Ernst Toller

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Ernst Toller während seiner Haft im Festungsgefängnis Niederschönfeld (frühe 1920er Jahre)

Ernst Toller (geboren am 1. Dezember 1893 in Samotschin, Provinz Posen; gestorben am 22. Mai 1939 in New York City) war ein deutscher Schriftsteller, Politiker und Revolutionär. Als zeitweiliger Vorsitzender der bayerischen USPD und Protagonist der kurzlebigen Münchner Räterepublik wurde er nach deren Niederschlagung im Mai 1919 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt und entging damit nur knapp einer zunächst drohenden Todesstrafe. Bereits während seiner Haft und mehr noch danach wurde er vor allem mit seinen Dramen als einer der maßgeblichen Vertreter des literarischen Expressionismus in der Weimarer Republik bekannt.

1932 emigrierte er zunächst in die Schweiz. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich wurde Toller aufgrund seiner jüdischen Herkunft und politischen Haltung formell aus Deutschland ausgebürgert, seine Werke gehörten zur Liste der im Mai 1933 als „undeutsch“ diffamierten „verbrannten Bücher“ im Herrschaftsbereich der NS-Diktatur. Nach verschiedenen Exilstationen (abgesehen von teils kurzfristigen Vortragsreisen in verschiedenen Ländern vor allem die Schweiz und England) kam er 1937 in die USA. Neben persönlichen Enttäuschungen resignierte der Pazifist und politische Moralist Ernst Toller zusehends angesichts der real erlebten Erfolge faschistischer Bewegungen, vor denen er bereits in den 1920er Jahren gewarnt hatte. Depressive Schübe häuften sich, bis er schließlich 1939 in den Vereinigten Staaten im Alter von 45 Jahren Suizid beging.

Zu Tollers bekanntesten Werken zählen die Dramen Masse Mensch und Hinkemann, sowie die autobiographische Veröffentlichung Eine Jugend in Deutschland. Vor allem mit dem Gedichtzyklus Das Schwalbenbuch war er auch als Lyriker erfolgreich.

Leben[Bearbeiten]

Toller war der jüngste Sohn des Getreidegroßhändlers Mendel Toller und dessen Ehefrau Ida, geborene Cohn. Ida betrieb den im Familienbesitz befindlichen Kolonialwarenladen. Die Familie gehörte zu den relativ wohlhabenden bürgerlich-jüdischen Kreisen in Samotschin, litt aber trotzdem unter dem Antisemitismus jener Zeit. Dies veranlasste den Vater, seinen Vornamen in Max abzuändern. Ab dem siebten Lebensjahr besuchte Ernst eine Privatschule für Knaben in seinem Heimatort. Um 1905 erkrankte er so schwer, dass er für ungefähr ein Jahr den Schulbesuch unterbrechen musste. 1906 konnte Toller auf das Realgymnasium in Bromberg wechseln und lebte dort als Kostgänger bei verschiedenen Familien. Rückblickend schrieb Toller später, dass das eine Einrichtung gewesen sei, die die Schüler zum Militarismus erzogen habe. Das preußische Schulwesen sei engstirnig und autoritär, es seien militaristische, nationalistische und erzkonservative Wertvorstellungen vermittelt worden. Das weckte Tollers Widerspruch. Er befasste sich mit moderner Literatur, die an seiner Schule verboten war.[1] In diese Zeit fallen auch seine ersten literarischen Versuche. Seine Beteiligung an der Theaterspielgruppe seiner Schule weckte den Wunsch nach dem Schauspielerberuf. Nach erfolgreichem Schulabschluss und gefördert durch ein kleines Stipendium konnte Toller sich im Februar 1914 an der „Ausländeruniversität“ in Grenoble einschreiben. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs kehrte er sofort nach Deutschland zurück. Nachdem sein Vater bereits 1911 gestorben war, führte seine Mutter das Familiengeschäft weiter und konnte sogar expandieren. Zu Beginn des Kriegs wurde der Firma Toller die Versorgung der Stadt Bochum mit Kartoffeln übertragen; zum Vertragsabschluss reiste fast der gesamte Stadtrat Bochums nach Samotschin.

Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Mit Wirkung vom 9. August 1914 trat Toller als Kriegsfreiwilliger dem 1. Kgl. Bay. Fuß-Artillerie-Regiment in München bei. Anfang 1915 war Toller in Germersheim stationiert; später wurde er nach Straßburg versetzt. Er meldete sich freiwillig zum Fronteinsatz und kämpfte bei Verdun. Bald schon wurde er seiner Tapferkeit wegen ausgezeichnet und zum Unteroffizier befördert. In dieser Zeit entstanden seine ersten Gedichte gegen den Krieg. Im Mai 1916 erlitt Toller einen völligen psychischen und physischen Zusammenbruch.

Ernst Toller (3. von rechts) in einer Gruppendiskussion mit Max Weber (4. von rechts), Fotografie Mai 1917 bei der Lauensteiner Tagung

Nach ersten Behandlungen in Sanatorien in Straßburg und Ebenhausen wurde Toller in die „Genesenden-Einheit“ seines Regiments nach Mainz versetzt. Da sich sein Zustand nur sehr langsam besserte, wurde Toller im Januar 1917 nicht mehr als kriegsverwendungsfähig beurteilt, so dass ihm ein Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München erlaubt wurde. Toller begann Jura und Philosophie zu studieren, wurde aber schon bald vom Literaturwissenschaftler Artur Kutscher in dessen Kreis aufgenommen. Hier machte Toller unter anderem Bekanntschaft mit Thomas Mann und Rainer Maria Rilke. Im September desselben Jahres wurde er vom Verleger Eugen Diederichs persönlich zu einem Treffen auf die Burg Lauenstein (Frankenwald) eingeladen (Lauensteiner Tagung).[2] Über Diederichs kam Toller in Kontakt mit Max Weber, der ihn an die Universität Heidelberg einlud.

Als Teilnehmer an den wöchentlichen Diskussionsrunden einer heterogenen Gruppe von linksorientierten Kriegsgegnern im Gasthaus „Zum goldenen Anker“ in München, zu denen Ende 1917 mehr als 100 Personen kamen, begegnete Toller unter anderem Kurt Eisner, der die Diskussionsleitung innehatte, Felix Fechenbach, Oskar Maria Graf und Erich Mühsam. In dieser Runde näherte er sich der pazifistischen Unabhängigen Sozialdemokratische Partei (USPD) an, die sich wenige Monate zuvor aus Opposition gegen die Burgfriedenspolitik von der SPD abgespalten hatte, und trat ihr bei.

Novemberrevolution und Münchner Räterepublik[Bearbeiten]

Seine Kriegserfahrungen bewirkten bei Toller eine pazifistische und revolutionär-sozialistische Einstellung. Noch im Januar 1918 wurde er nach Beteiligung am Munitionsarbeiterstreik in München inhaftiert und kurz darauf in die Psychiatrie zwangseingewiesen.[3] Nach Kriegsende beteiligte er sich an der Novemberrevolution in Bayern, die zum Sturz der Wittelsbacher-Dynastie und zur Gründung des Freistaats bzw. der Republik Bayern unter der provisorischen Ministerpräsidentschaft Kurt Eisners (USPD) führte.

Bei der Landtagswahl Ende Januar 1919 musste die USPD eine schwere Niederlage hinnehmen. Kurz vor seiner geplanten Rücktrittserklärung wurde Eisner am 21. Februar 1919 von einem völkisch-antisemitischen Attentäter ermordet. Der Mord an Eisner und die sich anschließenden Ereignisse verschärften den Konflikt zwischen den Anhängern einer parlamentarisch-pluralistisch ausgerichteten Republik und denjenigen einer sozialistisch orientierten Rätedemokratie. Es kam zu einem Machtvakuum, in dem die sich gegenüber stehenden Gremien – der Landtag einerseits und der Zentralrat der bayerischen Republik andererseits – gegenseitig die Legitimation für eine neue Regierungsbildung absprachen.

