Esther Bejarano

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Esther Bejarano bei einer Demonstration gegen die NPD in Berlin-Köpenick

Esther Bejarano geb. Loewy (* 15. Dezember 1924 in Saarlouis) ist eine deutsch-jüdische Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz. Mit Anita Lasker-Wallfisch u.a. spielte sie im Mädchenorchester von Auschwitz.

Leben[Bearbeiten]

Esther Bejarano wurde als Tochter eines Oberkantors geboren. Der Vater weckte ihr Interesse für Musik. Esther lernte Klavier. 1936 zog sie mit ihrer Familie nach Ulm. Esther besuchte im nahen Herrlingen das jüdische Landschulheim. 1939 musste sie sich von ihren Eltern trennen, um sich in der Nähe von Berlin auf die Alija nach Palästina vorzubereiten. Der Kriegsausbruch verhinderte jedoch eine Ausreise.

Konzentrationslager[Bearbeiten]

1941 wurde sie ins Zwangsarbeitslager Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree verbracht. Dort arbeitete sie zwei Jahre im Blumengeschäft Westphal.[1] Am 20. April 1943 wurde sie aus dem Berliner Sammellager in der Großen Hamburger Straße nach Auschwitz deportiert. Hier musste sie in einem Arbeitskommando Steine schleppen. Als das Mädchenorchester entstand, meldete sie sich als Akkordeonspielerin, ohne jemals ein solches Instrument in der Hand gehabt zu haben.[1] Das Orchester musste u.a. zum täglichen Marsch der Arbeitskolonnen durch das Lagertor spielen.

Esther wurde weiter ins KZ Ravensbrück verschleppt, wo sie eine Häftlingsnummer oberhalb von 23.000 hatte.[1] Auf einem der Todesmärsche von KZ-Häftlingen konnte sie zwischen Karow und Plau am See fliehen. Am 3. Mai 1945 erlebte sie in Lübz die Befreiung durch die Rote Armee.

Israel[Bearbeiten]

Sie lebte danach drei bis vier Wochen mit etwa 70 anderen KZ-Überlebenden, darunter auch Karla Wagenberg, einem weiteren Mitglied des Mädchenorchesters von Auschwitz, auf dem Gehringshof bei Fulda. Der Gehringshof wurde von seinen Bewohnern Kibbuz Buchenwald genannt und diente der Vorbereitung auf die Auswanderung. In Israel konnte sie das stacheldrahtbewehrte Auffanglager erst verlassen, als ihre Schwester sie zu sich holte. Ihre Freundin Miriam Edel hatte zwar keine Verwandten in Israel, konnte aber folgen.[1] Esther lebte in Tel Aviv und in den letzten fünf Jahren in Be’er Scheva. Wegen des heißen Klimas und der Unterdrückung der Palästinenser kehrte sie mit ihrem Mann und den Kindern nach Deutschland zurück.[1]

Hamburg[Bearbeiten]

Gemeinsam mit Tochter Edna und Sohn Joram gründete sie Anfang der 1980er Jahre die Gruppe Coincidence mit Liedern aus dem Ghetto und jüdischen sowie antifaschistischen Liedern. Im Juni 2009 wurde das gemeinsame Album Per La Vita (Für das Leben) von Esther, Edna, Joram Bejarano und Microphone Mafia veröffentlicht. Die Tochter Edna Béjarano war zu Anfang der 1970er Jahre Sängerin der deutschen Rockgruppe The Rattles.

