Erzählung

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Eine Erzählung (lat.: narratio) ist eine Form der Darstellung. Man versteht darunter die Wiedergabe eines Geschehens in mündlicher oder schriftlicher Form. Deren Ergebnis, eine Geschichte im Sinne des englischen Begriffs story, nennt man Narration. Der Akt des Erzählens wird Narrativität genannt. Das Attribut narrativ wird auch für die Methode verwendet, Sachverhalte und Lehren in Form von stories zu vermitteln.

Im Gegensatz zu den Produkten einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung (der Dokumentierung von history) gibt es bei der Einordnung von Gesagtem bzw. Geschriebenem als „Erzählung“ im Sinne von story eine starke Konnotation zu dem Begriff Fiktion, d.h. zu dem Verdacht, das Erzählte sei, auch wenn der Erzähler anderes beteuern sollte, (zumindest teilweise) frei erfunden. Dementsprechend wird im englischsprachigen Raum Literatur in fiction und non fiction eingeteilt.

Allerdings wird insbesondere von Vertretern der Postmoderne die These in Frage gestellt, wonach die „Großen Erzählungen“ der Geschichtswissenschaft dem Anspruch auf „Wahrheit“ eher genügen als sogenannte „kleine Erzählungen“, die oft wissenschaftlichen Standards nicht genügen.[1] Denn in einem Prozess, wo das historische Ereignis vermittelt werden solle, finde notwendig ein Erzählen statt, wobei man von den Quellen zur historischen Erkenntnis gelange, sei es dass die Quellen bereits erzählten, sei es dass ein Historiker nach nichterzählenden Quellen Geschichte erzähle.[2] Demnach sei nicht nur die „figurative Narrativität“ (d.h. die Produktion literarischer Erzählungen), sondern auch die „historische Narrativität“ (d.h. die Produktion von Werken mit geschichtswissenschaftlichem Anspruch) nicht ohne poetische Elemente vorstellbar.[3]

Rolf Dobelli kritisiert in dem Kapitel „The Story Bias. Warum selbst die wahren Geschichten lügen“ seines Bestsellers „Die Kunst des klaren Denkens“ generell die Methode, reale Sachverhalte mit Hilfe von „stories“ zu veranschaulichen.[4]

Mit Erzählungen beschäftigen sich verschiedene Geistes- und Sozialwissenschaften, darunter die Sprach- und Literaturwissenschaft und die Kommunikations- und Medienwissenschaft. Eine interdisziplinäre Methode stellt dabei die Erzähltheorie (Narratologie) dar.

Inhaltsverzeichnis

Die Erzählung als Literaturgattung und als Literaturgenre [Bearbeiten]

Definitionen [Bearbeiten]

Erzählung als Gattung [Bearbeiten]

Erzählung im weiteren Sinne, sprich: im Sinne einer literarischen Gattung, meint die Literaturgattung der Epik als ganze.
Hier wird der Begriff „Erzählung“ also gebraucht als Oberbegriff für Novellen, Anekdoten, Kurzgeschichten, Sagen, Märchen, Nacherzählungen usw. einschließlich der Erzählungen im engeren Sinne.

Erzählung als Genre [Bearbeiten]

Erzählungen im engeren Sinne dagegen stellen ein eigenes (jedoch nicht exakt definiertes) literarisches Genre mittlerer Länge dar.
Charakteristisch hierbei ist, dass in einem Text – der meist kürzer und vor allem weniger „verschachtelt“ ist als in einem Roman und nicht die strengen Anforderungen an eine Novelle erfüllt – ein Handlungsverlauf bzw. eine Entwicklung chronologisch und durchgängig aus einer Perspektive vorgestellt wird. Gegenüber der Handlung zeitversetzte Rückblenden werden, wenn überhaupt, direkt in die Handlung eingeführt (z. B. als „Brief“ oder als „Erinnerung“).

Im Lehrbuch Deutsche Literaturgeschichte für höhere Schulen heißt es über das Genre der Erzählung:

Dichtungen, die sich in ihrem Gehalt an die Wirklichkeit des Lebens anschließen und schlicht und anschaulich eine einfache Begebenheit darstellen, [sind] Erzählungen; bei heiterer und komischer Darstellung Schwänke.

Leo Kyrell[5]

Erzählperspektiven [Bearbeiten]

Es gibt grundsätzlich vier unterschiedliche Erzählperspektiven:

  1. die Auktoriale Erzählsituation (allwissender Erzähler),
  2. die Personale Erzählsituation (Reflektorfigur) und
  3. die Ich-Erzählsituation sowie
  4. die Neutrale Erzählsituation.