Toller, der nach dem Tod Kurt Eisners dessen Nachfolge im Parteivorsitz der bayerischen USPD übernahm,[4] stellte sich auf die Seite der entschiedenen Vertreter des Rätemodells – zusammen mit Gustav Landauer und Erich Mühsam gehörte er zu den führenden Protagonisten der am 7. April 1919 ausgerufenen Münchner Räterepublik (erste Phase der Räterepublik). Nach dem von Rotgardisten unter dem Kommando des Matrosen Rudolf Egelhofer vereitelten, gegen die Räteregierung gerichteten Palmsonntagsputsch vom 13. April 1919 übernahmen KPD-Kader um Eugen Leviné und Max Levien die führenden politischen Posten in der Räteregierung (zweite – kommunistische – Phase der Räterepublik). Egelhofer, dessen Hauptaufgabe der Aufbau einer „Roten Armee“ zur Verteidigung der Räterepublik war, wurde zum Stadtkommandanten Münchens ernannt. Ernst Toller, der den Führungswechsel anerkannte, wurde ihm als Stellvertreter und Abschnittskommandant zugeteilt. Als solcher war er der Befehlshaber der „Roten Armee“ der Münchner Räterepublik im Münchner Westen, wo es den ihm und seinem Stellvertreter Gustav Klingelhöfer[5] unterstellten Einheiten am 16. April kurzfristig gelang, die gegen die Räterepublik mobilisierten nach Dachau vorgedrungenen Freikorpsverbände zurückzuschlagen.

Unmittelbar vor der der Niederschlagung der Räterepublik durch Freikorps- und Reichswehrtruppen tauchte Toller, auf dessen Ergreifung eine Belohnung von 10.000 Reichsmark ausgesetzt war, am 1. Mai zunächst unter. Er wurde von unterschiedlichen Personen, unter anderen beispielsweise von der Schauspielerin Tilla Durieux, die sich zu der Zeit in der Münchner Klinik von Ferdinand Sauerbruch zur Behandlung aufhielt, materiell versorgt oder in Privatwohnungen versteckt.[6] Am 4. Juni 1919 wurde er schließlich in der Schwabinger Wohnung des Malers Johannes Reichel aufgespürt, verhaftet und angeklagt. Sein Verteidiger im Prozess vor dem Münchner Volksgericht (einem Sondergericht mit standrechtsähnlicher Verhandlungsführung) am 16. Juli 1919 war Hugo Haase, der neben seiner Funktion als Rechtsanwalt zugleich Reichsparteivorsitzender der USPD war. Als Zeuge der Verteidigung setzte sich der bekannte Soziologe und Universitätsprofessor Max Weber für seinen ehemaligen Studenten ein. Ungeachtet seiner eigenen prinzipiellen Gegnerschaft zur Räterepublik attestierte er Toller die „absolute Lauterkeit“ eines radikalen Gesinnungsethikers. Diese Zeugenaussage des renommierten Wissenschaftlers dürfte neben Haases Plädoyer dazu beigetragen haben, dass Toller – anders als Eugen Leviné – das Todesurteil erspart blieb und er mit einer Verurteilung zu fünf Jahren Festungshaft im Unterschied zu den meisten anderen Anführern der Räterepublik von den Vertretern ihrer Niederschlagung vergleichsweise milde bestraft wurde. Nach den ersten Monaten im provisorischen Festungsgefängnis Eichstätt verbüßte er den größten Teil seiner Haftzeit – vom 3. Februar 1920 bis 15. Juli 1924 – im Gefängnis Niederschönenfeld.

Weimarer Republik[Bearbeiten]

Während seiner Haft war Ernst Toller schriftstellerisch sehr produktiv. Neben vielen seiner Gedichte (Gefängnislyrik) entstanden Stücke wie zum Beispiel Die Wandlung, Masse Mensch (beide 1919), Die Maschinenstürmer (1921), Hinkemann (1922), die in der frühen Weimarer Republik auf verschiedenen Theaterbühnen erfolgreich aufgeführt wurden und Toller als Dramatiker und Lyriker bekannt machten. Angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit für den Inhaftierten wurde ihm 1920 von der bayerischen Landesregierung anlässlich der 100. Aufführung von Die Wandlung die Begnadigung angeboten. Diese lehnte Toller jedoch mit der Begründung ab, dass er gegenüber den anderen Gefangenen nicht bevorzugt werden wolle, nachdem seine Forderung nach einer allgemeinen Amnestie für alle Revolutionäre der Räterepublik sich als unrealistisch herausgestellt hatte.[7]

