Ethnomethodologie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ethnomethodologie ist eine praktische Forschungsrichtung in der Soziologie, die von Harold Garfinkel in Kalifornien (USA) begründet wurde. Der Begriff ‚Ethnomethodologie‘, den er in den 1950ern entwickelte, ist vage an die thematische Gliederung der Anthropologie angelehnt (und damit nur bedingt aus dem Griechischen abgeleitet): ethnos bezeichnet hier die Mitglieder einer Gruppe und ihr Wissen, methodologie steht für dessen systematische Anwendung in lokal-situativen Praktiken durch die Mitglieder selbst. Garfinkels 1967 zuerst erschienenes Buch „Studies in Ethnomethodology“, eine Sammlung aus empirischen Studien und theoretischen Überlegungen, gilt als Ursprungstext dieser Forschungsrichtung. Es gibt explizite Bezüge zum Werk des Phänomenologen Alfred Schütz.[1]

Vorgehensweisen und Fokus[Bearbeiten]

Beim ethnomethodologischen Arbeiten kommt es darauf an, abstrakte Theorien über die soziale Wirklichkeit zu vermeiden. Stattdessen wird untersucht, mit welchen alltagspraktischen Handlungen diese soziale Wirklichkeit hergestellt wird. Ethnomethodologische Forschung liefert präzise Beschreibungen der Methoden, die von Mitgliedern einer Gesellschaft, Gruppe oder Gemeinschaft verwendet werden, um das zu tun, was auch immer sie tun. Das können hochspezialisierte, technische Tätigkeiten sein oder Verhalten im Alltag.

Für die Ethnomethodologie sind die formalen Strukturen praktischer Handlungen von Interesse, es soll weder psychologisiert noch über Absichten spekuliert werden. Jegliche Kategorien und Schemata, die zur Analyse von Handlungen dienen, sind nur dann sinnvoll anzuwenden, wenn nachweisbar ist, dass sich die Handelnden tatsächlich selbst an diesen Kategorien und Schemata orientieren. Dieser Bezug zur praktisch erfahrbaren Wirklichkeit verweist auf die Verwandtschaft der Ethnomethodologie zur Phänomenologie.

Von der Ethnomethodologie besonders intensiv bearbeitete Forschungsfelder sind die Schwesterdisziplin Konversationsanalyse, Arbeitsplatzstudien[2][3] und Studien zur Wissenschafts-,[4] Rechts- und Medizinsoziologie, oder auch CSCW. Maynard und Clayman[5] geben einen Überblick über die Breite ethnomethodologischer Ansätze in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Einen weiteren Überblick gibt der Sammelband von Coulter.[6] Den aktuellen internationalen Stand ethnomethodologischer Forschung versammeln Ruth Ayaß und Christian Meyer[7] in der Anthologie Sozialität in Slow Motion erstmals in deutscher Übersetzung.

Siehe auch: qualitative Methoden

Annahmen der Ethnomethodologie nach Garfinkel[Bearbeiten]

  1. Die Sprache ist unpräzise, da sie von sogenannten okkasionellen oder indexikalen Ausdrücken durchzogen ist.
  2. Diese indexikalen Ausdrücke werden von den Teilnehmern im Interaktionsverlauf ständig interpretiert.
  3. Damit Interaktion flüssig verläuft, müssen die Teilnehmer auf Grundlage von Vertrauen in korrekte Interpretationsleistungen der anderen Teilnehmer handeln.
  4. Die Teilnehmer an der Interaktion interpretieren die Phänomene so, dass für sie nachvollziehbar Sinn entsteht – es findet ständig eine sinnhafte Normalisierung statt.
  5. Die sinnhafte Normalisierung wird interaktiv hergestellt, aktiv aufrechterhalten und mitunter sozial eingefordert (siehe Krisenexperimente).

Aus diesen methodologischen Annahmen ergab sich zum einen der methodische Ansatz des Krisenexperiments sowie zum anderen die Erkenntnis, dass Wissenschaft ihren herausgehobenen, objektiven Standpunkt nicht beibehalten kann, da sie ebenfalls auf Sprache rekurrieren muss, die wiederum von indexikalen Ausdrücken durchzogen ist. Hieraus ergibt sich das (mal schwächer, mal stärker ausgeprägte) Selbstverständnis einiger Ethnomethodologen, nicht eigentlich Wissenschaft sondern vielmehr Handwerk zu betreiben.

Der häufig genannte Begriff der handlungstheoretischen Orientierung der Ethnomethodologie ist eine Zuschreibung, die v.a. durch Soziologien anderer Disziplinen vorgenommen wird.

Im Hinblick auf soziale Ordnung ist für die Ethnomethodologie nicht die Verbindlichkeit und Stärke von moralischen Normen entscheidend, wie dies Emile Durkheim oder Talcott Parsons angenommen hatten, sondern die interaktive und interpretative Normalität des Alltags, auf deren Basis erst auf allgemeine moralische und soziale Normen Bezug genommen wird.

Grundbegriffe[Bearbeiten]

Ethnomethodologische Indifferenz[Bearbeiten]

Übersetzt aus dem englischen ‚indifference‘ (Gleichgültigkeit, auch Beiläufigkeit). Indifferenz meint, dass kein Forschungsgegenstand einem anderen prinzipiell vorzuziehen ist.[8] Vorerfahrungen des Forschenden werden unterdrückt (oder ‚phänomenologisch ausgeklammert‘). Die Verfahren zum Beschreiben, Analysieren und Darstellen richten sich immer nach den sich lokal stellenden Anforderungen. Alles ist gleichermaßen interessant oder uninteressant: Immer geht es um die echtzeitliche Produktion von Sinn in einem intersubjektiv geteilten Zusammenhang.

