Ethnie

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Die Onge auf den indischen Andamanen-Inseln sind mit unter 100 Angehörigen eine der kleinsten Ethnien der Welt

Eine Ethnie oder ethnische Gruppe (altgriechisch éthnos „[fremdes] Volk, Volkszugehörige“) ist in der Ethnologie oder Völkerkunde eine abgrenzbare Menschengruppe, der aufgrund ihres Selbstverständnisses und Gemeinschaftsgefühls eine eigenständige Identität als Volk oder Volksgruppe zuerkannt wird. Grundlage dieser Ethnizität können gemeinsame Eigenbezeichnung, Sprache, Abstammung, Wirtschaftsweise, Geschichte, Kultur, Religion oder Verbindung zu einem bestimmten Gebiet sein.[1][2] Der geschichtliche, soziale und kulturelle Vorgang der Entstehung einer Ethnie wird als Ethnogenese bezeichnet („Volkswerdung“).

Zu den rund 1300 weltweit erfassten Ethnien[3] gehört eine Anzahl indigener Völker (lateinisch „eingeboren, ursprünglich”); diese wurden und werden häufig an den Rand der Gesellschaft gedrängt (siehe auch Liste indigener Völker). In der deutschsprachigen Wissenschaft wird die Bezeichnung Ethnie oft anstatt Volk oder mit gleicher Bedeutung verwendet, was sich mit der nationalsozialistischen Belastung des Volksbegriffs erklärt. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird die Bezeichnung ethnisch auch äußerlich auf reale oder vermeintliche soziale Gruppen übertragen, um sie als Fremdgruppe herabzusetzen (Ethnisierung).

Begrifflichkeiten[Bearbeiten]

Das altgriechische Wort éthnos beschreibt die Abgrenzung durch Selbst- und Fremdzuweisung. Das Wort wurde zunächst lediglich als Fremdzuweisung benutzt. Seine Bedeutung und Verwendung unterliegt starkem Wandel. Ethnische Gruppierungen definieren sich in der Regel durch eine gemeinsame Vergangenheit. Die Gemeinsamkeit zeigt sich oft in geschichtlicher Überlieferung (Tradition), Brauchtum, Sprache, Religion, Kleidung, Ernährung und Lebensgewohnheiten.

Der Begriff der Ethnie ist teilweise dem der Volkszugehörigkeit und teilweise dem der Kulturnation verwandt. Bei Max Weber wird eine ethnische Gruppe folgendermaßen definiert:

„Wir wollen solche Menschengruppen, welche auf Grund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider oder von Erinnerungen an Kolonisation und Wanderung einen subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft hegen, derart, dass dieser für die Propagierung von Vergemeinschaftungen wichtig wird, dann, wenn sie nicht ‚Sippen‘ darstellen, ‚ethnische‘ Gruppen nennen, ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinschaft objektiv vorliegt oder nicht.“

Der Begriff ist äußerst problematisch, denn es besteht häufig die Gefahr der Essenzialisierung.[4] So wird dieser heute zum Beispiel anstelle des Begriffs Rasse verwendet und ersetzt diesen synonym, folgt damit also der gleichen Logik. Es ist jedoch wichtig, gerade die Konstruiertheit von Gruppen und eben nicht ihre Natürlichkeit zu betonen. Gruppenzugehörigkeiten und damit auch Merkmale unterliegen nämlich kontinuierlichem Wandel und sind stark geprägt durch Mechanismen der Grenzziehung.[5][6]

Adjektiv ethnisch[Bearbeiten]

Während die Begriffe Volk und Ethnie weiterhin im aktuellen Wortschatz vorkommen, bietet sich im wertfreieren Zusammenhang nur das entsprechende Adjektiv ethnisch an. Das Wort „völkisch“ hat durch den historischen Gebrauch in der deutschen Sprache eine abweichende Bedeutung erlangt (vgl. völkische Bewegung). So hat sich die Verbreitung von Ethnie als Entsprechung zu seinem Adjektiv ethnisch vollzogen.

Das Adjektiv „ethnisch“ wird verwendet, um die Volks- oder Volksgruppenzugehörigkeit von Menschen zu benennen, die von ihrer Staatsbürgerschaft unabhängig ist.