Hoppla, wir leben!, Erstausgabe im Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam 1927

Auch nach der Haftentlassung erregten Tollers revolutionäre, expressionistische Dichtungen Aufsehen. Im Theaterstück Masse Mensch hatte er sich, angelehnt an das Schicksal von Sarah Rabinowitz, unter anderem mit dem aus seiner revolutionären Tätigkeit in München resultierenden Gewissenskonflikt auseinandergesetzt. Toller wurde 1926 Mitglied der von Kurt Hiller gegründeten Gruppe Revolutionärer Pazifisten. Mit seiner Geschichtsrevue Hoppla, wir leben! eröffnete 1927 die Piscator-Bühne im Berliner Theater am Nollendorfplatz, die zum Inbegriff des Avantgardetheaters der 1920er Jahre wurde. 1926 schuf die Berliner Bildhauerin Renée Sintenis eine Büste Tollers.[8] 1931 besuchte er die vom Klassenkampf zerrissene Zweite Spanische Republik.[9] Diesen Besuch wiederholte er 1936, während des Bürgerkrieges, in Begleitung Christiane Grautoffs.

Emigration und Tod[Bearbeiten]

In die 23 Jahre jüngere Berliner Schauspielerin Christiane Grautoff hatte sich Toller spätestens 1932 verliebt. In diesem Jahr besuchte sie ihn in Amsterdam, wo Toller eine Wohnung gemietet hatte, die er sich streckenweise mit seinem Lektor und Verleger Fritz Landshoff von Querido teilte.[10] Im selben Jahr, noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, emigrierte Toller aus Deutschland zunächst in die Schweiz. Während seines Aufenthalts in Zürich wurde er von den Nationalsozialisten ausgebürgert, zog später nach Paris, dann nach London, wo er Grautoff am 16. Mai 1935 heiratete. Schließlich ließ er sich in den Vereinigten Staaten in Kalifornien nieder. Da er im August 1933 auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933 verzeichnet war, werden alle späteren Werke Tollers zur Exilliteratur gezählt. Auch Tollers Schriften waren 1933 auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennung gelandet.

Landshoff bescheinigt seinem Autor und Freund große Güte, Hilfsbereitschaft und neben einem „oft kindlichen Sinn für Humor“ eine „leidenschaftliche Hoffnung auf eine bessere Welt“, dazu eine „heimliche Liebe zum Luxus“, großen Charme, vor allem Frauen gegenüber, und ein gerütteltes Maß an Eitelkeit – Schwächen, über die sich Toller allerdings selbst auf eine zuweilen „rührende Weise“ im Klaren gewesen sei.[10]

1934 besuchte Toller Moskau, 1935 den von Ilja Ehrenburg initiierten Pariser Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur. Anfang Mai 1939 konnte Toller nur noch mit Mühe am New Yorker Kongress des P.E.N.-Clubs teilnehmen; er hielt dort seine letzte öffentliche Rede. Nach Abschluss dieser Tagung wurde er zusammen mit einigen Kollegen von Vizepräsident John Nance Garner ins Weiße Haus eingeladen, wo er Präsident Roosevelt vorgestellt wurde.

