Ernst Kris

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Ernst Walter Kris (* 26. April 1900 in Wien; † 27. Februar 1957 in New York) war ein aus Österreich stammender US-amerikanischer Kunsthistoriker und Psychoanalytiker. und Vertreter der psychoanalytischen Ich-Psychologie.

Leben[Bearbeiten]

Kris − Sohn des jüdischen Rechtsanwalts Leopold Kris und seiner Ehefrau Rosa Kris, geb. Schick − besuchte das Staatsgymnasium im 13. Bezirk von Wien. Er konnte infolge des Ersten Weltkrieges bereits als Schüler kunstgeschichtliche Vorlesungen an der Universität Wien besuchen.[1] Gemeinsam mit seinen Freunden Otto Kurz und Ernst Gombrich studierte Kris seit Herbst 1918 das Fach Kunstgeschichte bei Julius von Schlosser, bei dem er im Jahr 1922 mit der Dissertation über Die Verwendung des Naturabgusses bei Wenzel Fannitzer und Bernhard Palissyden promoviert wurde. Kris war auch ein Schüler des Archäologen Emanuel Löwy, einem Freund von Sigmund Freud. Nach dem Studium arbeitete Kris als Kurator in der Abteilung für Plastik und Kunstgewerbe im Kunsthistorischen Museum Wien.[2]

Kris´ Verlobte Marianne Rie (* 27. Mai 1900; † 23. November 1980) war bis zu ihrem Tode mit Anna Freud befreundet. 1924 lernte Ernst Kris durch seine Verlobte Sigmund Freud kennen. Ihr Vater Oscar Rie war Kinderarzt und mit der Familie Freud befreundet. Weil Marianne Rie nach ihrem Medizinstudium eine Psychoanalyse in Berlin absolvierte, empfahl Freud dem Verlobten ebenfalls eine Lehranalyse, die von 1924 bis 1927 bei Helene Deutsch in Wien machte.[2] 1927 heirateten Ernst Kris und Marianne Rie. 1928 wurde die Ehepartner außerordentliche Mitglieder in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung.

Kunsthistorisches Museum Wien: Adler-Kamee, römisch 27 v. Chr.

Neben seiner Anstellung am Kunsthistorischen Museum eröffnete Kris eine psychoanalytische Praxis, in der er seine Patienten vor neun Uhr morgens und nach achtzehn Uhr behandelte. Außerdem unterrichtete Kris als Lehranalytiker von 1930 bis 1938 am Psychoanalytischen Institut in Wien. Das Metropolitan Museum of Art beauftragte Ernst Kris im Jahr 1929 mit der Erstellung eines Kataloges über Kameen und Gemmen. Seit 1932 war Kris − gemeinsam mit Robert Wälder − als Redakteur für die Zeitschrift Imago tätig. Hier veröffentlichte er 1933 einen Beitrag über den Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt.

Nach dem Anschluss Österreichs am 12. März 1938 musste Ernst Kris mit seiner Familie nach London emigrieren. Dort arbeitete er für die BBC an einer wissenschaftlichen Analyse der NS-Propaganda. 1940 wurde Kris in dieser Funktion nach Kanada und später in die USA gesandt. Im September 1940 berief ihn die New School for Social Research zum Professor, und hier baute er zusammen mit Hans Speier ein Forschungsprogramm für totalitäre Propaganda auf. In New York wurde er Mitglied und Lehranalytiker des New York Psychoanalytic Institute. Kris begann, sich für die Entwicklung des Kindes zu interessieren und leitete eine Längsschnittuntersuchung zur frühen Kindheit am Child Study Center der Yale University. Er war im Editiorial Board der Zeitschrift The Psychoanalytic Study of the Child. Am New York Psychoanalytic Institute initiierte er zusammen mit der Yale University das Gifted Adolescence Project, das begabten jungen Menschen mit psychischen Problemen eine Psychoanalyse ermöglichte."[3]

Kris' unter Kunsthistorikern bekanntestes Buch ist das zusammen mit Otto Kurz verfasste Werk Die Legende vom Künstler, in dem gängige Anekdoten und Mythologien über Künstlerpersönlichkeiten untersucht und als Fiktionen erkannt werden. Er arbeitete sowohl in Wien wie auch in London häufig mit Ernst Gombrich zusammen.

"Mit seiner umfassenden historischen Einleitung zur ersten Bearbeitung der Freud-Fließ-Briefe (1950) hat er einen Beitrag zur Freud-Biografik verfaßt."[3]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Der Stil "rustique". Dissertation. Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien 1/1926, S. 137−208.
  • Die Kameen im kunsthistorischen Museum. Beschreibender Katalog. Gemeinsam mit Fritz Eichler. Schroll, Wien 1927
  • Meister und Meisterwerke der Steinschneidekunst in der italienischen Renaissance. Schroll, Wien 1929
  • Ein geisteskranker Bildhauer. Imago 19/1933, S. 384−411
  • Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch. Gemeinsam mit Otto Kurz. Krystall, Wien 1934
    • Neuausgabe: Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch. Gemeinsam mit Otto Kurz. Mit einem Vorwort von Ernst H. Gombrich. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, 3. Auflage 1995 ISBN 3-518-28802-4.
  • Die ästhetische Illusion. Phänomene der Kunst in der Sicht der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977
  • Psychoanalytische Kinderpsychologie. Aus dem Englischen übersetzt von Peter Schütze. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-07288-9.
  • Einleitung zur Erstausgabe 1950. In: Sigmund Freud: Briefe an Wilhelm Fließ. 1887-1904. Ungekürzte Ausgabe, Fischer, Frankfurt am Main 1986, S. 519-561
  • Erstarrte Lebendigkeit. Enthält die Dissertation von 1922. Diaphanes, Zürich/Berlin 2010, ISBN 978-3-03734-132-2.

Literatur[Bearbeiten]

  • Nikolaus Mikoletzky: Kris, Ernst. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 13, Duncker & Humblot, Berlin 1982, ISBN 3-428-00194-X, S. 48–50 (Digitalisat).
  • Elke Mühlleitner: Kris, Ernst. In: Gerhard Stumm, Alfred Pritz, Paul Gumhalter (Hrsg.): Personenlexikon der Psychotherapie. Springer, Wien u. a. 2005, ISBN 3-211-83818-X, S. 260–261.
  • S. Ritvo, L. Ritvo: Ernst Kris (1900–1957). Twentieth Century „Oumo universale“. In: Franz Alexander, Samuel Eisenstein, Martin Grotjahn (Hrsg.): Psychoanalytic Pioneers. Basic Books, New York NY u. a. 1966, S. 484–500.
  • Ulrike Wendland: Biographisches Handbuch deutschsprachiger Kunsthistoriker im Exil. Leben und Werk der unter dem Nationalsozialismus verfolgten und vertriebenen Wissenschaftler. Saur, München 1999, Bd. 1, S. 387-392

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorwort von Ernst H. Gombrich. In: Ernst Kris, Otto Kurz: Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, S. 9.
  2. a b Ernst Kris, Otto Kurz: Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, (S. 2).
  3. a b Elke Mühlleitner: Kris, Ernst. In: Gerhard Stumm, Alfred Pritz, Paul Gumhalter (Hrsg.): Personenlexikon der Psychotherapie. Springer, Wien u. a. 2005, S. 260–261.