Eurasismus

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Eurasismus (russ. Евразийство) heißt eine in den 1920er Jahren von russischen Exilanten formulierte Ideologie. Im Mittelpunkt dieser Weltanschauung steht die geopolitische Vorstellung, dass Russland als kontinentale Macht in einem Fundamentalgegensatz zur angelsächsisch geprägten atlantischen Welt stehe. Es stellt damit einen Versuch dar, durch Abgrenzung vom Anderen und Konstruktion des Eigenen zu einer ganzheitlichen Identität zu gelangen.

Entwicklung des Eurasismus[Bearbeiten]

Die Idee der Verwandtschaft Russlands mit Asien geht auf den Philosophen und Linguisten Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy und den Geographen, Ökonomen und Philosophen Pjotr Sawizki zurück. Die Weltsicht der damaligen Eurasier fußte als Ausgangspunkt für die weitere Überlegung auf der Behauptung, dass es einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen der eurasischen Kultur des russischen Reiches einerseits und der romanischen Zivilisation Westeuropas andererseits gab.[1] Das Herzstück der Theorie stellt der „Raum“ dar. Hier lautet die weitergehende Annahme, das sich die Eigenart jeder Kultur auf ihre jeweilige Spezifik des Territoriums bemesse. Auf Russland angewandt bedeutet dies, das Russland eine eurasische Kultur sei, die im Gegensatz zur europäischen Küstenkultur stehe und von der Beeinflussung durch die asiatische Seite Lebe.

In der Sowjetunion entwickelte der Geograph und Turkologe Lew Gumiljow ab den 1960er-Jahren das eurasistische Gedankengut weiter. Entgegen der eurozentristischen Lehrmeinung vom tatarisch-mongolischen Joch während der Mongolenherrschaft von 1240-1480 vertrat Gumiljow ebenso die Sicht einer kulturell fruchtbaren Symbiose der mongolischen Nomaden mit den ostslawischen Waldbewohnern. Durch die Aufnahme biologistischer Elemente entfernte sich Gumiljow aber von den klassischen Eurasiern. Seine Idee von einer Wiederherstellung eines Bündnisses zwischen Slawen und Steppenvölkern fand erst mit dem Ende der Alleinherrschaft der KPdSU Verbreitung.

Neo-Eurasismus[Bearbeiten]

Der gegenwärtig wichtigste Vertreter des Neo-Eurasismus ist Alexander Dugin, zunächst Gründer der Nationalbolschewistischen Partei Russlands, dann der Eurasischen Partei (2002). Er beruft sich neben russischen Eurasisten auf Carl Schmitt und die Traditionalisten René Guénon und Julius Evola.[2] sowie auf den Religionsphilosophen Konstantin Nikolajewitsch Leontjew.

Rezeption außerhalb Russlands[Bearbeiten]

In der Türkei rezipieren seit den 1990er Jahren linksnationalistische Kreise, etwa Doğu Perinçeks Arbeiterpartei, eurasistisches Gedankengut. Sie unterhalten auch Kontakte zu Dugin.[3][4] Hintergrund ist die Furcht, dass die Einbindung der Türkei in die EU und die NATO die Souveränität der Nation gefährdet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Lew Nikolajewitsch Gumiljow: Этногенез и биосфера Земли (Ethnogenese und die Biosphäre der Erde), 1979
  • Lew Nikolajewitsch Gumiljow: Поиски вымышленного царства (Auf der Suche nach einem erdachten Reich), 1970 [Neuauflage 1992]
  • Lew Nikolajewitsch Gumiljow: Древняя Русь и Великая степь (Die alte Rus und die große Steppe), 1989 [Neuauflage 1992]
  • Doğu Perinçek: Avrasya Seçeneği. Türkiye için bağımsız dış politika (Die Alternative Eurasien: eine unabhängige Außenpolitik für die Türkei), İstanbul 1996
  • Alexander Höllwerth: Das sakrale eurasische Imperium des Alexander Dugin. Eine Diskursanalyse zum postsowjetischen russischen Rechtsextremismus, Stuttgart 2007 (Soviet and post-Soviet Politics and Society; 59), ISBN 3-89821-813-9
  • Assen Ignatow: Der „Eurasismus“ und die Suche nach einer neuen russischen Kulturidentität: Die Neubelebung des „Evrazijstvo“-Mythos, Köln 1992 (Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche Studien; 15)
  • Marlène Laruelle: « Lev Nikolaevic Gumilev (1912-1992): biologisme et eurasisme dans la pensée russe » Études slaves 72 (2000), S. 163-189.
  • Bruno Naarden: "‘I am a Genius but not more than that.’ Lev Gumilëv (1912-1992), ethnogenesis, the Russian past and World History" Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas N.F. 44 (1996), S. 54-82.
  • Sergei Panarin & Viktor Shnirelman: "Lev Gumilev: his pretensions as a founder of ethnology and his Eurasian theories" Inner Asia 3 (2001), S. 1-18.
  • Mark J. Sedgwick: "Neo-Eurasianism in Russia". Kapitel in: Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century, Oxford University Press 2004, ISBN 0-19-515297-2, S. 221-240

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.e-politik.de/lesen/artikel/2009/der-%E2%80%9Eneoeurasismus%E2%80%9C-im-ausenpolitischen-denken-russlands/ e-politik.de, Der „Neoeurasismus“ im außenpolitischen Denken Russlands, abgerufen am 30. Juni 2012
  2. Mark J. Sedgwick: Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century, Oxford University Press 2004, S. 221-240
  3. Mehmet Ulusoy: “Rusya, Dugin ve‚ Türkiye’nin Avrasyacılık stratejisi” Aydınlık 5. Dezember 2004, S. 10-16
  4. Şener Üşümezsoy: "Türk Süperetnosu ekümeni ve dünya sistemi" Türk Solu Nr. 127 19. Februar 2007