Essener

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Essener (zweite Silbe lang: ē) oder Essäer wird eine vermutete religiöse Gruppe im antiken Judentum vor der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) bezeichnet.

Nach verschiedenen Angaben zeitgenössischer Autoren befolgten sie strenge, zum Teil asketische Lebensregeln. Außer diesen literarischen Zeugnissen gibt es keine Beweise ihrer Existenz. Die seit 1952 einflussreiche These, sie seien identisch oder verwandt mit den Bewohnern von Qumran („Qumran-Essener“) und den Herstellern und Autoren einiger oder aller Schriftrollen vom Toten Meer, wird heute aufgrund der Befunde relativiert oder bestritten.[1]

Name[Bearbeiten]

Auf Griechisch wurde diese Gruppe Essaioi oder Essenoi, auf Lateinisch Essei oder Esseni genannt. Der christliche Bischof Epiphanius von Salamis (315–403) unterschied Jessaioi, samaritanische Essaioi und judäische Ossaioi voneinander.

Herkunft und Bedeutung dieser Namen sind unbekannt. Einige Autoren vermuten, sie seien vom hebräischen Ausdruck osseh hatorah (Täter der Tora) abzuleiten. In den bei Qumran gefundenen Schriften fehlt dieser Ausdruck; dort, wo er bisweilen erscheint, ist er keiner besonderen Gruppe zugeordnet, da alle Juden die Tora zu befolgen hatten.[2] Andere vermuten eine Herkunft des Namens vom aramäischen hasin und dem hebräischen Äquivalent hasidim (Fromme), nehmen also eine Nähe der Essener zu den um 300 v. Chr. im Judentum aufgekommenen Chassidim an.[3]

Antike Darstellungen[Bearbeiten]

Alle frühen Erwähnungen dieser Gruppe oder Gruppen stammen von Autoren aus dem 1. Jahrhundert.

Der römische Historiker Plinius der Ältere berichtete in Naturalis historia (Buch 5,73) von Esseni, die am Toten Meer nahe der Oase En Gedi als zölibatäre Gruppe ohne Geld gelebt hätten. In diesem Zusammenhang erwähnt er auch die Festung Masada.

Philo von Alexandrien schrieb in Prob Lib 72–91 („Über die Freiheit des Tüchtigen“) von 4000 Essäern in Syrien:

  • Sie lebten in Dörfern und mieden Städte,
  • hätten weder Geld noch Großgrundbesitz, weder Schiffe noch Sklaven,
  • stellten keine Waffen her,
  • betrieben keinen Großhandel.

Anschließend beschrieb er als weitere Sondergruppe die Therapeuten mit ähnlichen Zügen.

Flavius Josephus nannte die Essener wiederholt als dritte große jüdische „Partei“ neben Pharisäern und Sadduzäern. Er schrieb in De bello Judaico (2, 119–161):

  • Sie betrieben Philosophie,
  • „liebten einander“ mehr als alle übrigen jüdischen Gruppen,
  • lebten asketisch,
  • lehnten Umgang mit Frauen (Sexualität) ab,
  • lehnten Öl (Salbung) ab,
  • trugen weiße Kleider,
  • übereigneten beim Eintritt ihren ganzen Besitz der Gruppe,
  • ein dazu Gewählter verwalte den Gemeinbesitz,
  • bewohnten keine besondere Stadt, sondern bildeten in jeder Stadt Gruppen,
  • nähmen Waffen nur auf Reisen zum Schutz vor Räubern mit,
  • beteten vor Sonnenaufgang,
  • äßen nach Tischgebeten mittags und abends gemeinsam,
  • betätigten sich als Heiler,
  • lehnten das Schwören ab,
  • außer ihrem Eid beim Eintritt, „Ungerechte zu hassen und mit den Gerechten zu kämpfen“,
  • müssten ein Noviziat ableisten,
  • würden bei Regelverstößen ausgeschlossen,
  • befolgten den Sabbat streng,
  • vergruben ihre Exkremente,
  • seien bereit, für die Tora zu sterben (Märtyrer),
  • glaubten an die Unsterblichkeit der Seelen zur Erlösung oder ewigen Strafe.

An anderer Stelle (18,11.18-22) ergänzte er:

  • Sie opferten Gott nicht,
  • schlossen keine Ehen,
  • besäßen keine Sklaven,
  • trieben Ackerbau,
  • hätten Priester als Verwalter.

