Ervin Nyíregyházi

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der junge Ervin Nyíregyházi

Ervin Nyíregyházi (* 19. Januar 1903 in Budapest; † 13. April 1987 in Los Angeles) war ein amerikanischer Pianist ungarisch-jüdischer Herkunft.

Inhaltsverzeichnis

Das Wunderkind [Bearbeiten]

István Thomán, ein Liszt-Schüler, der 1906 in den Ruhestand getreten und dessen Schüler auch Bela Bartok gewesen war, gab Nyíregyházi sporadisch den ersten Unterricht. Mit 5 Jahren erhielt er Unterricht von Arnold Székely, selbst ein Schüler von Thomán, an der Königlich-Ungarischen Musikakademie bis die Familie 1914 Ungarn verließ. [1] Weitere Lehrer waren Ernő Dohnányi und in Berlin Frederic Lamond. Der Junge galt seinerzeit als „zweiter Liszt“, und seine Anfänge als „Wunderkind“ hatten immer wieder Vergleiche mit Mozart hervorgerufen.

1910 hatte das „Wunderkind“ das Interesse des Psychologen Géza Révész erregt, der ihn in einer Studie über vier Jahre begleitete. Révész wandte die neuen, von dem Franzosen Alfred Binet entwickelten Tests an, mit denen er feststellte, dass Ervins Intelligenz drei bis vier Jahre höher war als die Gleichaltriger. Bevor er Komposition studiert hatte, komponierte er bereits mit 6 Jahren. Er besaß das absolute Gehör und konnte Werke von Bach, Haydn oder Beethoven transponieren, wenn er das Notenblatt gesehen hatte. In nur zehn Tagen konnte er sämtliche Klavier-Konzerte von Schumann auswendig spielen. (Heute würden wir wohl sagen, dass er ein fotografisches Gedächtnis besaß.) [2]

Mit acht Jahren spielte er 1911 im Buckingham Palace vor Queen Mary und dem zukünftigen König Edward VIII. Mit den Berliner Philharmonikern unter Max Fiedler spielt er am 14. Oktober 1915 (zwölfjährig!) Beethovens c-Moll-Konzert und am 21. Oktober 1918 das Konzert A-Dur Nr. 2 für Klavier von Franz Liszt mit Begleitung des Orchesters unter Arthur Nikisch. Die Pianisten Wilhelm Backhaus, Artur Schnabel und Ferruccio Busoni waren seine Zeitgenossen. 1918 konzertierte er in Dänemark, 1919 in Norwegen und 1919-20 in Schweden

In Amerika [Bearbeiten]

Mit 17 hatte er sein sensationelles Debüt in New York. Die Carnegie Hall war mehrfach ausverkauft. Ervin Nyíregyházi geht daran, Rekorde aufzustellen. Mit 19 gibt er bis zu zwanzig Konzerte. Sein Repertoire ist unfassbar: Beethoven, Schumann, Brahms, Tschaikowsky, wenig Mozart, dafür Chopin Grieg, Debussy, Sibelius und so fort. Und natürlich: Franz Liszt, von dem er bald über 60 der schwierigsten Kompositionen beherrscht, was ihm den Beinamen "zweiter Liszt" eintrug. 1921 tritt er mit dem Boston Symphonie Orchester unter Pierre Monteux auf und spielt noch einmal das Konzert für Piano und Orchester No. 2 von Liszt. Um die gleiche Zeit tritt er mit dem Detroit Symphonie Orchester unter Ossip Gabrilowitsch auf.

1925 verklagte er seinen Konzertmanager R. E. Johnston, dem er unterstellte, vernachlässigt behandelt zu werden, weil er Sänger und Instrumentalisten begleiten musste. Er verlor den Prozess. Daraufhin wurde es schwierig für ihn, Engagements zu finden. Außerdem weigerte er sich, weitere Aufnahmen für die damals aufkommenden automatischen Klaviere anzufertigen. [3] Hinzu kam, dass er sich weigerte, das bekannte Pianisten Repertoire zu spielen, denn er fürchtete dem Vergleich mit anderen Pianisten. Er zog es vor, Transkriptionen seiner eigenen Werke zu spielen. Fortan geriet er an falsche Berater und Freunde, die keine waren. Er lebte über seine Verhältnisse und verarmte.

An der Westküste [Bearbeiten]

1928 siedelte Nyíregyházi nach Los Angeles um. Sein ungarischer Landsmann Bela Lugosi, in dem er einen Seelenverwandten fand, und der 1931 durch seinen Film Dracula zum gefeierten Starschauspieler wurde, lud zu Konzerten in seinem Haus aus und besorgte ihm einen Job bei United Artist, wo er Filmmusik orchestrierte und arrangierte.

1926 heiratete er zum ersten Mal eine 11 Jahre ältere Frau. Er entdeckte spät seine Sexualität, von der er dann besessen wurde. Er heiratete wegen Geld, Liebe, Sex oder Bequemlichkeit. Nebenbei hatte er Hunderte von Affairen, darunter auch Hollywood-Größen wie Gloria Swanson. Er behauptete, dass seine ungeheure Libido ihn zu dem ungeheuren Pianisten machten.

1935 schrieb Arnold Schoenberg enthusiastisch über ihn an Otto Klemperer, der zu der Zeit das Los Angeles Philharmonic Orchestra leitete. Bei einem Musikabend in Anwesenheit Klemperers frisierte Nyíregyházi Chopin einfach um: Er transponierte das Ende der b-Moll-Sonate einen halben Ton tiefer. Er fand diesen Schluss prunkender und wesentlich einleuchtender. Otto Klemperer war entsetzt. Im Oktober 1936 ist er noch einmal mit dem Los Angeles Symphonie Orchester unter dem Dirigenten Modest Altschuler zu hören und 1938 mit dem gleichen Dirigenten und dem Pasadena Symphonie Orchester.

Nyiregyhazi ließ sich mit fast jedem ein, der dazu bereit war, Männer wie Frauen. Auch vor der Geliebten seines Freundes Theodor Dreisers gab es kein Halten, wenn es ihm auch dessen Freundschaft mit guten Verbindungen kostete. Er war leicht zu beeinflussen und sich nicht bewusst, welche Verletzungen er anderen Menschen zufügte. Aus unbekannten Gründen hinterließ er keine Kinder. Sechs Ehen endeten mit Scheidung und drei seiner Ehefrauen starben.

1940 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Nach und nach gibt er seine Konzertkarriere auf und zieht in billige Hotels. Später sagte er einmal, dass er schon immer die Bühnenauftritte gehasst habe, die ihm das Gefühl gaben, noch immer unter dem Einfluss der Mutter zu stehen.

Für die Filmaufnahmen “A Song to Remember” [4] über Chopins Leben wurden 1945 zwar seine Hände gezeigt, die Klavier spielten, jedoch wurde José Iturbi engagiert, um den Soundtrack aufzunehmen. Die Schallplatte mit der Filmmusik wurde millionenfach verkauft. Das war typisch für Nyiregyhazis Leben. Aber er hatte auch den Ruf als Frauenheld und Trinker sowie unzuverlässig zu sein und war bekannt für seine Temperamentsausbrüche.

Seine panische Angst vor Bühnenauftritten führte dazu, dass er zeitweise nur inkognito mit Henkershaube auftrat. Einmal versucht er ein Comeback und tritt 1946 in Los Angeles auf. Er trägt eine Gesichtsmaske, wird als »Pianist X« verkauft und spielt Schostakowitsch, Rachmaninow und Liszts Mephisto-Walzer. Das Publikum ist hingerissen.

1972 tritt er nach 17 Jahren das erste Mal wieder öffentlich auf, um die Arztrechnungen seiner Ehefrau No. 9 bezahlen zu können. Als er im Mai 1973 in der Old First Church in San Francisco auftritt, nimmt ein Zuhörer diese Aufführung per Casette auf. Nyiregyhazi schickte dieses Band an Gregor Benko von der International Piano Library in New York. Die Plattenfirma CBS gab zwei LPs von dieser Aufnahme heraus. Somit entging Nyiregyhazi Nachlass um Haaresbreite der Vergessenheit.

In 1980 und 1982 begab sich Nyiregyhazi auf eine Konzertreise nach Japan, wo er ein Idol war. Er schien jedoch die Obskurität in Los Angeles vorzuziehen. [5]

Er starb am 13. April 1987 in Los Angeles an Krebs und wurde im Forest Lawn Memorial Park in Glendale, California, beigesetzt.

Er hinterließ mehr als 2000 Kompositionen, von denen die meistern unveröffentlicht blieben.

Literatur [Bearbeiten]

  • Kevin Bazzana: Pianist X. Die Lebensgeschichte eines exzentrischen Genies, Übersetzung aus dem Englischen: Birgit Irgang, Schott Verlag, 2007, ISBN 3-7957-0599-1

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Kevin Bazzana: LOST GENIUS. – Seite 21
  2. G. Revesz: The Psychology of a Prodigy (PDF; 571 kB). Engl. Ausgabe: Verlag: Paul Kegan, London 1925
  3. Klavierrollen mit der American Piano Company (AMPICO)
  4. A Song to remember
  5. Kevin Bazzana: Lost Genius: The Story of a Forgotten Musical Maverick. – in Auszügen

Weblinks [Bearbeiten]