Europäische Route der Backsteingotik

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Zentrum für Kultur- und Tourismusinformation, Schloss der Pommerschen Herzöge in Stettin

Die Europäische Route der Backsteingotik („EuRoB“) ist ein auf das gemeinsame architektonische Erbe der Backsteingotik bezogener Verein mit Mitgliedern (Städte und Regionen) entlang der Ostseeküsten und im Binnenland.

Hervorgegangen aus Initiativen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, aus zwei europäischen Projekten und einer Vielzahl von Einzelaktivitäten beteiligter Mitglieder umfasst die Europäische Route der Backsteingotik heute Städte, Regionen und Bauten vor allem aus dem südlichen Ostseeraum. Im erweiterten Europa spielen nach vielen Jahrhunderten nationale Grenzen erstmals keine Rolle mehr für den kulturell interessierten Reisenden. Somit stehen dem Entdecker Ziele diesseits und jenseits der deutschen Grenzen offen. In dem Verein haben sich Mitglieder zusammengefunden, die sich des Wertes, der Bedeutung und auch des kulturtouristischen Potenzials ihrer backsteingotischen Bauten bewusst sind, die ihre Ressourcen bündeln und das Bewusstsein für ihr Kulturerbe in der europäischen Öffentlichkeit schärfen wollen.

Das Vereinsnetzwerk umfasst eine Vielzahl mittelalterlicher Backstein-Bauten, insbesondere Klöster, Rathäuser, Stadttore, Wallanlagen, Kirchen, Kathedralen und andere Bauwerke des Mittelalters in den heutigen Ländern Dänemark, Deutschland und Polen.

Der Zweck des Vereins „Europäische Route der Backsteingotik e.V.“ ist die Förderung von Kunst und Kultur, von Wissenschaft, Bildung und Völkerverständigung. Die Entwicklung eines verträglichen Kulturtourismus auf der Route entspricht diesem Anspruch. Ziele des Vereins sind:

  • die Unterhaltung und Weiterentwicklung der kulturhistorisch begründeten Europäischen Route der Backsteingotik,
  • die Erfassung und Dokumentation von Baudenkmälern der Backsteingotik entlang der Route,
  • die Darstellung der Geschichte und Entwicklung europäischer Backsteingotik und ihres bau-, kunst- und kulturhistorischen Kontexts,
  • die Präsentation der Europäischen Route der Backsteingotik und ihrer Bauten in der europäischen Öffentlichkeit,
  • die Realisierung von Informationsveranstaltungen und kulturhistorisch verknüpften Maßnahmen und Projekten zur europäischen Backsteingotik,
  • die Konzipierung und Realisierung von Weiterbildungsmaßnahmenfür die Mitglieder und Interessenten europäischer Backsteingotik,
  • die Umsetzung lokaler, regionaler und internationaler Publikationen, Präsentationen und Veranstaltungen zur Information über die »Europäische Route der Backsteingotik« und Einbindung von Bürgern und Akteuren vor Ort und
  • die Erarbeitung und Verbreitung von Informationsmaterial sowie Qualifizierung elektronischer Medien zur europäischen Backsteingotik.

Der Verein wurde in seiner Entstehung unterstützt durch

Innerhalb der Staaten des Ostseeraumes nehmen teil:

Innerhalb der europäischen Architektur kommt der Backsteingotik eine Sonderstellung zu. Ihre Entwicklung ist eng an die Geschichte der nordwest- und nordosteuropäischen Staaten zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert und der Entwicklung der Hanse geknüpft. Im 13. Jahrhundert führten die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Ländern der Ostsee und den westlichen Ländern der heutigen Niederlande, Belgiens und Frankreichs zu einem Austausch der kulturellen Entwicklungen bis weit in das Baltikum.

In der Mitte des 13. Jahrhunderts griffen Klerus und Baumeister für den Kirchenbau das französisch-flandrische Bauschema der repräsentativen Kathedralbasilika auf. Von Lübeck gingen mit dem Bau von St. Marien die stärksten Impulse für diesen Typus aus. Nach ihrem Vorbild entstanden große Basiliken in Wismar, Stralsund, Riga, Malmö oder Gnesen. Viele Hansestädte wählten für ihre Hauptkirchen den aufwendigsten, „vornehmsten“ Typus aller gotischen Sakralbauten, die dreischiffige Querhausbasilika mit Umgangschor und Kapellen, äußeren Strebepfeilern und Querschiff.