In seinen Antiquitates Iudaicae verglich Josephus die Essener mit den Pythagoräern. Sie hätten Herodes den Treueid verweigert, und dieser habe sie gewähren lassen. Er erwähnte auch einige Personen, die Essener gewesen seien: einen Weissager, einen Traumdeuter, einen späteren Oberbefehlshaber. Eventuell war auch der asketische heilige Bannus, bei dem Josephus drei Jahre gelebt haben will, bevor er Pharisäer wurde, ein Essener.

In einer altrussischen Übersetzung von De bello Judaico wurden folgende Angaben zu den Essenern ergänzt:

  • sie weissagten,
  • sie besäßen ein geheimes Buch mit Engelnamen,
  • eine Untergruppe heirate und zeuge Kinder, lebe aber von den anderen getrennt,
  • sie seien sehr gastfreundlich,
  • sie sängen nachts.

Spätere christliche Autoren beschrieben die Essener meist in Zitaten oder Zusammenfassungen früherer Angaben. Hegesipp nahm sie in seine Liste jüdischer Häresien auf; so auch Hippolyt von Rom, der die Beschreibung des Josephus übernahm. Eusebius von Caesarea (praep ev 7,11) zufolge lebten sie in Dörfern und Städten – damit harmonisierte er wohl den Widerspruch zwischen Philo und Josephus in diesem Punkt –, sie seien ältere Männer mit wenig Besitz, die Essen und Kleidung miteinander teilten. Synesios von Kyrene (370–412) zitierte Dion Chrysostomos (um 40–112): Die Essener wohnten in einer „glücklichen Stadt“ am Toten Meer nahe dem untergegangenen biblischen Sodom. Falls authentisch, wäre diese Angabe die älteste.[4]

Schriftrollen von Qumran[Bearbeiten]

In den bei Qumran gefundenen Schriften aus etwa 250 v. Chr. bis 70 n. Chr. fanden sich einige Texte, die auf eine jüdische Sondergemeinschaft hindeuten: die sogenannte „Gemeinderegel“ (1QS), die „Gemeinschaftsregel“ (1QSa) (Anhang zur Gemeinderegel), die „Damaskus-Schrift“. Außerdem die „Kriegsrolle“ (1QM und 4Q491-496), die „Tempelrolle“ (11QTa.b), die „Kupferrolle“ (3Q15) und der „Habakuk-Kommentar“ (1QpHab) (Päschär des Propheten Habakuk).[5] 1QS und 1QSa berichten von einer jachad (Einung) genannten Gruppe, die eine gemeinsame Kasse, Mahlzeiten, Probezeit für Neumitglieder kannte und denen, die gegen ihre Regeln verstießen, den Ausschluss androhte.

In keiner der etwa 850 Schriften fand man jedoch Hinweise auf Esseni oder Essaioi oder Begriffe, die sich als deren Wortwurzel deuten lassen. Für Askese und Zölibat fanden sich dort ebenso wenig Belege wie für einen Schicksals- und Unsterblichkeitsglauben. Die Vielfalt der behandelten Themen lässt sich keiner bestimmten jüdischen Gruppe zuordnen.[6]

Historische Beurteilungen[Bearbeiten]

Die antiken Angaben ergeben das Bild einer asketischen, fast nur aus Männern bestehenden, überwiegend zölibatär und nahezu besitzlos lebenden Gruppe, die nicht auf bestimmte Wohnorte begrenzt war. Darüber hinaus finden sich wenige präzise und auf einen bestimmten Gruppentyp hindeutende Merkmale und keine Orte, Daten oder Personen, die auch andere Quellen Essenern zuordnen.

Asketische Lebensweise und der zeitweise Rückzug in die Wüste wird auch von anderen damaligen Juden – Josephus selbst, Johannes dem Täufer, eventuell Jesus von Nazaret – berichtet. Essener oder eine Gruppe mit den ihnen zugeschriebenen Merkmalen werden weder im Neuen Testament noch im späteren Talmud erwähnt. Die ihnen zugeschriebenen Motive der Gütergemeinschaft und Besitzaufgabe waren auch für die Pythagoräer sowie später die Urchristen bekannt. Das gemeinsame Mahl und der mögliche Ausschluss bei Regelverstößen waren Kennzeichen vieler antiken Vereine, die kein Zusammenwohnen voraussetzten. Damit erwiesen sich gerade jene in antiker Literatur erwähnten Merkmale, die auch die Gemeinschaftstexte der Schriftrollen enthalten, als wenig aussagekräftig.[7]