Abgrenzung „Ethnos“ und „Demos“[Bearbeiten]

Die Gesamtmenge der Angehörigen eines Volkes im ethnischen Sinn (eines Ethnos) ist nicht identisch mit der Menge der Wahlberechtigten in einem Staat (mit dessen Demos). So sind nicht alle Staatsbürger Finnlands, Frankreichs, Deutschlands usw. auch ethnische Finnen, Franzosen, Deutsche usw., und nicht alle Angehörigen eines Volks oder einer Volksgruppe bewohnen ihren Nationalstaat, in dem sie die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Es gibt Völker und Volksgruppen ohne „eigenen Staat“ (z. B. Tamilen und Kurden) oder solche, die sich mit anderen Völkern und Volksgruppen einen Staat teilen (in Europa z. B. Schweiz und Belgien).

Im Deutschen ist die Bezeichnung Volksgruppe üblich. Oft leben verschiedene Volksgruppen in einem Staatsgebiet. Beispielsweise bestand der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn im 19. und 20. Jahrhundert aus verschiedenen Ethnien (vor allem Deutschen, Ungarn, Slowenen, Bosniaken, Kroaten und Italienern). Das gilt auch heute noch für die Schweiz, die keine ethnische Einheit bildet, sondern aus verschiedenen ethnischen Gruppen besteht (deutsch-, französisch-, italienisch-, rätoromanisch- und jenischsprachige Schweizer) und aufgrund diverser ethnischer Minderheiten in Deutschland und Österreich (etwa Dänen, Friesen, Sorben, Sinti, Roma, Kroaten, Ungarn) in geringerem Umfang auch für diese beiden Staaten. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass es kaum ethnisch homogene Staaten gibt. Besonders heterogen sind Staaten, deren Existenz und willkürliche Grenzziehung auf die Kolonialzeit zurückgehen, so zum Beispiel die Staaten Süd- und Mittelamerikas, Afrikas, Asiens und Polynesiens (z. B. Indonesien), oder durch Einwanderung geprägt sind, wie die Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, Australien, sowie Süd- und Mittelamerika.

Abgrenzung „Ethnos“ und „Sprachgemeinschaft“[Bearbeiten]

Durch die Bezeichnung „ethnisch“ werden Menschen nicht nach linguistischen Gesichtspunkten nach ihrer Muttersprache in Gruppen eingeteilt. In manchen Ländern, insbesondere in klassischen Einwanderungsländern wie den USA oder Kanada, benutzen verschiedene ethnische Gruppen dieselbe Sprache als gemeinsame Verkehrssprache, selbst als Muttersprache. Andererseits gibt es innerhalb der Sprache vieler Ethnien starke Dialektunterschiede, die im Laufe der Zeit zur Ausbildung von zwei verschiedenen Sprachen führen können; in diesem Fall stellt sich die Frage, ob deren Sprecher Angehörige von zwei verschiedenen Ethnien sein können. Es gibt jedoch zahlreiche Fälle, in denen das eindeutig nicht so ist: So gelten nicht nur Menschen, die mit Hochdeutsch oder einem mittel- oder oberdeutschen Dialekt als Muttersprache aufgewachsen sind, als „Deutsche“, sondern auch Menschen mit Plattdeutsch als Muttersprache. Gleiches gilt in Deutschland für die Angehörigen nationaler Minderheiten. Auch zählen sich viele Menschen zu einer bestimmten Ethnie, obwohl sie deren Sprache nicht oder nur gebrochen sprechen (z. B. empfinden sich viele Russlanddeutsche, die nur Russisch fließend sprechen, als deutsche Volkszugehörige). Bei Nationalitäteneinträgen in amtlichen Dokumenten, die es z. B. in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion gibt, wird die Frage, ob jemand die Sprache seiner Nationalität spricht, nicht gestellt. Stattdessen werden dort bei der Festlegung der Nationalität eines Menschen seine Abstammung, gegebenenfalls sein Bekenntnis zu einer Nationalität als Zuordnungskriterien verwendet. Bei den Volkszählungen in der Türkei wird seit 1985 nicht mehr nach der Muttersprache gefragt, so dass es anhand dieses Kriteriums keine exakten Angaben zur Anzahl der Kurden in der Türkei gibt.

