Eule der Minerva

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Athenisches Vierdrachmenstück mit dem behelmten Kopf der Pallas Athene auf der einen und der Eule auf der anderen Seite

Die Eule der Minerva ist ein Symbol von Klugheit und Weisheit.

Herkunft[Bearbeiten]

Die Eule – genau genommen, der Steinkauz (Athene noctua) – war der griechischen Göttin Athene, der Göttin der Weisheit und der Stadtgöttin Athens, heilig. Dort war dieser Greifvogel an den Hängen der Akropolis nicht selten, vor allem auf Gemmen und athenischen Münzen waren Abbildungen der Eule der Athene weit verbreitet.[1] Der Komödiendichter Aristophanes prägte um 400 v. Chr. die Redensart Eulen nach Athen tragen für eine überflüssige, sinnlose Handlung.[2]

In der römischen Mythologie wurde Minerva mit Athene gleichgesetzt. Auch sie wurde mit der Eule assoziiert. In der Antike war der Symbolgehalt der Eule vielfältig: Als Tier der Minerva/Athene, einer Kopfgeburt im wörtlichen Sinne, stand sie für Weisheit und Klugheit, gleichzeitig war sie aber auch als Unglücks- und Todesvogel gefürchtet.[3]

Verwendung in der Neuzeit[Bearbeiten]

Symbol der Illuminaten: Die Eule der Minerva. Druckgraphik aus dem Jahr 1776

In der Neuzeit überwiegt die Assoziation der Eule mit Intellektualität und Rationalität. Der Illuminatenorden, eine radikalaufklärerische Geheimgesellschaft, die von 1776 bis 1785 existierte, verwendete die Eule, die zusätzlich noch auf einem aufgeschlagenen Buch saß, als Symbol der Weisheit.[4]

Der deutsche Philosoph Georg Friedrich Hegel verglich 1820 in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts die Philosophie mit der dämmerungsaktiven Eule der Minerva:

„Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“[5]

Wie Eulen, die erst in der Abenddämmerung umherzufliegen beginnen, sei die Philosophie, die erst Erklärungen liefern könne, wenn die zu erklärenden Phänomene bereits Geschichte seien. Philosophen könnten immer nur Vergangenes deuten. Die Philosophie setze mithin Wirklichkeitserfahrung voraus und könne nicht aus sich selbst heraus utopische Phantasien entwickeln; es gehe ihr immer um die Erkenntnis dessen, was ist.[6]

Dies wurde einer der meistzitierten Aussprüche Hegels, nach Ansicht Ernst Blochs ist es eines der ganz großen Gleichnisse der Weltliteratur, „eines, das Shakespeares würdig wäre“.[7] Karl Ludwig Michelet ergänzte 1827 im Gespräch mit Hegel, die Philosophie sei nicht nur Eulenflug, sondern „auch Hahnenschlag eines neu anbrechenden Morgens […], der eine verjüngte Gestalt der Welt ankündigt“.[8] Herbert Marcuse kritisiert anhand Hegels Eulenmetapher den resignativen Zug von dessen Philosophie, die sich nicht mehr getraue, die Welt zu verändern.[9] Louis Althusser versteht den Ausspruch als Metapher für die scheinbare Ewigkeit des Bestehenden: Hegels Philosophie sei nur Selbstreflexion seiner Gegenwart, die er gedanklich nie habe transzendieren können.[10]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christian Hünemörder: Eulen. In: Der Neue Pauly. Metzler, Stuttgart und Weimar 1998, Sp. 247.
  2. Georg Büchmann: Geflügelte Worte. Der klassische Zitatenschatz. 39. Auflage, bearbeitet von Winfried Hofmann. Ullstein, Berlin 1993, S. 304
  3. Will Richter: Eulen: In: Der Kleine Pauly. dtv, München 1979, Bd. 4, Sp. 421 f.
  4. Manfred Agethen: Geheimbund und Utopie. Illuminaten, Freimaurer und deutsche Spätaufklärung. Oldenbourg, München 1987, S. 150; Joachim Körber: Die Wissenschaft bei Dan Brown. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2009, S. 197.
  5. Georg Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972, S. 14.
  6. Gabriel Amengual: Die Ungleichzeitigkeit der Philosophie. Die Philosophiegeschichte in ihrem gesamthistorischen Kontext. In: Henning Ottmann (Hrsg.): Hegeljahrbuch 1997: Hegel und die Geschichte der Philosophie. Bd 1, Akademie-Verlag, Berlin 1998, S. 107
  7. Ernst Bloch: Subjekt – Objekt. Erläuterungen zu Hegel. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971, S. 231
  8. Gabriel Amengual: Die Ungleichzeitigkeit der Philosophie. Die Philosophiegeschichte in ihrem gesamthistorischen Kontext. In: Henning Ottmann (Hrsg.): Hegeljahrbuch 1997: Hegel und die Geschichte der Philosophie. Bd 1, Akademie-Verlag, Berlin 1998, S. 107
  9. Wolfgang Fritz Haug: Eule der Minerva. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 3 (online (PDF; 107 kB), Zugriff am 28. Mai 2012).
  10. Louis Althusser et al.: Lire le Capital, Bd. 1, Paris 1968, S. 124 f.

Weblinks[Bearbeiten]