Ernst Schneller

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Ernst Schneller
Ernst Schneller auf einer Briefmarke der DDR-Post 1960
Gedenktafel am Haus Schnellerstr 70a, in Berlin-Niederschöneweide

Ernst Schneller (* 8. November 1890 in Leipzig; † 11. Oktober 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen) war ein deutscher Lehrer, Reichstagsabgeordneter und Landtagsabgeordneter des Sächsischen Landtages für die KPD.

Leben[Bearbeiten]

Der Sohn eines Eisenbahners und ehemaligen Soldaten besuchte bis 1910 ein Lehrerseminar, nach einer zeitweiligen Flucht aus diesem war er von 1911 bis 1913 als Hilfslehrer und ab 1913 als Lehrer in verschiedenen sächsischen Städten tätig. 1914 meldete Schneller sich auf Grund seiner zu diesem Zeitpunkt nationalistischen Einstellung freiwillig zum Militär und war seit 1916 Offizier, zuletzt 1918 in der Funktion eines Bataillonsadjutanten. Während der Novemberrevolution Mitglied im Arbeiter- und Soldatenrat seiner Einheit kam er 1919 als Lehrer nach Schwarzenberg/Erzgeb. wo er als Ex-Offizier zunächst auf Ablehnung stieß, was sich aber nach seinem Eintritt in die SPD, die er auch im Gemeinderat vertrat, änderte. Während des Kapp-Putsches organisierte der in militärischen Dingen erfahrene Schneller in Schwarzenberg den Widerstand; wenig später trat er in die KPD ein, da diese ihn durch ihr konsequentes Vorgehen beeindruckte.

KPD-Abgeordneter[Bearbeiten]

Von 1921 bis 1924 hatte Schneller als Nachrücker für die KPD einen Sitz im sächsischen Landtag. Hier sprach er zu zahlreichen Minderheitsanträgen der KPD, die sein Fachgebiet, die Pädagogik, betrafen. Dabei setzte er sich für eine umfassende Revolution des Bildungswesens ein, in dessen Mitte die Produktionsschule stehen sollte. Mit einer Fülle von Fakten verteidigte er auch Anträge seiner Fraktion zur Bekämpfung des Kinderelends durch Einführung von kostenloser Schulspeisung, Lernmittelfreiheit, kostenlosen ärztlichen und zahnärztlichen Untersuchungen für Schul- und Vorschulkinder sowie Ausstattung schulentlassener Kinder mit Kleidung. Ständig versuchten die rechten Abgeordneten ihn niederzubrüllen, so dass der Präsident sie auffordern musste, ihn ausreden zu lassen „denn niemand wird ihn davon abhalten können, alles zu sagen, was er sagen will“. Im Herbst 1923 war Schneller, der damals der Parteiführung um Heinrich Brandler und August Thalheimer anhing, nach dem Hamburger Aufstand kurzzeitig inhaftiert.

Schneller wurde im November 1924 auf eigenen Antrag aus dem Schuldienst entlassen und kandidierte im Wahlkreis 30 Chemnitz-Zwickau, wurde im Dezember 1924 Mitglied des Deutschen Reichstages in Berlin, dem er ununterbrochen bis 1933 angehörte und später Leiter der Reichsparteischule der KPD in Schöneiche-Fichtenau. Parteiintern gehörte er nach 1924 zunächst zu den Unterstützern der Führung um Ruth Fischer und Arkadi Maslow, schwenkte aber, nachdem er 1925 ins Zentralkomitee gewählt worden war, zur neuen Führung um Ernst Thälmann über. Innerhalb der kommunistischen Bewegung galt er daher bei vielen als Wendehals, auf Grund seiner ständigen Schwankungen hin zur jeweiligen Parteiführung bezeichnete ihn beispielsweise Nikolai Bucharin als „politisch charakterloses Subjekt“. 1927 wurde er Polleiter des Bezirkes Erzgebirge-Vogtland sowie eines von vier Mitgliedern des zentralen Politsekretariats, 1928 Kandidat (Ersatzmitglied) des Exekutivkomitees der Komintern. 1927/28 engagierte er sich für die Aufdeckung des Phoebus-Skandals und stand seit dieser Zeit im Kontakt zum Bund der Köngener.

Nachdem Schneller 1928 während der Wittorf-Affäre die Suspendierung Thälmanns von seinen Parteiämtern unterstützt hatte, verlor er 1929 seinen Sitz im ZK und wurde bis zum Herbst nur noch mit untergeordneten Aufgaben betraut. Für die Reichstagswahlen nach Hitlers Machtantritt entwarf er einen Klebezettel[1], auf dem er den SA-Terror anprangerte und den er mit seinem vollen Namen unterzeichnete.

NS-Zeit[Bearbeiten]

Schneller nahm am 7. Februar 1933 an der illegalen Tagung des Zentralkomitees der KPD im Sporthaus Ziegenhals bei Berlin teil.[2] Nach dem Reichstagsbrand wurde er am 27./28. Februar 1933 in Berlin verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis Moabit gebracht. Im April 1933 wurde er in das Konzentrationslager Sonnenburg überführt und saß ab 8. Juli 1933 in der Gefangenenanstalt II in Leipzig in Untersuchungshaft. Am 9. November 1933 wurde er wegen Aufforderung zum Hochverrat zu sechs Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Am 16. November 1933 trat er die Strafe im Zuchthaus Waldheim an, wo er bis 1939 zeitweise in Einzelhaft saß.

