staatsrecht und Staatslehre im Dritten Reich. Heidelberg: Müller, 1985
  • Die verfassunggebende Gewalt des Volkes. Ein Grenzbegriff des Verfassungsrechts. Frankfurt: Metzner, 1986
  • (Mit-Hrsg.:) Menschenrechte und Menschenwürde. Historische Voraussetzungen – säkulare Gestalt – christliches Verständnis. Stuttgart: Klett-Cotta 1987
  • Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991 (= stw 914). 4., erw. Ausgabe 2006. ISBN 978-3-518-28514-5
  • Staat, Verfassung, Demokratie. Studien zur Verfassungstheorie und zum Verfassungsrecht. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991 (= stw 953)
  • Welchen Weg geht Europa? München: Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung, 1997 (= Vorträge, Band 65)
  • Staat, Nation, Europa. Studien zur Staatslehre, Verfassungstheorie und Rechtsphilosophie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1999 (= stw 1419). 2. Auflage 2000. ISBN 978-3-518-29019-4
  • Vom Wandel des Menschenbildes im Recht. Münster: Rhema 2001 (Gerda Henkel Vorlesungen). ISBN 978-3-930454-29-7
  • Geschichte der Rechts- und Staatsphilosophie – Antike und Mittelalter, Tübingen: Mohr Siebeck, 2002. 2., überarb. u. erw. Aufl. 2006. ISBN 978-3-16-149165-8
  • Grundrechte in Deutschland und Europa. Reden zur Ehrenpromotion in Münster (mit David Edward und Erich Schumann). Münster: Lit, 2002. ISBN 978-3-8258-6215-2
  • Sicherheit und Selbsterhaltung vor Gerechtigkeit. Der Paradigmenwechsel und Uebergang von einer naturrechtlichen zur positiv-rechtlichen Grundlegung des Rechtssystems bei Thomas Hobbes. Basel: Schwabe 2004. ISBN 978-3-7965-2110-2
  • Kirche und christlicher Glaube in den Herausforderungen der Zeit. Beiträge zur politisch-theologischen Verfassungsgeschichte 1957–2002. Münster: Lit, 2004. 2., veränd. Aufl. 2007. ISBN 978-3-8258-6604-4
  • Der säkularisierte Staat. Sein Charakter, seine Rechtfertigung und seine Probleme im 21. Jahrhundert. Themenband 86 der Carl Friedrich von Siemens Stiftung. München, Carl Friedrich von Siemens Stiftung, 2007. ISBN 978-3-938593-06-6.
  • Vom Ethos der Juristen Berlin: Duncker & Humblot, 2010. ISBN 978-3-428-13317-8

Literatur[Bearbeiten]

  • Christoph Enders / Johannes Masing (Hgg.): Freiheit des Subjekts und Organisation von Herrschaft. Symposium zu Ehren von Ernst-Wolfgang Böckenförde anlässlich seines 75. Geburtstages (Der Staat, Beiheft 17). Berlin: Duncker & Humblot, 2006. ISBN 978-3-428-12277-6
  • Rolf Grawert (Hg.): Offene Staatlichkeit: Festschrift für Ernst-Wolfgang Böckenförde zum 65. Geburtstag. Berlin: Duncker & Humblot, 1995. ISBN 3-428-08398-9.
  • Der Rektor der Ruhr-Universität Bochum in Verbindung mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät (Hg.): Ehrenpromotion zum Dr. theol. Ernst-Wolfgang Böckenförde: Eine Dokumentation des Festaktes vom 12. Mai 1999. Bochum: Pressestelle der Ruhr-Universität, 1999.
  • Norbert Manterfeld: Die Grenzen der Verfassung: Möglichkeiten limitierender Verfassungstheorie des Grundgesetzes am Beispiel E.-W. Böckenfördes (Univ.-Diss. Heidelberg 1999). Berlin: Duncker & Humblot, 2000. ISBN 3-428-09940-0.
  • Reinhard Mehring: Zu den neu gesammelten Schriften und Studien Ernst-Wolfgang Böckenfördes. In: Archiv des öffentlichen Rechts 117 (1992), S. 449-473.
  • Robert Chr. van Ooyen: "Staatliche Volksdemokratie." Implikationen der Schmitt-Rezeption bei Ernst-Wolfgang Böckenförde. In: Ders.: Politik und Verfassung. Wiesbaden: VS-Verlag, 2006, S. 64-76.
  • Rainer Wahl / Joachim Wieland (Hgg.): Das Recht des Menschen in der Welt. Kolloquium aus Anlass des 70. Geburtstages von Ernst-Wolfgang Böckenförde. Berlin: Duncker & Humblot, 2002. ISBN 978-3-428-10841-1
  • Reinhard Mehring: Carl Schmitt. Aufstieg und Fall. Eine Biographie. München: C.H. Beck, 2009. ISBN 978-3-406-59224-9
  • Reinhard Mehring / Martin Otto (Hrsg.): Voraussetzungen und Garantien des Staates. Ernst-Wolfgang Böckenfördes Staatsverständnis. Baden-Baden: Nomos, 2014. ISBN 978-3-8487-1636-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ernst-Wolfgang Böckenförde – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. http://www.awk.nrw.de/akademie/klassen/geisteswissenschaften/korrespondierende-mitglieder.html
  2. AAS 92 (2000), n. 8, p. 652.
  3. Pressemitteilung zur Preisverleihung