Estnischer Freiheitskrieg

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Denkmal für den Estnischen Freiheitskrieg in Tallinn.

Als Estnischen Freiheitskrieg (auch Estnischer Selbständigkeitskrieg; estnisch Vabadussõda) bezeichnet man den Kampf der Republik Estland für ihre staatliche Unabhängigkeit gegen Sowjetrussland und die unter deutschem Kommando stehende Baltische Landeswehr von 1918 bis 1920.

Ausgangslage[Bearbeiten]

Seit dem Frieden von Nystad 1721 gehörten Estland und Livland zu Russland. Bis 1918 blieben die Gebiete Teil des russischen Reichs.

Estnische Unabhängigkeit[Bearbeiten]

„Brüder, schnell in zu den Volkstruppen“ - Mobilisierungsplakat für die estnischen Streitkräfte (1918)

Mit der zunehmenden Auflösung des Zarenreiches durch den Ersten Weltkrieg und die Oktoberrevolution der Bolschewiki in Russland erklärte sich am 28. November 1917 der im Frühjahr desselben Jahres gewählte estnische Landtag (Maapäev) zur höchsten Instanz des Landes. Nur eine konstituierende Versammlung Estlands könne über die Zukunft Estlands entscheiden, so der Maapäev.

Kurz danach lösten allerdings die Bolschewiki den Landtag auf. Geheime Gespräche der führenden estnischen Politiker (mit Ausnahme der Kommunisten) beschlossen im Januar 1918 jedoch, weiter auf die Ausrufung der estnischen Selbständigkeit hinzuarbeiten.

Am 18. Februar 1918 leitete die kaiserliche deutsche Armee eine neue Großoffensive gegen Russland ein. Bereits einen Tag später, am 19. Februar 1918, bildete sich in Estland das ausschließlich aus Esten bestehende „Rettungskomitee Estlands“.

Als sich die russischen Truppen vor der heranrückenden deutschen Armee zurückgezogen hatten, nutzte das Rettungskomitee das bestehende Machtvakuum und bildete am 24. Februar 1918 die Provisorische Regierung Estlands mit Konstantin Päts als Vorsitzenden des Ministerrats. Es rief am selben Tag die selbständige Republik Estland aus. Bereits einen Tag später marschierten deutsche Truppen in Tallinn ein und übernahm de facto die Macht im Land.

Deutschland lehnte eine estnische Selbständigkeit und einen unabhängigen estnischen Staat strikt ab. Die Mitglieder der estnischen Regierung konnten ihre Tätigkeit daher nur verdeckt weiterführen. Konstantin Päts wurde von den deutschen Truppen interniert, sein Stellvertreter Jüri Vilms hingerichtet.

Die Besetzung Estlands durch deutsche Truppen endete erst im November 1918 mit der endgültigen Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Unmittelbar danach übernahm am 12. November 1918 die Provisorische Regierung Estlands die Staatsgewalt. Deutsche Truppen blieben aufgrund § 12 des Waffenstillstands von Compiegne auch nach der Kapitulation im Land.

Kriegsbeginn[Bearbeiten]

Wichtigste Truppenbewegungen im Estnischen Freiheitskrieg

Am 13. November 1918 begann Russland mit einer militärischen Offensive zur Rückeroberung des Baltikums. Mit dem großen Angriff russischer Truppen auf die ostestnische Stadt Narva am 28. November 1918 begann der Estnische Freiheitskrieg. Die Bolschewiki sahen sich dabei einer bewaffneten Gegenwehr aus estnischen Einheiten und abziehenden deutschen Truppenteilen gegenüber.

Am 29. November fielen Narva und Narva-Jõesuu in die Hände der Roten Armee. Diese rückte unmittelbar weiter nach Westen vor. Anfang Januar 1919 stand die Rote Armee noch ca. 34 km von Tallinn entfernt.

In den von der Roten Armee zurückeroberten Gebieten riefen die Bolschewiki die Sowjetmacht aus. Bereits am 29. November 1918 bildete der estnische Kommunist Jaan Anvelt in Narva die Regierung der Arbeiterkommune Estlands (Eesti Töörahva Kommuun). Mit Zwangskollektivierungen, sowjetrussischen Gewaltakten und der Ablehnung der Idee der nationalen Selbständigkeit Estlands wuchsen in der estnischen Bevölkerung die Widerstände gegen die Bolschewiki.