Erzählmethodik [Bearbeiten]

Das Erzählen als Sprechakt [Bearbeiten]

In der Terminologie von John R. Searle ist Erzählen eine komplexe Sprachhandlung, die sich aus Behauptungshandlungen zusammensetzt. Im Gegensatz zu Sprechhandlungen sind Sprachhandlungen (und damit auch das Erzählen) auch in schriftlicher Form möglich. Die Gesamtillokution eines Erzähltextes enthält die Behauptung, dass etwas sich so, wie es erzählt wurde, ereignet habe.[6] Die im faktualen Erzähl-Text geschilderte Geschichte (im Sinne von story) und damit die Erzählung beziehen sich auf etwas außerhalb und vor der Story wirklich Geschehenes. Falls dies nicht der Fall sein sollte, wird die Erzählung als Lüge bzw. als auf einem Irrtum beruhend bewertet. Diese Konsequenz bleibt fiktionalen Erzählungen erspart, sofern zwischen Autor und Leser ein Fiktionsvertrag geschlossen wurde. In diesem Fall tritt eine „willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit“ ein, so dass der Leser bereit ist, die unrealistischen Züge der Geschichte zu akzeptieren.

Narrativität und "Story Bias" [Bearbeiten]

Die Herausgeber eines Bibellexikons meinen, Narrativität (d.h. die Vermittlung von Erfahrungen und Lehren mit Hilfe von „stories“) sei eine Form, das menschliche Sein zu erschließen. Sie beziehe sich auf die alltägliche Erfahrung, dass wir in Geschichten lebten und dass Erzählungen eine Dynamik zu eigen sei, die uns Menschen in sie hineinziehe. Es gehe also nicht nur um die Qualität eines Textes, sondern vor allem darum, dass Erzählen für unsere Welterschließung konstitutiv sei. Denn im Erzählen werde es möglich, die eigenen Erfahrungen zu versprachlichen, zu sortieren und zu interpretieren, an fremden Welten teilzuhaben und alternative Welten zu entwerfen.[7]

Rolf Dobelli hingegen bewertet die Neigung, alle möglichen Sachverhalte in Form von Geschichten zu vermitteln, als Quelle eines „Denkfehlers“, des „Story Bias“. Ein „Story Bias“ liege vor, wenn ein Sprecher oder Schreiber beispielsweise der Versuchung nicht widerstehen könne, die Tatsache, dass die Königin eines Landes wenige Tage nach dem Tod ihres Ehemannes gestorben sei, mit den Worten wiederzugeben: „Der König starb, und dann starb die Königin vor Trauer.“ Der wichtigste Anreiz, sich so auszudrücken, liege darin, dass so vermittelte Botschaften Lesern oder Hörern länger im Gedächtnis blieben als Botschaften, in denen Tatsachen möglichst ohne Interpretationen und Wertungen weitergegeben würden. Durch die Erzählung von Geschichten werde aber in die erzählte Realität „Sinn“ „hineinkonstruiert“. Laut Dobelli verdrehten und vereinfachten Geschichten die Wirklichkeit. Sie verdrängten alles, was nicht so recht hineinpassen wolle.[8]

Gerade der Konstrukt-Charakter von Erzählungen wird von der Narrativen Psychologie positiv bewertet.

Siehe auch [Bearbeiten]

Weblinks [Bearbeiten]

Wiktionary Wiktionary: Erzählung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Harm-Peer Zimmermann: Über die Würde narrativer Kulturen. Mythen und Lebensgeschichten im Spiegel postmodernen Wissens. In: Thomas Hengartner / Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): Leben – Erzählen. Beiträge zur Erzähl- und Biographieforschung. Berlin / Hamburg. Dietrich-Reimer-Verlag 2005, S. 119–144 (online; PDF; 6,0 MB)
  2. Hee-Jik Noo: Geschichte und Narrativität (PDF; 342 kB) Koreanische Gesellschaft für Germanistik/Hankuk University of Foreign Studies, Seoul, S. 114
  3. Hee-Jik Noo: Geschichte und Narrativität (PDF; 342 kB) Koreanische Gesellschaft für Germanistik/Hankuk University of Foreign Studies, Seoul, S. 119
  4. Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler, die Sie anderen überlassen sollten, München, Carl Hanser, 2011, S. 53–56
  5. In: Deutsche Literaturgeschichte für höhere Schulen. C.C. Buchners Verlag, Bamberg 1954, S. 430
  6. Frank Zipfel: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. Erich Schmidt, Berlin 2001, S. 60
  7. Dorothea Erbele-Küster: Narrativität. wibilex. Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet. 2009
  8. Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler, die Sie anderen überlassen sollten, München, Carl Hanser, 2011, S. 53–56