Essex (Schiff)

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Essex
Skizze von Thomas Nickerson zum Angriff eines Pottwals am 20. November 1820 auf die Essex

Skizze von Thomas Nickerson zum Angriff eines Pottwals am 20. November 1820 auf die Essex

p1
Schiffsdaten
Flagge Vereinigte Staaten 23Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten
Schiffstyp Walfänger
Verbleib 1820 gesunken
Schiffsmaße und Besatzung
Länge
28 m (Lüa)
Breite 8 m
 
Besatzung 21 Mann
Takelung und Rigg
Takelung Bark
Anzahl Masten 3

Die Essex war ein amerikanisches Walfangsegelschiff des 19. Jahrhunderts mit Heimathafen Nantucket. Sie war ein kleines, robustes Schiff mit 19 erfolgreichen Jahren auf Walfangfahrten.

Es wurde um 1800 in Nantucket, Massachusetts, aus Holz als Walfangschiff gebaut. Die Essex war mit 238 Tonnen vermessen, 28 m lang, 8 m breit und 5 m raumtief und zunächst als Bark, später als Vollschiff geriggt. Drei Ruderboote für den Walfang waren an Bord. Beim Auslaufen im August 1819 befand sich unter dem Kommando von George Pollard inklusive diesem selbst eine Besatzung von 21 Mann an Bord.

Die Essex wurde der bekannteste Fall eines von einem Wal angegriffenen und versenkten Schiffes. Weitere Fälle waren die Pusie Hall (1835), die Two Generals (1838), die Pocahontas (1850) und die Ann Alexander (1851), deren Mannschaft zwei Tage nach dem Untergang geborgen werden konnte.

Berichte über das Unglück lieferten vor allem die Tagebücher und nachmalige Niederschriften des damaligen Ersten Maats Owen Chase und des damaligen Schiffsjungen Thomas Nickerson. Dieser Vorfall war die historische Vorlage für Herman Melvilles Roman Moby Dick.

Reiseverlauf[Bearbeiten]

Die Essex startete zu ihrer Fangfahrt am 12. August 1819 von Nantucket. Wie inzwischen üblich wurde zunächst die afrikanische Küste angesteuert, um von dort mit günstigen Winden schneller zur Südspitze von Südamerika voranzukommen. Mit einigen zwischenzeitlich im Atlantik erlegten Walen konnten etliche Fässer mit Waltran gefüllt werden. Nach der Umrundung von Kap Hoorn sollten in den Paarungsgebieten im Pazifik die dort erwarteten Pottwale gejagt werden.

Reisedaten der Essex [1][Bearbeiten]

Datum / Zeitraum Ort Ereignis
12. August 1819 Nantucket Ausreise
15. August 1819 Schiff kentert bei einer seitlichen Böe und wird wieder aufgerichtet
2. September 1819 Flores (Azoren) Versuch, ein zusätzliches Walboot zu bekommen
19. September 1819 Boa Vista (Kap Verde) Beschaffung eines zusätzlichen Walbootes
November 1819 Falkland-Inseln Vorbeifahrt
Dez. 1819 - Januar 1820 Kap Hoorn Umrundung
Januar 1820 Arauco, Chile Halt
Talcahuano, Chile Verproviantierung
Juni 1820 Arica, Chile Verproviantierung
Juni bis August 1820 Küste von Peru etwa 11 Wale werden erlegt, 450 Fässer mit Tran gefüllt
September 1820 Atacames, Ecuador Verproviantierung, Matrose Dewitt setzt sich ab
8. Oktober 1820 Galapagos-Inseln Verproviantierung
20. November 1820 Pazifik / Äquator
0° 41' Süd, 119° West
Jagd auf Pottwale, Pottwal-Angriff, Untergang der Essex

Untergang des Schiffes[Bearbeiten]