Ehrenburg schildert den „Dichterpartisanen“ Toller als „außergewöhnlich sanftmütigen“ Menschen, der sich gleichwohl stets den Härten des Lebens gestellt habe.[11] Ende Mai desselben Jahres sah sich Toller der damit verbundenen Zerreißprobe offenbar nicht mehr gewachsen: Er suchte in einem Zimmer des Mayflower Hotels am Central Park in New York den Freitod. Toller litt bereits seit vielen Jahren an (schubweise eintretenden) Depressionen und pflegte zudem die Gewohnheit, auf Reisen in seinem Koffer stets einen Strick mit sich zu führen. Landshoff betont, in diesem Auf und Ab sei Grautoff für Toller stets eine „unersetzliche Stütze“ gewesen.[12] Politische Gründe verstärkten Tollers Verzweiflung. Nach Gustav Reglers Zeugnis hatte sich Toller noch kurz vor seinem Tod bemüht, eine weltweite Kampagne zur Verwendung des Überschussgetreides der Vereinigten Staaten für die hungernden Kinder in Spanien zu organisieren. Aber Franco siegte. Toller habe sich „in völliger Verzweiflung über die Trägheit der demokratischen Welt und die Brutalität der faschistischen Führer“ erhängt.[13]

In der Campbell Funeral Chapel am Broadway in Manhattan fand fünf Tage später die Trauerfeier statt. Die Schriftsteller Oskar Maria Graf und Sinclair Lewis sowie der spanische Politiker Juan Negrín sprachen an seinem Sarg. Sein Freund Thomas Mann ließ durch seinen Sohn Klaus Mann ein Grußwort verlesen. Am 28. Mai 1939 wurde Ernst Toller im Krematorium in Ardsley eingeäschert. Seine Asche wurde jahrelang von niemandem abgeholt und zu einem unbekannten Zeitpunkt in einem schlichten Sammelurnengrab billigster Ausführung bestattet.

Das literarische Schaffen[Bearbeiten]

Toller wurde unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg als Vertreter der expressionistischen Literatur bekannt. In den 1920er Jahren verfasste er Schauspiele und Erzählwerke im Stil der Neuen Sachlichkeit. Toller galt als ein prominenter Vertreter der littérature engagée der Weimarer Republik, der mit literarischen Texten zugleich politisch wirken wollte:

„Kann Kunst die Wirklichkeit beeinflussen? Kann der Dichter vom Schreibtisch her Einfluß auf die Politik seiner Zeit gewinnen? Es gibt Autoren, die diese Frage verneinen, ich bejahe sie. Alle Kunst hat magische Wirkung. […] Kunst erreicht mehr als den Verstand, sie verankert sein Gefühl. Sie gibt dem verankerten Gefühl geistige Legitimation. Ich glaube darum, daß der Künstler nicht Thesen begründen, sondern Beispiele gestalten soll. Kunst gehört zu jenen seltenen geistigen Mitteln, verschüttete Instinkte zu erhellen, tapfere Haltungen zu schulen, spontanes Gefühl für Menschlichkeit, Freiheit und Schönheit zu vertiefen.“[14]

Neben dem in Haft entstandenen Gedichtband Das Schwalbenbuch (1924) und der in der Emigration verfassten Autobiographie Eine Jugend in Deutschland (1933) gründete Tollers Reputation als Schriftsteller seit der frühen Weimarer Republik vor allem auf seinen Arbeiten als Dramatiker.

Expressionistische Schauspiele[Bearbeiten]

Szenenfotografie aus der Uraufführung von Tollers Stück Die Wandlung in der Inszenierung von Karlheinz Martin am Theater Die Tribüne in Berlin, 30. September 1919: Fritz Kortner (rechts im Bild) spielt dabei die an Toller selbst angelehnte Hauptrolle des Kriegsheimkehrers Friedrich.

Nach der kurzen Phase der Münchner Räterepublik, an der Toller als begnadeter Rhetor und politische Leitfigur beteiligt war, wurde die Uraufführung seines Stücks Die Wandlung, das während des Ersten Weltkriegs entstanden war, in der Inszenierung Karlheinz Martins an der Berliner Tribüne von 1919 zu einem außerordentlichen Theatererfolg. Aufgrund seiner Inhaftierung konnte Toller an den Uraufführungen seiner frühen Schauspiele nicht teilnehmen. Seiner Landesregierung war die schriftstellerische Arbeit Tollers, der sich in der Festungshaft zu einer Symbolfigur der Linksintellektuellen der Weimarer Republik entwickelte, ein Dorn im Auge, wie Aufführungsverbote einzelner Stücke in Bayern belegen.