Parallel entwickelte sich bei Land- und Stadtpfarrkirchen eine Vorliebe für Hallenkirchen, die dem längsgerichteten, gestuften Raumschema der Basiliken einen breitgelagerten und gleichgerichteten Raum entgegenstellten. Die Konkurrenz der Raumformen „Halle“ und „Basilika“ entfaltete ein reiches Spektrum an Variationen. Auch die Hallenkirchen entwickeln ähnlich differenzierte Grundrisse, ebenfalls mit Umgangschor und Kapellenkranz, wie die Marienkirchen in Rostock und Gdansk. Im Binnenland und insgesamt seit dem 15. Jahrhundert wird die Halle zum beherrschenden Bautypus.

Die klösterliche Bautätigkeit, die sich je nach Ordenszielen entweder auf abgeschiedene Landstriche oder auf die geistliche Betreuung der wachsenden Städte richtete, hinterließ eine Vielzahl von bedeutenden Kirchen und Klosteranlagen. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts entfaltete sich ein reicher Schmuckstil, der vor allem die Giebelflächen belebte. Bedeutende Beispiele finden sich in Neubrandenburg, Greifswald, Torun und Malbork. Gedrehte Profile „das sogenannte Tau- oder Stabwerk“ setzen an Portalen, Fenstern und Vorlagen Akzente. In Schwarz, Braun oder Grün schillernde Glasuren beleben die Wandflächen, in kunstvollen Formen als mehrschichtiges Gitterwerk. Namentlich die Bauten des Baumeisters Hinrich Brunsberg zeichnen sich durch einen besonders reichen Zierstil aus. Zu den schönsten Motiven des Backsteinbaus gehören die Stern- und Schlinggewölbe, die seit Ende des 13. Jahrhunderts vor allem im ehemaligen preußischen Ordensland entstanden. In Litauen prägte sich ein spätgotischer Stil aus, der zu den expressivsten Variationen der Backsteingotik gehört. Das Meisterwerk dieser Epoche ist das Ensemble der St. Annen-Kirche und der St. Bernharduskirche in Vilnius, die enge Parallelen zur flämischen Backsteingotik aufweisen.

Wenngleich die Städte und Regionen politisch und wirtschaftlich konkurrierten, zeugt die gemeinsame Architektursprache von einem koordinierten kulturellen Verständnis. Noch heute erlebt der Besucher die Bauten als etwas Vertrautes und Neues zugleich. Die identitätsstiftende Funktion der Bauten über Grenzen hinweg, früher aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen motiviert, wirkt bis heute und ist ein zentraler Gedanke der Europäischen Route der Backsteingotik. Die gemeinsame Kultur ist bis heute am deutlichsten anhand der Architektur der Hansestädte ablesbar. Die großen Kathedral- und Stadtkirchen dominieren die Silhouetten. Repräsentative Rathäuser mit dekorativen Schaufassaden entstanden als Ausdruck des wirtschaftlichen Selbstbewusstseins. Wallanlagen und Stadttore sind vereinzelt als geschlossene Ensembles erhalten, überwiegend jedoch als einzelne Festungstürme oder Tore. Gotische Wohn- und Geschäftshäuser mit charakteristischen Treppengiebeln zeugen vom Anspruch und Selbstbewusstsein des Wirtschaftsbürgertums.

Die Europäische Route der Backsteingotik verbindet all das und eröffnet reizvolle Einblicke in ein Kulturerbe, das oftmals noch terra incognita ist und auf Entdecker wartet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gottfried Kiesow: Gebrannte Größe – Wege zur Backsteingotik, 5 Bände. monumente-Publikationen, Bonn 2002, ISSN 3-935208-12-X.
  • Gottfried Kiesow: Backsteingotik in Mecklenburg-Vorpommern. Hinstorff Verlag, mit Thomas Gruner, 2004, ISBN 3-356-01032-8.
  • Angela Pfotenhauer, Elmar Lixenfeld: Backsteingotik. Monumente-Edition. Monumente-Publikationen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2000. Überarb. Auflage 2005, ISBN 978-3-936942-10-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Europäische Route der Backsteingotik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien