Erziehung

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Dieser Artikel befasst sich mit der Erziehung junger Menschen. Für weitere Bedeutungen siehe Erziehung (Begriffsklärung).
Der erste Schritt. Burmesische Familie

Unter Erziehung versteht man die von Erziehungsnormen geleitete Einübung von Kindern und Jugendlichen in diejenigen körperlichen, emotionalen, charakterlichen, sozialen, intellektuellen und lebenspraktischen Kompetenzen, die in einer gegebenen Kultur bei allen Menschen vorausgesetzt werden.

Erziehung ist Gegenstand philosophischer, religionswissenschaftlicher, juristischer, politikwissenschaftlicher, psychologischer, soziologischer, sozial- und kulturgeschichtlicher Betrachtung. Die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Theorie und Praxis von Erziehung befasst, ist die Pädagogik. Mit den gesellschaftlichen Strukturen des Erziehungssystems beschäftigt sich die Erziehungssoziologie, während die pädagogische Psychologie und die Schulpsychologie die psychologischen Dimensionen der Erziehung im Blickfeld haben.

Wortgeschichte und Begriffsabgrenzung[Bearbeiten]

Das Wort „erziehen“ geht auf ahd. irziohan („herausziehen“) zurück und nimmt unter dem Vorbild des Wortes educare (lateinisch für „großziehen“, „ernähren“, „erziehen“) bald die Lehnbedeutung „jemandes Geist und Charakter bilden und seine Entwicklung fördern“ an.[1]

Die Begriffe „Erziehung“, „Bildung“ und „Sozialisation“ liegen eng benachbart; sie sauber voneinander zu unterscheiden, ist nicht trivial. Eine genaue Bestandsaufnahme aller Konnotate der drei Begriffe haben 2008 Wolfgang Hörner, Barbara Drinck und Solvejg Jobst versucht.[2] Der vom deutschen Idealismus geprägte Begriff „Bildung“ bezieht sich danach stärker als „Erziehung“ auf die Kognition; die ausdrücklich normativen Komponenten von „Erziehung“ fehlen und die Eigentätigkeit des sich bildenden Individuums steht im Vordergrund, wodurch der Begriff ein Element von Emanzipation erhält.[3]

Eine Unterscheidung zwischen „Erziehung“ und „Sozialisation“ hat Friedhelm Neidhardt vorgenommen, für den Erstere ein normatives Konzept ist, in dem bestimmte ideale pädagogische Vorstellungen umgesetzt werden, während Letztere als Sammelbegriff alle faktischen Bedingungen des Hineinwachsens in eine Gesellschaft bezeichnet.[4]

Nicht selbstverständlich ist weiterhin die Unterscheidung von „Erziehung“ und „Pädagogik“. Noch Kant hat beide Ausdrücke meist synonym verwendet, und manche Autoren folgen ihm darin bis heute.[5] Die Mehrzahl der Autoren versteht unter „Pädagogik“ jedoch nicht die Erziehung selbst, sondern das Nachdenken über Erziehung.

Geschichte der Erziehung[Bearbeiten]

Hauptartikel: Geschichte der Pädagogik

Die Erziehung war in der westlichen Welt bis ins 20. Jahrhundert hinein vor allem vom Christentum geprägt, wobei das Ideal der christlichen Erziehung der gläubige Mensch war. Der mittelalterlichen Scholastik ist es zu verdanken, dass in die christliche Pädagogik auch aristotelisches Gedankengut einging. Die Aufklärung, der Neuhumanismus und der deutsche Idealismus führten vom 17. Jahrhundert an zur Entstehung einer säkularisierten bürgerlichen Erziehungsphilosophie, deren Ideal der gebildete, aufgeklärte Mensch war, der gleichzeitig ein nützliches Mitglied der Gesellschaft ist. In einer zweiten, von Jean-Jacques Rousseau ausgehenden Traditionslinie entstanden seit dem 19. Jahrhundert verschiedene Strömungen der Reformpädagogik, die sich gegen Lebensfremdheit und Autoritarismus wandten und ihre Pädagogik vom Kinde her zu entwickeln versuchten. Der Nationalsozialismus brachte im 20. Jahrhundert keine eigenständige Erziehungsphilosophie hervor, der systematische Missbrauch, den dieses Regime mit Erziehung trieb, hatte im deutschen Sprachraum nach 1945 jedoch eine langwierige Diskreditierung von Autorität zur Folge. Diese kam insbesondere in den pädagogischen Diskursen der 68er-Bewegung und der Außerparlamentarischen Opposition zum Ausdruck, prägt den gesellschaftlichen Erziehungsdiskurs in Deutschland und Österreich jedoch bis heute. In den Vereinigten Staaten dagegen, wo für einen vergleichbaren Autoritätsdiskurs die historischen Voraussetzungen fehlten, entstanden in den 1990er Jahren Ansätze zu einer modernen Charaktererziehung, die die Ideale der bürgerlichen Erziehung mit Einsichten der aktuellen psychologischen Forschung und den gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu vereinbaren sucht.