In Südestland (und Lettland) verhinderten deutsche Truppen zunächst die Aufstellung estnischer und lettischer Verbände. Die Städte Võru, Valga und Tartu wurden daher kampflos durch sowjetrussische Einheiten besetzt. Erst im Januar 1919 nahmen deutsche Einheiten unter dem General Rüdiger von der Goltz den Kampf gegen die Rote Armee vor allem in Lettland auf.

Die kommunistische Herrschaft um die Jahreswende 1918/19 war von Racheakten und Massakern in Rakvere und Tartu geprägt. Ihnen fielen im Januar 1919 unter anderem der russisch-orthodoxe Bischof von Tallinn, Platon, und die lutherischen Pastoren Walther Paucker, Traugott Hahn und Moritz Wilhelm Paul Schwartz zum Opfer.

Estnische Gegenoffensive[Bearbeiten]

Johan Laidoner
Rüdiger von der Goltz

Am 6. Januar 1919 begannen estnische Truppen mit einer Gegenoffensive gegen die Rote Armee. Bis zum 1. Februar eroberten sie die durch die Rote Armee besetzten estnischen Gebiete zurück. Johan Laidoner wurde zum Oberbefehlshaber der estnischen Truppen ernannt. Er ließ Zwangsrekrutierungen durchführen und requirierte zahlreiche Güter zur Kriegsführung.

Seit Dezember 1918 wurde das estnische Militär durch ein Geschwader der britischen Kriegsflotte unterstützt, die in den russischen Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki eingreifen sollte. Auch viele skandinavische Kriegsfreiwillige besonders aus Finnland meldeten sich zum Kampfeinsatz auf estnischer Seite. Ein aus ansässigen Deutsch-Balten bestehendes Baltenregiment war an der Narva-Front eingesetzt.

Bis zum Frühjahr 1919 kam es zu einer Vielzahl von Schlachten in Livland und am Peipussee. Im Mai 1919 erfolgte der Durchbruch auf estnischer Seite, als estnische Truppen mit dem verbündeten Nordkorps der russischen Weißen Garde die Rote Armee in Richtung Petrograd vertreiben konnte. Die Bolschewiki zogen sich an den Fluss Welikaja zurück.

Landeswehr[Bearbeiten]

Gleichzeitig operierte im Baltikum die aus deutschen und deutschbaltischen Freiwilligen bestehende Landeswehr. Sie setzte sich im Verbund mit einigen lettischen und russischen Einheiten für eine Wiederherstellung des kaiserlichen Russland und ein Bündnis mit Deutschland ein.

Nachdem Lettland am 18. November 1918 unter deutscher Besetzung seine staatliche Unabhängigkeit erklärt hatte, stürzten Einheiten der Landeswehr zunächst die pro-britische lettische Regierung unter Kārlis Ulmanis. Im Mai 1919 wurde stattdessen eine deutschfreundliche Marionettenregierung unter Andrievs Niedra eingesetzt. Diese verlangte nach der Rückeroberung von Riga den Abzug der estnischen Truppen aus Nord-Lettland.

Vom 19. bis 23. Juni 1919 kam es bei Cēsis (deutsch Wenden, estnisch Võnnu) zu schweren Kämpfen zwischen der Landeswehr einerseits sowie lettischen und estnischen Truppen andererseits. Letztere gingen siegreich aus der Schlacht hervor und warfen die Landeswehr bis fast nach Riga zurück. Am 3. Juli 1919 musste die Landeswehr einen Waffenstillstand in Strasdenhof bei Riga schließen. Der 23. Juni ist heute in Erinnerung an die Schlacht von Cēsis als Siegestag staatlicher estnischer Feiertag.

Von Juli bis Oktober 1919 herrschte an der Front des Estnischen Freiheitskriegs relative Ruhe. Estnischen Truppen war es gelungen, Estland frei von fremder Besetzung zu halten. Gemeinsam mit der Nordwestarmee der Weißen Garde kämpfte Estland allerdings auf dem Territorium Russlands weiter.