Seit 12 Jahren verwitwet, lebt Esther Bejarano wie ihre beiden Kinder in Hamburg. Zu einem Eklat kam es am 31. Januar 2004, als sie in Hamburg an einer Demonstration gegen einen Nazi-Aufmarsch teilnahm und die Polizei nach Angaben Bejaranos mit einem Wasserwerfer direkt auf den Wagen zielte, in dem die damals 79-Jährige saß.[2] In einer Pressekonferenz 2013 in Hamburg bezeichnete sie die Polizeiaktionen gegen Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg als „Schande für die Stadt“. Die Personenkontrollen von Afrikanern seien ebenso „unmenschlich und inakzeptabel“ wie die gesamte europäische Asylpolitik.[3]

Ehrungen[Bearbeiten]

Zitate[Bearbeiten]

„Ich hatte großes Glück, dass in dem Block, in dem ich übernachtete, eines Abends Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, nach Frauen suchte, die ein Instrument spielen konnten. Die SS befahl ihr, ein Mädchenorchester aufzustellen. Ich meldete mich, sagte, dass ich Klavier spielen könne. Ein Klavier haben wir hier nicht, sagte Frau Tschaikowska. Wenn du Akkordeon spielen kannst, werde ich dich prüfen. Ich hatte nie zuvor ein Akkordeon in der Hand. Ich musste alles versuchen, um nicht mehr Steine schleppen zu müssen. Ich sagte ihr, dass ich auch Akkordeon spielen könne. Sie befahl mir, den deutschen Schlager "Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami" zu spielen. Ich kannte diesen Schlager, bat sie um ein paar Minuten Geduld, um mich wieder einzuspielen. Es war wie ein Wunder. Ich spielte den Schlager sogar mit Akkordbegleitung und wurde gemeinsam mit zwei Freundinnen in das Orchester aufgenommen.“

Esther Bejarano

„Aber es kam noch schlimmer. Die SS befahl uns, am Tor zu stehen und zu spielen, wenn neue Transporte ankamen in Zügen, in denen unzählige jüdische Menschen aus allen Teilen Europas saßen, die auf den Gleisen fuhren, die bis zu den Gaskammern verlegt wurden und die alle vergast wurden. Die Menschen winkten uns zu, sie dachten sicher, wo die Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Das war die Taktik der Nazis. Sie wollten, dass all die Menschen ohne Kampf in den Tod gehen. Wir aber wussten, wohin sie fuhren. Mit Tränen in den Augen spielten wir. Wir hätten uns nicht dagegen wehren können, denn hinter uns standen die SS-Schergen mit ihren Gewehren.“

Esther Bejarano

Literatur[Bearbeiten]

Film[Bearbeiten]

  • Mut zum Leben – Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz, 2013, Autoren: Christa Spannbauer und Thomas Gonschior[10]
  • Esther che suonava la fisarmonica nell’orchestra di Auschwitz, Regia di Elena Valsania, Felìz - Edizioni SEB27, DVD allegato al volume: Esther Béjarano, La ragazza con la fisarmonica. Dall’orchestra di Auschwitz alla musica Rap, A cura di Antonella Romeo, Prefazione di Bruno Maida, Edizioni SEB27, 2013 (ISBN: 978-88-86618-94-6) http://www.seb27.it/content/la-ragazza-con-la-fisarmonica

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Mitteilung Esther Bejarano (22. Juli 2014)
  2. Das Ganze war wie ein Albtraum. Neues Deutschland, 3. Februar 2004.
  3. Esther Bejarano: Polizeiaktionen gegen Lampedusa-Flüchtlinge eine Schande (Version vom 21. Oktober 2013 im Internet Archive)
  4. Bericht vom Bundeskongress der VVN-BdA 2008
  5. Bundesverdienstkreuz für Esther Bejarano. auf: dokmz.wordpress.com, 6. Oktober 2008.
  6. In der Begründung heißt es: „Viele ihrer Familienangehörigen wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Sie überlebte, weil sie im KZ Auschwitz Aufnahme in das Mädchenorchester fand und später im Frauen-KZ Ravensbrück Zwangsarbeit leistete. Es ist ihr ein wichtiges Anliegen, besonders junge Menschen über den Nazi-Terror und den Rechtsextremismus aufzuklären.“
  7. Gegen Faschismus - für Solidarität und Gerechtigkeit (Version vom 3. Januar 2013 im Internet Archive)
  8. Akkordeon und Antifaschismus. Großes Bundesverdienstkreuz für Esther Bejarano. In: Jüdische Allgemeine. 26. April 2012
  9. Laudatio von Gesine Lötzsch
  10. Website zum Film