Im Zentrum der frühen expressionistischen Ideen- und Stationendramen stand regelmäßig ein junger Rebell, der als Vorbote einer neuen Gesellschaftsordnung in Erscheinung trat. Diesem Schema entsprachen Tollers erste Dramen Die Wandlung (1919), Masse Mensch (1920) und Die Maschinenstürmer (1922). Auf abstrakt-reflexiver Ebene behandelten sie das Scheitern der revolutionären Aufstände der Soldaten- und Arbeiterbewegung der Jahre 1917 bis 1919. Tollers frühe pazifistische Ideendramen zeichneten sich inhaltlich durch einen ethischen Absolutheitsanspruch und formal durch expressionistische Gestaltungsmerkmale wie stereotype Charakterzeichnung, Ideen als handlungstragende Elemente und eine verkürzte Sprache aus.

Historienspiele, Zeitrevuen, Komödien[Bearbeiten]

Auch in den folgenden Schauspielen blieb Toller „der Dramatiker, der einer ungerechten Ordnung das rechtlich gesinnte Individuum gegenüberstellt. Er präpariert an seinen im Wesentlichen passiv ihr Schicksal erleidenden Helden allgemein menschliche Züge heraus.“[15] Die Heimkehrertragödie Hinkemann leitete eine Phase von Theaterskandalen um Tollers Werk ein. Volksstückhafte Elemente wie Jahrmarkts- und Kneipenszenen stellten die makabre Szenerie für die persönliche Tragödie des verstümmelten Kriegsheimkehrers Hinkemann dar. Die folgende Komödie Der entfesselte Wotan (1923) reflektierte in einem Plot um einen Volksverführer und sein ‚Exportgeschäft‘ frühzeitig die von der NSDAP ausgehenden Gefahren: Ein von nationalem Sendungsbewusstsein erfüllter Frisör („Wotan“) gründet eine Gesellschaft für Auswanderer, erleidet jedoch in Lateinamerika Schiffbruch. Am Zenit von Tollers Schaffenskraft entstand 1927 der Fünfakter Hoppla, wir leben!, ein Drama über die verratene Novemberrevolution und die gesellschaftlichen Konflikte der Weimarer Republik. Das Stück entwickelte sich in der Inszenierung Erwin Piscators im Berliner Theater am Nollendorfplatz im gleichen Jahr zu einem großen Bühnenerfolg.

Mit dem historischen Schauspiel Feuer aus den Kesseln von 1930, in dem Toller den deutschen Matrosenaufstand von 1917/18 verarbeitete, konnte der Autor an vorige Erfolge nicht anknüpfen. Mit den Stücken Wunder in Amerika (1931) über die Glaubensgemeinschaft Christian Science und Die blinde Göttin (1932) über eine unverschuldet in Haft geratene Frau wandte sich der von der politischen Entwicklung enttäuschte Dramatiker vom unmittelbaren politischen Zeitgeschehen ab. Die in der US-Emigration entstandene Antikriegskomödie No more peace von 1936/37 zu einer Bühnenmusik von Hanns Eisler spielte in der entrückten Sphäre des Olymps. Historische Gestalten wie Franz von Assisi und Napoleon verkörperten gegensätzliche geschichtliche Prinzipien; biblische Gestalten spiegelten die universale Kriegsproblematik und Fragen von Schuld und Vergebung. Tollers letztes Drama Pastor Hall (1938) behandelte die authentische Geschichte eines Geistlichen, der aufgrund kritischer Stellungnahmen gegen das NS-Regime in das KZ Dachau deportiert wurde. Das Stück wurde postum 1940 in Großbritannien von Roy Boulting verfilmt.

