Ernst Seidler von Feuchtenegg

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Ernst Wilhelm Engelhardt Seidler von Feuchtenegg (* 5. Juni 1862 in Schwechat, Niederösterreich; † 23. Jänner 1931 in Wien) war ein österreichischer Jurist, Universitätsprofessor, Politiker und Ministerpräsident.

Ernst Seidler von Feuchtenegg 1918

Leben[Bearbeiten]

Geburtshaus in Schwechat

Seidler war der Sohn des Richters Stephan Seidler und dessen Frau Josefa Eleonora (geborene Reimann) und wurde in der Wiener Straße 19 (heute: Nr. 10) in Schwechat geboren. Er studierte Rechtswissenschaft bei Carl Menger an der Universität Wien und wurde 1887 zum Dr. jur. promoviert. Danach trat in den Staatsdienst und war unter anderem ab 1900 im Ackerbauministerium tätig, zuständig für Handesverträge und Wasserrecht. 1901 habilitierte er sich an der Universität Wien für Verwaltungsrecht und Verwaltungslehre. Ab 1906 lehrte er an der Hochschule für Bodenkultur und kehrte 1908 als Ministerialrat, 1909 Sektionschef in das Ackerbauministerium zurück. 1916 wurde er als Ritter von Feuchtenegg in den Adelsstand erhoben.[1]

Im Kabinett Heinrich Clam-Martinic amtierte Seidler von 1. Juni bis 23. Juli 1917 als Ackerbauminister. Nach Clams Rücktritt griff Kaiser Karl I. auf den politisch unerfahrenen Fachmann Seidler als Kompromisskandidaten zurück und ernannt ihn am 23. Juni 1917 zum österreichischen Ministerpräsidenten. Zur Lösung der Nationalitätenprobleme Cisleithaniens strebte Seidler eine Verfassungsreform an, bei der unter Beibehaltung der Kronländer möglichst national einheitliche Kreise mit eigener Autonomie geschaffen werden sollten. Es entstand ein zunehmender Gegensatz zum autoritär agierenden Außenminister Graf Ottokar Czernin.[1]

Trotz Bedenken gegen den Trialismus, meinte Seidler, es werde einmal zu einer Vereinigung von Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Dalmatien kommen. Nur eine Vereinigung mit den Slowenen sei ausgeschlossen. Andeutungen in diesem Sinne, zur Beruhigung der Südslawen, lehnte er aber ab.[2]

Seidlers Grab in Wien

Er versuchte mittels einer Amnestie für tschechische Aktivisten diese mit der Habsburgermonarchie auszusöhnen, was ihm jedoch nicht gelang. Seine geplante Verwaltungsreform für Böhmen und Mähren, die national abgegrenzte Kreise vorsah, und die ungelöste Lebensmittelkrise führten schließlich zu seinem Sturz.[3] Durch den „Brotfrieden“ mit der Ukraine, und der damit verbundenen Abtretung des Gebiets von Cholm, verlor Seidler die Unterstützung des Polenclubs im Reichsrat, worauf er am 25. Juli 1918 zurücktreten musste. Anschließend war er der letzte Kabinettsdirektor Kaiser Karls, mitverantwortlich für dessen Völkermanifest.[1]

Seidler war ein typischer Vertreter des vom österreichischen Neoabsolutismus her geprägten Beamtenadels, verfocht den deutschen Kurs mit dem „Fanatismus des deutschnationalen Parteigängers“. Er stand in engem Kontakt zu den „Ultras“ der deutschnationalen Parteien.[4]

Nach dem Krieg übernahm Seidler Positionen in Industrie und Bankwesen und widmete sich seinem wissenschaftlichen Werk.[1] Im Frühjahr 1930 erlitt Seidler einen leichten Schlaganfall, von dem er sich bald wieder erholen sollte. Anfang Jänner 1931 erlitt er einen weiteren Schlaganfall, an dessen Folgen er am 23. Jänner 1931 in seiner Wohnung verstarb. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Dornbacher Friedhof.

Mit seiner Frau Theresia (1865–1950) hatte er zwei Töchter, Alma, Schauspielerin, Elfriede und den Sohn Ernst (1888–1958), der Generaldirektor der Österreichischen Bundesbahnen wurde.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Die sozialwissenschaftliche Erkenntnis. Ein Beitrag zur Methodik der Gesellschaftslehre. G. Fischer, Jena 1930 (Nachdruck in der Google-Buchsuche, Springer, Wien 1999, ISBN 3-211-83125-8).

Literatur[Bearbeiten]

  • Christine Kosnetter: Ministerpräsident Dr. Ernst Ritter v. Seidler. Ungedruckte Dissertation Wien 1965.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ernst Seidler von Feuchtenegg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Peter Broucek: Seidler von Feuchtenegg Ernst. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 12. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2001−2005, ISBN 3-7001-3580-7, S. 131 f. (Direktlinks auf S. 131, S. 132).
  2. Miklós Komjáthy (Hrsg.): Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918). Budapest 1966, S. 661ff.
  3. Eintrag zu Ernst Seidler von Feuchtenegg in: Austria-Forum, dem österreichischen Wissensnetz – online (in AEIOU Österreich-Lexikon)
  4. Helmut Rumpler: Die Sixtusaktion und das Völkermanifest Kaiser Karls. Zur Strukturkrise des Habsburgerreiches 1917/18. In: Karl Bosl (Hrsg.): Versailles - St.Germain - Trianon. Umbruch in Europa vor fünfzig Jahren. Oldenburg/München/Wien 1971, S. 111-125, hier: S. 122.