Soziologische Perspektive[Bearbeiten]

In seiner pädagogischen Hauptschrift, L’éducation morale (postum, 1923), hat der französische Soziologe Émile Durkheim Erziehung als „methodische Sozialisation“ bestimmt. Erziehung sei diejenige Teilmenge der Sozialisationsvorgänge, die das Kompetenzgefälle zwischen den Erwachsenen und der jüngeren Generation aufheben soll.[6] Erziehung mache den Menschen zum sozialen Geschöpf und diene der Bestandssicherung des sozialen Systems, in dem sie stattfindet. Als eine Tätigkeit, die von pädagogischen Normen geleitet wird, sei sie allerdings keine urmenschliche Gegebenheit, sondern setze historisch erst zu einem Zeitpunkt ein, an dem die Erziehung über Religion und Familie allein nicht mehr ausgereicht habe.[7]

Niklas Luhmann, der ebenfalls eine Reihe von Schriften zur Pädagogik veröffentlicht hat, begriff Erziehung als selbstreferentielles System und gelangte über diesen systemtheoretischen Ansatz zu der für Pädagogen irritierenden Einsicht, dass absichtsvolles Erziehen eher Glückssache als eine Selbstverständlichkeit sei.[8]

Psychologische Perspektive[Bearbeiten]

Mit Heinz Walter Krohne und Michael Hock unterscheidet man zwischen Erziehungskonzepten und Erziehungsstilen. Während Erziehungskonzepte Bündel von Einstellungen, Zielen und Überzeugungen sind, bezeichnet der Ausdruck „Erziehungsstil“ die individuellen Verhaltenstendenzen von Eltern und Erziehern. Beispiele für Erziehungskonzepte sind eine leistungs- oder bildungsorientierte, emanzipatorische, antiautoritäre oder christliche Erziehung. Unterschiedliche Erziehungsstile dagegen zeichnen sich durch unterschiedlich hohe Niveaus von Autorität, Responsivität und Empathie aus. Der Erziehungsstil kann sich ‒ der individuellen emotionalen und sozialen Kompetenz und dem Temperament des Erziehenden entsprechend ‒ von Person zu Person stark unterscheiden, ist beim Einzelnen aber meist recht stabil.[9]

Pädagogische Perspektive[Bearbeiten]

Von erziehungswissenschaftlicher Seite aus ist „Erziehung“ folgendermaßen definiert worden:

„Unter Erziehung werden Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten.“

Wolfgang Brezinka: Metatheorie der Erziehung: Eine Einführung in die Grundlagen der Erziehungswissenschaft, 1978, S. 45

Rechtliche Perspektive[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Das Erziehungsrecht der Eltern über ihre Kinder ist in Deutschland Art. 6 Abs. 2 Grundgesetz festgeschrieben:

„Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“

Während das deutsche Jugendwohlfahrtsgesetz eine Reihe von 'Maßnahmen' vorsah, gab es ab 1990 einen Paradigmenwechsel insofern, als das neue Jugendhilferecht im SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe (KJHG)) den Sorgeberechtigten in der Regel (freiwillige) Angebote und Leistungen als Rechtsanspruch zur Verfügung stellen wollte - das sind die Hilfen zur Erziehung gemäß der §§ 27 bis 41 SGB VIII. Nur im § 13 Abs. 3 SGB VIII, Kontext: Maßnahmen Schule-Beruf und in den § 42 SGB VIII (Inobhutnahme) wird von 'Maßnahmen' gesprochen.

Im Juli 2000 wurde vom deutschen Bundestag das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung verabschiedet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Allgemeine Literatur

  • Urs Fuhrer: Lehrbuch Erziehungspsychologie. 2. überarb. Auflage. Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84360-5.
  • Erich E. Geissler: Die Erziehung. Ihre Bedeutung, ihre Grundlagen und ihre Mittel. Ergon, Würzburg 2006, ISBN 3-89913-535-0.
  • Peter H. Ludwig: Einwirkung als unverzichtbares Konzept jeglichen erzieherischen Handelns. In: Zeitschrift für Pädagogik. 4/2000.
  • Jürgen Oelkers: Einführung in die Theorie der Erziehung. Beltz, Weinheim 2001, ISBN 3-407-25519-5.