Werkübersicht[Bearbeiten]

  • Die Wandlung, Drama, 1919
  • Masse Mensch, Drama, 1920 (erste Niederschrift Oktober 1919)
  • Die Maschinenstürmer, Drama, 1922
  • Hinkemann, Tragödie, 1923
  • Der entfesselte Wotan, Komödie, 1923
  • Das Schwalbenbuch, neue durchges. Auflage. Gustav Kiepenheuer, Weimar 1924
  • Hoppla, wir leben!, Drama, 1927
  • Justiz. Erlebnisse, 1927
  • Quer Durch, 1930
  • Feuer aus den Kesseln, 1930
  • Die blinde Göttin, 1933
  • Eine Jugend in Deutschland, Autobiographie. Amsterdam 1933 (Querido)
  • Nie wieder Friede, 1934
  • Briefe aus dem Gefängnis, 1935
  • Pastor Hall, 1939

Werkausgabe

Autorenlesung

  • Stimmen der Dichter. Deutsche Autoren lesen aus ihren Werken: 1907-1977. Eine Dokumentation des Zeitmagazin exklusiv. Promotion 1977 (S102). (LP) [Ernst Toller liest aus dem 2. Akt seines Zeitstücks Hoppla, wir leben! von 1927]

Rezeption in Literatur, Hörspiel und Film[Bearbeiten]

Schauspiel

Hörspiel

  • Die Wandlung. Regie: Amido Hoffmann. DRS 1970.
  • Berlin, letzte Ausgabe. Regie: Günter Bommert. RB/SWF/WDR 1976.
  • Feuer aus den Kesseln. Regie: Peter Groeger. DDR 1977.
  • Die Maschinenstürmer. Regie: Charles Benoit. DRS 1981.
  • Hoppla, wir leben. Regie: Heiner Schmidt. SFB 1983.
  • Eine Jugend in Deutschland. Regie: Katja Langenbach. BR 2008.

Film

  • Pastor Hall. Regie: Roy Boulting. Großbritannien: Charter 1940.[16]

Toller war an der Erstellung der (deutschen) Dialoge des Filmdramas Menschen hinter Gittern (USA 1931), das sich mit den unhaltbaren Zuständen in zeitgenössischen US-Gefängnissen auseinandersetzte, sowie der Operettenverfilmung Die Abenteuer des Königs Pausole (Österreich 1933) beteiligt.

Ehrungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Monographien

  • Dieter Distl: Ernst Toller. Eine politische Biographie. Bickel, Schrobenhausen 1993, ISBN 3-922803-77-6 (Edition Descartes 1; zugleich: München, Univ., Diss., 1993).
  • Richard Dove: Ernst Toller. Ein Leben in Deutschland. Steidl, München 1993, ISBN 3-88243-266-7.
  • Wolfgang Rothe: Ernst Toller in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1997, ISBN 3-499-50312-3 (rororo 50312, Rowohlts Monographien).
  • Stefan Neuhaus (Hrsg.): Ernst Toller und die Weimarer Republik. Ein Autor im Spannungsfeld von Literatur und Politik. Königshausen und Neumann, Würzburg 1999, ISBN 3-8260-1598-3 (Schriften der Ernst-Toller-Gesellschaft 1).