Darüber hinaus erwies Roland Bergmeier 1993, dass Josephus und Philo den Essenern viele Züge zuschrieben, die früher den Pythagoräern zugeschrieben worden waren, so dass er annimmt, dass ihnen eine gemeinsame literarische Quelle dazu vorlag. Diese Züge repräsentierten ein im Hellenismus allgemein bekanntes Idealbild, das der damaligen patriarchalischen Sozialordnung gegenübergestellt wurde. Den Essenern wurden also Lebens- und Verhaltensweisen nachgesagt, die man sich für die Mehrheitsgesellschaft wünschte, die aber nicht unbedingt tatsächlich praktiziert wurden.[8]

So gleicht ihr Bild dem später gezeichneten Bild anderer „Aussteiger“, etwa den Rechabitern oder Eliajüngern bei den Juden, den Gymnosophisten bei den Griechen, den Karmelitern bei den Christen im Mittelalter.[9]

Spekulative Theorien[Bearbeiten]

Die Essener werden in populärer fiktionaler und esoterischer Literatur oft herangezogen, um neutestamentliche Angaben zu Jesus von Nazaret spekulativ zu ergänzen, umzudeuten und durch ein anderes Jesusbild zu ersetzen. Dies betrifft zum einen Jesu Herkunft, die als nichtjüdische, zum anderen seinen Tod am Kreuz, der als Scheintod erwiesen werden soll.

Johann Georg Wachter (1673–1759) stellte 1713 als erster die These auf, Jesus sei ein Zögling der Essäer gewesen.[10]

Der evangelische Theologe Karl Heinrich Georg Venturini (1768–1849) vertrat ab 1800 im Rahmen der damaligen rationalistischen Versuche, die Wunder und die Auferstehung Jesu auf natürliche Weise zu erklären, folgende Theorie: Die Essener seien ein besonders heilkundiger jüdischer Geheimbund gewesen. Jesus sei bei ihnen aufgewachsen und in seiner Jugend von ihnen zum Heiler ausgebildet worden. Mit ihrer überlegenen Heilkunst habe er die scheinbaren Wunder vollbracht und die Kreuzigung überlebt.[11]

1849 erschien in Leipzig ein Buch ohne Autorenangabe mit dem Titel Wichtige historische Enthüllungen über die wirkliche Todesart Jesu. Nach einem alten, in Alexandrien gefundenen Manuskripte von einem Zeitgenossen Jesu aus dem heiligen Orden der Essäer. Aus einer lateinischen Abschrift des Originals übersetzt. Die Bibliothek habe dem ägyptischen Zweig der Essäer gehört, der arischer Herkunft gewesen sei. Jesu Familie habe ihm angehört und sei nach Jesu Geburt dorthin geflohen. Nach Jesu angeblichem Tod hätten sich die Essäer nach ihm erkundigt. Der Ordensälteste in Jerusalem habe brieflich geantwortet: Er habe Jesu Kreuzigung als Augenzeuge miterlebt. Jesus sei dabei in ein Koma gefallen und später durch die medizinischen Künste von zwei Essäern – Joseph von Arimathäa und Nikodemus – heimlich wiederbelebt worden. Allerdings sei er sechs Monate später an den Folgen der Folter gestorben.

Das Buch erfuhr in zwei Jahren sieben Auflagen und ging in viele Folgeschriften dieser Art ein.[12] Als Autor wurde schon 1849 der Medizinprofessor Philipp Friedrich Hermann Klencke (1813–1881) vermutet, der als Plagiator bekannt war[13] und weitere Bücher über die Essäer verfasste.[14]

1867 veröffentlichte Friedrich Clemens Gierke unter dem Pseudonym Friedrich Clemens ein „Urevangelium der Essäer“, das er ebenfalls als sensationellen Fund ausgab. Darin behauptet ein Ich-Erzähler genaue Detailkenntnisse der Kreuzigung Jesu: Er selbst habe die Heilmittel geholt, mit denen sie Jesu Leben gerettet hätten.[15] Das Buch wurde schon 1868 als auf dem Essäerbuch von 1849 beruhende Fälschung erwiesen.[16] Die Theorie wurde gleichwohl immer wieder aufgegriffen und variiert, so mit der bekannten These „Jesus in Indien“.[17] Sie diente auch einigen Vorläufern der Deutschen Christen dazu, einen „arischen Jesus“ zu behaupten.[18]

Edmond Bordeaux Szekely (1905–1979) gab seit 1968 in immer neuen Auflagen ein „Geheimes Evangelium“ oder ein „Friedensevangelium der Essener“ heraus, das er aus einer in Vatikanarchiven entdeckten aramäischen Handschrift übersetzt haben will. Darin wird etwa eine besondere Form des Vegetarismus, angekeimten Weizen und nichts Gekochtes zu essen, als Lehre der Essener dargestellt.[19]