Ethnie und Religion[Bearbeiten]

Im Osmanischen Reich und im späteren Jugoslawien wurde als Unterscheidungskriterium der Nationalitäten oder Ethnien die Religionszugehörigkeit verwendet. So war lange Zeit die Bezeichnung „slawische Muslime“ üblich und ist es in Serbien und Montenegro teilweise immer noch. Im Zusammenhang mit den Jugoslawienkriegen gelangte 1992 der Begriff „ethnische Säuberung“ in den deutschen Sprachraum.

„Indigene Völker“ als Ethnien[Bearbeiten]

Dem angelsächsischen Sprachgebrauch entsprechend werden auch solche Kulturen und Kulturelemente ethnisch genannt, die in einer westlichen oder in der globalen Zivilisation als Überreste von Urbevölkerungen und deren Traditionen lebendig sind. Beispiel für indigene Völker (lateinisch indiges „eingeboren”) sind die Indianer Nordamerikas, die sich als Angehörige einer „Indianischen Nation” (Indian Nation) und damit einer gemeinsamen Ethnie verstehen. Entsprechendes gilt für die Aborigines in Australien, die südafrikanischen Buschleute (San) und die Eskimos im nördlichen Polargebiet (siehe auch Indigene Völker der Welt, Indigene Völker in Wildnisgebieten, Isolierte Völker).

Ethnische Gruppe[Bearbeiten]

Meist ist die Selbstidentifikation mit der eigenen ethnischen Gruppe so stark, dass sie dem handelnden Individuum als völlig selbstverständlich, gar natürlich erscheint. Es ist dieses kollektive Gefühl des Einander-zugehörig-Seins oder Anders-Seins, das für die Konstitution einer ethnischen Gruppe ausschlaggebend ist. Das Konzept der kulturellen Differenzierung zwischen dem „Wir“ und den kulturell „Anderen“ nennt man Ethnizität. Das Empfinden, einer bestimmten ethnischen Gruppe anzugehören, ändert sich nicht ohne weiteres dadurch, dass neue Staatsgrenzen gezogen werden: So entschied das Arbeitsgericht Stuttgart, dass ehemalige DDR-Bürger und deren Nachfahren keine Ethnie im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes seien, weil sich binnen 40 Jahren keine separate Geschichte, Sprache, Religion, Tradition und Kultur, kein Solidaritätsgefühl sowie keine spezifischen Ernährungsgewohnheiten entwickelt hätten.[7] Auch 40 Jahre nach Gründung der DDR demonstrierten 1989 DDR-Bürger in großer Zahl unter dem Motto: „Wir sind ein Volk!“, was nahelegt, dass sich die Mehrheit der Staatsbürger der DDR als Deutsche und immer als Teil eines Gesamtdeutschlands verstanden hat.

Ethnische Gruppen sind keine unveränderlichen Erscheinungen, sondern definieren sich anhand der Innen- und Außensicht von Kollektiven. Es gibt auf der Welt eine Vielzahl ethnischer „Wir-Gruppen“, die einer Vielzahl von anderen ethnischen Gruppen gegenüberstehen. Allerdings sind diese Gruppen und ihr Verhältnis zu den „Anderen“ keine biologischen Gegebenheiten. Ethnische Gruppen sind sozial konstruiert und ihre Grenzen verändern sich im Laufe der Zeit. Dies unterscheidet das Ethnizitätskonzept wesentlich vom überholten Konzept der Rassentheorie, das ausschließlich von einer physischen, biologischen Differenzierung der Menschheit ausgeht. Ethnische Gruppen können beispielsweise miteinander verschmelzen (vgl. Mestizen in Südamerika) oder sich durch einen Konflikt abspalten.

Das Verhältnis zwischen ethnischen Gruppen kann aufgrund der jeweiligen politischen, ökonomischen und sozialen Gegebenheiten verschieden sein. Die ethnische Zugehörigkeit ihrer Mitglieder kann in einer Gesellschaft, die ethnisch niemals homogen ist, nebensächlich sein oder aber von essentieller Bedeutung für die soziale Stellung des Individuums. Kulturelle und ethnische Identität bilden sich in Abgrenzung zu den „Anderen“. Dies kann auch zu Ethnozentrismus (Interpretation der Umwelt durch die Maßstäbe der eigenen Gruppe) und Xenophobie (Feindseligkeit gegenüber Fremdem) führen. Ethnozentrismus und Xenophobie kommen oft ins Spiel im Zusammenhang mit politischen Debatten zur Migration.