Nach Maßgabe der ethnomethodologischen Indifferenz gibt es keine bevorzugten Forschungsgebiete oder Themen. „Wie ein Fest abgesagt wird“ oder „Wie jemand Jazz spielen gelernt hat“ sind genauso legitime Untersuchungsgegenstände wie „Das Fahren von 18-Tonnern auf Fernstraßen“ oder „Das praktische Durchführen von Untersuchungen der empirischen Sozialforschung“: man kann lernen und darstellen, wie es gemacht wird, indem man hingeht und beobachtet, wie es gemacht wird. Es findet keine Modellierung nach Art einer Theorie statt.

Krisenexperimente[Bearbeiten]

Sind weniger Experiment als vielmehr ‚Hilfestellung für eine nachlässige Erinnerung‘. In den Krisen wird gezeigt, dass die Stabilität sozialer Normen in der Interaktion in beständig geleisteter Arbeit der Interaktanten besteht. Die Selbstverständlichkeit der funktionierenden Interaktion ist eine soziale Leistung der Beteiligten. Krisenexperimente werden häufig stereotypisch als die Methode der Ethnomethodologie gekennzeichnet; dabei beschränkte sich die Zeit, in der Garfinkel und Kollegen diese Experimente durchführten vor allem auf die 1960er Jahre.

Durkheims Aphorismus[Bearbeiten]

Émile Durkheim empfahl, dass soziale Tatbestände als Dinge behandelt werden sollen. Üblicherweise wird das so verstanden, dass die Objektivität sozialer Tatsachen als gegeben angesehen wird und damit die Basis aller soziologischen Analyse stellt. In der Lesart von Garfinkel und Harvey Sacks hingegen stellt sich diese Objektivität sozialer Tatbestände als intersubjektiv hergestelltes Produkt interaktiver Arbeit dar.[9] Die prozesshafte Herstellung sozialer Tatbestände selbst wird so zum Forschungsgegenstand.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Vgl. z.B. Garfinkel, Harold und Harvey Sacks 1986/1969. On formal structures of practical actions. In: Harold Garfinkel (Hrsg.) Ethnomethodological studies of work. S. 162–163. (Die deutsche Übersetzung „Über formale Eigenschaften praktischer Handlungen“ ist erschienen in Weingarten u.a.: Ethnomethodologie. Beiträge zu einer Soziologie des Alltagshandelns. (1976) S. 130–176.)
  2. Garfinkel, Harold (Hrsg.) 1986/1969. Ethnomethodological Studies of Work. London: Routledge & Kegan Paul. (ISBN 0-7100-9664-X)
  3. Luff, Paul, Jon Hindmarsh und Christian Heath (Hrsg.) 2000. Workplace studies : recovering work practice and informing system design. Cambridge/UK, New York: Cambridge University Press. (ISBN 0-521-59821-4)
  4. Garfinkel, Harold, Eric Livingston und Michael Lynch 1981. The Work of a Discovering Science construed with Materials from the Optically Discovered Pulsar. In: Philosophy of the Social Sciences. 11(2). S. 131–158.
  5. Maynard, Douglas und Steven E. Clayman 1991. The Diversity of Ethnomethodology. In: Annual Review of Sociology. 17. S. 385–418.
  6. Coulter, Jeff (Hrsg.) 1990. Ethnomethodological Sociology. Aldershot: Edward Elgar. (ISBN 1-85278-150-5)
  7. Ayaß, Ruth und Christian Meyer (Hrsg.) 2012, Sozialität in Slow Motion – Theoretische und empirische Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag. (ISBN 978-3-531-18346-6)
  8. Garfinkel und Sacks, ebenda, S. 166.
  9. Garfinkel und Sacks, ebenda, S. 160–161.

Literatur[Bearbeiten]

  • Abels, Heinz: Interaktion, Identität, Repräsentation. Kleine Einführung in interpretative Theorien der Soziologie. 3. Auflage, Wiesbaden 2004.
  • Ayaß, Ruth und Christian Meyer (Hrsg.): 2012, Sozialität in Slow Motion – Theoretische und empirische Perspektiven. VS Verlag, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-18346-6.
  • Böhringer, Daniela/ Karl, Ute/Müller, Hermann/Schröer, Wolfgang/Wolff, Stephan: Den Fall bearbeitbar halten. Gespräche mit jungen Menschen. Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit, Bd 13. Verlag Barbara Budrich, Opladen 2012, ISBN 978-3-86649-451-0.
  • Garfinkel, Harold: Studies in Ethnomethodology. Polity Press/Blackwell Publishing, Malden/MA 1984/1967, ISBN 0-7456-0005-0
  • Knorr Cetina, Karin: Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaft. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1981.
  • Parmentier, Michael: Ethnomethodologie. In: Lenzen, D. (Hrsg.): Pädagogische Grundbegriffe, Bd.1. Rowohlts Enzyklopädie, Reinbek bei Hamburg 1989.
  • Patzelt, Werner J.: Grundlagen der Ethnomethodologie : Theorie, Empirie und politikwissenschaftlicher Nutzen einer Soziologie des Alltags. Wilhelm Fink Verlag, München 1987, ISBN 3-7705-2444-6.
  • Weingarten, Elmar, Fritz Sack und Jim Schenkein: Ethnomethodologie : Beiträge zu einer Soziologie des Alltagshandelns. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-07671-X.
  • Mullins, Nicholas C. Ethnomethodologie: Das Spezielgebiet, das aus der Kälte kam. Iin: Lepenies, Wolf (Hrsg.): Geschichte der Soziologie, Bd. 2, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981.

Weblinks[Bearbeiten]