Im Juli 1939 wurde Schneller in das Konzentrationslager Sachsenhausen überführt, wo er der Leitung der dortigen illegalen KPD-Organisation angehörte. Im März 1944 fanden die SS-Wachmannschaften Flugblätter und ein Radio der Gruppe, worauf die Widerstandsgruppe mit Spitzeln infiltriert wurde. Nach der weitgehenden Zerschlagung der Gruppe am 11. August 1944 wurden 150 Häftlinge in eine Isolierbaracke gebracht. Am 11. Oktober 1944 wurden 103 von ihnen ins KZ Mauthausen überstellt. 27 dieser Häftlinge – zumeist Kommunisten – wurden erschossen, unter ihnen Schneller, Mathias Thesen, Ludger Zollikofer, Rudolf Hennig und Gustl Sandtner.[3][4]

Familie[Bearbeiten]

Ernst Schneller war mit Hilde Schneller verheiratet (1894–1989) und hinterließ eine Tochter, die von Pfarrer Arthur Rackwitz in dessen Familie aufgenommen wurde sowie einen Sohn Helmut Schneller, der unter dem Pseudonym Hans Rascher als Autor unter anderem für das Berliner Kabarett Die Distel tätig war.

Ehrungen[Bearbeiten]

Gedenktafeln am Reichstag

In der DDR wurden in Erfurt, Zittau, Kirchberg, Burgstädt, Colditz, Grimma, Hohen Neuendorf, Schöneiche, Ribnitz-Damgarten, Oelsnitz/Erzgeb., Bad Doberan, Oschatz, Leipzig, Halle (Saale), Schwerin, Prenzlau, Cottbus, Meißen, Dresden, Chemnitz, Grünbach, Schwarzenberg/Erzgeb., Flöha/Sachsen, Neukirchen/Pleiße und Torgau[5] Schulen, in Berlin-Alt-Treptow die Ernst-Schneller-Kaserne, in Johanngeorgenstadt eine Jugendherberge und in Zwickau die Pädagogische Hochschule sowie in zahlreichen anderen Orten, zum Beispiel im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick Straßen nach Ernst Schneller benannt. Hinzu kam das zentrale Aufnahme- und Beobachtungsheim mit angeschlossenem Spezialkinderheim in Eilenburg, das Schnellers Namen trug. Am 3. September 1973 wurde der „Geschoßwerfertruppenteil der NVA ‚Ernst Schneller‘“ aufgestellt. Die meisten dieser Ehrungen wurden nach 1990 rückgängig gemacht. Es gibt jedoch immer noch Ernst-Schneller-Straßen in Leipzig, Heidenau (Sachsen), Halle (Saale), Erfurt, Jena und anderen Städten. Seinen Namen trug außerdem die größte Yacht - ein 150-m²-Seekreuzer - der GST-Marineschule „August Lütgens“ in Greifswald-Wieck. Der Sportsegler stand von 1954 bis 1989/90 im Dienst der GST, wurde anschließend von Greifswald nach Anklam verlegt und erhielt dort den neuen Namen Wappen von Anklam.[6] Weiterhin wurde die Ernst-Schneller-Medaille für Leistungen in der Gesellschaft für Sport und Technik gestiftet.

1977 drehte das Fernsehen der DDR einen biografischen Film über Schneller, in dem er von Horst Schulze und seine Frau Hilde von Renate Blume dargestellt wurde. Auch in der Fernsehbiografie des DDR-Fernsehens über Thälmann (1986) hat Schneller mehrere Auftritte. Er wird dort von Wilfried Pucher dargestellt.

Seit 1992 erinnert in Berlin in der Nähe des Reichstags eine der 96 Gedenktafeln für von den Nationalsozialisten ermordete Reichstagsabgeordnete an Schneller.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sächsischer Landtag, Verhandlungsprotokolle 1922–1926
  • Wolfgang Kießling: Ernst Schneller. Lebensbild eines Revolutionärs. Berlin: Dietz, 1960 (weitere Auflagen 1972 und 1974)
  • Ernst Schneller. Eine Biographie. Berlin: Dietz, 1977.
  • Wolfgang Kießling: Ernst Schneller – Zehn Jahre Kampf, zehn Jahre Revolution. Berlin: Dietz 1981.
  • Schneller, Ernst. In: Hermann Weber, Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2., überarb. und stark erw. Auflage. Karl Dietz Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ernst Schneller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.dhm.de/lemo/objekte/pict/608_1
  2. Liste der Teilnehmer
  3. Weiße Flecken, Nr. 3, S. 18 (PDF; 5,0 MB)
  4. Hermann Langbein: …nicht wie die Schafe zur Schlachtbank – Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Frankfurt am Main 1980, S. 227f.
  5. http://www.johann-walter-gymnasium.de/unsere_Schule/geschichte.htm
  6. Lutz Mohr: Schulschiffe unter Segel und Motor. Zur Geschichte der GST-Marineschule August Lütgens" Greifswald-Wieck. Elmenhorst: EDITION POMMERN 2012, ISBN 978-3-939680-07-9, S. 68