Literatur[Bearbeiten]

Antike Quellen

Wissenschaftliche Darstellungen

Populärliteratur

  • Cay Rademacher: Das Geheimnis der Essener. Ein historischer Kriminalroman aus dem antiken Rom. Nymphenburger, München 2003, ISBN 3-485-00959-8.
  • Anne und Daniel Meurois-Givaudan: Essener Erinnerungen. Die spirituellen Lehren Jesu. München 1988, ISBN 3-88034-344-6.
  • Anne und Daniel Meurois-Givaudan: Im Lande Kal. Der Weg der Essener. München 1994, ISBN 3-88034-765-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klaus Berger: Qumran. Funde – Texte – Geschichte. Reclam, Stuttgart 1998, S. 115ff.
  2. Klaus Berger: Qumran. Funde – Texte – Geschichte. 1998, S. 108 und 111.
  3. Hildegard Temporini, Wolfgang Haase: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. 3 Teilbände. Walter de Gruyter, 1979, ISBN 3-11-007968-2, S. 730f.
  4. Klaus Berger: Qumran. Funde – Texte – Geschichte. 1998, S. 108–111.
  5. Arend Remmers: Die Schriftrollen vom Toten Meer und die Bibel. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Hückeswagen 2003.
  6. Klaus Berger: Qumran. Funde – Texte – Geschichte. Reclam, Stuttgart 1998, S. 112f.
  7. Matthias Klinghardt: Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft. Tübingen 1996.
  8. Roland Bergmeier: Die Essener-Berichte des Flavius Josephus. Kok Pharos Publishing House, Kampen 1993, ISBN 90-390-0014-X.
  9. Siegfried Wagner: Die Essener in der wissenschaftlichen Diskussion vom Ausgang des 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Berlin 1960.
  10. Winfried Schröder (Hrsg.): Johann Georg Wachter: De primordiis Christianae religionis: Elucidarius cabalisticus; Origines juris naturalis. („Zwei Bücher über die Ursprünge der Christlichen Religion, deren erstes von den Essäern handelt, die den Grund für die Christen legten, das andere von den Christen, den Nachfolgern der Essäer“; 1713) Neuauflage, Frommann-Holzboog, 1995, ISBN 3772816126
  11. Karl Heinrich Venturini: Natürliche Geschichte des großen Propheten von Nazareth. Kopenhagen 1800–1802; dargestellt bei Joachim Finger: Jesus – Essener, Guru, Esoteriker? Neuen Evangelien und Apokryphen auf den Buchstaben gefühlt. Mainz/Stuttgart 1993, S. 37–47.
  12. Zum Beispiel Hermann Kissener (Hrsg.): Wer war Jesus? Der Essäer-Brief aus dem Jahre 40 n. Chr. Authentische Mitteilungen eines Zeitgenossen Jesu über Geburt, Jugend, Leben und Todesart, sowie über die Mutter des Nazareners. Drei Eichen Verlag, Engelberg/München, 1. Auflage. 1968; 11. Auflage 1993, ISBN 3-7699-0452-4.
  13. Theodore Brieger, Bernhard Bess: Zeitschrift für Kirchengeschichte, Band 106. W. Kohlhammer, Stuttgart 1995, S. 359
  14. Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, Band 38. E.J. Brill, 1986, S. 34 und 46 (Werkliste)
  15. Friedrich Clemens (Pseudonym): Jesus, der Nazarener. Des Weisesten der weisen Leben, Lehre und natürliches Ende. Der Wirklichkeit nacherzählt und dem deutschen Volke gewidmet. Hamburg 1868.
  16. Rainer Henrich: Rationalistische Christentumskritik in essenischem Gewand. Der Streit um die „Enthüllungen über die wirkliche Todesart Jesu“. Kohlhammer, Stuttgart 1995
  17. Heinzpeter Hempelmann: Das Jesusgrab in Shrinagar und andere Blüten der Scheintodtheorie. Ockhams Rasiermesser an die Wurzel wuchernder Hypothesenbildung gelegt
  18. Norbert Klatt: Der Essäerbrief. Zur geistesgeschichtlichen Einordnung einer Fälschung. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 38. Brill, Leiden 1986, ISSN 0044-3441, S. 32–48.
  19. Edmond Bordeaux Szekely: Das geheime Evangelium der Essener. Neue Erde GmbH, 2003, ISBN 3-89060-130-8; Das Friedensevangelium der Essener. ISBN 3-921786-01-0 und andere Ausgaben.