Aufsätze und Sammelbände

  • Ralf Georg Czapla: Verismus als Expressionismuskritik. Otto Dix’ „Streichholzhändler I“, Ernst Tollers „Hinkemann“ und George Grosz’ „Brokenbrow“-Illustrationen im Kontext zeitgenössischer Kunstdebatten. In: Stefan Neuhaus, Rolf Selbmann, Thorsten Unger (Hrsg.): Engagierte Literatur zwischen den Weltkriegen. Königshausen und Neumann, Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2395-1, S. 338–366 (Ernst-Toller-Gesellschaft: Schriften der Ernst-Toller-Gesellschaft 4).
  • Wolfgang Frühwald, John M. Spalek (Hrsg.): Der Fall Toller. Kommentar und Materialien. Hanser, München 1979, ISBN 3-446-12691-0.
  • Werner Fuld, Albert Ostermaier (Hrsg.): Die Göttin und ihr Sozialist. Christiane Grautoff – ihr Leben mit Ernst Toller. Mit Dokumenten zur Lebensgeschichte. Weidle, Bonn 1996, ISBN 3-931135-18-7.
  • Volker Ladenthin: Engagierte Literatur – wozu? Aussage oder Sinn. Aporien in Tollers Literaturästhetik. In: Stefan Neuhaus, Rolf Selbmann, Thorsten Unger (Hrsg.): Engagierte Literatur zwischen den Weltkriegen. Königshausen und Neumann, Würzburg 2002, ISBN 3-8260-2395-1, S. 53–65 (Ernst-Toller-Gesellschaft: Schriften der Ernst-Toller-Gesellschaft 4).
  • Volker Ladenthin: Die literarische Ästhetik Ernst Tollers. In: Petra Josting, Walter Fähnders (Hrsg.): „Laboratorium Vielseitigkeit“. Zur Literatur der Weimarer Republik. Festschrift für Helga Karrenbrock zum 60. Geburtstag. Aisthesis, Bielefeld 2005, ISBN 3-89528-546-3, S. 127–143.
  • Martin Mauthner: German Writers in French Exile. 1933–1940. Vallentine Mitchell u. a., London u. a. 2007, ISBN 978-0-85303-541-1.
  • Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Bücher. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008, ISBN 978-3-462-03962-7, besonders S. 79–82.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ernst Toller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Ernst Toller – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Richard Dove: Ernst Toller. Ein Leben in Deutschland. Steidl, München 1993, ISBN 3-88243-266-7. S. 26–30.
  2. Burg Lauenstein: Vor 100 Jahren strömen Intellektuelle aus ganz Deutschland in den Frankenwald; Artikel von Brigitte Degelmann für die Neue Presse, 12. Februar 2014 (online auf www.ludwigsstadt.de, abgerufen am 5. November 2014)
  3. Biographie E. Toller
  4. Levke Harders: Ernst Toller. Tabellarischer Lebenslauf im LeMO (DHM und HdG) bayerischer USPD-Vorsitz erwähnt unter der Jahreszahl 1919
  5. Bernhard Grau: Rote Armee, 1919. In: Historisches Lexikon Bayerns. 9. April 2013, abgerufen am 2. Juni 2013.
  6. Michaela Karl: Auf der Flucht – Die Jagd nach Ernst Toller. literaturportal-bayern.de, abgerufen am 14. September 2014
  7. Auszug einer Online Biographie über Ernst Toller, dort Abschnitt 1920: Begnadigungsangebot anlässlich der 100. Aufführung seines Stückes Die Wandlung
  8. Abbildung in der Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, Band 20 von 1993, S. 322
  9. Ilja Ehrenburg: Menschen – Jahre – Leben (Memoiren), Sonderausgabe München 1962/65, Band II 1923–1941, Portrait Tollers S. 244–252.
  10. a b Fritz H. Landshoff: Amsterdam, Keizersgracht 333, Querido Verlag. Berlin 1991, S. 116.
  11. Ilja Ehrenburg, München 1962/65, Band II, S. 245.
  12. Fritz H. Landshoff: Amsterdam, Keizersgracht 333, Querido Verlag. Berlin 1991, S. 117.
  13. Gustav Regler: Das Ohr des Malchus (Erinnerungen), Köln 1958, S. 509. Regler traf den „Propheten“ Toller als Student zunächst in Heidelberg (S. 74–76), dann in München (S. 92–94, 113-114), wo Toller freilich ganz handfest die „Rote Armee“ organisierte, und schließlich noch 1934 auf einem Schriftstellerkongreß in Moskau (S. 270).
  14. Ernst Toller: Kritische Schriften, Reden und Reportagen. Hrsg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald. (Gesammelte Werke, Bd. 1). Hanser, München / Wien 1978, S. 148.
  15. Klaus Kändler: Drama und Klassenkampf. Beziehungen zwischen Epochenproblematik und dramatischem Konflikt in der sozialistischen Dramatik der Weimarer Republik. Berlin / Weimar 1970, S. 294.
  16. Über massive Auseinandersetzungen um den Film, zu dem Eleanor Roosevelt ein Vorwort gesprochen hatte, in den Vereinigten Staaten bis hin zu einem Verbot durch das polizeiliche Zensur-Büro in Chicago 1940 berichtet Walter Wicclair: Von Kreuzburg bis Hollywood. Henschel, Berlin (DDR) 1975, S. 135–137.