Skizze des gekenterten Walfangschiffes Essex von Thomas Nickerson

Am Morgen des 20. November 1820 hatte die Besatzung im Pazifik, etwa 3.700 Kilometer von Südamerika entfernt, auf der Position 0° 41′ 0″ S, 118° 0′ 0″ W-0.68333333333333-118, eine Schule von Walen entdeckt und die Fangboote ausgebracht. Eines der Boote wurde beim Harpunieren von einem Wal attackiert, so dass die Besatzung gezwungen war, die Leine zu kappen. Daraufhin rief Kapitän Pollard die Boote zurück an Bord. Als sie sich der Essex näherten, sahen sie, dass das Schiff bei Windstille und ruhiger See ohne erkennbaren Grund so stark Schlagseite hatte, dass der Unterboden zu sehen war. Die Boote gingen längsseits, und die Besatzung versuchte, das volllaufende Schiff durch Kappen der Maste und des Tauwerkes wieder aufzurichten. In diesem Augenblick tauchte ein riesiger Pottwal auf und rammte die Essex. Nachdem er einige Augenblicke wie betäubt neben dem Schiff gelegen hatte, attackierte der Wal den Bug. Dann tauchte er unter dem Schiff hindurch und begann aus einigen hundert Metern Entfernung einen erneuten Angriff vom Bug her. Der Zusammenstoß war so heftig, dass mehrere Planken barsten. Wasser drang in großer Menge in die Laderäume, aber das Schiff hielt sich noch über Wasser und sollte auch die nächsten beiden Tage nicht untergehen.

Die Mannschaft holte alles Nützliche aus der untergehenden Essex und versuchte mit allen Mitteln, die leichten Walfangboote, die eher für hohe Geschwindigkeiten und nicht für wochenlange Reisen mit großer Last gebaut waren, hochseetauglich zu machen. Von der Ausgangsposition am Äquator sollte südlich bis zum 25. oder 26. Breitengrad gesegelt werden, um von dort mit günstigen Winden die chilenische Küste zu erreichen. Aus dem Wrack wurden unter anderem 195 Gallonen (780 Liter) Süßwasser und 600 Pfund (etwa 280 Kilo) Schiffszwieback in die Boote gebracht. Am 22. November um 12:30 Uhr wurde die sinkende Essex verlassen.

Die Reise in den Fangbooten[Bearbeiten]

Der damalige Erste Maat Owen Chase, im Alter
Der damalige Schiffsjunge Thomas Nickerson, im Alter

Nach einer entbehrungsreichen Fahrt von einem Monat erreichten die Schiffbrüchigen die unbewohnte Pitcairn-Insel Henderson. Auf Henderson gibt es nur eine spärlich rinnende Süßwasserquelle am Nordstrand, die zudem bei Flut noch unter dem Wasserspiegel liegt. Einen längeren Aufenthalt auf der unwirtlichen Insel fanden sie daher nicht sinnvoll. Um dem Tod durch Hunger und Durst zu entgehen, brachen sie nach einer Woche in Richtung Osten auf und hofften, die Osterinsel zu erreichen. Drei Besatzungsmitglieder blieben auf Henderson zurück.

Am 12. Januar verlor das Boot, welches unter dem Kommando von Owen Chase stand, den Kontakt zu den anderen beiden Booten. Bald gingen auf diesem Boot die Nahrungsmittel aus, und die ersten Männer starben. Da der Hunger inzwischen sehr groß war, gingen Owen und die übrigen Männer dazu über, die Toten zu essen. Es sollte ihr Leben retten, denn durch dieses Fleisch blieben Owen Chase, Benjamin Lawrence (Steuermann eines der Fangboote) und Thomas Nickerson (Kabinenjunge) lange genug am Leben, um am 18. Februar in der Nähe der Juan-Fernández-Inseln vom Schiff Brigg Indian gerettet zu werden.

Am 28. Januar verlor das Boot von Kapitän Pollard den Kontakt zu dem dritten Boot, von welchem man nie wieder etwas hörte. Da auch am Boot des Kapitäns im Februar die Nahrungsmittel ausgegangen waren, starben die ersten Männer. Die beiden ersten Toten bestatteten sie noch nach Seemannstradition. Als der Hunger schließlich überhandnahm, wurde ausgelost, welches Besatzungsmitglied erschossen und verzehrt werden sollte. Durch diese Auslosung und den Tod weiterer Männer blieben der Kapitän und der Matrose Charles Ramsdell lange genug am Leben, um am 23. Februar kurz vor der chilenischen Küste vom Walfänger Dauphin gerettet zu werden, „die Haut mit Geschwüren übersät, nagten die Schiffbrüchigen mit hohlwangigen Gesichtern an den Knochen ihrer toten Kameraden. Selbst als schon die Retter herbeieilten, wollten sie nicht von ihrem grausigen Mahl lassen.“[2]

Von den 21 Besatzungsmitgliedern überlebten acht Mann. Die drei auf Henderson zurückgebliebenen Männer (Seth Weeks, William Wright und Thomas Chapple) wurden am 5. April von der Surrey gerettet. Die weiteren Geretteten waren Kapitän George Pollard, Obermaat Owen Chase, Benjamin Lawrence und Thomas Chapple (Steuerleute der Fangboote), die Matrosen Charles Ramsdell, Seth Weeks, William Wright und der Schiffsjunge Thomas Nickerson. Drei an Bord der Boote Gestorbene wurden auf See bestattet, sieben wurden verzehrt, zwei der Seeleute blieben verschollen. Der Matrose Henry Dewitt hatte sich bereits bei dem Zwischenaufenthalt in Ecuador abgesetzt.