Eingreifen der Entente-Mächte[Bearbeiten]

Auch Großbritannien und Frankreich begannen sich immer mehr im Baltikum militärisch zu engagieren. Die Entente-Mächte sahen die Verwirklichung ihres Plans, den Bolschewismus in Russland zu stürzen, im Bereich des Möglichen.

Vordergründig unterstützte Estland die Pläne der Entente zum Sturz der Bolschewiki, fürchtete aber gleichzeitig, ein Sieg der Weißen im russischen Bürgerkrieg könnte erneut das Ende der estnischen Selbständigkeit bedeuten.

Bereits im September 1919 hatte Sowjetrussland die Aussichten auf einen Frieden mit den baltischen Staaten sondiert. Diese sahen sich jedoch noch gezwungen, mit Rücksicht auf die Entente-Mächte das Angebot abzulehnen, solange in Russland die Bolschewiki an der Macht waren.

Am 28. September 1919 begannen britische und französische Marineeinheiten gemeinsam mit der russischen Nordwestarmee der Weißen und der estnischen Marine Seeoperationen, die eine Eroberung Petrograds zum Ziel hatten. Eine Gegenoffensive der Bolschewiki brachte den Vorstoß jedoch zum Erliegen. Mitte November 1919 konnte die Roten Armee erneut bis vor Narwa vorrücken. Vor der Stadt gelang es jedoch, den Vormarsch der Bolschewiki zu stoppen.

Am 31. Dezember 1919 stellte die weitgehend ausgezehrte Rote Armee ihre Offensive gegen Estland endgültig ein. Am 3. Januar 1920 trat zwischen Sowjetrussland und Estland ein Waffenstillstand in Kraft.

Frieden von Tartu[Bearbeiten]

Am 2. Februar 1920 unterzeichneten Estland und Sowjetrussland den Friedensvertrag von Tartu. Adolf Joffe leitete die Verhandlungsdelegation auf sowjetrussischer Seite, Jaan Poska auf estnischer. Am 30. März 1920 trat mit dem im Moskau erfolgten Austausch der Ratifikationsurkunden der Friedensvertrag in Kraft.

Mit dem Frieden von Tartu erkannte Sowjetrussland de jure Estland als selbständigen Staat an. Sowjetrussland erklärte, für immer auf alle Rechte zu verzichten, die es auf Estland jemals gehabt hat. Der Grenzverlauf war für Estland günstig: es erhielt strategisch wichtige Gebiete am Ostufer des Narva-Flusses und das Gebiet um die Stadt Petschory (deutsch Petschur, estnisch Petseri).

Alle Esten, die in Russland lebten, durften nach Estland ausreisen. Die sowjetrussische Regierung verpflichtete sich, alle estnischen kommunistischen Truppen aufzulösen. Estland wurde von der Tilgung für die Schulden der zaristischen Regierung befreit. Ein Teil des russischen Goldbestands wurde Estland ausgezahlt. Außerdem sollten alle während des Ersten Weltkriegs aus Estland nach Russland verbrachten Kunst- und Kulturgüter an Estland zurückgegeben werden.

Opferzahlen[Bearbeiten]

Im Estnischen Freiheitskrieg kamen auf estnischer Seite etwa 5.600 Menschen ums Leben. Circa 15.000 wurden verletzt, 667 gerieten in Gefangenschaft. Die Opferzahlen auf sowjetrussischer Seite sind unbekannt. Zahlreiche Denkmäler erinnern heute in Estland an die Gefallenen des Krieges.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Estnischer Freiheitskrieg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Eesti Vabadussõda (ausführliche estnischsprachige Arbeit über den estnischen Unabhängigkeitskrieg)

Literatur[Bearbeiten]

  • August Winnig: Am Ausgang der deutschen Ostpolitik. Staatspolitischer Verlag, Berlin 1921.
  • Eesti Vabadussõda 1918-1920. 2 Bände. Vabadussõja Ajaloo Komitee, Reval 1937–1939.