Ratgeberliteratur

Siehe auch: Liste erfolgreicher Elternratgeber und Erziehungsbücher
  • Po Bronson, Ashley Merryman: 10 schockierende Wahrheiten über Erziehung. Was eine Stunde Schlaf mit ADS zu tun hat, warum Sie Ihr Kind besser nicht loben sollten und warum besonders gut gemeinte Erziehung keine 'Engel' produziert. (Originaltitel: Nurture Shock). Riemann Verlag, 2010, ISBN 978-3-570-50119-1.[10]
  • Andreas Dutschmann: Das Konfliktlösungstraining für Eltern und Pädagogen (KLT). verlag modernes lernen, Dortmund 2005, ISBN 3-938187-06-9.
  • Urs Fuhrer: Erziehungskompetenz. Was Eltern und Familien stark macht. Huber, Bern 2007, ISBN 978-3-456-84370-4.
  • Britta Hahn: Ich will anders, als du willst, Mama! Junfermann, Paderborn 2007, ISBN 978-3-87387-665-1.
  • Michael Köditz: Wenn Kinder schwierig sind. Eine Hilfestellung für Eltern, Lehrer und Erzieher. dtv Verlag, München 2004, ISBN 3-423-34117-3.
  • Norbert Kühne: Erziehen und Fördern – die 100 wichtigsten Fragen (FAQ). Bildungsverlag EINS, Troisdorf 2004, ISBN 3-427-19372-1.
  • Monika Löhle: Wie Kinder ticken. Vom Verstehen zum Erziehen. Huber Verlag, Bern 2007, ISBN 978-3-456-84496-1.
  • Walter Schmidt: Solange du deine Füße ... – Was Erziehungsfloskeln über uns verraten. Eichborn, Köln 2014, ISBN 978-3-8479-0563-9.
  • Bernd Seemann, Anna Seemann: Bedienungsanleitung Kind. LOBmedia-Lehmanns, Berlin 2007, ISBN 978-3-86541-210-2.

Spezialthemen

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Erziehung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Erziehung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Erziehung – Zitate

Ratgeberseiten

Rechtliche Gesichtspunkte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Duden: das Herkunftswörterbuch: Etymologie der deutschen Sprache. 4. Auflage. 2007.
  2. Wolfgang Hörner, Barbara Drinck, Solvejg Jobst: Bildung, Erziehung, Sozialisation. Verlag Barbara Budrich, Opladen 2008, ISBN 978-3-8252-3089-0.
  3. Hörner, Drinck, Jobst (2008), S. 10.
  4. Hörner, Drinck, Jobst (2008), S. 73; Friedhelm Neidhardt: „Modernisierung“ der Erziehung: Ansätze und Thesen zu einer Sozialisation. In: Franz Ronneberger (Hrsg.): Sozialisation durch Massenkommunikation. Enke, Stuttgart 1971, S. 1–20.
  5. Immanuel Kant: Über Pädagogik. Robinson dos Santos: Moralität und Erziehung bei Immanuel Kant. Diss. Kassel University Press, Kassel 2007, ISBN 978-3-89958-344-1, S. 22; vgl. z. B. Albert Wunsch: Abschied von der Spaßpädagogik.
  6. Heinz Duthel: Die große Geschichte der Freimaurerei: Freimaurerei Rituale und Grade. 2012, S. 169.
  7. Klaus Prange: Schlüsselwerke der Pädagogik. Band 2: Von Fröbel bis Luhmann. Kohlhammer, 2009, ISBN 978-3-17-019607-0, S. 118–130.
  8. Niklas Luhmann: Schriften zur Pädagogik. Suhrkamp 2004. (Rezension)
  9. Heinz Walter Krohne, Michael Hock: Elterliche Erziehung und Angstentwicklung des Kindes: Untersuchung über die Entwicklungsbedingungen von Ängstlichkeit und Angstbewältigung. Huber, Bern 1994; Heinz Walter Krohne, Michael Hock: Erziehungsstil. In: D. H. Rost (Hrsg.): Handwörterbuch pädagogischer Psychologie. Beltz, Weinheim 1998.
  10. Leseprobe