Benachbarte Ethnien mit gemeinsamen Kulturmerkmalen werden von Ethnologen ungeachtet ihrer tatsächlichen Beziehungen untereinander bisweilen zu aktuellen Kulturräumen oder geschichtlichen Kulturarealen zusammengefasst.

Zusammensetzung[Bearbeiten]

Ethnische Gruppen sind nicht immer so homogen, wie sie wahrgenommen werden. Die Zugehörigkeit eines Individuums zu einer ethnischen Gruppe ist vielschichtig und im Zusammenhang mit Migration und diasporischen Realitäten manchmal auch nicht eindeutig. Neue ethnische Gruppen können sich beispielsweise im Zuge von Konflikten oder auch durch Aus-/Einwanderung bilden (Ethnogenese). Ein jüngeres Beispiel der Geschichte sind die nordamerikanischen Afroamerikaner, eine sehr heterogene ethnische Gruppe, die nur aufgrund der Ereignisse der letzten 500 Jahre entstehen konnte. Ähnlich die auf der Karibikinsel Jamaika lebenden Maroons, deren Ursprung auf geflüchtete Sklaven zurückgeht, die aus Westafrika in die Karibik verschleppt wurden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Mehrere Autoren: Ethnos, Rasse, Volk. Zur gesellschaftlichen Konstruktion von (Welt-)Anschauungen. Institut für Volkskunde, Universität Hamburg 1998 (Seminararbeit; online (Version vom 22. März 2007 im Internet Archive) ).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ethnische Gruppen (ethnic groups) – Bilder und Mediendateien
 Wiktionary: Ethnie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: ethnisch – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Ethnie – Zitate
  • Gabriele Rasuly-Paleczek: Ethnische Gruppe / Ethnizität. In: Einführung in die Formen der sozialen Organisation. Teil 5/5, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Universität Wien, 2011, S. 218–225, archiviert vom Original am 4. Oktober 2013, abgerufen am 29. September 2014 (PDF; 227 kB, deutsch/englisch, 39 Seiten; Unterlagen zu ihrer Vorlesung im Sommersemester 2011).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Charlotte Seymour-Smith: Dictionary of Anthropology. Hall, Boston 1986, ISBN 0-8161-8817-3, S. 95–96: „Ethnic group: any group of people who set themselves apart and are set apart from other groups with whom they interact or coexist in terms of distinctive criterion or criteria which may be linguistic, racial or cultural. […] ethnicity may be objective or subjective, implicit or explicit, manifest or latent, acceptable or unacceptable to a given grouping or category of people. Paradox and ambiguity often characterize ethnic designations, tying such designations to ideas about culture, society, class, race, or nation.“
  2. Georg Elwert: Ethnie. In: Christian F. Feest, Hans Fischer, Thomas Schweizer (Hrsg.): Lexikon der Völkerkunde. Reimer, Stuttgart 1999, S. 99–100.
  3. Der Ethnographic Atlas by George P. Murdock enthält mittlerweile Datensätze zu genau 1300 Ethnien (Stand Dezember 2012 im InterSciWiki), von denen oft nur Stichproben ausgewertet wurden, beispielsweise im internationalen HRAF-Projekt.
  4. Rogers Brubaker: Ethnicity without Groups. Harvard University Press, Cambridge 2004.
  5. Fredrik Barth (Hrsg.): Ethnic Groups and Boundaries. The Social Organization of Culture Difference. Neuausgabe. Waveland Press, Long Grove 1998, ISBN 0-881-33979-2 (englisch).
  6. John L. Comaroff, Jean Comaroff: Ethnicity, Inc. In: Chicago Studies in Practices of Meaning. University of Chicago Press, Chicago 2009.
  7. Arbeitsgericht Stuttgart: Entschädigungsklage im sog. „Ossi-Fall“ abgewiesen. Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg, 15. April 2010, archiviert vom Original am 20. Juli 2013, abgerufen am 10. Mai 2014.