Während ihrer gesamten Reise in den kleinen Walfängerbooten legte die Mannschaft eine Strecke von 3.500 Seemeilen (6.483 km) zurück.

Literarisches Nachleben[Bearbeiten]

Der Obermaat des Schiffes Owen Chase verfasste und veröffentlichte bereits im Spätherbst 1821 ein Buch zu den Vorfällen (Narrative of the Most Extraordinary and Distressing Shipwreck of the Whale-Ship Essex, of Nantucket).

Der Walfänger Acushnet, auf dem der Autor Herman Melville 1841 angeheuert hatte, traf nach zehnmonatiger Fahrt kurz südlich des Äquators im Pazifischen Ozean auf das Walfangschiff Lima. An Bord der Lima befand sich William Chase, der damals sechzehnjährige Sohn von Owen Chase. Dieser erzählte Melville vom Untergang der Essex und lieh ihm das Buch seines Vaters aus. Der Untergang der Essex wurde so zum Vorbild von Melvilles Roman Moby Dick.

1876 brachte Thomas Nickerson auf Anregung des Journalisten Leon Lewis seine Erinnerungen an den Untergang der Essex und die nachfolgende Fahrt über den Pazifik in den ungeschützten Booten zu Papier. Dieses blieb dann jedoch bis 1960 unbeachtet und wurde erst 1984 mit dem Titel The Loss of the Ship "Essex" Sunk by a Whale and the Ordeal of the Crew in Open Boats publiziert.

Der Untergang der Essex wurde auch von Friedrich Gerstäcker in seiner Erzählung "Der Walfischfänger" (1856) aufgegriffen.[3]

Quellen[Bearbeiten]

  1. nach Nathaniel Philbrick: Im Herzen der See. Die letzte Fahrt des Walfängers Essex. Karl Blessing Verlag, München 2000, ISBN 3-89667-093-X.
  2.  Philip Bethge: Tränen aus Blut. In: Der Spiegel. Nr. 19, 2000, S. 234-236 (8. Mai 2000, online).
  3. Projekt Gutenberg, Friedrich Gerstäcker: Der Walfischfänger

Literatur[Bearbeiten]

Primärquellen[Bearbeiten]

  • Owen Chase: Narrative of the Most Extraordinary and Distressing Shipwreck of the Whale-Ship Essex, of Nantucket; Which Was Attacked and Finally Destroyed by a Large Spermaceti-Whale, in the Pazific Ocean; with an Account of the Unparalleled Sufferings of the Captain and Crew during a Space of Ninety-Three Days at Sea, in Open Boats; in the Years 1819 & 1820. New York 1824; Nachdruck: Harcourt Brace & Co., San Diego 1999, ISBN 0-15-600689-8.
  • Owen Chase: Der Untergang der Essex. Piper, Zürich 2002, ISBN 3-492-23514-X.
  • Thomas Nickerson: The Loss of the Ship »Essex« Sunk by a Whale and the Ordeal of the Crew in Open Boats. The Nantucket (Massachusetts) Historical Society, Penguin Books, New York 1984, ISBN 0-14043796-7.
  • James Erskine Calder (1808-1882): zeitgenössischer Artikel in der tasmanischen Zeitung The Mercury vom 7. Juni 1873, Hobart, Tasmanien.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Nathaniel Philbrick: In The Heart of the Sea : The Tragedy of the Whaleship Essex. Viking Penguin, New York 2000, ISBN 0-670891576.
  • Nathaniel Philbrick: Im Herzen der See. Die letzte Fahrt des Walfängers Essex. Karl Blessing Verlag, München 2000, ISBN 3-89667-093-X.
  • Alan John Villiers: Vanished Fleets - Sea Stories From Old Van Dieman's Land. Garden City Publishing Co., New York 1931; Charles Scribner's Sons (Nachdruck), New York 1975, ISBN 0-684-14112-4.

Filme[Bearbeiten]

  • Ric Burns (Regie): Auf den Spuren von Moby Dick. USA, 2010, 113 Min., (Dokumentation)

Weblinks[Bearbeiten]

  •  Philip Bethge: Tränen aus Blut. In: Der Spiegel. Nr. 19, 2000, S. 234-236 (8. Mai 2000, online).